Bauernhopfer – Tatort 283 / Crimetime 64 #Tatort #Ehrlicher #Kain #MDR #Dresden

Crimetime 64 - Titelfoto © MDR

In jenen wilden Jahren*

Es gibt gute und schlechte Tatorte. Innovative und konventionelle Tatorte. Einfach gestrickte Thriller und vertrackte Rätselkrimis. Und es gibt die seltsamen Tatorte, die kuriosen. Und es gibt die Ehrlichrs. Zu letzteren beiden Kategorien zählt „Bauernopfer“ und wir entdecken gerade, dass die frühe Nachwendezeit (1993) noch eine Menge Überraschungen bezüglich der Reihe bietet.

Vielleicht kommt das Erstaunen daher, dass wir bisher mit Kain und Ehrlicher, den Dresdner Ermittlern von 1992 bis 2007, noch nicht sehr weit vorangekommen sind. Es ist aber auch die Verblüffung darüber, wie authentisch und skurril zugleich dieses Frühwerk der Ost-Tatortgeschichte wirkt. Wir haben uns mittlerweile einige alte DDR-Polizeirufe angeschaut, um ein Gefühl dafür zu erhalten, wie man im anderen Deutschland mit dem Thema Verbrechen und den sozialen Aspekten in dessen Sphäre umging und sind mit der Überzeugung aus der Sache herausgegangen, dass dieses Land sehr viel  mehr anders war als unseres als zum Beispiel das westliche Ausland. Die Art zu denken und zu Handeln war erkennbar von der Idee getragen, alles besser und ethisch neu machen zu wollen – und dabei wirkte man auf eine Weise konventionell  und simpel, dass sprachloses Starren auf den Bildschirm kaum eine adäquate Reaktion auf das Gezeigte war.

Wir wissen, in der Überspitzung liegt die Verdeutlichung und warum schreiben wir das? Weil die ersten Tatorte auf dem Boden der Ex-DDR noch erkennbar „Übergangsfilme“ waren. Da ist noch viel drin, was den Menschen in den nunmehr neuen Bundesländern vertraut wirken sollte, verkörpert z. B. in der Person des Kommissars Bruno Ehrlicher, der von Peter Sodann interpretiert wurde, der nicht nur Sachse, sondern – was sich aber erst später in vollem Umfang und für jedermann wahrnehmbar gezeigt hat, bekennender Ostalgiker ist.

Er hat sich dann politisch geäußert und auch da weht der Hauch der Geschichte und der Wunsch nach einem besseren System als dem aktuellen ganz aus dem Osten. Seine  Äußerungen belegen, dass seine Ehrlicher-Figur tatsächlich komplett ehrlich gespielt ist und genau dem dahinter stehenden Menschen entspricht (1).

Handlung, Besetzung und Stab

Als bei einem Dresdner Juwelier eingebrochen wird, ahnt das Kriminalistenteam Ehrlicher und Kain nicht, mit welchem gewieften und gefährlichen Gegner sie es zu tun bekommen werden.

Fassungslos reagiert Ehrlicher als ein Kollege aus Hamburg anreist, mit dem er an diesem Fall zusammenarbeiten soll. Bulisch arbeitet im Hamburger Sonderdezernat für organisiertes Verbrechen. Er vermutet, dass hinter dem Einbruch die Mafia steckt, dass es um Schutzgelderpressung, vielleicht sogar mehr, um Drogenhandel und anderes, geht.

Seit Jahren schon jagt er Mieth, einen Top-Mann des organisierten Verbrechens der Hansestadt. Und dieser Fall in Dresden bietet ihm die Chance, Mieth in die Hände zu bekommen. Auch wenn Ehrlicher begreift, dass die Mafia tatsächlich versucht, in Dresden Fuß zu fassen, bedeutet das für ihn, dass auch ein sächsischer Kommissar mit seinen Methoden und Erfahrungen die organisierte Kriminalität bekämpfen kann. Und so gestaltet sich die Arbeit an diesem Fall zugleich zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Kriminalisten, die sich in einigen Charakterzügen ähnlicher sind als sie es selbst wahrhaben möchten. 

Rezension

Der entscheidende Unterschied zu den Polizeiruf 110-Filmen bis zur Wendezeit ist, dass man schon das wiedervereinigte Deutschland besichtigen kann und in „Bauernopfer“ kommt es zu einer richtig witzig gemachten Konfrontation zwischen dem grantigen Ehrlicher und dem vor Aktivismus sprühenden Hamburger OK-Abwehr-Leiter Bullisch, gespielt von Heinz Hoenig. Das waren Zeiten, mag man sich heute denken, als die Begriffe Ossis und Wessis gerade erst aufkamen und man so herrlich auf den Putz hauen konnte wie in diesem trotz westdeutschem Regisseur erkennbar aus Ost-Sicht gestalteten Tatort.

Dass die Zeiten chaotisch waren und die offenen Grenzen die Organisierte Kriminalität (OK) Regisseure und Drehbuchschreiber zum Träumen brachten, das kann man ebenfalls im Tatort Nr. 283 sehr gut beobachten. Die höchst konstruiert wirkende Story um einen Juwelier und die Russenmafia, die weder wirklich verständlich noch zwingend ist, kann leider nicht überzeugen, trotzdem, und das mag für Leser, die häufiger in unserer TatortAnthologie stöbern, überraschend klingen, weil wir allgemein auf gute Storys Wert legen – dieser Film ist so schlecht nicht. Wir stellen dabei aber tatsächlich in den Vordergrund, dass er unglaublich gut den Geist einer neuen, verwirrenden , unsicheren und verunsichernden Zeit spiegelt. Man konnte die Strukturen, die neu entstanden, noch nicht mit griffigen Kategorien belegen und das in knappe und strukturierte Worte fassen, was sich gerade mit und in Deutschland ereignete. Die zu beobachtende Übergangsphase vom Autotelefon zum Handy ist beinahe symbolisch für den Aufbruch in eine neue Epoche und in Dresden-Tatorten wurde seitens des normalerweise Leitenden Ermittlers Bruno Ehrlicher noch gesächselt.

Das Interessanteste an „Bauernopfer“ ist demnach die Zeitgebundenheit der Darstellung einer bestimmten Thematik, gleich danach kommen die Figuren. Alle sind radikal vereinfacht und geradlinig, das gilt für ausführende ebenso wie für im Hintergrund arbeitende Organe der OK russisch-tschetschenischer Prägung, das gilt aber auch für dubiosen Juweliere und die Ermittler. Nur der Hamburger kommt stellenweise zwielichtig herüber, so dass wir hin und wieder dachten, am Ende wird er gemeinsame Sacht mit dem gezeigten Verbrecherclan machen. Doch so weit wollte man mit den Wessis nicht gehen, dass selbst die aus dem Altgebiet der BRD kommenden Poliziste nicht nur viel Wind machen und sich etwas oder etwas mehr arrogant aufführen, sondern dass sie auch noch mit Verbrechern gemeinsame Sache machen.

Morde gibt es, atypisch, erst gegen Ende des Films, wenn man vom Hund des Juweliers absieht, dann aber gleich zwei. Im Grunde hätte die Mordkommission mit dem ursprünglichen Fall gar nichts zu tun gehabt, oder gab es damals noch Kommissariate, die für Delikte am Menschen gleichermaßen wie für Vermögensstraftaten zuständig waren? Möglicher, sicher aber tat bei der Dresdner Polizei 1993 noch das eine oder andere Fahrzeug aus DDR-Bestand Dienst – und selbstredend hatten viele Polizisten die Wende im Dienst überstanden.

Fazit

Auch dieser Tatort ist, ungeachtet seines verzwickten und nicht sehr schlüssigen Plots ein gesellschaftspolitisches Lehrstück und atmet den Duft der wilden Nachwendezeit so stark, dass zumindest jeder, der damals schon bewusst durch die Welt lief, eine Erinnerungsatmosphäre empfinden dürfte, stärker vermutlich, wenn er aus der ehemaligen DDR kommt.

Langweilig ist der Film auf keinen Fall und wir halten ihn für einen der wichtigen aus bisher beinahe 900, welche uns seit mehr als 40 Jahren begleiten und manchmal viel über uns selbst und die Entwicklung des Landes erzählen, in dem wir  geboren worden und aufgewachsen sind und in dem die meisten von uns nach wie vor leben. In einer der Figuren, die in solchen Tatorten wie „Bauernopfer“ vorkommen, finden wir bei näherem Hinsehen gewiss auch etwas von selbst wieder und  mit einem kleinen Aufschlag für das Ostwest-Feeling, zu dem auch die realpolitische Seite des Hauptdarstellers Peter Sodann gehört und obwohl dieser von Heinz Hoenig im Tatort 283 etwas an die Wand gespielt wird, geben wir 7,5/10.

  • Zum politischen Engagement von Peter Sodann : Am 4. Juli 2005 kündigte Sodann an, als parteiloser Spitzenkandidat auf einer offenen Liste der PDS, die später in der Partei Die Linke aufgegangen ist, in Sachsen zur Bundestagswahl 2005 zur Verfügung zu stehen. Zwei Tage später zog er seine Ankündigung zurück, da eine Kandidatur und gegebenenfalls ein späteres Mandat aufgrund der Chancengleichheit gegenüber allen Bewerbern nicht mit einer medialen Präsenz vereinbar seien. Schauspieler und andere Mitarbeiter, die zu einer Wahl antreten, dürfen nach internen Richtlinien der ARD sechs Wochen vor der Wahl als Bewerber um ein Mandat oder als Mandatsträger nicht im Fernseh- oder Hörfunkprogramm als gestaltende Personen (Schauspieler, Moderatoren usw.) der ARD auftreten.
  • Am 14. Oktober 2008 gab Die Linke bekannt, dass Sodann im Mai 2009 als Kandidat der Partei für das Amt des Bundespräsidenten antreten werde. Teils heftige Kritik gab es in den Medien unter anderem an Sodanns Zweifel im Oktober 2008, ob die Bundesrepublik Deutschland demokratisch sei. Sodann lobte das Grundgesetz und sagte, er sehe die Demokratie in Deutschland heute jedoch als „schwächelnd“ beziehungsweise keine „richtige Demokratie“ an. Sodann erläuterte dies damit, dass seiner Ansicht nach in der deutschen Politik die Würde des Menschen (Artikel 1 des Grundgesetzes) nicht ernst genommen werde.[7][8]
  • Im Oktober 2008 erregte Sodann Aufsehen mit der Äußerung, dass er, wenn er nicht nur im „Tatort“ Kommissar wäre, den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, verhaften würde.
  • Am 23. Mai 2009 erhielt Sodann in der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten 91 Stimmen (zwei Stimmen mehr als Die Linke Delegierte hatte). Der bis zum 31. Mai 2010 amtierende Bundespräsident Horst Köhler (CDU) gewann die Wahl im ersten Wahlgang. Bei der Bundestagswahl 2009 rief Sodann öffentlich zur Wahl der Partei Die Linke auf.

*Dieses Mal müssen wir doch einen Nachtrag aus der Sicht von 2018 schreiben. Nicht nur, weil die Zeiten gerade wieder ziemlich wild sind, in Sachsen, sondern weil man an Dispositionen wie den Film gezeigten und bezüglich der Darsteller besprochenen auch einen von mehreren Gründen ausmachen kann, warum das so ist. Da wir mittlerweile bezüglich der Ehrlicher-Tatorte, in die wir recht spät eingestiegen waren, erheblich weitergekommen sind, würden wir manches, was wir in dieser Rezension geschrieben haben, heute etwas dämpfen und in einen größeren Zusammenhang stellen. Die starke Abgrenzungstendenz, die man aus dem Geschriebenen herauslesen kann, hatte damals durchaus persönliche Gründe, die heute nicht mehr eine so große Rolle spielen – aber zumindest in dieser ersten ersten veröffentlichten Variante (diese Kritik wurde bisher nie gezeigt und war seit 2013 im Archiv verwahrt) soll der Originaltext fast unverändert erhalten bleiben, denn für eine Neubewertung müssten wir den Film auch wieder anschauen – und dazu werden wir wohl dieses Mal nicht die Zeit haben. Auch die Headline „In jenen wilden Jahren“ haben wir nicht geändert.

Aber nun sind nicht 20, sondern 25 Jahre vergangen, seit er produziert wurde und die Nachwendezeit, die ich sehr wohl intensiv miterlebt habe, hat schon beinahe etwas Mythisches und es wird Zeit, sie endlich aufzuarbeiten, um einige Phänomene zu verstehen, die uns heute beschäftigen.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Kommissar Kain – Bernd Michael Lade
Drätsch – Vadim Glowna
Bulisch – Heinz Hoenig
Metkovic – Ludger Burmann
Gurkow – Ercan Inci
Wiktorija – Vera Tschechowa
Mieth – Jürgen Reuter
Constanze Drätsch – Angela Sandritter
Polizeipräsident – Rolf Dietrich
Sauerbruch – Michael Meister
Portiersfrau – Elke Bille
u.a.

Drehbuch – Vadim Glowna
Regie – Vadim Glowna
Musik – Christof Krohne, Jörg Schoch, Frank Hübner
Kamera – Jörg Seidl

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