Mein Revier – Tatort 849 / Crimetime 52

Crimetime 52 - ES 11.11.2012 / Titelfoto ©ARD / WDR, Willi Weber

Magisches Dreieck, neurotisches Karree oder was?

Schon nach dem ersten DortmundTatort mit Jörg Hartmann als Kriminalhauptkommissar Peter Faber („Alter Ego“) erahnte man, was der große WDR vorhatte, nach dem zweiten weiß man es sicher.

Da die Kölner Ballauf und Schenk sich mittlerweile zu einem sehr harmonischen Wohlfühlteam entwickelt haben, das soziale Fragen, wie sie anhand von Mordfällen immer wieder auftreten, in aller Gemütlichkeit miteinander bespricht, da man schon vor zehn Jahren in Münster die humorvoll-schrille Schiene als zweiten Pfeiler des nordrheinwestfälischen Tatortgeschehens installiert hatte, fehlte in diesem großen Bundesland etwas, das es in einem großen Bundesland, das die eigentlich größte deutsche Stadt beherbergt, nämlich den Ruhrpott, wo fast alle bebauten Flächen aneinander grenzen, einfach geben muss: Es ist der harte Großstadtkrimi. Dafür ist jetzt Dortmund zuständig. Jetzt ist das Tatortdreieck mit seinen extremen Ecken vollständig und es ergibt sich eine, anstatt bisher eine Linie, bei der man sich immer fragte, wo ist Anfang, wo Ende, und ist das, was vor zehn Jahren in Münster begann, nicht aufgrund seiner einseitigen Anlage bald am Ende?

Es gibt aber noch die übergreifende Sicht – auf die Veränderung und Erweiterung der deutschen Tatortlandschaft. Jeder Sender hat grundsätzlich das Recht, seine Ermittler so zu gestalten, wie er es richtig findet. Und im Moment finden es alle richtig, neue Teams immer schräger und realitätsferner werden zu lassen, die bisherige Speerspitze bildet der Hessische Rundfunk, der mit Steier (Joachim Król) in Frankfurt (Nina Kunzendorf als seine bodenständige Partnerin Conny Mey will nicht mehr mitmachen, ein Ersatz wird gesucht) und Felix Murot vom LKA (Ulrich Tukur, jetzt Gerüchten zufolgen vom Tumor Lilli geheilt) in 2011/12 zwei Grenzgänger erster Kajüte installiert hat, die man sich in einem normalen Polizeibetrieb nur schwer vorstellen mag. Der Leipzig-Cop Andreas Keppler (Martin Wuttke) tendiert bereits seit 2007 in diese vergangenheitsschwangere, psychisch labile Richtung. Doch mit Faber setzen sie beim WDR wirklich noch eins drauf. Der Wunsch, sich wieder an die Spitze der Bewegung und der Tatort-Moderne zu setzen, ist beim größten ARD-Sender sehr deutlich spürbar.

Da dieses Tatort-Dortmund-Ruhrpott ein großes Revier ist, fährt man dort auch großes Geschütz auf und lässt gleich vier Ermittler ermitteln. Das gab es bisher nirgends. Es wirkt sehr flächendeckend, wenn vier auf ein Ziel losgehen, nämlich den Mörder im unübersichtlichen Revier zu stellen, aber nicht so zugespitzt, wie es wäre, wenn man Faber und seine ebenbürtige Kollegin Martina Böhnisch (Anna Schudt) allein oder als Ermittlerpaar aufgestellt hätte. Vier sind nicht notwendig und für die Affäre der beiden Jungpolizisten geht Zeit drauf, die zu banal verwendet wird. Nichts gegen Liebe im Dienst bzw. um den Dienst herum, es ist uns auch egal, ob es diesbezüglich durchsetzbare Dienstvorschriften gibt, aber es ist zu nichtssagend und hebt einen Teil der Verdichtung und Verdüsterung auf, die man sich in Dortmund offensichtlich auf die Fahne geschrieben hat. Ein sehr zugespitztes Konzept verliert damit an Drive.

In „Mein Revier“ überwiegt zudem die Milieustudie nebst dem Sein und den Befindlichkeiten verschiedener Polizisten (auch die Streifenpolizisten vom Revierabschnitt in Dortmund-Nordstadt werden uns hier nähergebracht) gegenüber einem elaborierten Kriminalfall, wie man ihn bei vier zackig arbeitenden Ermittlern ja hätte konstruieren können, denn wenn jeder von den Vieren anständig was zur Lösung beiträgt, kann man beinahe Videoclipästhetik und -tempo bei der Ausermittlung erreichen. Hauptsache, der Zuschauer kommt noch mit. Das war hier nicht so schwer, dafür war die Lösung ein wenig beliebig. Einige Leute mit etwa gleichwertigen Motiven, den klischeehaften Serkan Bürec (Yusuf Erdogan) um die Ecke zu bringen, einer dieser Menschen war’s dann, ohne große Verwicklungen oder hochüberraschende und trotzdem logisch nachvollziehbare Wendungen.

Handlung

In Nora Dalays Nachbarschaft wurde der Dealer und Zuhälter Serkan Bürec erschossen. Er galt als rechte Hand des zwielichtigen Geschäftsmannes Tarim Abakay. Für Kriminalhauptkommissar Peter Faber deutet alles darauf hin, dass sich am Tatort auch eine Zeugin aufhielt. Doch sie bleibt spurlos verschwunden.

Dass die Mordkommission jetzt in ihrem Revier ermittelt, gefällt den Streifenpolizisten Rainer Polland und Paul Klose gar nicht. Nora Dalay kennt den impulsiven Polland gut. Früher gingen die beiden gemeinsam auf Streife. Und auch Pollands Ehefrau Sonja ist in der Gegend keine Unbekannte: Die Ex-Prostituierte engagiert sich heute für Straßenmädchen und hilft ihnen, wo sie kann. Schnell findet die Hauptkommissarin Martina Bönisch einen guten Draht zu ihr. Aber weiß sie auch, wo die verschwundene Tatzeugin steckt?

Daniel Kossik hört sich derweil bei den Männern um, die “am Arbeiterstrich” auf den nächsten Job warten. Mit einem von ihnen, Marek Bojanov, soll sich das Opfer vor Kurzem gestritten haben. Ging es um die horrenden Mieten für die heruntergekommene Unterkunft, die dessen Boss Tarim Abakay von den Einwanderern kassiert?

Rezension

Welch ein Schlussbild – Die KHK Böhnisch hatte energisch und engagiert, wie sie sich durch ihr eigenes, nicht ganz einfaches Leben und durch ihren Job durchtankt, die Müllabfuhr zu der Absteige bestellt, in welcher die Türken die Bulgaren einpferchen, um den zugetüteten Hof säubern zu lassen, und in Zeitlupe fallen wieder neue Säcke aus den Fenstern. Das ist das Ende. Das ist das niemals endende Lied von den Missständen. Dazu passt der coole Cliffhanger, wo unten, vor dem Bürohaus, in dem Tarim Abakay (Adrian Can) residiert, der Faber steht und diesem, der aus dem Fenster herabschaut, den Stinkefinger macht. Die beiden werden sich wiedersehen und es ist noch nicht ausgemacht, wessen Revier das wirklich ist.

Die nachfolgenden Absätze enthalten Angaben zur Lösung!

Eine engagierte Ex-Prostituierte und beinahe Ex-Polizistengattin wollte einen ihrer Schützlinge, eine junge Bulgarin schützen und hat den fiesen Bürec erschossen. Für einen Moment dachten wir, es sei das bulgarische Mädchen selbst gewesen, aber da wären wir ja auf dem Holzweg gewesen, und nicht etwa Faber, der waidwunde Ex-Familienvater mit der großen Antenne für das, was in den Leuten steckt, mit denen er in seinem Job konfrontiert wird. Doch da oben, in diesem Bürohaus, da sitzt einer von diesen Migranten, die zu Strippenziehern aufgestiegen sind, und der die Nordstadt als sein Revier ansieht. Da hilft auch das Pöbeln des Polizisten Polland (Rainer Kromm) nichts, mit dem Faber eine legendäre Sauf- und Verbrüderungsszene hat, Misstrauen, Ab- und Zuneigung, Verständnis und Wut wechseln im Sekundentakt. Wir finden diese Szene schon das Anschauen des gesamten Krimis wert.

Da steckt der Urvater der proletarischen Ruhrpottkrimis, Horst Schimanski, mit drin, aber Faber und seine Welt gehen weit darüber hinaus und viel mehr in die Tiefe. Vielleicht ist die Gesamtanlage von „Mein Revier“ avantgardistisch – das wird man erst in ein paar Jahren beurteilen können; jedenfalls ist sie auf extrem gepolt wie bisher keine andere. Vor allem ist hier nicht nur eine Figur als Außenseiter mit schweren Sozialstörungen gezeichnet. Der andere Teil, meist weiblich, wird mit sicherem Stand und mit weniger Problemen oder besser in deren Verarbeitung dargestellt. So entstehen asymmetrische Teams. Martina Böhnisch, Mutter eines drogengefährdeten Jungen, die Faber bei der Besetzung des Chefermittlerpostens das Feld überließ, wirkt aber kaum weniger unter Spannung als dieser selbst – und natürlich ist es spannend zu sehen, wie solche Charaktere interagieren. Es wirkt überzogen, und doch hat man das Gefühl, da kann etwas Großes entstehen. Diese Sache mit den Bildern vom Unfall seiner Familie, die man Faber in den Schreibtisch gelegt hat, um ihn zu paralysieren? War’s jemand aus dem Team? Gar die Kollegin? Nein, nein.

Das glauben wir nicht, es gibt immer noch Grenzen, auch, was die Belastbarkeit der Zuschauer hinsichtlich des Vertrauens in die Tatortpolizisten angeht. Aber diese große Dienststelle! Da gibt es noch so einen Kollegen, mit dem Faber sich aber gar nicht versteht, dem er Fälle wegzieht, der sich zum Anwalt der Böhnisch bezüglich der Ungerechtigkeit bei Beförderungen macht, wir meinen, der war es. Das wird sich vielleicht in einer der nächsten Folgen herausstellen. Dann allerdings wäre die Luft innerhalb des Teams wieder klar und rein, der Verdacht und das Unheilschwangere weg, man könnte sich ungehindert aussprechen. Es ist ohnehin wenig over the Top, wie hier der Faber so im letzten Drittel zugänglicher wird, und zack!, hat er wieder Bilder im Schreibtisch liegen, von jenem tragischen Ereignis, das seine Familie ausgelöscht hat. Außerdem: Kommt man an einen Zeitungsartikel noch gut ran, wie soll ein unbeteiligter Dritter diese Aufnahmen in seinen Besitz gebracht haben und wieso gibt es Bilder, die Fabers Frau und seine Tochter erst lebend und dann tot zeigen? Äußerst mysteriös und zu sehr auf diese Wechselspiel von Sich-Einlassen und geradezu gewaltsamem Rückzug geschrieben.

Hoffentlich geht das nicht noch mehrere Folgen so weiter, das wäre neben den Charakteren als solchen ein weiterer Posten fragwürdiger Authentizität, und irgendwann ist es dem Krimifan dann zu viel des Abseitigen. Es wäre nach unserem Gefühl besser gewesen, alles würde sich aus Faber heraus selbst erklären oder auch (vorerst) nicht und er und sein Verhältnis zu den anderen würden über viele Fälle hinweg schrittweise entwickelt – und es würde nicht darauf abgestellt, dass ein unberechenbarer Dritter den Faber immer wieder auf die Palme bringt. Das Unberechenbare nur in ihm selbst anzulegen und jedwede Veränderung durch Wechselwirkungen im Team oder /  und zusammenschweißende Erlebnisse während der Ermittlungen zu erklären (kann ja ruhig mal wieder eine Polizisten-Entführung sein, hatten wir lange nicht), das wäre die kunstvollere und dabei noch einigermaßen realistische Variante gewesen. Damit Faber am Ende sein Büromobiliar mit dem Baseballschläger zerkleinern kann, hat man aber mal wieder in die Kiste mit den einfachen und ziemlich flachen Tricks gegriffen. Nebenbei? Muss er diesen Schaden eigentlich selbst bezahlen und hat sowas disziplinarische Konsequenzen? Wir werden es vermutlich nicht erfahren. Dem Mann ist zuzutrauen, dass er sich nicht nur eine blutige Nase bei Tarim Abakay holt, sondern jemand anderem auch eine solche beibringt, wenn er rauskriegt, wer immer wieder diese bösen Erinnerungsstücke in seinem Rollcontainer platziert.

Im Gegensatz zu Ermittlerinnen in norddeutschen Tatorten aus Bremen oder Hannover oder auch dem, was im eigenen Haus am Stammsitz Köln zelebriert wird, neigt man im Revier Dortmund nicht zur Kommentierung der sozialen Umstände und Missstände. Insbesondere die Figur Faber hat eine Haltung zum Revierdenken, aber es wird nicht ausgedrückt, welcher ethische Hintergrund ihr zugrunde liegt. Im Moment ist das jedenfalls so. Vielleicht gibt es gar nichts Weltanschauliches. Wer seine Familie verloren hat und nichts tun konnte, ist paralysiert. Lässt sich treiben, das gibt es oft. Oder geht aufs Ganze, wie Faber, der, soviel kann man immerhin als sicher gelten lassen, eine Kämpfernatur ist. Das macht ihn sympathisch. Dieses Pure und Ungefilterte, das er zeigt wie sonst keiner. Zwischen ihm und dem Leben um ihn herum ist keine Distanz, auch wenn er mit dem eigenen Team vorerst nicht klarkommt. Vielleicht gerade deswegen nicht. Er muss sich schützen vor Enttäuschung und Verrat.

Die Nichtkommentierung öffnet ein weites Panorama und die Gefahr, dass die gezeigten Milieus dazu verwendet werden, einfache Parolen zu stützen, wird in Kauf genommen. Dieses heruntergewirtschaftete Mietshaus, in dem die Bulgaren wohnen – was ist es? Ein Anzeichen dafür, dass diese Menschen eben so sind? Oder dass die Türken, wenn sie zu Geld kommen, allemal mit Drogen und Sex dealen und Drecklöcher zu Überpreisen an Leute in Not vermieten, diese sogar anwerben, sie unterdrücken, ausnehmen? Wenn wir in Berlin Menschen türkischer Abstammung überdurchschnittlich häufig in dicken Schlitten unterwegs sehen, dann denken wir uns unseren Teil. Leider. Denn wo, bitte, ist das, was wir sehen, ein Ausfluss nationaler Eigenheiten? Natürlich besteht Nachholbedarf und sind einfache Statussymbole dort wichtig, wo nicht vierzig Jahre Bildungstraining und Sozialwissenschaft für andere Prioritäten gesorgt haben. Wirklich? Ganz und gar nicht, alle, die es legal oder illegal zu etwas gebracht haben, pflegen ihre bestimmten Symbole. Die einen sieht man mehr, die anderen weniger. Die einen dokumentieren sich mehr nach außen, die anderen sind stolz darauf, in ihren Kreisen die Codes der Insider zu beherrschen.

Ökonomisch gesehen – wo ist der Unterschied zwischen einem Miethai und einem 28jährigen Banker, der auf Steuerzahlerkosten beim online Brokern Milliarden verzockt, ethisch gesehen? Was könnte man alles fürs Soziale tun, wenn der Kapitalismus nicht mittlerweile komplett – wir verwenden das Wort bewusst – entartet wäre und Unsummen für die im Grunde sinnlosen Reparaturversuche an seinen Schwachstellen draufgehen würden? Es gibt in Deutschland keine gesetzlich abgesicherten Mindeststandards für die Einstellung von Menschen, die Verantwortung für das Geld Dritter haben, keine vorgeschriebenen psychologischen Tests, die vielleicht den einen oder anderen pathologischen Fall frühzeitig enttarnen könnten. Für Miethaie und Makler gibt es nicht einmal den Zwang zum Fachkundenachweise oder irgendeine Art von Aufsicht. Sogenannte liberale Parteien haben sich stets hingebungsvoll der Verhinderung von Kontrollinstrumenten oder gar des Abbaus von Beschränkungen angenommen, die Wildwuchs verhindern sollten.

Es gibt ebenso keine Mindeststandards für Wohnungen und es darf so viel Miete kassiert werden, wie der Markt es hergibt, solange sich niemand beschwert und den Mietspiegel ins Feld führt, was „Arbeitsstricher“ und Zwangsprostituierte ganz gewiss nicht tun werden und solange das Gesundheitsamt nicht aufgrund von Hinweisen eingreift. Wir haben es auf der Höhe der Asylbewerberwelle mitbekommen, wie Leute, die eine olle Bude besaßen, diese zu Gold machten – Normaldeutsche waren diese Typen, die sich plötzlich zu Miethaien entwickelten, solche, die im Hauptberuf unauffällig in einem Amt saßen und aussahen, als ob sie nicht bis drei zählen können und als der gewalttätigste Ausdruck ihrer Persönlichkeit das Anbringen eines Stempels auf einem Ablehnungsbescheid zu einem Wohngeldantrag (das ist nur ein Beispiel). Arrogante Manager, die in kurzer Zeit herunterwirtschaften, was Generationen aufgebaut haben, sind in der Regel Geburtsdeutsche, die den Überblick verloren haben und es, weil das den Überblick verlieren das so an sich hat, nicht merken.

Böse, verwerfliche Geschäfte, seien sie illegal oder im Rahmen eines unvollkommenem, lückenhaften Normenkatalogs, sind nur möglich, wo das System sie zulässt und werden mal von dieser, mal von jener Nationalität ausgeführt und es kommt zu regionalen Ballungen. Zu Revieren, in denen es brodelt. Es gibt offenbar einen Bedarf an Drogen und an billigen Sexdienstleistungen, am Ausleben von Macht und Unterdrückung, dazu kommt eine immer mehr um sich greifende Schnäppchenmentalität, die sich einen Dreck darum schert, ob Leute von dem, was sie für Dienstleistungen bezahlt bekommen, auch leben können – sonst wären die meisten dieser Auswüchse und ganze Branchen im Schatten nicht oder nicht in vorliegender Ausprägung möglich (ob Dortmund-Nordstadt das wirklich so massiert kennt, wissen wir nicht, aber Berlin hat ja auch seine Problemzonen, in denen sich die Missstände häufen, ganz real und, wenn man die Augen offen hat, jeden Tag erlebbar).

Fazit

Eine Tatortschiene, bei der man hinschaut und mittenrein geht, ohne die Zuschauer zu routen, ist ganz gewiss nicht überflüssig, Übertreibungen sind ein gutes Mittel zur dramaturgischen Verdichtung. Wir bewerten die Dramaturgie von „Mein Revier“ nicht gesondert, es gibt schon ein paar Längen. Wir verharren auf dem Niveau von „Alter Ego“.

Die Folge 849 zeigt wieder, was möglich wäre, wenn man konsequent und straff an einem Superfall basteln würde, ohne das Persönliche und das Hinschauen zu vernachlässigen. Das Vertrackte aber ist, und da müssen wir die Drehbuchschreiber ausnahmsweise in Schutz nehmen, denn die kommen ja nicht um die vorgegebenen Figuren herum, dass man zwar sehr pointiert in die Gesellschaft hineinleuchtet und dabei Klischees einsetzt, aber man es unbedingt von Anfang an so handhaben musste, dass es ein Übermaß an Figuren gibt, natürlich unter exakter Wahrung des Geschlechterproporzes, die nun kreuz und quer durch die Ermittlungen stolpern, ohne dass sich bisher erschließen würde, wer ist gemäß seinen Stärken der ideale Typ für bestimmte Arbeitsaufgaben. Aus einer solchen Spezialisierung („Harry, hol den Wagen!“) ist schon viel Humor erwachsen und sind Running Gags entstanden, aber im Moment ist Faber ja kein Koordinator, sondern kreativer Bestandteil eines Chaosbetriebes, den seine Kollegin Böhnisch versucht einigermaßen im Griff zu behalten.

Es ist noch wie nach der Folge 844 („Alter Ego“). Das Ganze hat Riesenpotenzial und Fabers Werk als derjenige, der mit der Seele des Täters tanzt und Böhnischs Beitrag als Opferspielerin machen Lust auf mehr und sind spannender als schnöde DNA-Analyse. Hoffentlich bekommen sie in Dortmund das üppige Szenario noch vollständig in den Griff und schafft eine Struktur, die, sagen wir mal, ein notwendiges Grundvertrauen in die Polizeiarbeit am Tatort Dortmund schafft. Dann kann man einen Typen wie Faber auch weiterhin so übertrieben darstellen, ohne dass die Frage drängend wird, wie es möglich ist, dass einer, dem beinahe alle Fähigkeiten zum Teamwork abgehen, der aber auch nicht nach altem Muster autokratisch und dominant führen kann, eine wichtige Dienststelle leiten darf, bei der ja immerhin die Effizienz der Arbeit heutzutage eine wichtige Rolle spielen sollte.

Eines ist aber schon sicher – über Faber-Krimis kann man ausgedehnt reflektieren. Die Länge unserer Rezension liegt um mehr als 20 % über der vorgesehenen Obergrenze. Und ist das keine Qualität eigener Art? Wir geben, wie schon für „Alter Ego“, 7,5/10.

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Jörg Hartmann – Hauptkommissar Peter Faber
Anna Schudt – Hauptkommissarin Martina Bönisch
Robert Schupp – Hauptkommissar Krüger
Aylin Tezel – Oberkommissarin Nora Dalay
Stefan Konarske – Oberkommissar Daniel Kossik
Adrian Can – Tarim Abakay
Matthias Komm – Rainer Polland
Tanja Schleiff – Sonja Polland
Aleksandar Radenkovic – Paul Klose
Peter Georgiev – Marek Bojanov
Yusuf Erdugan – Serkan Bürec
Thomas Arnold – Jonas Zander
Jo Weil – Toni
Yusuf „Edy“ Erdugan – Serkan Bürec
Simona Theoharova – Jelena Zvetkova
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Thomas Jauch
Kamera – Clemens Messow
Musik – Stephan Massimo

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