Trautes Heim – Tatort 871 / Crimetime 66

Crimetime 66 - Titelfoto © WDR, Martin Menke

Fürchten Sie sich nicht, meine Damen!

Nehmen wir einmal an, ein neunjähriges Doppelleben wie das von Roman Sasse (Barnaby Metschurat) wäre möglich. Dann aber wohl nicht so, wie hier vorgeführt. Nicht, dass wir IT-Leuten nicht zutrauen würden, sich insbesondere via IT so zu organisieren, dass ihre typische Alltags-Schusseligkeit aufgewogen wird. Aber es gibt , und da dürfen Frauen aufatmen, denen noch echt etwas an ihren Kerlen liegt und die nicht froh sind, sie immer mal wieder für ein paar Tage los zu sein, ein Problem, das in „Trautes Heim“ ziemlich nonchalant zur Seite geschoben wird.

Es würde nur gehen, wenn dieser Doppelleber oder –lebende mit beiden Frauen und beiden Kindern immer nur zuhause bleibt. Selbst Berlin ist nicht sicher vor zufälligen Begegnungen. Es muss ja nicht die andere Frau sein oder das andere Kind. Wer etwas wie ein Sozialleben hat, kann auch von Menschen aus dem Freundes-, Kollegen- oder Bekanntenkreis in seiner Doppelrolle entdeckt werden. So etwas wird ja hier auch via Sportverein angedeutet, wenn auch etwas wirr inszeniert.

Vielleicht liegt das, was wir als wirr empfanden, an einem internen Problem. Erst hatten wir uns zeitlich verschätzt, ohne vorher den Aufnahmeknopf am Recorder gedrückt zu haben, dann gab’s ein technisches Problem und als alles in Ordnung war, da war dieser Mann auf der Straße schon überfahren.  War’s denn nun so relevant, dass man sich kannte, wenn doch die Auflösung am Ende durch fehlende Nerven seitens der Frau / Komplizin an den Zuschauer vermittelt wird? Und muss ein Kind von einem Sondereinsatzkommando mit dem heutzutage üblichen Finalpomp befreit werden, wenn der Täter gar nicht in dessen Nähe sein kann, weil bereits gefasst?

Handlung

Der achtjährige Lukas wurde auf offener Straße entführt. Und auf der Flucht vom Tatort tötet der Kidnapper gleich auch noch den einzigen Zeugen. Ballauf und Schenk stehen vor einem Rätsel. Warum wurde der Junge verschleppt? Geht es um Erpressung? Lukas kommt aus einer intakten Familie, die in einfachen Verhältnissen lebt. Oder ist hier ein Sexualstraftäter am Werk?

Völlig aufgelöst reagiert die Mutter des Jungen, Simone Schäfer, auf die schockierende Nachricht. Ihre Schwester und ihr Schwager stehen ihr gleich zur Seite. Und auch Lukas‘ Vater Roman Sasse, als selbstständiger Software-Berater viel unterwegs, ist sofort zur Stelle. Da werden im komplett ausgebrannten Tatfahrzeug die Überreste von Lukas‘ Handy sichergestellt. Registriert ist das Kinderhandy allerdings nicht auf Lukas‘ Eltern, sondern auf den Namen Ruth Junghanns. Doch die hat noch nie etwas von Lukas Schäfer gehört. Da melden sich die Entführer. 

Rezension

Der Plot von „Trautes Heim“ weist also diverse Fragwürdigkeiten auf, die Inszenierung wirkt manchmal sehr geschmeidigt, lebt von Gesten, Blicken, von Übergängen und Interaktionen, andererseits aber auch, als sei sie sich ihrer selbst nicht sicher gewesen. Die Schauspielleistungen sind von auffallend unterschiedlicher Qualität. Da wir aber gewohnheitsmäßig nicht einzelne Darsteller negativ erwähnen, sagen wir mal, uns haben besonders die Ermittler Schenk und Ballauf gefallen und der Roman Sasse-Darsteller Barnaby Metschurat, der auf eine beinahe somnambule Art zwischen seinen beiden Familien hin- und herpendelt und uns die Frage stellt, was besser ist, wenn man sich neu verliebt: Eine Familie sitzen lassen oder zwei Familien belügen, aber ihnen erhalten bleiben?

Wir würden wohl eher für die klaren Verhältnisse plädieren – schon aus Kapazitätsgründen und weil wir uns nicht zutrauen würden, neun Jahre lang doppelgleisig zu fahren. Abgesehen von der Finanzkraft, die dazu notwendig ist.

Ist es aber, von der unglaubwürdigen Situation, dass alles sich in derselben Stadt abspielt, nicht möglich, so ein Leben zu organisieren? Es soll Fälle geben, in denen eine solche Lebensgestaltung funktioniert, weil die beiden Familien weit voneinander entfernt leben und die Wahrscheinlichkeit von Berührungspunkten sehr gering ist. Es gibt alte Kinofilme, in denen solche Fälle schon gezeigt werden. Aber die sind nicht auf Realismus angelegt, wie es der 871. Tatort suggeriert.

Der Weg vom Bürodienstleister, der eine Firma mit allem versorgt, was ein „back office“ bieten kann, sodass kleinere Unternehmen keine eigenen Mitarbeiter mehr benötigen, um den Eindruck von Professionalität zu vermitteln, also von einer Branche, die es wirklich gibt, hin zu einer Firma, die das Privatleben so organisiert, dass zwei daraus werden können, ist technisch, organisatorisch und von der Denke her gesehen gar nicht weit. Vermutlich wäre so etwas nicht einmal unzulässig. Wir haben nicht recherchiert, ob derlei Dienstleister wirklich existieren, weil wir gerne ein wenig im Bereich der Spekulation bleiben wollen. Aber eines ist sicher: Kunden dafür gäbe es. Bereits das klassische Modell der Affäre außerhalb der Ehe, das man nach heutigen Maßstäben nicht gleich als Doppelleben bezeichnet, könnte durch eine Firma, die dafür sorgt, dass es keine Überschneidungen, Engpässe, aber viele gute Ausreden gibt, ungeheuer erleichtert werden. Man stelle sich vor, die misstrauische Ehefrau ruft in der Firma an und erfährt, es ist genau, wie es sein soll. Nur, dass die Firma in alles eingeweiht ist .

Dass die moderne EDV uns so anonym macht und es uns erlaubt, uns hinter Mails zu verstecken, die irgendwer geschrieben haben kann, die es schafft, dass wir unser Leben von einem Laptop überwachen und gestalten können, hat etwas Gespenstisches in diesem unauffällig-nett aussehenden, beinahe virtuell-persönlichkeitslos wirkenden Roman Sasse. Fast ein virtueller Charakter, passend zu unserer virtuellen Zeit.

Dieses Mal sind es nicht Ballauf und Schenk, die miteinander die aktuelle soziale These diskutieren, es ist, wie in manchen Tatortstädten üblich und im Grunde sehr filmisch – was gezeigt wird, daraus können wir uns basteln, was wir wollen, auf rein ethischer oder philosophischer Ebene.

Der angenehme Nebeneffekt ist, dass die beiden Köln-Cops ein wenig in den Hintergrund treten und sich weitgehend aufs Ermitteln und auf ihre mal wieder mit Liebesleid und –freud befrachtete Franziska Lüttgenjohann konzentrieren können. Auch hier kann man ohne Mühe ganz verschieden werten. Man kann sagen, die beiden Haudegen, die so viele Tatorte abgewickelt haben wie kaum ein anderes Team (Ausnahme: Die Münchener Batic und Leitmayr), sind ein wenig zu routiniert geworden, beinahe steril, wenn  man sie mit ihren Anfangsfilmen vergleicht. Andererseits steht ihnen diese überwiegende Zurückhaltung nicht schlecht. Das ist beinahe alte Tatort-Schule, wie der ganze Film eher dezent und gewiss nicht tatort-avantgardistisch wirkt.

Fazit

„Trautes Heim“ ist eine Art kleines Jubiläum für die Kölner Ermittler Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) und für beide die Rolle ihres Lebens – auch wenn besonders Dietmar Bär mittlerweile als einer der versiertesten Schauspieler des Landes gilt.

Nach vielen Premieren der letzten Zeit, zu denen schon wieder Abgänge kommen, wie letzte Woche in Frankfurt (Wer das Schweigen bricht als letzter Fall der Kurzzeit-Kommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf)), nach teilweise herben Enttäuschungen, die Qualität betreffend, hat man bei den Kölnern immer so ein Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Auch wenn sie eher verhalten agieren, auch wenn man miterleben kann, wie Max Ballauf von Film zu Film ein wenig altert, sind vermitteln sich als Anker in einer äußerst wechselhaften Zeit.

Faktisch stimmt das gar nicht, einige gegenwärtige Tatort-Teams erreichen Einsatzzeiten, die alle vorherigen weit übertreffen, die Münchener Batic und Leitmayr liegen von der Zahl der Filme immer noch vorne, Lena Odenthal aus Ludwigshafen führt nach wie vor die Liste der Tatort-Ermittler mit der längsten Dienstzeit an. Aber die beiden Kumpels aus Köln sind mit ihren – in „Trautes Heim“ kaum sichtbaren – Macken schon beinahe ein Teil von uns selbst, mit einem von ihnen können sich die meisten Männer identifizieren und sie werden auch von Frauen gemocht.

Betrüblich, dass in „Trautes Heim“ Frauen so viel weinen mussten. Ein Typ wie Ballauf versteht die Frauen verstanden, das wird dieses Mal nur angedeutet. Er kriegt nur nie dauerhaft eine. Manche Männer haben zwei Familien, er nicht mal eine Dauerfreundin. So echt sind die Kölner Tatorte, jenseits ihrer Plots. Und das mögen wir an ihnen.

Deswegen gibt’s auch 7,0 anstatt der zu Beginn der Rezension erfühlten 6,5/10.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Klaus J. Behrendt – Max Ballauf
Hauptkommissar Dietmar Bär – Freddy Schenk
Barnaby Metschurat – Roman Sasse
Tessa Mittelstaedt – Franziska Luettgenjohann
Nick Julius Schuck – Lukas Schäfer
Alma Leiberg – Simone Schäfer
Meike Droste – Heike Grabow
Sam Gerst – Hugo Junghanns
Matthias Redlhammer – Nikolaus Pieler
Lasse Myhr – Kai Grabow
Maja Beckmann – Objektmanagerin
Elmira Bahrami – Aylin Balke
Jonas Gruber – Donald Ritter
Sandra Borgmann – Ruth Junghanns
u.a.

Stab
Drehbuchautor – Frank Koopmann und Roland Heep
Script Doctor – Benjamin Hessler
Kameramann – Diethard Prengel
Regisseur – Christoph Schnee

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