Wirtschaftswachstum in der EU Q2 2018-2017 – kein Grund zur Euphorie / #EU #EconomicGrowth #GDP #USA #Trump #Ireland #Greece #EconomicBoom

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Die Wirtschaft in der EU läuft so vor sich hin – keine Krise, aber wirklich gute Zahlen nur im Osten, in den sozialdemokratischen Wirtschaften und in den Steueroasen. Das ist die grundsätzliche Botschaft des Wachtumsberichts, den Eurostat jetzt in einer Pressemitteilung veröffentlicht hat. Wir greifen einige signifikante Daten kurz heraus.

  • Die Grafik vergleicht das 2. Quartal 2018 mit dem 1. Quartal, wir nehmen dies aber zum Anlass, uns mit dem Wachstum auf Jahresbasis zu befassen – 2. Quartal 2018 vs. 2. Quartal 2017, da wir erstmals beim Wahlberliner ökonomische Grunddaten auf ganz aktueller Basis betrachten und bewerten.
  • Positiv: Die gesamte EU performt so gut wie seit der Krise 2009 nicht mehr, dabei liegen die Eurozonen-Länder und die Länder außerhalb der Eurozone gleichauf (jeweils 2,1 Prozent reaes GDP- /  BIP-Wachstum auf Jahresbasis).
  • Neutral: Deutschland und Frankreich liegen mit 1,9 / 1,7 Prozent fast gleichauf, das Wachstum ist aber in beiden Ländern zu schwach, um die gesamte EU deutlich nach vorne zu bringen.
  • Negativ: Angesichts des starken Bevölkerungswachstums in Deutschland von 2014 bis 2016 ist dieses Wachstum sogar ein Warnzeichen, weil es auf ein sehr niedriges Pro-Kopf-Wachstum hindeutet. Wenn die Erzählung stimmen würde, dass verstärkte Immigration einen Boost auslöst, weil Konsum-Erstversorgung den Binnenmarkt stärkt, müsste Deutschland im Vergleich zu Frankreich mindestens ein Mehrwachstum von 0,7-0,8 Prozent ausweisen, der Unterschied beträgt aber nur 0,2 Prozent.
  • Negativ: Einige andere „klassische EG-Länder“ sehen schlechter aus. Belgien liegt mit nur 1,4 Prozent fast am Ende der gesamten Skala, nur das Nicht-Euro-Land Dänemark unterbietet es mit 0,8 Proeznt.
  • Negativ: Griechenland mit 1,8 Prozent und Italien mit 1,2 Prozent laufen viel zu schwach, als dass ihre ökonomischen Grundprobleme auch nur annähernd einer Lösung näherkämen. Zwar liegt das Wachstum Griechenlands mit 1,8 Prozent fast auf EU-Schnitt, aber man muss den Ausgangspunkt sehen: Das Vorkrisenniveau ist noch lange nicht wieder erreicht. Die Wachstumsschwäche Italiens ist auch schon geradezu traditionell.
  • Neutral: Österreich überholt Deutschland wieder beim Wachstum, wie schon in den Jahren vor der Wirtschaftskrise 2009 und liegt mit 3,0 Prozent deutlich höher. Das österreichische Wirtschaftsmodell ist deutlich sozialer als das deutsche und es gibt keinen Grund, daran etwas zu ändern, wenn man die jetzt wieder sehr guten Zahlen sieht. Zwischendurch war halt ein wenig Geduld gefragt. Auch das ebenfalls moderat sozialdemokratische schwedische Modell läuft mit plus 3,3 Prozent wieder wesentlich besser als das neoliberale deutsche.
  • Negativ: Die EU wächst schwächer als die USA. Meldungen über einen Trump-Boom basieren zwar auf zeitengen Einzeldaten, die zudem meist nicht inflationsbereinigt sind, gesamtwirtschaftlich sieht es aber ebenfalls gut aus. In der Presse wird orakelt, dass dieser Effekt sich bald ins Negative drehen könnte, wenn Trumps Handelskriegspolitik auf die Importpreise richtig durchschlägt, aber die Zukunft bleibt abzuwarten – die USA sind immer noch ein sehr robustes kapitalistisches Land.
  • Positiv: Der Brexit zeigt Wirkung. Das Vereinigte Königreich, lange Zeit die wachstumsstärkste größere Volkswirtschaft in der EU, läuft nur noch zu mageren 1,3 Prozent Wachstum auf. Das sollte die Position der EU bei den Austrittsverhandlungen stärken. Großbritannien könnte also weiterhin privilegierte Zugänge zum Binnenmarkt erhalten, aber nur gegen Freizügigkeit für EU-Bürger_innen.
  • Positiv: Die „Konvergenzländer“ im Osten ziehen wesentlich stärker an als die „alten“ EU-Länder und können dadurch weiter aufschließen, haben teilweise Wachstumsraten über 4 Prozent.
  • Der Knaller: Irland. Leider liegen für den Vergleich Q2-17 und Q2-18 noch keine Daten vor, aber eine zweistellige Wachstumrate scheint gemäß Betrachtung der Vorquartale möglich. Ist das super?
    • Sonderbetrachtung Irland. Dies war einst ein bettelarmes Land, aus dem mehr Menschen in die USA auswanderten als dort verblieben. Und es blieb arm bis zum EG-Beitritt. Danach ließ man sich das Modell einfallen, dass Globalonzerne doch dort ihre Basis für den Zutritt zum 500-Millionen-Einwohner-Markt der EU aufschlagen könnten. Der Deal: Mehr Jobs gegen fast null Unternehmenssteuern zulasten aller anderen EU-Länder. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass es Mensche in einem Land gutgeht, aber a.) wo ist die Soliarität? und b.) tut es das wirklich, oder fließt die enorme Wirtschaftskraft aufgrund dieses Modells hautpsächlich in die Taschen der Konzerne?
    • Ähnlich wie in Luxemburg, das viele Jahre ein von Jean-Claude Juncker organisiertes Mega-Wachstum zulasten der Nachbarn hatte und dessen weltweit höchstes BIP um das Doppelte überzeichnet ist, weil es eben teilweise nicht organisch im Land bleibt, um den Lebensstandard zu heben.
    • Auch Malta performt aus den nämliche Gründen derzeit sehr gut.
  • Solange die EU solche Verwerfungen produziert, die „internen“ Steueroasen mancher Länder wie die britischen Kanalinseln und Monaco nicht mitgerechnet, sind Befürworter der aktuellen EU-Aufstellung eben nicht die guten Europäer, für die sie sich halten, sondern Förderer der Konzern-Plutokratie zulasten der Arbeitnehmer_innen – und:
  • Die EU wächst von allen großen Wirtchaftsräumen weiterhin am schwächsten.

TH

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