Hinter dem Spiegel – Tatort 955 / Crimetime 41 // #Tatort #HinterdemSpiegel #Frankfurt #Brix #Janneke #Tatort955

Crimetime 41 / Titelfoto © HR, Bettina Müller

Einblick ist wichtiger als Durchblick – und die Russen!

Der zweite Tatort des neuen Frankfurter Teams Brix / Janneke befasst sich mit der Organisierten Kriminalität, die sich nicht nur in den Tatorten immer mehr ausbreitet. Vor allem zu den Russen war noch etwas zu sagen, nachdem einige andere Ethnien bereits abgearbeitet sind.

Frankfurt ist als internationales Drehkreuz für alles Mögliche glaubwürdig, wenn sich hier die Mafia ansiedelt und um Geld ging es in Frankfurter Tatorten schon ganz, ganz früh und allermeistens – von den Epochen Dellwo / Sänger und Steier abgesehen, die andere Akzente setzten. Doch wie anders ist der Kampf ums Geld geworden, wenn man ihn mit den frühen Jahren vergleicht. Nie hätte man damals gezeigt, dass der Staat direkt angegriffen wird, indem man ihn korrupt macht und die Macht der Unterweltkartelle hat eine andere Dimension als das, was die Räuberbanden früher ausbaldowerten und was man in zuweilen witzigen Heist-Movies zum selbstverständlichen Scheitern verdichten konnte. Und hinter dem Spiegel so? Das lesen Sie bitte in der ->Rezension.

Handlung

Im Polizeipräsidium erhält Hauptkommissar Paul Brix Besuch von seinem ehemaligen Partner bei der Sitte, Simon Finger. Dieser ist auf der Flucht vor der Russen-Mafia, Brix soll ihm helfen. Obwohl er tief in Fingers Schuld steht, weigert er sich. Hauptkommissarin Anna Janneke wird Zeugin des Gesprächs und beginnt sich zu fragen, wer Brix wirklich ist.

Ein neuer Fall nimmt beide jedoch in Beschlag: In seiner Wohnung wird ein Politiker erhängt aufgefunden. Alles deutet auf Selbstmord hin, doch Janneke bezweifelt dies. Plötzlich ist Simon Finger spurlos verschwunden. Brix startet die Suche nach seinem Kumpel. Und Janneke forscht in Brix‘ Vergangenheit im Bahnhofsmilieu. Hier trifft sie auf den smarten Wolfgang Preiss, Brix‘ früheren Revierchef.

Für Janneke und Brix beginnt ein tödliches Spiel um Loyalität und Vertrauen. Am Ende lernt sie ihn und auch sich neu kennen. 

Rezension (mit Angaben zur Auflösung)

Das neue Frankfurt-Duo hat es nicht leicht, sich nach den beiden sehr profilierten Ermittlerpaaren Sänger / Dellwo und Steier / Mey gut zu verkaufen, aber besonders Margarita Broich als Kommissarin Anna Janeke bringt erneut eine eigene Note mit und bereichert die nunmehr beeindruckende Riege weiblicher Ermittler um eine befreiend wirkende Natürlichkeit, die ihren sicheren Instinkt in Lagen, in denen sie auf sich allein gestellt und zwischen allen Stühlen operiert, beinahe selbstverständlich wirken lässt.

Am Ende hat die Mafia eine Niederlage erlitten. Aber sie hat nicht den Krieg verloren. Nicht einmal eine größere Schlacht. Und wie ist die Mehrzahl von Mercedes? Wie ist die Mehrzahl von „Bus?“. Genau. So geht der Plural auch bei den Fahrzeugen der Marke mit dem Stern. Was wären die deutschen Luxushersteller in Deutschland ohne Menschen wie den invaliden Clanchef mit dem für einen Russen etwas seltsamen Nachnamen Yussuf (nach Gehör geschrieben)? Die Luxusklasse hat gerade bei den Dienstwagen einen Schlag versetzt bekommen, die Privatiers fahren ihre Autos viel länger als früher, also bleibt die Unterwelt. Wer wollte das Plus für die deutsche Wirtschaft bestreiten, das die Unterwelt liefert, der täglich in Berlin unterwegs ist? Je fetter die Schlappen der Autos und die Stärke der Motoren, desto häufiger sitzt jemand aus den Schichten am Steuer, die man gemeinhin als bildungsfern bezeichnet. Rabiate Fahrweise inbegriffen.

Weshalb also sich den Stress machen, die vielen Mafia-Clans, die mittlerweile in Deutschland operieren (gegenwärtig wird alles Erdenkliche getan, damit weitere hinzukommen) noch ernsthaft anzugehen und auch nur die Suggestion einer Ordnung zu schaffen, die längst nur noch für diejenigen ist, die ohnehin nicht genug kriminelle Energie, nicht genug Chuzpe und nicht genug Beziehungen haben, um nicht schwarzes Geld zu machen, das in allen möglichen Projekten gründlich gewaschen und mit hoher Drehzahl in die Legalität geschleudert wird? Warum das Leben von Polizisten, Steuerfahndern und anderen wichtigen Staatsdienern riskieren, wenn der Staat nach der Wäsche ja doch ein gewisses Maß an Steuern einnimmt? Und solange die Mafia-Bandenmitglieder sich nur untereinander abmurksen, who cares? Wo wo sie doch einen Markt bedienen, der eh da ist, und der bedient werden muss, dieser Menschen- und Drogenhandel? Warum Unruhe ins System bringen?

Ob das offizielle System in der Exekutive und an der Basis wirklich so stark infiltriert ist,wie es „Hinter dem Spiegel“ suggeriert, wagen wir zu bezweifeln. Dass der Staat in manchen Bereichen und Gegenden vor dem Großverbrechen kapituliert hat, wissen wir. Wir leben schließlich in einer Stadt mit beinahe ebenso hoher Kriminalitätsrate, wie sie der immer noch Spitzenreiter Frankfurt aufweist. Es gibt auch keine Politik wie die Aufhebung der Prohibition in den USA der 1930er unter gleichzeitig massiv verschärfter Verfolgung der Mafiabosse oder der Zero Tolerance gegenüber der OK, die das Rad noch einmal zurückdrehen könnte. Und am Beispiel der USA sieht man auch, sie sind nie verschwunden, die Mob-Bosse, sie haben nur den einen oder anderen Geschäftsfeldwechsel vorgenommen, und es gibt Zeiten, in denen ihr Einfluss nicht ganz so groß ist wie in anderen Zeiten. Hier, in der Berlin oder in Frankfurt leben sie unter uns, mit uns, gehen am Kudamm gut essen, dortselbst oder in der Friedrichstraße einkaufen, haben solche Villen wie die im Tatort 955, feiern sicher auch mal feine Feste, lassen ihre Karossen funkeln, wobei die im Film gezeigten Mercedesse eher die Fortbewegungsmittel für den Mafia-Mittelstand sind, nicht für die ganz Großen. Jene legen Wert auf wirklich Exklusives. Wir alle freuen uns, dass es Menschen gibt, denen es richtig gut geht. Das spornt uns doch an, weil es zeigt, der Kapitalismus funktioniert, trotz seiner Krisen, die immer dichter aufeinander folgen. Dabei vergessen wir dann ab und zu, dass wir, anders als die Mafia-Mitglieder, nicht Teil eines Systems im System sind, das tatsächlich Geld aus Geld aus Dreck machen kann.

Selbstverständlich sind Architekten, Bauprojektierer, Banker, Entscheider und Lobbyisten, Anbahner, sogenannte Netzwerker, in alles involviert, was der Mafia dient, um sich zu legalisieren, und warum sollten sie nicht gefährlich leben, wenn sie die Regeln verletzen, denen sie sich unterworfen haben? Viel Fun, viel Money, viel Risk. Regeln sind Regeln, und nur im offiziellen System mit den offiziellen Regeln ist die Todesstrafe abgeschafft, da geht es ja auch um vergleichsweise wenig. Wie nennen wir das andere System denn im Ganzen? Uns fällt kein griffiges Wort ein, aber dort jedenfalls bekommt man nach ein paar Auftragsmorden als junger, ambitionierter Mann einen Stern eintätowiert, der die Aufnahme in die Mafia signalisiert, wenn man einige Aufträge gut erledigt hat. Was sind da schon 15 Jahre Haft, die man dummerweise absitzen muss, weil man erwischt wurde; weil die Polizei tatsächlich  mal am Schwanzende des Subsystems gezogen hat, und es löste sich ein unwichtiges Glied, das sofort nachwächst.

Etwas affirmativer wirkt dieser Tatort schon, als einige andere, die in den letzten Jahren mit der OK zugange waren. Immerhin ärgert sich Elena, die wirkliche Clanchefin, am Ende doch ziemlich, dass ein Geschäft geplatzt ist. Aber behalten wir im Hinterkopf, dass allein der Vergnügungspark, an dem die Moskauer Holding beteiligt ist, eine dreistellige Millionensumme kostet und dass man dort dreistellige Millionensummen weißwaschen kann. Russen sind Gemütsmenschen, die ärgern sich schon mal und schmeißen ein Handy auf den teuren Holztisch, und dann geht’s auf zum nächsten Business. Nur wären die Topleute nicht so dumm, die Ware nicht erst zu prüfen, bevor sie den Deal perfekt machen. In diesem Fall die Koordinaten, die Elena von den beiden Polizei-Cleverles Brix und Janneke erhält.

Politiker als Angriffsziele und gefallene Bastionen der Rechtsstaatsverteidigung werden in „Hinter dem Spiegel“ nicht gezeigt, auch das gab es in anderen Filmen der Reihe schon, es wird auf schlaue Weise offen gelassen, ob die am Vergnügungspark-Projekt ebenfalls beteiligte Stadt Frankfurt, ob deren Baudezernat oder die Wirtschaftsförderung wissen, mit wem sie im selben Boot sitzen, oder ob sie so ahnungslos sind, wie Politiker allenthalben wirken.

Es ist aber auch Anna Janneke zu verdanken, dass das Gefühl etwas anders ist, als wenn in Bremen oder Hamburg an der OK gewerkelt wird. Diese traumwandlerische Art, unbeschadet und scheinbar ohne zu viel Grimm und andere Emotionen durch jede Situation zu kommen, macht uns in gewisser Weise glauben, dass man integer bleiben, neutral zu allem stehen kann, was täglich einwirkt, besonders auf Polizisten, die einen kleinen Bruchteil von dem verdienen, was ein mittlerer Mafiamensch abräumt. Das Mob-Boss sein wird auch nicht sehr attraktiv dargestellt, was nützt einem Mann im Rollstuhl und mit Inhalator der ganze Prunk? Dann lieber innerlich und äußerlich gesund und arm, wie eben Frau Janneke. Sie ist ein schlau inszeniertes Gegenmodell zu der Verkommenheit, die sie umgibt, und sie hat mit dem Kommissar Riefenstahl, dessen Name schon zu so vielen Witzeleien Anlass gegeben hat, einen Vorgesetzten, der skeptisch, aber klar im Kopf ist. Da kann sie auch den Kollegen Brix locker aussitzen, mit seiner dubiosen Vergangenheit bei der Sitte. Und ihm sogar vertrauen und nicht enttäuscht werden. Sie ist eine Art Cop-Engel unter den Ermittlerinnen und hat es nicht einmal nötig, alles, was ihr im Sumpf des Verbrechens begegnet, mit großer Geste zu kommentieren. Das ist wirklich stark – und es rettet diesen Tatort wenigstens auf eine durchschnittliche Wertung.

Ohne diese Zentralfigur, die uns etwas wie einen roten Faden auslegt, wäre ein Fall wie „Hinter dem Spiegel“ ein hoffnungsloser. All seine Elemente zusammenzuführen, ist nur dadurch möglich, dass jemand wie Anna Janneke blitzschnell und intuitiv entscheidet, wie eine neue Lage zu bewerten ist, wie man sich mit Tricks und sauberer Gedankenarbeit, mit Einfühlung und ohne jede Scheu vor irgendetwas vorankämpft. Brix sagt es ihr ja auch, nachdem sie anfänglich noch etwas zögerlich ist, etwa der KTU gegenüber, wenn es um arbeitstechnische Belange geht. So groß ist der Unterschied am Ende nicht, und er wirkt ein wenig gewollt, denn wir sind zwischenzeitlich längst überzeugt, dass sie genau die richtige Mischung aus innerer Sicherheit und dezentem Auftreten hat. In einer Umgebung, in der alles verdächtige Geräusche macht, in der kaum zu trennen ist, wer nun welches Geräusch verursacht, da ist höchste Aufmerksamkeit ein gutes Mittel, um Kurs zu halten. Und ihre mehr aufnehmende als am Ausdruck orientierte Art sichert ihr diese Aufmerksamkeit.

Fazit

„Hinter dem Spiegel“ ist komplett überkonstruiert, und immer wieder haben wir beim Anschauen gestaunt, wie elegant die Ermittlerin eingesetzt wird, damit nicht alles ausfasert. Erschließt es sich aber auch? Ja. Doch. Im Großen und Ganzen. Und trotz der stark schwankenden Dialogqualität – dieses Mal nicht akustisch, sondern sprachlich-inhaltlich gemeint. Was bleibt, ist die Glaubwürdigkeitslücke, die gerade dadurch entsteht, dass dermaßen überzogen wird, die Vergangenheit von Brix betreffend, der nun wirklich mit allen und jedem schon zu tun hatte, nur, weil er bei der Sitte war. Dadurch tritt seine Charakterisierung in den Hintergrund. Während Frau Janneke einen Einblick und eine Einfühlung hat, schon bevor sie den Durchblick in diesem Dickicht gewinnen kann, das schon durch die Vita ihres Kollegen die Aufklärung der vorliegenden Morde stark verkompliziert, während sie uns nur als sie selbst gegenüber tritt, wird er von seiner Karriere eingeholt und durch sie definiert. Da kann man nur hoffen, dass der angezielte Neuanfang bei der Mordkommission gelingt, denn aus seiner Vergangenheit, so vermuten wir, lassen sich noch so viele Hypotheken fürs Hier und Jetzt konstruieren, dass man damit einige weitere Tatorte gut auffüllen – oder eben zu sehr vollstopfen kann. Viel Glück im neuen Leben, Brix. Mit dieser Kollegin an der Seite wird das schon.

 7/10

© 2019, 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Paul Brix – Wolfram Koch
Hauptkommissarin Anna Janneke – Margarita Broich
Kommissariatsleiter Henning „Leni“ Riefenstahl – Roeland Wiesnekker
Anzugträger – Ygal Gleim
Bill – Wolfgang Michael
Elena – Anja Schneider
Fanny – Zazie de Paris
Jonas – Isaak Dentler
KTUler – Sascha Nathan
Lola – Oona von Maydell
Mischa Grinko – Anton Pampushnyy
Moderator – Maxim Mumber
Murat Günes – Cem-Ali Gültekin
Patty Schneider – Henning Peker
Russe – Jurij Rosstalnyj
Simon Finger – Dominique Horwitz
Staatsanwältin – Bettina Hoppe
Sylvie Finger – Charlotte Bohning
Wolfgang Preiss – Justus von Dohnányi

Drehbuch – Erol Yesilkaya
Regie – Sebastian Marka
Kamera – Armin Alker
Schnitt – Silke Franken

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