„In der Sammlungsbewegung steckt eine Chance“ – Simone Lange, SPD (Der Freitag) / #Aufstehen #SimoneLange @SimoneLange #Wagenknecht #Lafontaine #Bewegung #Sammlungsbewegung #SPD #Nahles #Chemnitz

2018-08-23 Dossier Aufstehen V 2.0

Analyse 12

Schon wieder ein Beitag zu „Aufstehen“?

Eigentlich wollte ich  heute Abend zu einer Diskussion Wagenknecht / Kühnert / Augstein, aber dann  hat unser Bezirksvorsitzender (in der LINKEn) uns diesen Beitrag zum Lesen empfohlen, was soll ich also machen, als braver Parteigenosse?

Ein Scherz, oder?

Absolut nicht – ganz. Wir werden noch lange Zeit hier die Kräfte bündeln und andere Themen zurückstellen müssen, weil sich  jeden Tag mehrere Politiker_innen zu #Aufstehen äußern und die Selbstverpflichtung, das Dossier zu „Aufstehen“ weiterzuführen, die steht erst einmal. Und dieser Beitrag hat wieder einen Umfang und einen Duktus erreicht, durch den ich ihn ins Feature „Analyse“ einordnen werde. Ich gehe also stellenweise übers betrachtete Lange-Interview hinaus ins Generelle, vor allem das Wesen der Bewegung betreffend, um das Lange sich Gedanken macht.

Kühnerts und Augsteins Ansichten kenne ich oder kann sie mir ausmalen und vielleicht gibt’s ein Video von der Diskussion. Und was Augstein angeht – im Moment nehme ich jeden Grund, um mir den Multimillionär, der Immigrationssteigerungen fordert und sie durch Sozialleistungskürzungen finanzierbar machen will, nicht ansehen zu müssen. Dafür verzichte auch mal auf Sahra Wagenknecht. Ich brauche nach Chemnitz etwas innere Balance, die finde ich sicher nicht im Angesicht von Schnöseln wie Augstein junior, die immer weitere Wählerkohorten nach rechts treiben.

Warum ist das Statement von Simone Lange, der Oberbürgermeisterin von  Flensburg, so interessant?

Weil sie eine aktive Kommunalpolitikerin der SPD ist und dadurch einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat, dass sie gegen Andrea Nahles angetreten ist, als es um den SPD-Parteivorsitz ging. Fand ich übrigens klasse, denn Nahles wählen, heißt, den Niedergang der SPD perpetuieren. Lange kenne ich bisher kaum, daher ist sie für mich wesentlich spannender als jemand, der seit Jahren nichts etwas getan hat, was der SPD von Nutzen gewesen wäre.

Zuletzt haben Michael Brie und Dieter Klein „kritische Solidarität“ gefordert  – Lange will nun kritisch  mitmachen?

Sie kann ja nicht hingehen und sagen: Genau so ist es, Sahra. Sie ist immer noch SPD-Politikerin. Ich halte das, was sie sagt, aber nicht oder nicht nur für taktisch, sondern auch für ihre Meinung, sonst wäre sie nicht gegen Nahles – aufgestanden. Sie hat also schon vorgemacht, wie man aufsteht. Gute Idee von Sahra Wagenknecht, mit ihr zu sprechen, prinzipiell zumindest.

Wird Simone Lange ein Gesicht der Bewegung? Bei der Gründungspressekonferenz am 04.09.18 war sie dabei und stand Journalist_innen Rede und Antwort.

Ich wusste von Langes Teilnahme vorher nichts, aber das war doch eine positive Überraschung, weil sie die SPD-Linie verkörpert, die leider nur noch eine Minderheit in der eigenen Partei ist. Eine recht sozialdemokratische Linie. Wie es im Namen steht, nur haben das die Genoss_innen meist vergessen, inklusive Kühnert, der sich noch gerade rechtzeitig auf die Seite der Altvorderen und des Mainstreams geschlagen hat. Der Revoluzzer für einen Tag gegen die GroKo, der sie mitgetragen hat, als er Nahles wählte. Auch deshalb: Was sollte der mir heute Abend schon viel Neues bieten? Er muss ja diese Linie nun gegen Wagenknecht verteidigen. Und Wagenknecht selbst – ja, wir werden die gestrige Pressekonferenz analysieren, da steckt genug an Aktuellem drin.

Lange selbst hat sich erst vor ein paar Wochen entschieden, „Aufstehen“ zu unterstützen. Will sie die SPD auf ihre Linie bringen, wie es Wagenknecht mit der LINKEn versucht?

Ich glaube nicht, dass man das vergleichen kann. Wagenknecht ist in der LINKEn doch eine prominentere Figur als Lange in der SPD. Die SPD kann notfalls auf Lange verzichten, DIE LINKE auf Wagenknecht kaum. Aber: Lange wird ja durch diese Beteiligung an „Aufstehen“ auch bekannter werden und die Wähler beobachten sie nun mehr. Und je mehr sie dort hervortritt, desto wichtiger wird sie für die SPD. Eine Win-Win-Situation, würde ich sagen. Momentan jedenfalls noch.

Die kritische Distanz liegt also darin, dass sie sagt, warten wir ab, was passiert, einen Versuch ist es wert.

Sie riskiert politisch nicht so viel wie Wagenknecht, das ist die andere Seite. Noch nicht, jedenfalls. Aber sie grenzt sich auch in der Migrationsfrage ab, da liegt für mich der erste Kritikpunkt von ihr. Wenn „Aufstehen“ sich vor allem um soziale Belange kümmern wird, ist es aber möglich, diesen Unterschied zu – überbrücken. Wie eine Seebrücke.

Es darf aber keine Wagenknecht-Initiative sein, sagt Lange.

Ist es aber. Alle, die da mitmachen, sollten sich keinen Illusionen hingeben: Sie zieht die Bewegung und es kann nur eine Lokomotive geben. Okay, bei ganz langen, schweren Zügen gibt es auch mal zwei, aber mehr als zwei vorne habe ich noch nie gesehen. Und die Nr. 2 kennen wir alle. Es ist Oskar Lafontaine.

Das ist jetzt aber ein sehr vereinfachtes Bild.

Oh nein. Das ist ein Bild davon, wie es laufen könnte. Klar darf jeder mitmachen, aber da liegt auch ein wesentlicher Kritikpunkt meinerseits an der Pressekonferenz von gestern: Wagenknecht wurde gefragt, ob sie ja nicht doch das Gesicht des Ganzen sein werde und an der Spitze bleiben wolle. Sie antwortete wörtlich, ich muss das keine hundert Jahre machen. Was sagt uns das psychologisch? Ganz einfach: Zwanzig Jahre sind allemal drin, dann bin ich knapp 70. In der Übertreibung liegt die wirkliche Absicht zutage. So musste sie nicht lügen und hält sich doch alles offen, was ein normales Menschenleben noch bringen kann. Es muss den anderen in der Bewegung einfach klar sein, dass sie der Star ist, sonst wird es nicht funktionieren. Deswegen halte ich auch den Teil mit der Talentförderung etc. auf der PK – sagen wir mal, für grenzwertig.

Und ich hoffe, Simone Lange ist klar, dass Talentförderung in der Bewegung nicht heißt, dass a.) jemand einfach so an Wagenknecht vorbeimarschieren und sich an die Spitze stellen kann und dass b.) sicher nicht zugelassen wird, dass die Programmtik wieder dieselben Tücken aufweist wie die derzeitige der LINKEn, in der einiges nicht sehr kohärent ist. Ich spreche nicht vom Grundprogramm, sondern vom Bundestagswahlprogramm 2017 und dem Leitantrag der Kipping-Fraktion auf dem Parteitag 2018, der uns nicht erklärt, wie Open Borders funktionieren soll. Und falls Lange es so will, soll sie Flensburg zur Musterkommune dafür machen, wie es gehen könnte. Und gegenüber Geflüchteten im Rahmen des Asylrechts hat auch Wagenknecht eine offene Einstellung, ich muss das nicht – oder doch. Jedesmal wieder schreiben. Schreiben ja auch genug Leute Unsinn und schmeißen absichtlich alles in einen Topf. Das ist bei uns mittlerweile „Qualitätsjournalismus“.

Eine Frage lautet „Anders als Wagenknecht würde Lange zu Chemnitz Stellung beziehen“.

Das Interview wurde ja schon vor der gestrigen Gründungs-PK von „Aufstehen“ geführt, möglich, dass es entstand, bevor Wagenknecht via Linksfraktion im Bundestag dieses Video hat fertigen lassen. Mittlerweile hat Sahra Wagenknecht also klar Stellung bezogen und auch das Aufruf-Video mit der Rede von Chaplin als Großer Diktator enthält eine Botschaft dazu. Sehr interessante Projektion übrigens. Es ist klar, was da drin steckt. Wagenknecht sieht sich gewissermaßen in seiner Nachfolge. Und nicht in der von Nationalisten. Ich weiß nicht, ob Chaplin für Open Borders gewesen wäre, hätte damals überhaupt jemand eine solche Idee gehabt. Ich glaube, es geht darum, es überall besser zu haben und nicht darum, dass ein Land alle aufnimmt, die überall unterwegs sind und dann nicht weiß, wie die Lage zu beherrschen sein soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Kommunalpolitikerin das wirklich anders sieht.

Lange hält die Parteien als Organisationform für überholt. Die Bewegung ist die neue Partei.

Ich kann Langes Analysefähigkeit noch nicht einschätzen, aber da hat sie was gesagt. Wir haben eine Parteiendemokratie. Alle Funktionsträger auf nationaler Ebene werden indirekt gewählt, das ist im Parteiengesetz so festgelegt. Und alle sogenannten Bewegungen außerhalb Deutschlands, die immer als Vorbilder genannt werden, kanalisieren alles auf Parteiebene. Corbyns „Momentum“ hilft ihm, Labour voranzubringen. Mélenchons „La France insoumise“ ist selbst eine Partei, die im Präsidialsystem Frankreichs dafür sorgen soll, dass er persönlich vorankommt. Bernie Sanders konnte nicht Präsident der USA werden, weil seine eigene Partei, die Demokraten, es nicht zugelassen hat. Die bewegungsähnlichen Parteien im Osten, die ja alle eher recht sind, sind Parteien, was sonst. Podemos von links, die Lega von rechts in den romanischen Ländern, Parteien. Nur das Layout unterscheidet sich, nicht die Institutionalisierung, deren es bedarf, um Macht zu erlangen.

Also nichts mit Basisdemokratie per Digitalisierung?

Die Piraten haben vorgemacht, wie es nicht geht. Alles Humbug, kurz gesagt. Ob ich tausend Diskussionszirkel live veranstalte oder per Chat, allein der Koordinationsaufwand ist doch riesig. Das Delegiertensystem ist hingegen klar hierarchisch angelegt und funktioniert. Ob es in einer Partei wie der LINKEn die Besten nach vorne bringt, ist eine andere Frage. Aber das liegt an der Art, wie aufgestellt wird, nicht am Funktionärssystem an sich. Da könnte man Dinge schneller, transparenter, klüger, talentorientierter machen, keine Frage. Und auch das schreibe ich nicht erstmalig: Die Grünen mussten viele basisdemokratische Strukturen kippen, um als Partei langfristig eine Chance zu haben.

Das klingt ja deprimierend Old School.

Für mich nicht. Entweder findet „Aufstehen“ ihre Funktion als Wächterin über die Parteien, das fordere ich für DIE LINKE sowieso, oder sie wird selbst Partei, wenn die anderen nicht endlich sozial voran machen. Und dann geht die Post ab. Nein, wirklich, das glaube ich. Ich traue „Aufstehen“ auf Anhieb zweistellige Ergebnisse zu. Einen schnelleren Aufstieg als den der AfD, wenn der Vergleich erlaubt ist. Denn mit „Aufstehen“ können sich auch mittige Menschen wohlfühlen und in Wagenknecht ist eine Kontinuität in der Führung für Jahre gesichert. Und deswegen ist sie ja auch so wichtig. Sie kann in Deutschland binnen eines Jahres politische Nummer Zwei im Land werden. Das wird sie sich doch nicht durch eine Basisdemokratie, durch einen mühsamen Findungsprozess, verscherzen. Deswegen meine dringende Empfehlung, keine Basisdemokratie zu installieren oder, noch schlimmer, vorzuspiegeln. Mir ist klar, dass mit dieser Erzählung Menschen wie Lange an Bord geholt werden sollen, aber das kann sehr ins Auge gehen, wenn die merken, dass es sich doch um eine Wagenknecht-Bewegung handelt. Ich glaube, alten Hasen wie Ludger Vollmer, der gestern auch dabei war, ist das auch klar, der hat nämlich die chaotischen grünen Jahre mitgemacht und daran mitgewirkt, dass die Grünen mehr Struktur bekommen, während Lange in den schmäler werdenden, aber doch solide vorgezeichneten Bahnen der SPD gelebt hat. Deswegen halte ich seine Mitarbeit bei „Aufstehen“ auch für mehr abgesichert und tiefer durchdacht.

Spielt uns bei der Betrachtung nicht der eigene Strukturkonservativismus einen Streich?

Das will ich nicht hoffen. Wäre „Aufstehen“ ein mächtiger Ruck, der durch die Gesellschaft geht, ein Schrei der Unterdrückten, wie die Civil Rights Bewegung in den USA es war, würde ich das anders sehen. Sie hatte auch schon früh einen Martin Luther King, aber er kam aus der Bewegung, das ist ein anderer Weg. Der Unterschied ist doch klar. Und ich kann es nicht oft genug schreiben, ohne Wagenknecht, und zwar an der Spitze, wird „Aufstehen“ nie groß werden. Ich versuche wirklich, das erfolgsorientiert zu sehen und nicht ideologisch. Was haben denn all diese kleinen sozialen Bewegungen, die so furchtbar anders sein wollen als die personenorientierten Parteien, zuwege gebracht?

Aber Lange sagt gleichzeitig, etwas wie „Aufstehen“ kommt nicht alle Tage. Man muss es nutzen.

Genau. Es kommt nicht alle Tage, weil es nicht alle Tage jemanden gibt, der es glaubwürdig verkörpern kann. Ich schrieb einmal, erst am Ende aller Tage kommt nichts mehr, aber wenn „Aufstehen“ scheitert, wird es Jahre dauern, bis die Enttäuschung vieler darüber neuer Hoffnung weichen kann und dann muss es wieder einen neuen Hoffnungsträger geben. Das klingt vielleicht etwas messianisch, aber das ist Psychologie. Die größte Bewegung aller bisherigen Zeiten hat übrigens ein Typ namens Jesus gegründet und zu ihm sind die Leute gepilgert in Scharen, wenn er sich auf einen Berg gestellt und kluge Sachen gesagt hat – der hat sich nicht mit der Basis rumgestritten, ob er das Wort Gottes nun so oder oder anders verkünden darf oder muss. Nicht mal seine Apostel waren gleichberechtigte Funktionäre, sondern Fans von ihm. Aber sie waren dann ganz wichtig für die Verkündung der Botschaft, wie wir wissen. Deswegen: Die Politiker_innen, die mitmachen, haben eine sehr wichtige Funktion. Aber als Egoshooter dürfen sie ihr Engagement natürlich nicht betrachten.

Es war seine Mission, eine neue, faire und humanistisch orientierte Religion zu stiften. Was die Kirche draus gemacht hat, ist etwas anderes, aber am Anfang war genau dies: Eine große Vision, die ein großer Wille und eine weltweite Bewegung wurde. Und damal gab es keine Missionar, die halb mit Gewalt das Christentum in Kolonien verbreiten konnten, im Gegenteil: Christen wurden unterdrückt von der Macht, die in ihrem Pazifismus eine Gefahr sah.

So wie echte Linke heute.

In Deutschland werden echte Linke mit einer Idee und mit realistischen Ansätzen von allen Seiten gebasht, das reicht im Medienzeitalter, um es sehr schwer zu haben. Was ist die Alternative? Bleiben wir mal in den Zeiten von Christus. Und schauen wir uns „Das Leben des Brian“ von den Monty Pythons an, der ja in dieser Zeit spielt. Da sitzen ein paar zerstrittene Linksrevolutionäre auf einer riesigen Tribüne und beschimpfen sich alle gegenseitig als Spalter. Kein Publikum, im Stadion, nur Nabelschau der Cluster-Revoluzzer. So wie in gewissen deutschen Parteien, in denen jeder mitreden darf und niemand sich über das Klein-Klein erhebt. Das hat keine Strahlkraft und das bringt keine Mehrheiten. Die Bürgerlichen, bei allen ihren Fehlern im inhaltlichen Bereich, machen diesen Kardinalfehler zumindest nicht, sich nicht hinter einer Person wie Angela Merkel zu vereinigen. Und mal ehrlich, inhaltlich, als Persönlichkeit und optisch: Was Merkel kann, sollte Wagenknecht doppelt können.

Ist Politik wirklich fast nur Marketing?

Ich muss über Marxist_innen in der Schmollecke grinsen, die nicht verstehen, wie Menschen ticken, wenn sie sagen, die Werbeindustrie kann weg. Nichts dazugelernt aus dem „Realsozialismus“. Natürlich muss etwas Richtiges dahinterstehen, für das geworben wird, aber das muss jemand unter die Leute bringen, der es kann. Seit wann ist es falsch, für etwas Gutes zu werben, denn so heißt es doch? Und wenn man das tut, ist doch gute Werbung besser als schlechte.

Wir sind alle manipulierbar. Wer das Gegenteil behauptet und glaubt, er sei quasi objektiv-unabhängig von allein Einflüssen und von seinen biografischen und herkunftsmäßigen Konditionen, die wiederum Erzählungen transportieren, an denen Außeneinflüsse andocken können, der ist ein Psychologie-Nerd. Und Politik und Produktmarketing funktionieren nicht ohne Psychologie. Die Psychologie von „Aufstehen“, das Bild davon, ist für mich kein Urklumpen, aus dem sich irgendwann in Jahren etwas Erkennbares heraustransformiert, das noch niemand kennt und einschätzen kann  – sowas macht die große Mehrheit eher vorsichtig. Sondern es ist alles schon da und es heißt Sahra Wagenknecht. Die Chance von „Aufstehen“ ist auch die Geschwindigkeit, der Vortrieb, den man mit dem personalisierten Modell erzielen kann.

Aber es ist ein niedrigschwelliges Angebot, wie Lange es nennt, mit dem man gegen Rechts laufen kann.

Es ist ein niedrigschwelliges Angebot, das man nicht mit gewaltigen Findungsprozessen belasten sollte, aber eines ist es hoffentlich nicht: Ein Antifa-Verstärkungsmodul. Gegen den Faschismus zu Felde zu ziehen, dafür ist die Antifa da und sie soll schauen, dass sie größer wird. Die Gefahr besteht nämlich auch, dass die Bewegung missverstanden oder missbraucht wird, um sich falschen Zielen zu widmen. Anders übrigens, wenn sie doch Partei würde. Dann müsste natürlich auch der für eine linke politisch-institutionalisierte Kraft wichtige Antifaschismus ein ihr innewohnendes Element sein. Mir wäre es am liebsten, „Aufstehen“ würde sich, solange sie eben „im Vorfeld“ der Parteien angesiedelt ist, wie Lange es nennt, klar als soziale Bewegung definieren und nichts sonst, damit keine Missverständnisse aufkommen. Denn die Bewegung – Achtung, jetzt was Wichtiges! -, sie ist für die Wähler_innen da. Für sie vor allem, die nicht in ihr verortet sind, für die sie aber aufrichtig kämpfen soll, die gar nicht die Kraft haben, jeden Tag aufzustehen und den Kampf selbst zu führen – und dann kommen erst die Mitglieder, die ja alle genau das noch können, fürs bessere Ganze eintreten.

Wenn Simone Lange vom Linksliberalismus redet, hat sie da nicht was missverstanden?

Nach meiner Auffassung schon. Denn linksliberal hat nie am System gearbeitet. Aber das ist typisch, wenn man in der heutigen SPD großgeworden ist, dass man den Hasen noch nicht gesichtet hat, geschweige denn ahnt, wo er langläuft, wenn man weiterhin „liberal“ denkt. Wo heute noch sozialliberal denkende FDP-Mitglieder herkommen sollen, erschließt sich mir nicht. Die sind doch im Wesentlichen schon 1982 zur SPD oder in die innere Diaspora. Die heutige FDP und „Aufstehen“ haben, von der AfD abgesehen, die wenigsten Schnittstellen im gesamten Parteienspektrum.  Apropos Schnittstellen:  Obwohl ich nicht zum Kipping-Flügel in der LINKEn gehöre, hatte ich mit der AfD beim letzten Wahl-O-Mat die geringste Übereinstimmungsquote von allen Parteien. Was sagt uns das über Wagenknecht, wenn man ihr gesamtes Setting anschaut und wir davon ausgehen, dass ich ihre Positionen zu über 80 Prozent teile?

Die SPD soll „Aufsehen“ nicht abstoßen.

Weshalb wohl äußern sich neuerdings führende Politiker der LINKEn dezenter als bisher zur Bewegung? Weil sie nicht wollen, dass die Konfrontation der Partei und ihnen selbst schadet. Gleiches gilt für die SPD. Jetzt ist es zu spät, drüber zu weinen, was man selbst alles hätte besser machen können, um diese ziemlich defensive Aufstellung zu verhindern. Viele Jahre hatte man Zeit, etwas zu ändern, man wollte es nicht. Und, nein, mit Nahles an der Spitze wird sich die SPD nicht selbst regenerieren. Sie ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Dieser klassische Satz musste jetzt mal. Die allerneueste Umfrage von INSA, die gerade heftig diskutiert wird, sieht erstmals die AfD vor der SPD (16/17 Prozent). Es gibt Umfragen, in denen es nicht ganz so übel ausschaut, aber was für ein Desaster für eine neue Parteivorsitzende. Von Aufstehen innerhalb und für die SPD keine Spur.

Etwas Generelles: Könnten Parteien ihren Mitgliedern verbieten, auch bei „Aufstehen“ aktiv zu sein? Diese Frage wurde ja an Lange gestellt.

Wenn die Parteien so dumm sein sollten, Zwangsausschlüsse zu produzieren, zumal sie gar nicht überprüfen können, ob jemand auch bei „Aufstehen“ ist, sofern er nicht sichtbar tätig wird, haben sie ihren Untergang wirklich verdient. Natürlich auch hier: Solange „Aufstehen“ nicht selbst Partei wird und daher die Mitglieder zu einer Entscheidung zwingt.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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