Industrie 4.0 Was ist das Geheimnis des deutschen Mittelstandes? (Berliner Zeitung) / #Mittelstand @BerlinerZeitung #Berlin #Fail #Bosch #Schwarzwald #Utopien #Framo #IMSGear #Tritschler #Schwörer #Grieshaber #Weckermann #WinfriedKretschmann

Medienspiegel 46

Heute hat die Berliner Zeitung einen Artikel veröffentlicht, der ausgezeichnet zu unserer mehrteiligen Analyse zur Besonderheit des deutschen Wirtschaftsmodells passt, die wir ein wenig provozierend mit „Schäuble, der Marxist“ überschrieben haben (hier zu Teil 1 und von dort weiter) – und das nicht nur, weil Schäuble aus dem Bundesland stammt, von dem hier die Rede ist.

Im Wesentlichen geht es aber in dieser Analyse um deutsche Wirtschaftsgeschichte und warum eben in der Welt nicht alles gleich ist, nur, weil man die Rahmenbedingungen vielleicht angeleichen kann. Eine Mentalität ist immer speziell und jede Mentalität hat Vor- und Nachteile. Weite Teile der linken Szene verfolgen aber wirtschaftliche Ansätze, die Unterschiede dieser Art komplett negieren und die Sorge, dass eine dogmatisch orientierte linke Regierung auch in Deutschland das Ende des noch immer beachtlichen Wohlstandes bedeuten könnte, ist weit verbreitet – und sie ist hoch berechtigt. Den Verdacht hatte ich immer, aber seit ich in einer linken Partei bin, ist aus diesem Verdacht Gewissheit geworden.

Ich werde die Dogmatiker nicht ändern können, schon gar nicht mit dem Schreiben von Artikeln für ein kleines Blog, aber ich gebe offen zu, dass ich mir wünsche, dass es beim derzeitigen Zustand der linken Szene in Deutschland und den gravierenden Fehlnarrativen im wirtschaftlichen Bereich, die dort State of the Art sind, vorerst keine linke Regierung gibt. Wir sind ja auch weit davon weg, weil ich nicht der einzige bin, der genau diesen Verdacht in sich trägt, sondern weil es vielen Wahlberechtigten so geht: Sie sorgen sich darum, dass ein pragmatischer und sozial abgesicherter Wirtschaftswandel mit diesen Ideologen nicht zu machen ist. Wer Menschen, die beispielsweise in der exportierenden Industrie tätig sind und die nichts anderes im Kopf haben, als Kunden in in vielen Ländern mit hochspezialisierten, intelligenten Lösungen glücklich zu machen, als Schädlinge der Weltsolidarität darstellt, wird dort, wo tatsächlich noch die gute Arbeit verwirklicht ist, die wir immer fordern, keine Resonanz finden.

Kommen sie mal in Regierungsverantwortung, wie in einigen Bundesländern, sieht es dann anders aus, dann passen sie sich aber auch in Bereichen an den Mainstream an, in denen es gar nicht zwingend wäre, aus reinem Opportunismus. Aber eben aus diesem Grund, nicht, weil sie plötzlich verstehen, was an der deutschen Industriekultur, meinetwegen auch unter dem Label 4.0, so wertvoll und damit erhaltenswert ist.

Ich habe in dem gesamten Report der Berliner Zeitung nicht eine Zeile gefunden, die in mir den Reflex ausgelöst hätte, dass bei diesen Mittelständlern in Baden-Württemberg der Turbokapitalismus-Wirtschaftsimperialismus am Werk ist. Es fühlt sich alles richtig an, auch wenn die Darstellung natürlich eine Tendenz hat und man aus ihr nicht herauslesen kann, ob immer alles so reibungslos läuft, wie es klingt. Aber es klingt so, weil es um Hochpräzision geht und darum, geräuschlos und ohne blödsinnige Eitelkeiten miteinander zu kooperieren, das ist ein Teil der Mentalität, die solche Produkte erst ermöglicht.

Ich habe mal kurz gezuckt, als es um den abgeholzten Wald ging, aber wenn ich diesen Vorgang mit ökologischen Sünden vergleiche, die für eine lächerliche Niedrigqualitäts-Konsumwirtschaft weltweit begangen werden – Nebbich. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob das mit Bosch und den Dieselmotoren noch lange laufen wird und darüber, dass Bosch die weltweit führende Firma auf dem Gebiet der Dieseleinspritzsysteme ist – durch ein paar Batterien, die stattdessen bald in fast allen Autos werkeln sollen und die viele andere  Hersteller auch können, lassen sich die mit dieser Technik generierten Umsätze gewiss nicht substituieren. Die Alternative ist aber möglich und ich hoffe, Bosch forscht in diese Richtung der tatsächlich ökologisch neutralen Antriebsart – der Brennstoffzellentechnik.

An mehreren Stellen in diesem Report konnte ich genau das nachlesen, was ich in unserer Analyse zum Wirtschaftsstandort Deutschland ebenfalls formuliert habe: Gerade die Kleinstaaterei, die Unmöglichkeit, imperialistische Weltpolitik zu machen, hat erst das Bewusstsein fürs Große im Kleinen geschaffen, das den deutschen industriellen Mittelstand prägt, dessen größter Betrieb also Bosch ist – nicht nach jeder Definition von Mittelstand, aber nach der einen oder anderen.

Freilich ist man, wenn man in Berlin wohnt, nicht gerade im Auge des mittelständischen Denkens angesiedelt und die Mentalität in dieser großkotzigen Stadt mit ihren Utopisten, Ultra-Radikalen, Verplanten und Verpeilten und Vorgestrigen und was sonst noch an Freaks hier herumläuft, ist eine andere.

Deswegen gibt es auch keine eigenständige, von Großkonzernen unabhängige Industrielandschaft mehr, sondern nur das, was am Schluss für die Startup-Szene beschrieben wird: Die Abwesenheit von bedingungsloser Leidenschaft für das eigene Ding zugunsten einer Unkultur der Kurzfristigkeit und Kurzatmigkeit, die alle Bereiche des Lebens erfasst hat. Und mittendrin eine Politik, die eine unglaubliche Fehlleistung nach der anderen produziert. Ich frage mich, wie wohl in Regionen, in denen die Menschen noch über den Wert der hochgradig wertschöpfenden Arbeit wissen, wie dort über den Berliner Flughafen, dieses Abermilliarden-Grab gedacht wird. Dass hier von inkompetenten und korrupten Politikern in einem einzigen Bauprojekt mehr Geld versenkt wird, als eine gesamte gut funtionierende Region an Steuern erwirtschaften kann? Dass dafür alle braven Menschen, die bescheiden ihr Tagwerk verrichten, mithaften, das wird ihnen klar sein, denn Berlin kann sich ja nicht allein ernähren, es braucht dafür Zuweisungen aus dem Länderfinanzausgleich. Und wie geht es damit um?

Wir lesen in dem Beitrag der Berliner Zeitung auch von lebenslangem Lernen, von der Freude an Weiterbildung und ständiger Verbesserung. In der Katastrophenhauptstadt eines eigentlich doch lebens- und liebenswerten Landes hingegen zeichnet sich bereits der nächste Mega-Fail ab. Die Bildungspolitik ist hier schon lange ein besonderer Schwachpunkt, aber die Verbindung von ÖPP-Schulbauprojekt und der Einstellung von Massen Unqualifizierter als Lehrkräfte ausgerechnet in „Brennpunktschulen“, deren Existenz bereits darauf hinweist, dass hier etwas aus dem Ruder gelaufen ist, wird ganze Generationen an öffentlichen Schulen Unterrichteter unfähig machen, in hochwertige Arbeitsverhältnisse einzusteigen, in denen Konzentrationsfähigkeit, Lernstärke, positive Einstellung zur Arbeit unerlässlich sind.

Wir werden darüber schreiben. Wir müssen darüber schreiben. Es ist ja noch nicht alles verloren, immerhin hat eine Berliner Zeitung es geschafft, einen Report zu veröffentlichen, der mich wirklich berührt hat. Positiv, mitnehmend. Ich hätte gerade Lust, nochmal als Lehrling in so einer kleinen Fabrik im Schwarzwald anzufangen. Fachkräftemangel! Wer weiß, da geht vielleicht noch was. Aber ich habe auch das große Privileg, dieses mittelständisch-industrielle Setting zu kennen und das macht nun einmal einen erheblichen Unterschied. Ich kann mir genau vorstellen, wie es in den Werkhallen und Bürotrakten zugeht, in denen an der Perfektion in Veränderung gefeilt wird und man trotz aller Ungewissheiten, welche die Zukunft für jeden (außer er sitzt sich den Hintern in einem vom Staat bezahlten Sessel platt) mit sich bringt, geht man dies beherzt an, ist optimistisch, macht Change Management, ohne das in den kleineren Firmen vielleicht so zu nennen.

Es ist wohl ein Vorteil, dass in jenen Lebenswelten, die hier von der Berliner Zeitung beschrieben werden, die Menschen weit weg sind von der sinnlosen Zerstörungswut, die in Berlin viele offenbar umtreibt, die sich als politisch tätig betrachten. Es ist vielleicht gut, dass diese Menschen in der Tradition der Kleinstaaterei, die ihre Anfänge begleitet hat, nicht so genau mitbekommen,  was in der Hauptstadt so alles gedacht und gemacht und vermurkst wird. Ein paar Kilometer weg von der im Beitrag beschriebenen Region, in Bayern,  hat man bekanntlich eine andere Einstellung: Da wird durchaus hörbar darüber reflektiert, warum man froh ist, zu sein wie man ist und nicht so wie Berlin.

Ich bin kein Utopist, sage ich immer, ich erwarte nicht, dass die versnobte Berliner Polit-Blase sich mal ernsthaft anschaut, warum es woanders so viel besser läuft als hier und dann sogar Konsequenzen zieht. Aber eine Bitte muss ich einfach äußern: Lasst die Leute da draußen einfach machen und zerstört nicht den Rest von Exzellenz und echtem Unternehmertum, den es in diesem Land noch gibt, in dem ihr euch politisch überall in ebenjenem Land ausbreitet und fragwürdige gestrige und neue Dogmen an lebenden Menschen und Unternehmen ausprobieren wollt. Interessanterweise ist es ja dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg gelungen, den Status des Bundeslandes als Nr. 2 hinter Bayern immerhin zu erhalten. Doch das ist eben die Landesebene. Das ist nicht im Bund. Wer im Bund regiert, kann viel mehr kaputt machen. Es lebe die mentale Einheit von hervorragender Arbeit und verantwortungsbewusstem Kapital – und die immer weitere Spaltung der Sektierer, die sich fälschlicherweise als links bezeichnen.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

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