Wacht am Rhein – Tatort 1007 / Crimetime 56 / #Chemnitz #Dresden #Wismar #Köln #Tatort

Crimetime 56 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Die Wacht am Rhein sind Max Ballauf und Freddy Schenk

Vorbemerkung 31.08.2018 Zum Zeitpunkt der Ansetzung des Sendetermins heute Abend waren die Ereignisse dieser Tage noch nicht vorhersehbar, aber natürlich passt „Wacht am Rhein“ nun als Kommentar dazu besonders gut – leider.

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen bildet ein Textausschnitt oder Titel eines Volksliedes auch den Tatort-Titel (nach „Land in dieser Zeit„). Es muss etwas umgehen, das dazu führt, über deutsches Liedgut neu nachzudenken. Und über den Tatort und seine Teams.

Wenn es ein Tatort-Team gibt, dem wir jedes soziale Thema auch dann anvertrauen würden, wenn es uns selbst beträfe, so sind das sicher die unermüdlichen Kölner Recken Max Ballauf und Freddy Schenk, die seit 20 Jahren die Welt für uns so aufbereiten, dass nichts unerwähnt bleibt. Häufig vertreten die beiden zwei Meinungen zu einer Sache und diskutieren sie so schön in These und Antithese miteinander aus, dass wir immer einem von beiden zustimmen können. Außerdem werden bei der Gelegenheit viele Fakten aufbereitet, man kann auch sagen, Ballauf und Schenk sind eines der am wenigsten postfaktischen Teams. In jüngerer Zeit wurde das beschriebene Muster allerdings immer wieder aufgebrochen und ausgerechnet die Tatorte, in denen vom dialektischen Schema abgewichen wurden, gelten mitunter als die besten („Ohnmacht“ und „Franziska“).

Wie verhält es sich aber mit dem neuesten politischen Thema: Bürgerwehren gegen die Ohnmacht des Staates. Geht so etwas? Normalerweise dürfte es nicht gehen, und vermutlich tendiert auch der Film in diese Richtung. Es sind nicht die Bürger, es sind Cops, Vertreter des Staates mit ganz viel Empathie wie Max und Freddy, die für Recht und Ordnung sorgen. So gesehen, sind die Kölner Tatorte doch postfaktisch, wie die meisten anderen – wir würden uns solche Polizisten sehr wünschen, aber es gibt sie wohl nur im Film.

Handlung, Besetzung, Stab

In einem Kölner Viertel liegen die Nerven blank: Die selbst ernannte Bürgerwehr „Wacht am Rhein“ patrouilliert in den Straßen, um die Gegend sicherer zu machen. Auch der Ladenbesitzer Adil Faras und die junge Mutter Nina Schmitz finden, man müsse etwas tun, und haben sich der Bürgerwehr angeschlossen. Dann wird beim Überfall auf eine Zoohandlung der Sohn des Inhabers Peter Deisböck erschossen.

Die Hauptkommissare Max Ballauf und Freddy Schenk ermitteln. Dringend tatverdächtig ist der gebürtige Nordafrikaner Khalid Hamidi . Umgehend ruft Bürgerwehranführer Dieter Gottschalk zur Mahnwache für das Mordopfer auf. In der aufgeheizten Stimmung geht beinahe unter, dass ein Student vermisst gemeldet wird: Baz Barek (Omar El-Saeidi) war in der Mordnacht auf dem Heimweg. Auch auf ihn könnte die Täterbeschreibung passen.

Ist das Thema Geflüchtete vs. Rassismus dieses Mal besser gelungen als vor einer Woche?

Zunächst einmal: Sie haben es wieder getan, Max und Freddy. Und doch nicht. Oder auf verschiedene Weise. Es gibt die dialektisch angelegten Gespräche zwischen den beiden, die wir aus vielen Tatorten kennen. Aber sie sind halbherzig ausgeführt und Freddy gibt immer sehr schnell bei, wenn Max ein wenig die Moralkeule aus der Hosentasche schauen lässt. Es ist alles ganz verbindlich, ohne böse zu werden.

Dafür ist die Handlung selbst ebenso angelegt. Es wird keine Ansicht und kein Aspekt ausgelassen, der Film ist bei weitem nicht so einseitig und tendenziös wie der Frankfurt-Tatort der Vorwoche. Allerdings war ich teilweise verblüfft, was Journalisten in diesen Film hineinlegen. Aber die Machart fordert wohl zu einer besonders subjektiven Wahrnehmung heraus, unter Auslassung aller Aspekte, die in die andere Richtung deuten.

Ich finde „Die Wacht am Rhein“ recht realistisch angelegt. Die Bürgerwehren gibt es seit den Silvestervorfällen 2015 wohl tatsächlich und die Art, wie z. B. der Maghrebiner spricht, der sich einen Spaß daraus macht, sich als Syrer auszugeben, ist mir nicht unbekannt. Als ob es jemand so geplant hätte, hatte ich heute auf der Heimfahrt von einer Veranstaltung einen Streit zwischen zwei türkischen Gruppen erlebt, an dem auch der Busfahrer, ebenfalls Türke, beteiligt war – oder er versuchte zu schlichten. Vermutlich eher Letzteres. Irgendwie hatte es mit einer Frau zu tun, die in der einen Gruppe verortet war. Mehr weiß ich nicht, weil ich die Sprache nicht beherrsche. Aber der aggressive Ton hat sehr an den jungen Marokkaner erinnert und an den Moment, als der Student und er auf dem Präsidium aneinander vorbeigeführt wurden. Der Student, der Geduldete, ein Land, zwei Welten.

Und noch ein paar dazu. Ich will nicht groß darüber referieren, dass ich in meiner Stadt teilweise nicht mehr verstehe, was sich zuträgt, ich kann gerade noch die wichtigsten Sprachen anhand ihres Klanges auseinanderhalten. Aber es ist schon ein seltsames Gefühl, einer solchen Auseinandersetzung zwischen mindestens 15 Personen aus der Nähe beizuwohnen und die Emotionen zu spüren, die dabei auf negative Weise hochkochen. Nur eine Stunde zuvor war der Auftritt einer türkischen Musikgruppe, deren Mitglieder teilweise vom Präsidenten Erdogan inhaftiert sind, sodass nur einige von ihnen in Berlin zugange sein konnten, der emotionale Höhepunkt der erwähnten Veranstaltung.

Das ist nur ein kleiner Teil von meiner Realität, und diese ist ein ganz kleiner Teil der Gesamtrealität, zumal ich nicht allzu viele Migranten unter meinen persönlichen Kontakten habe. Es werden gerade mehr, immerhin, und das ist hier auch wichtig, um die (nähere Um-) Welt noch halbwegs zu verstehen. Ohne die eigene Anpassung, die Integration in migrantische Milieus hinein, funktioniert dieses  städtische Zusammenleben nicht mehr. Zumindest nicht, wenn man den Anspruch hat, anstatt einer wohlfeilen Ignoranz-Toleranz ein kritisches Verständnis zu entwickeln. Uns mehr um die Belange derer zu kümmern, die wir hierher eingeladen haben, das klappt auch besser, als das Umgekehrte zu verlangen. Denn eines ist leider bei allem, was ich täglich sehe, eine unausweichliche Feststellung: Wir haben die Kapazität eher, die ein notwendiges aufeinander Zugehen ermöglicht.

Wie es aussieht, wenn das nicht geschieht, sehen wir im Film. Es gibt, das macht die Zeitlupensequenz am Ende des Tatorts deutlich, nur Verlierer. Und zwei aufrechte Cops in Schwarz, die noch einmal dafür gesorgt haben, dass alles geklärt ist und keine Fragen offen bleiben. Den Kollegen Reisser hätten sie aber dazu nehmen können, der ist ja mittlerweile – sic! – so stark integriert, dass es wirkt, als solle er zum Nachfolger der beiden aufgebaut werden. Ihm auch einen migrantisch klingenden Nachnamen zu geben hat man schon verpasst, jedoch, richtig wäre dieser Schritt seiner Aufwertung auf jeden Fall, denn bisher gibt es keinen leitenden Ermittler in einer der 22 Tatort-Schienen mit Migrationshintergrund. In Hamburg lief das Experiment mit Cenk Batu, das hervorragende Fälle mit Einblicken vor allem in die türkische Community ermöglicht hat, aber dieser mutige und gelungene Ansatz wurde zugunsten der unsäglichen Tschillerei aufgegeben. Einer der größten Verlustposten der jüngeren Tatortgeschichte.

Nicht, dass „Wacht am Rhein“ ein hervorragend aufgebauter Film wäre, aber das ist ja mittlerweile kein Kriterium mehr, nach dem man Tatorte bewerten kann, sonst würde der Gesamtdurchschnitt der Anthologie ständig sinken. Das Konstrukt mit dem wirklichen Mörder oder per Unfall Töter des jungen Mannes ist ebenso an den Haaren herbeigezogen wie die sehr künstlich wirkende und über-überlange Part des von einem Marokkaner, welcher der Bürgerwehr angehört, angezettelte Entführung eines Landsmannes und wie dieser dann komplett unmotiviert seinen älteren Blutsbruder ersticht. Das alles nur, um das Grau so grau wie möglich wirken zu lassen und jedwede eindeutige Schuldzuschreibung zu verhindern. Der Realismus des Films liegt nicht in der Handlung, sondern in seiner Aussage begründet: Wir haben es mit einer äußerst komplizierten Lage zu tun. Wobei das Wort „äußerst“ wiederum zu hinterfragen ist, denn noch komplizierter geht immer, und da von allen Seiten weggeschaut wird, anstatt Probleme anzugehen, wird noch komplizierter auch kommen.

Und natürlich die Milieus, die finde ich, siehe oben, auch gut geschildert. Und der Film konzentriert sich auf sein Thema, es gibt keinerlei störende Einflüsse durch ausgewalztes Privates der Ermittler, nicht einmal die scheinintellektuelle Ausformung des vorwöchigen Tatorts „Land in dieser Zeit“ mit der Rezitation lautmalerischer Gedichte von Ernst Jandl. Nein, dies ist Köln pur, was Freddy und Max versprechen, hält der Fall wieder einmal, weshalb ich ihn trotz seiner vielen plottechnischen Fragwürdigkeiten auch wesentlich besser bewerte als den ebenfalls dem Rassismus, den Geflüchteten und speziell jenen, die mittlerweile einen Sammelbegriff haben, die Einwanderer aus Nordafrika, gewidmeten „Land in dieser Zeit“. Ob man mit diesen Tatorten, die nach der Grenzöffnung im September 2015, aber vor dem Berlin-Anschlag im Dezember 2016 entstanden sind, noch etwas Neues entnehmen kann, ist zwar fraglich, aber die Darstellung an sich ist anzuerkennen und nach wie vor wichtig.

Ob man künstlich auch Zeitnähe suggerieren muss, ist allerdings eine andere Frage. Wie kann in einem Tatort, der von Juli bis August 2016 gedreht wurde, vermeldet werden, dass Donald Trump Präsident der USA geworden ist? Dieses künstliche Drehen an der Aktualitätsschraube ist ein wenig albern und trägt nicht zur Seriosität des Werkes bei.

Fazit

Die Ängste und Aggressionen der Menschen, ihr verzwicktes Verhältnis zueinander in Problemvierteln deutscher Städte sind im Tatort 1007 recht gut aufbereitet worden und Freddy und Max führen uns gewohnt sicher durchs Thema. Wieder gilt: Die beiden sind von unschätzbarem Wert für die Darstellung sozialer Belange, in diesem Fall, auch denen unter uns, die sich nicht so leicht tun mit dem Thema des interkulturellen Zusammenlebens, dieses Thema näherzubringen und eine differenzierte Sichtweise darauf zu ermöglichen. Für viele Zuschauer ist der Tatort sogar das einzige Format, das eine gewisse Ernsthaftigkeit für sich beanspruchen kann und ihnen Menschen zeigt, die günstigerweise ziemlich echt wirken. „Wacht am Rhein“ ist diesbezüglich ein besserer Fall, wenn auch kein überragender Film. Er verfehlt sein Thema keineswegs, aber er bereitet es nicht mit der Spannung und der klaren, logischen Handlungsführung auf, die hier durchaus möglich gewesen wäre.

Wertung: 7,5/10

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Klaus J. Behrendt (Max Ballauf), Dietmar Bär (Freddy Schenk), Sylvester Groth (Dieter Gottschalk), Nadja Bobyleva (Nina Schmitz), Asad Schwarz (Adil Faras), Paul Herwig (Peter Deisböck), Omar El Saeidi (Baz Barek), Patrick Abozen (Tobias Reisser), Joe Bausch (Dr. Roth), Nina Schmitz (Nina Schmitz), Samy Abdel Fattah (Khalid Hamidi), Paul Falk (Lars Deisböck), Helene Grass (Katharina Deisböck), Karoline Bär (Tabea Fromm), Daniel Kuschewski (Mike Waschke), Mohamed Achour (Faruk).

Regie: Sebastian Ko
Drehbuch: Jürgen Werner
Musik: Kay Gauditz
Produktion: Sonja Goslicki

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