Allmächtig – Tatort 890 / Crimetime 40

Titelfoto © Bayerischer Rundfunk, Frederic Batier

Der Satan, in etwa rückwärts gelesen und ausgetrieben

Die Handlung in einem Satz ohne Auflösung: Eine Finanzbeamtin, im Nebenberuf Messie, stirbt in ihrer vermüllten Wohnung und Batic und Leitmayr nehmen die Ermittlungen auf, wobei sie auf eine hybride Pflanze der neuen Medienlandschaft stoßen, die Internet-Videos dreht, in denen wehrlose Menschen von einem Herrn Anast durch den Kakao gezogen werden, welcher ebenfalls verschwunden ist, und da liegt es nahe, dass ein Zusammenhang besteht. 

„Auf was für Ideen Menschen kommen, die keinen Sex haben“, sagt einer der Kommissare zum anderen, während sie in den Sonnenuntergang fahren – noch nicht nach getaner Arbeit, nach dem Aufdecken von Exorzismus in einer kleinen Pfarrkirche weit draußen. Es juckt uns und dann geht der Anast mit uns durch – möglich, dass der Drehbuchautor zu wenig Sex hatte, in der Phase, in welcher das Skript für den 66. Münchener Tatort mit dem Batic Ivo und dem Leitmayr Franz verfasste. Eine Klausur hat kann zu wilden Fantasien führen, anstatt zur Reinigung der Seele durch innere Einkehr.

Die Bilder sind wieder einmal berückend, wenn auch nicht in der extravaganten Manier, in der Dominik Graf den Vorgänger „Aus der Tiefe der Zeit“ inszeniert hat und damit ein hohes künstlerisches Risiko einging.

In der Vorschau schrieben wir: “ Tatorte, die in der Medienlandschaft spielen, gab es schon einige, aber unseres Wissens noch keinen, der sich das besonders stark an niedere Instinkte appellierende Format der Reality-Shows zur Brust nimmt. Dabei ist’s doch für einen solchen Film höchste Zeit, denn schon seit Jahren ist diese Form der rudimentären Unterhaltung so erfolgreich, dass wir wieder einmal an den schlechten Zustand unserer Zivilisation erinnert werden.“

Das können wir ungekürzt in die Rezension übernehmen, denn was wir hier sehen, ist niederste Form von Journalismus, falls man den Namen überhaupt verwenden kann und es liegt nah, dass jemand, der nicht nur ausgestiegene Neonazis, sondern auch Geistliche und Finanzbeamtinnen mit zerrissener Persönlichkeit brutal internet-öffentlich in den Dreck zieht, irgendwann von der Schlange gebissen wird – oder sie zumindest mit seinem roten Mustang nicht plattfährt.

Inhalt

Albert A. Anast ist das Gesicht einer neuen umstrittenen Reality-Sendung. Zu seiner eigenen Party ist er nicht erschienen. Der „Star“ ist seit drei Tagen auf mysteriöse Art verschwunden. Sollte einer der anonym gebliebenen Zuschauer seine Morddrohung gegen den Entertainer wahrgemacht haben?

Die Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr begeben sich in die zynische Welt eines Internet-Senders, dessen Erfolg darin besteht, Menschen rücksichtslos und auf niederträchtigste Weise bloßzustellen. Selbst vor Fälschungen ihrer Beiträge schrecken die Macher dabei nicht zurück. Es gibt kaum jemanden, der keinen Grund hätte, Albert A. Anast nach dem Leben zu trachten.

Rezension

Es gibt so schöne Zahlen. Der 66. Tatort für Ivo und Franz ist zugleich die 266. Tatort-Rezension, die wir für den Wahlberliner schreiben. Das klingt so rund, so vertraut und harmonisch, als seien wir vom selben Stern und Mitglieder einer großen Gemeinschaft von Krimiliebhabern in unterschiedlichen Funktionen.

Allmächtiger, leider hat der heutige Tatort gezeigt, so ist es leider nicht. Wir sind immer noch Außenstehende, und das ist gut so. So sehr wir die Münchener Ermittler schätzen, und all das, was der Bayerische Rundfunk unter der Leitung der leider verstorbenen Silvia Koller schon Großes mit ihnen veranstaltet hat, so sehr hatten wir an diesem vorweihnachtlichen Abend Probleme, einen Zugang zu finden.

Ja, das Internet und die Reality-Shows sind fies und wenn man keinen Sex hat, hält man sie möglicherweise für Teufelswerk. Ja, Messie sein ist schlimm und der Trick, sozial abwärts zu filmen, damit Durchschnittsspießer sich vor dem Fernseher besser fühlen, wirkt heute mehr, als wie einst die Kriminaler à la „Der Kommissar“ oder „Derrick“ den  Zerfall der oberen Schichten anhand von Gewaltverbrechen zu zeigen, wobei die Dekors meist erlesen waren. Heute muss es der ganze Unrat sein, und auch das ist okay. Wir leben in einer plakativen Zeit voller Typen, die tatsächlich wie Stereotypen wirken und nicht wie ausgeformte Persönlichkeiten, die man differenziert darstellen könnte.

Die Manipulationen und Erniedrigungen an einfachen Menschen, die Erzeugung von Angst und Bedrängnis durch mediale Gewalt sind nicht erstmalig Thema in Film und Fernsehen, „Das Millionenspiel“ oder „Quiz Show“ sind Legenden des Filmens übers Fernsehen. Und da gibt es noch die vielen Filme, die über die Macht der klassischen Printmedien gemacht wurden, darunter erstklassiges Kino.

Für „Allmächtig“ haben immerhin drei Personen zusammen ein Drehbuch geschrieben. Immer bisher, wenn dies der Fall war, konnte uns das Ergebnis nicht überzeugen, so ist es leider auch hier. Offenbar durfte jeder etwas einbringen bzw. einen inhaltlichen Komplex bearbeiten, anstatt dass man zu dritt an der Perfektion der Dialoge und damit an einer Steilvorlage für die Regie gearbeitet hätte.

Dadurch, dass die heutigen Tatorte visuell durchweg gut bis hervorragend sind, wird zuweilen kaschiert, wie hölzern die Filme sprachlich und wie das Timing mäßig und die Schauspielleistungen eher statisch sind. Leider war es aber in „Allmächtig“ dennoch deutlich. Erschwerend kommt hinzu, dass der Film eine äußerst flache Spannungskurve hat – die Handlungselemente werden vergleichsweise uninspiriert hintereinander weg gefilmt, da wirken auch der Ivo und der Franz stellenweise nicht wie Cop-Legenden, die seit über 20 Jahren zusammenarbeiten und sich blind verstehen sollten, sondern wie Leute, die sich auch Dinge sagen, die man hätte rauslassen können, weil sie selbstverständlich sind.

Positiv formuliert könnte man sagen, der Film wirkt kantig. Man kann aber auch von einem Mangel an Inspiration sprechen, trotz der interessanten Themenverknüpfung. So wirkt das Ganze konstruiert und grob geschnitten gleichermaßen. Es gibt allerdings auch keine gravierenden Logiklöcher, das wollen wir nicht unerwähnt lassen. Einige Stellen sind unsauber gefilmt, wie etwa die Art, wie die Messie-Finanzbeamtin ins Messer fällt, oder schon zu Beginn dieser Unfall von Anast, bei dem ein Auto mit Hinterradantrieb nach einem leichten Abdriften ins Gras am Straßenrand steckenbleibt, obwohl mindestens eines der Hinterräder Grip auf der Straße haben müsste, auch die anschließende Erschlagung des Anast ist vorsichtshalber sehr schemenhaft dargestellt.

Mehr ist es die Gesamtanlage, die Charaktere, die Verknüpfung der Szenen miteinander, der Transport der Botschaft, die roh und stellenweise inkonsequent wirken. Nach unserer Ansicht war es eben keine gute Idee, Medienwahn und spirituell begründete Wahnvorstellungen in einem einzigen Film zu koppeln, man kann auch von Verwurstung sprechen, denn gerade solche Themen rufen danach, einzeln herausgearbeitet und mit einer gewissen Tiefe ausgelotet zu werden – auch und gerade in einem Krimi, wenn er dramatisch und mit guten Figuren ausgestattet sein soll. Schon klar, dass es bereits Filme und auch Tatorte mit Serientätern gab, die mit Erlösungsvorstellungen unterwegs waren und man etwas Neues machen wollte, doch vor allem die religiöse Thematik geht unter und die Figur des Pfarrers Fruhmann ist ziemlich verschenkt und seine Exorzismus-Ausführungen kommen sehr wie unbeseeltes Info-Dropping rüber und das ist besonders dann etwas dürftig, wenn es ums Ganze geht, nämlich den Kampf um die unsterbliche Seele.

Fazit

Der Teufel ist eine Erfindung der römisch-katholischen Kirche und daher treibt er in Bayern sehr sein Unwesen, weniger hingegen im protestantischen oder kirchenfernen Norden bzw. Nordosten der Republik, in dem wir wohnen. Die Trash-Medien des Internetzeitalters aber sind überall zugange und deswegen und weil der Teufel eben eine Erfindung ist, können sie nicht Teufelswerk sein. In gewisser Weise ist das beruhigend, denn so wissen wir, dass der Batic Ivo, der sich in einem doch ziemlich heißen Finale ins quasi Höllenfeuer begibt, wieder heil rauskommen wird – allerdings würde er das auch nach katholischer Lesart, dann wäre es allenfalls ein Fegefeuer gewesen, denn auch der Ivo hat sicher mal irgendwann eine Sünde begangen – zum Beispiel zum Franz gesagt, dass Leute, die keinen Sex haben, auf komische Gedanken kommen, und die Priester der RKK dürfen das nun einmal nicht.

Diese überschießende Symbolik am Ende, als die Videos der brutalen Medienfirma im Feuer aufgehen und der Mann der Kirche, der Exorzist, darin kniet und verbrennen will, aber natürlich rausgeholt wird, damit seine Seele nicht vorzeitig verschmort, sondern in einem intakten Körper wohnend der Justiz übergeben werden kann, die dann über die Beweggründe für den Mord an Anast zu richten haben wird, die ist uns einen halben Sonderpunkt wert und daher kommt auch dieser Tatort, der offenbar von einem Herrgottsschnitzer-Lehrling gefertigt wurde, noch auf 6,5 von 10 möglichen Punkten. Das ist nicht höllisch schlecht oder so trashig wie die Produktionen der Firma „AAA“, aber für die Verhältnisse vom Batic Ivo und vom Leitmayr Franz alles andere als befriedigend.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommmissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Peter Kohlbeck – Gregor Weber
Maria Kohlbeck – Katja Brenner
Leo – Markus Eberl
Pfarrer Fruhmann – Ernst Stötzner
Albert A. Anast – Alexander Schubert
Pater Rufus – Albrecht Abraham Schuch
Ines Lohmiller – Claudia Hüschmann
Nik Erdmann – Dominic Boeer
Mika – Stefanie von Poser
Hannes Karlhuber – David Baalcke
Kameramann Fritz Kreininger – Matthias Lier
Dr. Nögel – Eli Wasserscheid
Mario Schröder – Michael Stange
Sarah Möltner – Theresa Underberg
u.a.

Stab
Drehbuch – Gerlinde Wolf, Harald Göckeritz u. Edward Berger
Regie – Jochen Alexander Freydank
Kamera – Peter Joachim Krause
Schnitt – Vera van Appeldorn
Musik – Sebastian Pille

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