Wir erklären jetzt mal dem #Lautsprecher Heiko Maas, wie Arbeit gegen Rechts wirklich geht / #Maas #HeikoMaas #lautgegenrechts

Heiko Maas, der deutsche Außenminister, sagt, die Menschen sollen lauter werden gegen Rassismus und Nazis. Was ist davon zu  halten?

Ein Statement wie dieses liegt nach Chemnitz ooch sowas von auf der Hand. Aber der Auslöser für meine Befassung damit ist diese auf MEEDIA erschienene Replik, die derzeit einige Beachtung findet. Ich möchte hier nicht aufs Durchdeklinieren von privaten Räumen eingehen, der Teil der Replik ist mir zu banal – und stimmt auch nicht ganz, ich habe sehr wohl Freunde, mit denen ich über Politik diskutiere. Und zwar sehr offen. Die Vereinbarung ist, dass wir immer den gegenseitigen Respekt wahren und nicht anfangen – genau: laut zu werden oder uns gar nicht mehr zu mögen. Es kam auch schon vor, dass es laut wurde und man eine Zeit gebraucht hat, bis man sich wieder in die Augen sehen konnte. Da waren aber dann doch in der Regel keine polistischen Gründe ausschlaggebend.

Wie sieht es mit dem echten laut werden aus?

Die die meisten sind mit ihrer „Haltung“ doch Mitläufer. Ich kann, solange ich eh nur in der eigenen Blase verortet bin, problemlos mein Profilbild auf Facebook mit „Wirsindmehr“ überkleben, weil ich eh keine Freunde oder Feinde habe, die darauf so richtig hart reagieren und mich mit einem Shitstorm überziehen könnten.

Was ist daran laut? Was zeigt das schon, außer, dass man sich selbst ethisch schönpinselt mit einer Aussage, die in etwa so bahnbrechend ist wie das Meer mehr ist, weil es nun mal 70 Prozent der Erdoberfläche bedeckt. Das ist eine reine Salonhaltung. Schon ein wenig anders, wenn mir jemand im Wahlberliner eine dezidierte Replik schreibt und damit rechnen muss, dass ich nochmal zurückschreibe – und wir sind in einer Dikussion. Das ist der Anfang, aber laut ist es natürlich auch nicht, es sei denn, es steigen krawalligere Personen mit ein. Dann ist es nicht laut im akustischen Sinn, aber es kann etwas mehr ins Eingemachte gehen. Und beim Rock gegen Rechts am letzten Montag waren diejenigen, die das Mikrofon ergriffen, um ziemlich ritualisiert klingende Statements abzugeben und natürlich die Musiker am lautesten, für die anderen war es mehr oder weniger ein Event. Satiriker haben darüber gelästert, dass die Nazis das alles geplant haben, um mal umsonst bekannte deutsche Musiker höre zu können und sich dann in Zivil unter die Zuhörer gemischt haben. Das ist überspitzt, aber in der Pointierung kommt ja meist auch eine Wahrheit deutlicher zum Ausdruck.

Ist es das, was Heiko Maas mit „lauter werden“ meint?

Vielleicht sind es die Journalisten und Meinungsmacher, die ethisch hoch fliegen wollen und als Bettvorleger des Kapitalismus enden, der mit für die miese Grundstimmung im Land verantwortlich ist und immer mehr Leute ratlos, perspektivlos oder mindestens dauergestresst zurücklässt. Manche merken dabei gar nicht, wie aggressiv sie werden und mit Pech richtet sich alles noch gegen sie selbst und sie wechseln nach depressiv, weil sie irgendwas mal nicht so schaffen, wie der Chef oder Angela Merkel es gerne hätten. Da wird ein riesiger Druck aufgebaut und auch noch ständig moralisch verstärkt. Es wird einen Grund haben, dass immer mehr Menschen das alles eben nicht mehr schaffen.

Wer könnte aber ein gutes Beispiel sein?

Heiko Maas natürlch. Er hat es gesagt. Er macht es wie Merkel, er sagt „wir“, wenn er „ihr“ meint. Das ist jetzt sowieso die neue Masche, durch das „wir“ eine Art Gemeinsamkeit herzustellen, die es in Wirklichkeit auf keiner Ebene gibt.

Was verbindet den durchschnittlichen Arbeitsmenschen schon mit Heiko Maas, der nie was anderes als Politik gemacht hat? Auch mit Angela Merkel konnten sich viele 2015 nicht identifizieren, weil sie kein glaubwürdiges Vorbild ist. Sie hatte sogar in einem Interview gesagt, sie würde bei sich keinen Geflüchteten aufnehmen, die dafür vorgesehenen Systeme würden das schon schaffen. Ich verüble ihr persönlich nicht, dass sie keinen Geflüchteten im Kanzleramt beherbergt, aber dass sie alle ins Boot nehmen will außer sich selbst. Ich stelle mir gerade vor, wie Heiko Maas nun, um seinem „Wir“ mal sowas wie eine Tat zu unterlegen, in eine Nazikneipe in Ost-Lichtenberg geht und dort mal so richtig laut wird. Sicher nicht ohne fünf Personenschützer, aber er käme gar nicht auf die Idee, da überhaupt hinzugehen. Maas ist ein typischer Rhetoriker, um es vorsichtig auszudrücken.

Und ein schlechter manchmal auch: Mit seinem ersten Özil-Tweet vom Millionär im Ausland, der sicher nicht repräsentativ für den Durchschnittsmigranten ist, hat er die Debatte zusätzlich befeuert. Von der falschen Richtung natürlich. Aber was schert mich mein Getweet von gestern, wenn ich heute wohlfeile Sätze von mir geben kann und glaube, dadurch wird wirklich die SPD mehr gewählt.  So durschaubar, so ranzig, so – billig.

Nehmen wir mal an, man sollte trotzdem laut werden, was ist dabei richtig?

Ich war schon auf Anti-Nazi-Demos, da waren wir dann alle mal ein bisschen laut oder auch  lauter ich dachte so bei mir: Supertolle Aktion, wir stehen, durch einen Polizeigürtel hübsch getrennt, mit 20.000 Leuten gegen 1.000 Rechte unterschiedlicher Ausprägung und schreien sie aus der Ferne nieder.

Die waren übrigens nicht laut und so richtig harte Nazis habe da auch nicht gesehen, das muss man einfach mal festhalten. Und es kam noch was hinzu: Es war eine „Merkel-mus-weg-Demo“, gegen die wir da laut wurden.  Und seit Merkel an der Macht ist, denke ich immer nur: Merkel muss weg. Nur anders halt. Ich weiß nicht, wie viele von uns in dem Moment, als wir die anderen niederskandierten, in einem solchen Dilemma waren wie ich. Natürlich rief niemand: Merkel bleibt!, das ist ja der Schlachtruf der gentrifzierungsgefährdeten Mieter_innen in Berlin: Kalle bleibt! Wir bleiben alle! In Wirlichkeit müssen viele Mieter weichen und die Berliner Mischung geht in die Grütze, aber Merkel bleibt, die das alles verantwortet. Wie viele von uns haben in dem Moment darüber nachgedacht, wie sie sich von dieser Frau und ihrer unwürdigen Politik instrumentalisieren lassen, mit der Demo gegen „Merkel muss weg“? Ich bin mir sicher, ich war nicht der einzige. Ich habe einige eher nachdenkliche als voll begeisterte Gesichter gesehen. Vor allem unter den etwas älteren Teilnehmern, die schon rituell-traditionell mitgehen, wenn gegen Rechts angesagt ist; die in der Zeit sozialisiert wurden, als diese Protestform zum Massenphänomen wurde.

Das war nun also eine typische Situation für einen mainstreamigen Ethizismus. Aber wenn sebiger mal allein ist und ihm in einer dunklen Seitenstraße drei Glatzen  mit schwarzen Outfits entgegenkommen? Da werden die allermeisten von uns aus guten Gründen nicht so richtig laut, ähnlich wie Maas in einer Nazikneipe. Das Zahlenverhältnis spielt immer eine wichtige Rolle beim Heldentum.

Das heißt nicht, dass die Konstellation überall so ist, wie ich sie eben für eine Demo Anfang 2017, bei der ich dabei war, beschrieben habe, aber in Berlin sind die Guten so gut wie immer in der Mehrzahl gegenüber den Rechten.  Aber: Kein Dialog, kein Ansatz dazu, keine Möglichkeit, wahlweise in echte Konfrontation zu gehen. So laufen die meisten Demos hier, alles andere sind medial gepimpte Sonderfälle. Und in den Medien steht das dann so: Wie viele wieder gegen Rechts! Merkel wird es so lesen: Fast wollten, dass ich bleibe. Ich muss also was richtig machen.

Die Veranstalter der Gegendemo interpretieren die Medien dann so: Das Gute hat gesiegt! Wieder einmal. Kein Platz für Nazis in Berlin. In Hamburg. In wasweißichwo außer in Chemnitz.

Und gleichzeitig wählen immer mehr Menschen AfD. Da kann man sich auf die Schulter klopfen oder auch nicht, wenn man gegen gegen Merkel demonstriert, obwohl man aus sehr wohlerwogenen Gründen doch eigentlich nicht gegen gegen sondern nur gegen Merkel ist. Damit aber nicht genug: Das Gegendemo-Publikum, das triggert diejenigen, die den ganzen Zirkus nur beobachten und oft nicht die Kapazitäten für sowas haben, ja auch wieder: Da laufen immer dieselben auf, die a.) die Ressourcen dafür haben und b.) sich eh für die Besten halten. Dass darunter auch welche wie ich sind, die am liebsten ein Transparent mit einer Entschuldigung gegenüber vielen Merkel-Gegnern hochhalten würden, denen es sozial einfach schlecht geht, das können sie nicht sehen. Ich habe auch niemanden gesehen, der da ein solches Transparent hatte, das den Unterschied klarmacht. Okay, vielleicht war irgendwo jemand, aber ich kanm mich nicht erinnern, und für sowas habe ich eigentlich ein ganz gutes Gedächtnis, dem ich dann manchmal auch mit einem Handyfoto nachhelfe.

Aber es kann doch nicht falsch sein, Flagge zu zeigen.

Abgesehen von Leuten, die dabei auch noch mit falschen und übertriebenen Narrativen unterwegs sind, klar, man überlässt die Straße nicht den Rechten, das ist wichtig. Ob man dabei auch Merkel unterstützen muss, das ist aber nicht so einfach zu klären. Solche Aktionen sind für mich aber etwas Begleitendes, nicht die Hauptarbeit. Die liegt ganz woanders und die kann anstrengend sein. Das ist eine Aufgabe, wenn nicht sogar eine Mission. Und die Lautstärke spielt dabei überhaupt keine Rolle. In  Berlin wird es eh immer lauter. Es geht um echte politische Arbeit.

Und die Antifaschisten?

Die wirklichen Antifaschisten, die immer schon laut waren, das ist für mich ein kleiner politischer Raum, ein Teil der Bewegungslinken, von denen einige beispielsweise auch in meiner Partei sind oder bei der DKP oder extremen linken Kräften. Die Personen dort wissen aber wenigstens, wovon sie reden und was einen Antifaschisten von einem Gelegenheits-Antirassisten unterscheidet.

Dass er zum Beispiel den Feind kennt und ihn von Menschen, die einfach nur orientierungslos geworden sind, abschichten kann. Denn der Feind, der ist mindestens genausogut organisiert wie man selbst und er wird mehr und vernetzt sich und provoziert gezielt an genau jenem geplanten Ort und die Antifa muss das immer nachbilden oder auch mal selbst die Eskalation starten – und man hofft wohl als Antifaschist, dass man auch mehr wird, dass es Nachwuchs gibt und nicht nur Salonsozialisten das Wort schwingen.

Ich bin nicht von der Antifa in DIE LINKE gekommen und würde mir niemals anmaßen, den Antifaschismus, die echte Arbeit gegen Rechts, für meine politischen Zwecke okkupieren zu wollen, wie Maas das mal wieder gleich mit allen Guten im Land tun will.

Wo ich unterstützen kann, das ist im Wesentliche mit meiner politischen Grundhaltung: Der Kapitalismus ist schuld an so vielem. Damit helfe ich aber den richtigen Antifaschisten kaum, denn ihre Gegner sind nicht in erster Linie vehemente Systembefürworter wie etwa die FDPler, die meisten in der SPD, fast alle in den CDU oder bei den Grünen – sondern Rassisten. Es gibt zwar das Narrativ, dass im Sozialismus der Rasist von alleine verschwindet, weil ja alle einander gut und sehr aufgeschlossen sind, aber dafür gab es nie einen Beweis, wie man heute in sogenannten Konversionsländern sieht, Ostdeutschland inbegriffen.

Es stimmt, dass viele Probleme systembedingt sind, bei denjenigen, die im Moment aus Protest AfD wählen. Und es stimmt nicht bei den richtigen Nazis, die grundrassistisch sind. Und das sind die Gegner der echten Antifaschisten, jeden Tag wird mit diesem Gegner sozusagen gearbeitet. Und es ist nicht ungefährlich – okay, manchmal für die andere Seite auch nicht, aber es ist ja auch ein permanenter Kampf, kein Scheinengagement, das man mal sprücheweise aktivieren kann, wenn wieder ein Chemnitz vorkommt.  Ich habe großen Respekt vor denen, die wirklich gegen Rechts kämpfen und das sind so viele nicht und ich befürchte, es werden auch nicht viel mehr werden, es sei denn, es gibt wirklich eine Art Aufstehen. Die meisten sind eher wie ich – lieber auf der sicheren Seite, wenn es hart auf hart geht. Man kann auch von dieser Seite etwas tun, nämlich Systemkritik üben und sie auf unterschiedliche Weise in die Welt tragen. Und damit komme ich zu den Personen, die nicht laut werden müssen, im Gegensatz offenbar zu Heiko Maas, um glaubwürdig zu sein.

Ich komme zu Menschen, die ich gut kenne und die permanent für ihr politisches Engagement unterwegs sind. Ehrenamtlich, an der Basis zumindest, also da, wo ich mich auch aufhalte.

Also der zweite Weg neben dem kämpferischen Antiaschismus.

Es ist nicht jeder zum Krieger geboren – glücklicherweise, wenn man es gesamtgesellschaftlich betrachtet. Aber so viele von uns sind draußen, mehrmals im Monat, sogar mehrmals in der Woche und gehen auf die Bürger zu. Machen Diskussionsabende und Infostände. Und Arbeitskreise, die ganz offen für alle Bürger sind. Schreiben in der Bezirkszeitung klare Worte.  Verteilen diese in den Haushalten.  Und sie gehen dorthin, wo nicht der eklektizistische Mittelstand in den Stuck-Altbauwohnungen herumethisiert, sondern dort, wo es nach Platte (Ost) oder unscheinbarem 60er-Jahre-Drei-oder-Füngeschosser mit Flachdach aussieht. Dort treffen sie auf Menschen, kommen ins Gespräch, erfahren etwas über die Stimmung im Land und es kommt auch zu Konfrontationen mit Rechten: Ich war bisher nie dabei, wenn sowas geschah, aber ich weiß, dass es schon Begnungen mit Gruppen von ihnen gab.

Was ich aber selbst kenne, ist, dass Linkshasser irgendwelchen vergangensheitslastigen Unsinn geifern – und dann ganz schnell abhauen, damit man sie eben nicht in eine Kommunikation hineinführen kann. Leider ist das so. Schade. Das ist so. Aber weit überwiegend kommt es zu Gesprächen mit jenen, die konkrete Anliegen haben oder konkrete Sorgen. Und für die muss man sich engagieren und das wird getan. Nach meiner Beobachtung aus dem Bezirk von meiner Partei auf herausragende Weise und nicht so von oben herab. Und wenn mir dann eine Frau mit Migrationshintergrund erzählt, am freundlichsten zu ihr seien immer die Leute an den AfD-Infoständen, dann kann ich nur murmeln: Ja, und wir? Und freundlich zu ihr sein. Wie die Grünen hingegen mit Menschen umgehen, die nur ein bisschen anders als neoliberal-multilateral zu denken scheinen, das kriege ich an solchen Tagen ja dann auch mit. Spalterisches Gehabe von seitlich-oben.

Und wie ist es mit dem laut werden?

Bin ja noch nicht durch. Momentchen. Was es zum Beispiel von meiner Partei auch gibt, sind die Stadtteil-Basisorganisationen, die sich wirklich um ganz konkrete Projekte kümern, Kiezcluster, die ganz eng mit sozialen Organisationen zusammenarbeiten, um deren Anliegen in die Politik zu tragen. Und es gibt jetzt die Kiezgespräche, da gehen diese engagieren Kommunalpolitiker und Basismitglieder wirklich in ganz normale Lokalitäten und reden mit ganz normalen Menschen. Die werden dort sehr ernst genommen, die Bürger. Natürlich sind es keine Nazikneipen, aber darum geht es auch nicht, überzeugte Nazis zu therapieren. Dazu braucht man, falls es überhaupt möglich ist, Sonderkompetenzen. Ich glaube, wer jemals sich für irgendwas außer seine tolle eigene Meinung engagiert hat, weiß aber, was ich meine.

Und dann gibt es das langfristige, unerschütterliche Engagment für die sozialen Strukturen, bei uns zum Beispiel, das bekomme ich am meisten mit, für zwei Brennpunkt-Jugendzentren, deren Existenz auf der Kippe steht. Das ist, wo auch der andere Teil der Arbeit gemacht wird: Die Integration besonders von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu stärken, ihnen zu helfen, von Mensch zu Mensch, dabei die Probleme zu sehen, aber auch die Hoffnung.  Und das an jedem verdammten Tag, auch an den nicht so hoffnungsvollen. Wir wissen nämlich auch: Wenn wir auf diesem Gebiet nicht vorankommen, dann wird Rechts kaum zu bändigen sein. Daher ist auch dies ein integraler Bestandteil des Kampfes gegen Rechts. Natürlich ist dieses Engagement in erster Linie als Hilfe für die Betroffenen gedacht, aber wenn man etwas zurücktritt, und das tue ich ja gerne, dann erkenne ich auch das immerwährende Bemühen, die Spaltung der Gesellschaft irgendwie zu mindern und neue Perspektiven, neue Teilhabe, neue Wege und Sichtweisen wenigstens einzelnen Personen anzubieten. Damit kann man gegen Rechts eine Menge tun, zum Beispiel, den Rechten auch jene schwierig zu bearbeitenden Argumente entziehen, die im Moment durchaus von der Faktenlage gestützt werden. Ich habe allerdings noch nie einen Rechten gesehen, der mal versucht hat, selbst was zur Verbesserung beizutragen, wie die AfD ja auch keine Elemente zu sozialen Verbesserungen in ihrem Progamm hat. Ich kann sagen, dadurch diskreditiert sich jeder Verweis auf die Faktenlage – nur: Ich habe sie ja als Linker nicht zu verantworten. Es ist die unheilige Allianz der West-Altparteien, die soziale Schieflagen zuhauf geschaffen und jedwede Integrationsarbeit als obsolet angesehen hat. Wir wissen ja um „vor Ort“ und wie man das besser machen könnte, wenn man endlich mehr Mittel dafür bekäme. Okay, etwas mehr gibt es ja jetzt, seit 2RG in Berlin regiert, aber es reicht nicht, um die Schäden aus den Vernachlässigungsjahren und -jahrzehnten zu beheben.

Und am Ende des Tages?

Am Ende des Tages ist es schwierige, tägliche Arbeit gewesen und vielleicht ist man doch ein wenig glücklich. Weil es irgendwo einen Menschen, ein Zeichen gab, etwas, das man geben oder empfangen konnte. Dann muss man auch nicht aggressiv „laut werden“, weil man weiß, man hat alles getan, was ein humanistisch orientierter Mensch tun kann.

Das ist das, was Rechts verhindern kann und längst dafür sorgt, dass es nicht überbordert, zumindest dort, wo es gute Strukturen wie die oben beschriebenen gibt. Es ist eine Arbeit, bei der man Rückschläge aushalten und die Motivation nie verlieren darf, weil man ja auch Verantwortung für andere dabei übernimmt, für Menschen, die sich öffnen und lernen zu vertrauen.

Es ist auch eine Arbeit, die von der höheren Politik ganz schnell kaputt gemacht werden kann, wenn diese mal wieder falsche Normen setz und sich im Modus LMAA-ihr-da-unten befindet. Menschen, die oft und stark gekränkt wurden, sind eben schnell dabei, dieses Verhalten als Rechtfertigung für ihre eigenen Fehler zu nehmen. Die Vorbildfunktion der Politik_er_innen ist keine Leerformel. Auch sie gehört zum Kampf gegen Rechts und mal ehrlich, wer in der Bundespolitik wirkt da glaubwürdig? Entweder er spaltet selbst, wie Seehofer &  Co. oder seine luschige Gesamtpräsenz macht plötzliches Aufbegehren gegen Rehts eher zu einer Farce.

So wie bei Maas. Der soll mal von seinem Medienberater analysieren lassen, wie er in den sozialen Netzwerken beurteilt wird. Seehofer wird wenigstens noch als Reizfigur hergenommen – aber Maas? Maasmännchen ist eine diskriminierende, aber gängige und auf seine politische, nicht seine körperliche Statur hinweisende Bezeihnung für ihn. Auf so jemanden haben die Rechten gerade gewartet und die, die wir in die Gesellchaft integrieren wollen und die skeptisch und misstrauisch sind, die auch. Die brauchen genau Typen wie Maas, die ihnen mal sagen, wo’s langgeht und wie sie die laute Form der PoC lernen sollen.

Am Ende des Tages steht aber auch, dass zum Beispiel in meinem Bezirk meine Partei bei den Bundestagswahlen 2017 stärker zugelegt hat als in anderen Westbezirken von Berlin. Unser Vorsitzender ist ja auch ein statistikaffiner Mensch und daher weiß ich, dass rein von der Aktivitätsquote bei uns herausragendes Engagement aufgebaut wurde. Und ich glaube, es passt auch qualitativ. Wir haben so viele bei uns, die nicht nur gut argumentieren können, sondern auch eine Wärme ausstrahlen die mich sogar beim Schreiben berührt, obwohl sie ja nicht gerade neben mir stehen. Natürlich kommen einige aus Sozialbrufen, das hilft ihnen bei der Ansprache, aber nicht alle sind quasi Profis, sondern haben einfach nur eine gute Intuition. Und manche werden Profis, gehen ins Kommunalparlament, tragen dort das hinein, was ihnen die Bürger draußen sagen und wieder zurück auf die Straße und nehmen neue Anregungen auf. Klingt so banal und ist so wertvoll, um die Menschen in demokratiefreundlicher Positon zu halten.

Mehr, als all diese Genoss_innen tun, kann man nicht tun, um vor Ort für linke, soziale Politik zu werben und damit die AfD, also deren Einzug in die Bezirksparlamente zu verhindern. Im Schöneberger Teil des Bezirks, wo ich lebe, wurde die AfD, soweit ich weiß, bei den letzten Wahlen nirgends zweistellig, in meinem Wahlkiez erreichte sie nicht einmal fünf Prozent und auch bei uns gibt es nicht nur Gentrifizierer-Schnösel, sondern jene, die Angst um ihre Existenz haben. Hier ist es noch wirklich divers, nicht kolonisiert von irgendeiner Gruppe, die alleine das Außenbid bestimmt.

Im ganzen Bezirk kamen die Blauen dann doch etwas weiter, sodass sie jetzt eine Fraktion imBezirksparlament hat. Für mich ein Ergebnis der SPD-CDU-FDP-Grüne-Bundespolitik. Und der Tatsache, dass der Süden des Bezirks sehr kleinbügerlich ist. Ja, auch wieder eine Klischeeklatsche, aber dort holte der CDU-Kandidat ja auch die Stimmen, die ihm ein Direktmandat ermöglicht haben. Das ist übrigens einer von denen, die eine echte Mietpreisbremse sabotieren, so gut es geht, ein „Spezialist“ für das Thema. Das ist also auch einer, der dafür sorgt, dass rechts stärker wird. Blöd für die eigene Partei. Die CDU hat nämlich bei der BTW 17 in unserem Bezirk auch 8 Prozent verloren, ähnlich wie Angela Merke im Bund.

Zurück zum Kern: Das geduldige, bescheidene täglche Wirken ist es, da wird man nicht laut und haut auf die Pauke, sonder man zeigt, wofür man steht und erlärt, warum es besser ist als rechts wählen.

Besonders schön: Bei diesem ganz simplen, friedlichen Austausch sind auch einige von der Antifa dabei und führen diese Gespräche wie jeder andere von uns, weil sie wissen, das ist keine verlorene Zeit. Diejenigen, die ich bisher kennengelernt habe, aus dieser Ecke, mag ich, aber genau deswegen tue ich nicht, als sei mein Engagement gegen Rechts mit ihrem zu vergleichen, nur, weil ich mal in einer Demonstration mitlaufe und: Nazis raus! rufe. Ich bin da sehr bescheiden, wenn ich nur mal aus Solidarität mit ihnen dorthin gehe und nicht, weil ich glaube, Merkel soll bleiben. Es geht um Solidarität mit den Aktivist_innen unter uns. Wir haben ein einigermaßen erkennbares politisches Ziel und ansonsten gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Ein Ziel allerdings, für das man mal wirklich aufstehen könnte, auf breiterer Basis. Vielen, welche die hier beschriebene Arbeit tun, müssen nicht mehr aufstehen – aber trotzdem setzen einige von ihnen Hoffnungen in die Bewegung. Warum wohl? Weil aus Begegnungen eine Bewegung werden kann und endlich etwas wie eine gemeinsame Erzählung entsteht, die über das unvermeidliche, aber auch fordernde Klein-Klein hinausreicht.

Jedoch: Typen wie Maas, die immer aufpassen müssen, dass sie nicht auf ihrer eigenen Schleimspur ausrutschen, sollten die Finger vom Antifaschismus lassen. Den hat Maas schon als Juso-Vorsitzender im Saarland nicht so richtig in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt, sondern war mehr an seiner Karriere interessiert. Woher ich das nun wieder weiß? Weil meine damalige Freundin bei den Jusos war und  manchmal ging ich mit zu Veranstaltungen und habe dabei auch Oskar Lafontaine erstmals live gesehen. Damals war er Ministerpräsident des Saarlandes. Blöd, dass ich das jetzt so danke, dass ich so 10-Prozent-Insiderkenntnisse habe, dass ich Maas ein bisschen einschätze, aber es ist das, was ich wahrgenommen habe und wer mich kennt und liest, wie ich über meinen Parteibezirk schreibe, der wird mir glauben – ich mache nicht den Mass. Ich schleime mich nicht beim Mainstream ein, sondern das ist es, was ich jeden Tag, wenn ich will, sehen kann, diesen großen Unterschied.

Nur bei einer politischen Aktion der letzten 12 Monate waren die anderen Parteien teilweise schneller: Als die Wahlplakate für die Bundestagswahl 2017 aufgehängt wurden. Da sind viele nämlich schon Stunden vor dem offiziellen Start, also ordnungswidrig, losgezogen, um sich die besten Plätze an den Lichtmasten zu sichern. Ich präzisiere mal nicht exakt, welche politischen Kräfte sich dabei besonders hervorgetan haben, grenze aber ein: DIE LINKE war es nicht und die AfD war es nicht. Hilfe: Querfront!

So ist das also mit dem Unterschied zwischen laut sein und was gegen Rechts tun.

Genau so. Deswegen sollen mir Leute, welche die Lage und die Probleme vor Ort nicht mal vom Hörensagen so richtig kennen, nicht erzählen wollen, wer welche Haltung einzunehmen hat und wie man gegen Rechts wirken kann und immer ein Haar in der Suppe findet, um ja sitzenbleiben zu können auf dem hohen Ross.

Es gibt natürlich eine weitere Möglichkeit: Endlich soziale Politik auf Bundesebene zu machen. Dann müssten wir nicht immer noch gegen die politische Mehrheit arbeiten, um die Mehrheit der Menschen zu unterstützen.

Aber mit das mit Maas oder auch nur mit Maß? Oh je!

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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