1000 Tode – Tatort 513 / Crimetime 53

Crimetime 53 - ES 02.11.2002  / Titelfoto © SWR

Friedrich Schiller und der tödliche Champignonzüchter

2018-09-22 Tatort5 513 Tausend Tode Klara Blum Eva Mattes SWR„1000 TODE: Dieser Bodensee-Tatort zählt für viele zu den „Skandal“-Tatorten (…). Experten warnten damals via Boulevardpresse vor der Ausstrahlung, die BILD AM SONNTAG empfahl: „Heute nicht Tatort gucken!“. Was war da los? Oft ist ja gerade die Empörung der BILD ein Indiz dafür, wie aktuell und relevant ein Thema ist. Nebenbei dürfte 1000 TODE auch einer der ersten Tatorte sein, die sich mit kriminellen Geschehnissen im damals noch jungen Internetzeitalter befassten und die Herausforderung annahmen, das auch visuell ansprechend zu erzählen.“ (Tatort-Fundus)*

Die Handlung in einem Satz: Eine 18jährige sucht im Internet einen Selbstmordpartner für ein gemeinsames Ertrinken im Bodensee, der aber linkt sie, indem er sie auffischt und in sein Anwesen verbringt, dort versucht er, sie vor laufenden Webcams doch noch zum Selbstmord zu bewegen und eine Freundin von ihr noch dazu, dabei hat er leider die Rechnung ohne die nur unwesentlich ältere Kommissarin Klara Blum gemacht.

Es ist durchaus möglich, dass man nach dem tragischen K.i.A.-Verlust des eigenen Mannes, der auch Kollege war, zu extremen Handlungen neigt, wie zum Beispiel zum Gedichte aufsagen in Lebensgefahr. Und zu was Deutschlehrer alles fähig sind, das wird nun klar aufgezeigt. Einen gewissen Verdacht hatten wir bereits während unserer Schulzeit, konnten es aber nie beweisen.

Der Reihe nach. Im Klara Blum-Erstling „Schlaraffenland“ wird die Ermittlerin vom Bodensee zur Schmerzensfrau und löst fortan auf eine beinahe somnambule Art ihre Fälle und sie tritt durchaus einen Beweis an: Dass Schicksalsschläge in der Folge zu besonderen beruflichen Leistungen führen können. Der enorme Zuwachs an Feinfühligkeit aufgrund eines noch nicht bewältigten Traumas ist beeindruckend – unter der Annahme, dass Klara Blum zuvor bereits eine begabte und im normalmenschlichen Maß intuitive Kriminalerin war.

Das Internet als Anbahnungsort zum Tatort zu verwenden, war vor nunmehr elf Jahren noch per se innovativ und die neue Bodensee-Schiene des Südwest-Rundfunks machte einen Psychothriller daraus. Manches ist stimmig, manches nicht. Manches ist spannend und düster, manches hart an der Grenze zur Lächerlichkeit.

Das junge Mädchen Manu schwimmt tief in der Nacht in die Mitte des Bodensees. Manus Eltern finden einen Abschiedsbrief. Klassischer Selbstmord eines Teenagers? Klara Blum hat Zweifel. Da die Leiche des Mädchens nicht gefunden wird, geht sie anderen Spuren nach. Warum kaufte sich Manu einen Tag vor ihrem vermeintlichen Suizid eine Stirnlampe? Warum hat sie all ihre E-mails gelöscht?

Handlung

Manu (Alexandra Schalaudek) wartet am Konstanzer Hafen bis der richtige Zeitpunkt für ihren Selbstmord gekommen ist. Zu den Vorbereitungen hat auch gehört, sich noch einmal richtig schön zu machen. ©SWR/ Hollenbach

Tatort 1000 TODE: Manu (Alexandra Schalaudek) wartet am Konstanzer Hafen bis der richtige Zeitpunkt für ihren Selbstmord gekommen ist. Zu den Vorbereitungen hat auch gehört, sich noch einmal richtig schön zu machen. ©SWR/ Hollenbach

Manus Freundin Nicole wahrt ein Geheimnis. Sie liefert den Schlüssel zu einem Ort, den es gibt und doch auch nicht gibt: Das World Wide Web in seiner furchtbaren Variante. Es geht um ein Geschäft mit dem Tod. Und langsam erkennt Klara, dass die vernetzte Welt der Voyeure nicht fernab spielt, sondern in ihrer unmittelbaren Umgebung. Ein Albtraum wird Realität an den Ufern des Bodensees.

Rezension

Die verregnet-kalte Stimmung passt gut zum Erstausstrahlungsdatum im November 2002, wir haben nicht darauf geachtet, ob die Blätter auch schon von den Bäumen sind oder der Regen künstlich in den Sommer hineinpraktiziert wurde. Wer meint, dieses ständige schlechte Wetter sei nun übertrieben in seiner Symbolik, dem muss entgegengehalten werden, dass man ja irgendein Wetter zeigen muss, und Sommersonnenschein hätte nun gar nicht gepasst. Eis und Schnee hingegen hätten diese anhaltende Seeschwimmerei mit Bergsteigerlampen am Kopf noch seltsamer wirken lassen, als sie ohnehin ist. Immerhin konnte anhand dieser Lampen die Erdkrümmung erklärt werden – wie genau, das verraten wir hier nicht, die obige, von angegebener Quelle übernommene Handlungsbeschreibung kommt schon ungewöhnlich ausführlich.

Erst zum vierten Mal innerhalb von elf Jahren nach der Premiere ist „1000 Tode“ nun wiederholt wurden und wir haben eine gewisse Idee, warum dem so ist. Weil der Film einen echten Grenzfall darstellt – in mehrerer Hinsicht. Und weil die Zeiten sich geändert haben, gerade das Internet betreffend, heute meist nur noch „Netz“ oder „Web“ genannt. Auf jeden Fall aber ein Dank an den SWR, der in diesen Tagen alle seine aktuellen ErmittlerInnen mit vielen Wiederholungen pflegt, welche uns die Vervollständigung der Wahlberliner-TatortAnthologie ermöglichen.

Heute wäre unter Aufsicht der NSA und anderer rühriger Geheimdienste und der algemeinen Schnüffelei ein Sich-Verbergen der Identität auf längere Sicht, wie das hier beschriebene, vermutlich nicht möglich. Die Computerstandorte kann man mittlerweile wohl auch ganz gut ermitteln, alle Passwörter knacken und so weiter, weshalb in neueren Tatorten die technische Seite oft sehr lapidar abgehandelt wird. Trotzdem schön, wie Klara Blum sich auf das Psychospielchen mit dem früheren Deutschlehrer „Leander“, jetzt Champignonzüchter und Mädchenvernichter, einlässt. GPS wird auch schon eingesetzt, und das zu einer Zeit, als noch nicht jeder wusste, was das ist, weil noch nicht jeder ein auf dieser fürs US-Militär entwickelten Ortungstechnik basierendes Navigationssystem im Auto oder im Smartphone besaß.

Insofern ist „1000 Tode“ für damalige Verhältnisse innovativ und auch so gefilmt. Viele Bilder sind sehr schön komponiert und für einen Bodensee-Krimi außerdem radikal gewalttätig. Auch deshalb kann der Tatort 513 wohl nur ab ca. 22 Uhr ausgestrahlt werden. Vielleicht aber auch wegen seiner Tendenz, denn vielleicht könnte diese Darstellung der Möglichkeiten des Internets Menschen auf dumme Gedanken bringen. Nachahmungstaten, die den Handlungen von Tatorten nachgebildet waren, gab es wirklich. Und es gab in Deutschland im Jahr 2001 tatsächlich ca. 30 Suizid-Foren wie das hier gezeigte, das dem Tatort seinen Titel leiht. Wer’s nicht glaubt, für den haben wir diesen Link zu SPON (SPIEGEL online) gelegt. Möglich, dass dieser Artikel die Idee zum Drehbuch geliefert oder die Ausgestaltung befördert hat.

Den Schritt hin zu einem Typ zu gehen, der dort labile Mädchen aufgabelt, um sie letztlich bei Selbstmorden zu filmen und diese Videos ins Netz zu stellen, ist allerdings eine andere Sache und da hört der Realismus wohl Gottseidank auf. Vor allem handelt es sich bei diesem Kenner von Schiller-Gedichten nicht nur um einen Ex-Deutschlehrer, sondern auch um einen Serientäter, der schon vier Mädchen auf dem Gewissen haben soll, bevor sein aktuelles Opfer, Manuela, in einer ebenso dramatischen wie überzogenen und beinahe unfreiwillig komischen Schlussszene von Klara Blum höchstselbst gerettet wird, die als ihr eigener Lockvogel fungiert.

Dieser langjährig erfolgreiche Gruselästhet namens „Leander“ hat allerdings auch seine intellektuellen Aussetzer. Als er Manuelas Freundin Nicole beinahe so weit hat, dass diese auf dieselbe Weise in den See gehen will wie das andere Mädchen, setzt sich Klara Blum einfach an deren Stelle ins Netz und will diesen Weg ins Nasse antreten, um endlich an „Leander“ heranzukommen. Als sie dann angibt, in Wirklichkeit schon etwas älter zu sein, kauft Leander ihr das einfach ab, ohne dass es ihm spanisch vorkommt, dass Manuela eine viel ältere Freundin hat. Dabei hätte sich das durch Befragung der verängstigten Gefangen sicher leicht überprüfen lassen.

Was soll’s, auch die Intuition von Klara führt ja, das werden wir in ihren Fällen nun immer wieder sehen, zu Ermittlungsgeschwindigkeiten jenseits der Schallmauer, ohne dass dafür allzu viel Technik notwendig ist und das hat den unbestreitbaren Vorteil, dass man sich voll auf die Handlung und die Figuren konzentrieren kann.

Fazit

Der zweite Blum-Fall ist etwas krude gefilmt, aber thematisch interessant. Aauch wenn wir uns mittlerweile an die Auswüchse des WWW gewöhnt haben, auch wenn wir wissen, dass es hier viele Gefahren und Fallstricke gibt, es ist doch faszinierend zu sehen, wie vor elf Jahren schon das Meiste in Grundzügen vorhanden war, was es heute auch gibt.

Anfang der 2000er wurde das Netz zu einem Massenmedium und auf allen Gebieten schossen Foren und neue Angebote wie Pilze nach einem Sommerregen aus dem Boden. Unter anderem haben wir uns zu jener Zeit auch in der Schreibwelt online verortet, und in Erinnerung daran, was in jener Community auf persönlicher Ebene geboten war, wie Emotionen hochgingen und manche durchaus manipulativen Aktionen zu bemerken waren, können wir uns gut vorstellen, wie Menschen, die ohnehin suizidgefährdet sind, dem Tod durch Beeinflussung in Chats und per Mail ein Stück näher gebracht werden können. In einem stimmen wir allerdings dem im Tatort 513 gezeigten, moralisch völlig neutralen Betreiber der Plattform „1000 Tode“ mit Abschwächung zu: Was Menschen aus dem Netz machen, ist deren Sache, auch wenn wir sicher kein Selbstmordforum betreiben würden und wollten. Für uns hingegen sind aus der einstigen Online-Schreibwelt unverzichtbare Freundschaften herausgetreten in die Realität. Wir bewerten

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Ergänzung 2018

Klara Blum (Eva Mattes) · Ercan Özcelik (Bülent Isi) · Justine Hauer · Alexandra Schalaudek (Manu) · Lilia Lehner (Nicole) · Andre Hennicke (Leander) · Heinz-Josef Braun (Herr Seelbruck) · Johanna Bittenbinder (Frau Seelbruck) · Edward Piccin · Irene Kugler · Lutz Teschner · Sarah Neal · Andreas Döring · Hans-Joachim Heist · Lothar Hohmann · Lisa Everling · Otto Edelmann · Matthias Kupfer

Drehbuch – Dorothee Schön
Regie – Jobst Oetzmann
Kamera – Jürgen Carle
Schnitt – Roswitha Gnädig
Musik – Dieter Schleip
Produktion – SWR

 

 

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