Ich töte niemand – Tatort 1055 / Crimetime 50

Crimetime-Jubiläum 50 – Titelfoto ©  BR / Hager Moss Film GmbH / Felix Cramer

Bilder, düster wie das Land

In einem heruntergekommenen Haus am Rande Nürnbergs werden zwei Leichen gefunden. Ein 58-jähriger Libyer und seine Schwester, beide wurden grausam mit einer Betonstahlstange erschlagen. Sie kamen vor 15 Jahren nach Deutschland, waren voll integriert und liegen nun seit Tagen in ihrem verwesten Blut. Die Brutalität der Tat ist erschütternd.

Ahmad, umschwärmter und hochbegabter Ziehsohn des Opfers, ist verschwunden. War er vielleicht Zeuge der Tat? Oder Täter? Der Druck steigt schnell, die Öffentlichkeit fordert rasche Erklärungen. Felix Voss und Paula Ringelhahn leiten die kräftezehrenden Ermittlungen. Doch womit haben sie es zu tun? Familientragödie, Raubmord, eine reine Bluttat? Recherchen in der rechten Szene bleiben ohne Hinweis.

Kurz darauf stirbt ein Kollege aus dem Betrugsdezernat völlig überraschend während einer Autofahrt an einer fatalen Wechselwirkung von Medikamenten. Er lässt Frau und zwei Kinder zurück. Für Paula ist diese Nachricht eine Katastrophe. Der Tote, Frank Leitner, war ein sehr enger Freund. Kurz vor dem Doppelmord hatte er vergeblich versucht, sie zu erreichen. Ein am Tatort gefundenes Indiz führt den Mord an den beiden Geschwistern und den toten Kollegen zusammen. Doch was hat Frank Leitner mit der grauenvollen Tat zu tun? Wieso fuhr er kurz darauf in den Tod? Ein Fall, der Paula Ringelhahn an ihre Grenzen führt, und dem sie ohne ihren Kollegen Voss nicht gewachsen wäre.

Interview-Rezension mit Thomas Hocke / enthält von Beginn an Infos zur Auflösung.

Es heißt doch wohl, „Ich töte niemanden“?  

Richtig. Und da es sich bei der Person, auf die sich der Satz, der zum Titel wurde, bezieht, Ausländer ist, ist das eigentlich eine immanente Diskriminierung, die man doch mit diesem Film gerade vermeiden oder der man entgegenwirken wollte, unter Zuhilfenahme aller Tragik und Rache und was es sonst gibt, um darzustellen, wie ein extrem friedliebender Mensch eben doch tötet.

War das Thema gut umgesetzt?

Nazis und wie sie ausrasten und Migranten umbringen und die geistigen Brandstifter, die über Jahrzehnte die Saat des Hasses und der Gewalt legen? Ich weiß nicht, welche Lebenserfahrungen die Autoren von Tatorten wie der Nr. 1055 haben, aber dieses haarscharf gezielt und doch weit vorbei ist schon bedenklich. Wenn man mal einen wirklich realitätsnahen Tatort über die Szene machen will, muss man sich den Aufwand leisten können, eine angezündete Asylbewerber-Unterkunft zu zeigen oder wie die alltäglichen Rangeleien im unfriedlichen kulturellen Nebeneinander anstatt miteinander zur Explosion der Gewalt führen können. Und zwar auf beiden Seiten und unabhängig davon, wer die böse Gesinnung hat und wie alles kam, also wer die Kausalkette bis  zum Tötungsdelikt in Gang gesetzt hat.

Was ist unrealistisch?

Die Figuren. Durch das düstere und unheilschwangere Visuelle wird verdeckt, dass hier durch den Klischeewald geholzt wird, dass am Ende kaum noch Bäume stehen. Vielleicht gut für die kommenden Tatorte, die sich mit kulturell bedingten Auseinandersetzungen befassen, aber nicht hilfreich zum Verständnis der Probleme, die wir im Umgang miteinander haben. Da wird eine Dumpfbacke zum Doppelmörder, weil keine Impulskontrolle vorhanden, da doziert der Ex-Studienrat gegenüber seinem möglichen Mörder über die Vorteile des Dezidierten gegenüber dem Laisser-Faire, also ist es doch die persönliche Mentalität, die alle Gräben überbrückt, und vielleicht ist ihm eh alles egal, weil todkrank.

Und der junge Libyer muss natürlich die exzellenteste Exzellenz haben, die man sich vorstellen kann, damit auch klar ist, welch wertvolles Leben da in Gefahr ist – und am Ende schafft er es nicht einmal, sich umzubringen. Auch technisch ist diese Offscreen-Szene totaler Mist. Denn wer sich so die Pistole unters Kinn setzt und abdrückt, der schießt sich mitten durchs Hirn und ist auf jeden Fall sofort tot. Da gibt es keine zwei Varianten, hier haben wir einen der seltenen Fälle von alternativlos, zumindest in Bezug auf die Handlungsfolge, nicht in Bezug darauf, ob ein solcher Suizid an sich vielleicht  die schlechtere Wahl darstellt.

Und dann die Dialoge und Monologe der Polizisten. Ich habe mich gefragt, ob die so künstlich wirken sollten. Die Worte selbst habe ich eh als arg überdehnt verbucht, aber wie sie gesprochen bzw. deklamiert werden.

Im Zweifel für den Verfasser der Worte, also den Drehbuchautor oder die –autoren.

Dann würde es vorrangig an den Schauspieler_innen, vor allem an Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs, liegen, dass sie so schrecklich stagy wirken, nicht an einer Regie, die das so durchlässt. Als der Sportheimbetreiber den Voss wegen seines Beamtenstatus angeht, nachdem dieser  ihm eine echt unglaubwürdig wirkende Tirade gehalten hat, dachte ich: Ja, da ist was dran, der wirkt so bürokratenhaft in seiner Aufregung, dass man geradezu darauf geschubst wird, wie hier Privilegierte abgehobenes Zeug auf Kosten der anderen von sich geben. Dummerweise habe ich als in Berlin lebender auch eine besondere Beziehung zu Voss bzw. Hinrichs.

Ermittelt doch in Nürnberg.

Ähnelt aber in seiner Art unserem Regierenden (dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller) und noch mehr in der Physiognomie. Den Müller empfinde ich als durchaus wohltuende Kontrast zu einem arbeitsscheuen und partywütigen Imagemaker-Vorgänger, der Neue kümmert sich schon etwas mehr um die Stadt, aber er wirkt eben wirklich wie ein Paradebürokrat. Welcher er witzigerweise gar nicht ist, aber er entspricht dem Klischee und das Klischee wird verstärkt durch Figuren wie Voss. Auch dessen Philosophieren mit Ringelhahn im Auto ist echt bühnenreif, und auf die Bühne gehört es auch. Und wie cool sie dagegen.

Alles, was Voss an Überreibungen bietet, wird ausgeglichen durch eine Ruhe von Ringelhahn, die für mich auch wieder unnatürlich wirkt. Da ist keinerlei Swing zwischen den beiden, wie man ihn bei einigen anderen Teams sieht, wo einer die Stimmung des anderen beeinflusst und so ein teamtypischer Duktus entsteht.  Sie wirkt wie auf Tranquilizer, er bekommt vielleicht was zum Verstärken des Antriebs verschrieben. Eigentlich gruselig, die beiden – aber es ist mir dieses Mal auch besonders aufgefallen, weil sie so überzogen in ihre jeweiligen Muster hineingedrängt werden. Bester Satz von Ringelhahn, sinngemäß: „Du darfst es nicht immer angucken, sonst guckt es zurück“ (das Verbrechen ist gemeint). Man merkt, welche Drehbuchautoren schon ein bisschen übertherapiert sind. So schmerzfrei wie Ringelhahn, egal, was aus dem Sumpf menschlicher Abgründe oder dem Sumpf der Worthülsen emporsteigt. Mir würden solche Allerwelts-Küchenpsychologiesätze beim Schreiben noch wehtun.

Wie ist diese Polizistenfamilie zu begreifen?

Gar nicht. Da wird auf eine echt elende Weise so manipuliert, dass man was ganz anderes zu sehen glaubt, als man nachher per Talking Head (Ringelhahn) präsentiert bekommt. Das Duell, welches diese sich mit der Polizistenfrau liefert, gehört auch zu den absurden Momenten der Tatortgeschichte. Die Frau hätte überhaupt nichts zugeben müssen und sie wird auch nicht mit einem Trick überführt, wie es die Alten noch konnten, sondern übt durch ihre mächtige Präsenz einen so enormen Druck auf eine doch äußerst bösartige Person aus, dass diese sich sozusagen outet als den Kern der rechten Welt, das Element des Bösen. Was ich mich auch gefragt habe, um Himmels willen, in welchem Dunkeldeutschland liegt denn diese Welt, die des Sportvereins, dass alle da so ausnahmslos einen Rechtsdrall haben?

Wie Generationen durch Hass und Vorurteile der jeweils ältere Generation geprägt werden, das sollte wohl vor allem gezeigt werden, aber das kommt viel zu kurz und die Charaktere sind nicht individuell genug, als dass ich das einfach so kaufen würde. Leider gilt das auch für den jungen Libyer. Es muss ausreichen, dass er hochbegabt und ein Frauenschwarm ist, um sein mögliches Ableben als Katastrophe zu schildern. Dass die Rechten gerade diese extrem dünne Charakterisierung als Belehrung durch Exzellenz par Excellence empfinden werden und sich nur die, die eh glauben, dass sie auf der richtigen Seite stehen, von solch einer Persönlichkeitszeichnung beeindrucken lassen, ist wohl klar. Das verstärkt die Künstlichkeit der gesamten Konstruktion.

Aber vielleicht ist es ja Theaterkunst?

Nicht auszuschließen, dass es so gedacht war. Die Tendenz zum Bühnenhaften am und im Tatort ist unverkennbar. Aber mir gefällt es besser, wenn man die Ironie dahinter erkennt, das Satirische, auch wenn es nicht immer vollständig gelungen ist, denn Satiriker und Krimidrehbuchautoren – gut, deswegen schreiben ja auch heute oft ganze Gruppen zusammen, jeder bringt was mit und was ein, bis mal so ein Tatort-Drehbuch steht.  Der Film ist aber im Ton viel zu ernst, aber auch zu sehr runtergedimmt, da passt das irgendwie nicht. Und es berührt nicht, das ist immer das Schlimme daran, wenn es um tragische Schicksale geht.

Allgemeine Unlust, berührt zu sein?

Habe ich drüber nachgedacht, weil ich zuletzt einige Filme schlechter fand als erwartet. Aber es stimmt zumindest nicht bezüglich des Tatort-Formats. Ich hatte letzte Woche beim Tatort 1054 „Unter Kriegern“ geradezu einen Triggerstorm – ich war nicht berührt, aber extrem angefixt und auch das ist ja ein Zeichen. Die Rezension dazu habe ich noch gar nicht veröffentlicht, weil ich sie nochmal mit etwas Abstand durchsehen will, aber bei „Ich töte niemand“ nichts dergleichen, trotz des Themas, das immer Relevanz hat. Da war einfach nur Zugucken und alles etwas verschoben finden.

Einschränkend sei gesagt, ich habe die negativen Aspekte sehr hervorgehoben, die unauffällige, passende Musik und das Filming an sich sind zum Beispiel gut gewesen, einige Szenen, besonders mit André Hennicke als Frank Leitner fand ich eindringlich, aber wie kann man einen Menschen, der als Musterbeispiel für gelungene Integration wirken soll, einfach die ganze Zeit nichts sagen lassen? Zur Integration gehört doch auch der Austausch, Kommunikation, Interaktion. Naja, es ist halt doch irgendwie ein Stück mit Stereotypen, nicht mit lebensnahen Typen. Und solche Stücke haben ihr Publikum, ich gehe morgen auch endlich mal wieder in eines. Nur, was machen mit einem Film wie diesen die übrigen  8 von 9 Millionen Zuschauern? Für die ist das doch nicht spannend!

Es gibt aber dunkle Flecken?

Oh ja, natürlich. Aber man tut der Sache der Aufklärung keinen Gefallen, wenn man sie in die Nachtunkenntlichkeit elitärer Abstraktion hineinschieb und dabei irgendwie basic rüberkommt.

6,5/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Paula Ringelhahn – Dagmar Manzel
Hauptkommissar Felix Voss – Fabian Hinrichs
Kommissarin Wanda Goldwasser – Eli Wasserscheid
Kommissar Sebastian Fleischer – Andreas Leopold Schadt
Michael Schatz, Leiter der Spurensicherung – Matthias Egersdörfer
Dr. Mirko Kaiser, Polizeipräsident von Mittelfranken – Stefan Merki
Dr. Susanne Köster, Dozentin an der Uni Erlangen – Genija Rykova
Ahmad Elmahi – Josef Mohamed
Frank Leitner – André Hennicke
Gudrun Leitner – Ursula Strauss
Martin Leitner, der Sohn – Johannes Geller
Marie Leitner, die Tochter – Annaleen Frage
Nasem Attallah – Nasser Memarzia
Omar – Hadi Khanjanpour
Theodor Pflüger – Hansjürgen Hürrig
Udolf Rasch – Marko Dyrlich
Jenny, Friseurmeisterin – Alexa Maria Surholt
Hausmeister – Bernd Regenauer
Hauswart – Roman „Bembers“ Sörgel
Timo – Dennis Boy
Saskia – Eva-Marie Kleyla
Magda – Veronika Hertlein
u.a.

Drehbuch – Max Färberböck, Catharina Schuchmann
Regie – Max Färberböck, Richard Ruzicka
Kamera – Felix Cramer
Schnitt – Vera van Appeldorn, Susanne Hartmann
Szenenbild – Dominik Kremerskothen
Ton – Harti Küffner
Musik – Richard Ruzicka

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