Willkommen in Hamburg – Tatort 865 / Crimetime 67 / #Tschiller #Schweiger #Hamburg #HH #Tatort

Crimetime 67 - Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Eine Geschichte von drei  Eiern

Das erste ist zu hart, das zweite zu glibberig, das dritte passt. Oder war es erst zu glibberig, dann zu hart und das dritte passt?

Egal. Ein Mann wie Schweiger hat mehr als zwei Eier, das ist nach diesem Tatort endgültig klar. Man muss einfach ein 50 % größeres Ego haben als alle anderen Schauspieler, um so durch 90 Minuten zu pflügen. Ja, wir wussten, was auf uns zukommt. Action anstatt echter Ermittlung, eindimensionale Figuren, wo man hinschaut.

Es wird vor allem die sehr jungen Tatortgucker, für die dieser Film eindeutig konzipiert wurde – oder für ganz junges Publikum, das bisher eben keinen Tatort geschaut hat, kein Problem sein, dass der Film verdächtig den allseits und besonders von den öffentlich-rechtlichen Sendern verteufelten Computerspielen ähnelt, die angeblich für alle Gewaltexzesse an Schulen und für viele reale Tote verantwortlich sein sollen. Dazu passt, dass die Handlung nur über den üblen Trick zusammengehalten wird, dass ein Überhacker als Co-Ermittler das Geschehen sozusagen steuern und vorantreiben kann.

Einen Unterschied zu Wargames u. Ä. gibt es freilich. Nämlich den, dass wir vor dem Fernseher nicht mitballern dürfen, sondern alles dem Mann mit den drei Eiern überlassen müssen. Da kann man beinahe verrückt werden, weil man so passiv auf dem Polster klebt und nicht dabei helfen kann, die fiesen Mädchenhändler zur Strecke zu bringen. Und genau deshalb wird das Konzept beim klassischen Tatortpublikum vermutlich scheitern. Es fehlt die Möglichkeit zur Interaktion. Ausgerechnet bei der Schweiger-kritischen Kollegin Odenthal gab es die mal, das war ein wenig innovativ, wenn auch nicht zielführend.

„Willkommen in Hamburg“ hingegen bietet absolut nichts Neues und die kinoreife Bebilderung erinnert ungewollt daran, dass dieser Tatort von Kino-Actionfilmen abgekupfert ist. Dass man Vieles von dem Genuschel einiger Figuren, auch von Schweiger selbst, nur schwer verstehen kann, obwohl man den Fernseher auf „Dialoganhebung“ oder wie das heißt geschaltet hat, spielt angesichts der Handlung keine wesentliche Rolle, die würde man auch ganz ohne Ton verstehen.

Handlung

Der geschiedene Polizist Nick Tschiller hat bislang als verdeckter Ermittler beim LKA in Frankfurt und Mitglied eines SEK gearbeitet. Um sich intensiver um seine 15-jährige Tochter Lenny zu kümmern, zieht er zu dem pubertierenden Mädchen nach Hamburg, da sich seine Exfrau Isabella wieder stärker ihrer eigenen Karriere widmen will.

Während seines ersten Einsatzes für das Hamburger LKA stechen der eigenwillige Ermittler und sein Kollege Yalcin Gümer bei einer routinemäßigen Wohnungsüberprüfung in ein Wespennest. Die Wohnung entpuppt sich als Versteck für minderjährige Prostituierte, deren Zuhälter plötzlich vor der Tür stehen. Es kommt zu einer brutalen Schießerei, bei der drei Mitglieder des gefürchteten Astan-Clans getötet werden, mit dem die Hamburger Polizei offenbar eine Art Kiezfrieden geschlossen hat.

Der Neuankömmling gerät damit sofort ins Visier der eigenen Reihen. Er muss sich einer internen Untersuchung stellen und vor Staatsanwältin Hanna Lennerz rechtfertigen, die gegen ihn ermittelt. Hat Nick tatsächlich in Notwehr getötet? Was hatte sein ehemaliger VE-Partner Max Brenner am Tatort zu tun und was für ein seltsames Spiel treibt Brenners Freundin Sandra? Von seinen neuen Kollegen, allen voran von seinem Vorgesetzten Holger Petretti und seiner Kollegin Ines Kallwey, wird Tschiller mit großem Misstrauen beobachtet.

Lediglich Yalcin Gümer, der mit einer Schussverletzung ins Krankenhaus gekommen ist, unterstützt seinen neuen Partner vom Krankenbett aus. Tschiller versteckt Tereza, eine der jugendlichen Zwangsprostituierten, eigenmächtig in Yalcins Wohnung, da er fürchten muss, sie könnte von korrupten Kollegen ans Messer geliefert werden. Zugleich hofft er, dass sie ihn auf die Spur der Menschenhändler und seines ehemaligen Partners Brenner bringt. Aber offenbar gibt es tatsächlich irgendwo eine undichte Stelle, denn immer wieder schaffen es die Gangster, die Spur des jungen Mädchens aufzunehmen.

Im Alleingang nimmt Nick den Kampf gegen den Zuhälter-Clan auf, der den Hamburger Kiez mit Schmiergeld, Angst und Gewalt offenbar fest im Griff hat. Zwar sitzt Firat Astan, Chef der Menschenhändlermafia, wegen des Verdachts auf Steuerbetrug und Geldwäsche in Untersuchungshaft. Doch die Macht des Clans, den die Hamburger Behörden gewähren lassen, ist ungebrochen – die Zeugen der Staatsanwaltschaft fallen aus unerfindlichen Gründen um wie die Fliegen. Als Yalcin schließlich Brenners Aufenthaltsort herausfindet, scheint Nick einen großen Schritt weiterzukommen. Er ahnt nicht, dass er längst selber ins Visier des Clans geraten ist.

Rezension

Wir können es nicht ändern – auch wenn der Film einige starke Momente hat, ein guter Tatort ist er nicht. Klar, wenn man das Hirn ausschalten will und auf alle Zwischentöne verzichtet, wenn man sich gar nicht erst fragt, ob die Mehrzahl der Szenen physisch und technisch im Bereich des Möglichen liegt, dann kann man einen echt knalligen Sonntagabend genießen. Die Dekors, die wunderbaren Bilder, die Feuerstöße aus Schnellfeuerwaffen, das ist ja so stylisch.

Blöd nur, dass man am Morgen drauf mit dem Gefühl ins triste eigene Büro fahren wird, dass nicht die Gerechtigkeit, sondern die Manipulation gesiegt hat. Bisher war es meist so, dass man moralisch gestärkt dem fiesen Chef oder den miesen kleinen Mobbern im eigenen Team begegnen konnte, nach einem Tatort am Abend zuvor. Besser konnte man auf den fiesen, kleinen Montag nicht vorbereitet werden.

Aber wer, der noch einigermaßen in der Realität lebt, kann dieses Gefühl nach Tatorten wie dem heutigen und einigen anderen der letzten Zeit bewahren? Der Jahreswechsel ließ Hoffnung auf eine neue Form von Konzentration und starkem Schauspiel aufkommen, aber seitdem geht es dermaßen bergab, dass man sich fragen muss, wohin die Serie eigentlich will. Es gab immer schon Qualitätsunterschiede und nicht alle Ermittler und Filme wirkten in ihrer jeweiligen Zeit gleichermaßen modern. Aber die Spreizung ist jetzt so groß geworden, dass man ganz deutlich spürt, dass hier nicht mehr Polizeiarbeit gezeigt, sondern jedes noch so im Grunde tatortferne Zielpublikum eingefangen werden soll. Ja, man merkt, hier soll Boden von den Privatsendern zurückgewonnen werden, koste es, was es wolle und sogar einiges mehr als ein Durchschnittstatort (die Mehrkosten belaufen sich beim Schweiger-Erstling gegenüber dem aktuellen Stand nach vorsichtigen Schätzungen auf 20-25 %).

Wenn die Eierszenen gut gemacht gewesen wären, hätte das einen Pluspunkt erzeugt. Zum Beispiel, indem man sie cool, knapp und dialogfrei ablaufen lässt. Aber dass man dies unterlassen hat und auch sonst ziemlich auf den, wie wir nun wissen, meist nicht einwandfreien Hühnerprodukten herumgeritten ist, beweist, dass dem Zuschauer kein IQ, sondern allenfalls das Lesen von CQ zugetraut wird. Okay, ein Insidergag, aber was soll’s.

Im Grunde missbraucht dieser Tatort sein Thema, indem er in etwa so empathisch mit den minderjährigen Zwangsprostituierten umgeht wie Till Schweiger mit deren Peinigern. Die Botschaft ist eben nicht alles und vor allem dann nicht, wenn sie durch die rüde und spekulative Art der Überbringung unglaubwürdig wirkt.

Die starken Bilder suggerieren eine Qualität, die der Film inhaltlich nicht aufweist. Da haben sie das Tatortpublikum über Jahrzehnte hinweg dazu erzogen, immer mehr Subtext und Symbolik zu erfassen, da wurde richtig mit den Fans gearbeitet, und dann verpufft das alles an einem einzigen Abend. Nicht, dass es ähnliche Anschläge auf das Niveau zuvor nicht auch schon gegeben hätte, aber hier geht es am weitesten mit dem Kotau vor der amerikanischen Art, Aktion im Film zu zeigen.

Keine Frage, dass die heutigen Tatorte eine so große Varianz bieten wie nie zuvor und vielleicht ist es tröstlich, dass Tschiller alias Schweiger nur einmal im Jahr ermitteln wird und ihm die übrigen Teams vermutlich nicht auf dem Weg in die Schieß- und Gewaltorgienorgien folgen werden.

Dass Berlin mal wesentlich bessere Tatorte machen wird als Hamburg, das hätten wir nach den letzten Jahren nicht für möglich gehalten, aber wir plädieren auf aktuellem Stand eindeutig für den Hauptstadtweg, wie er zuletzt in „Machtlos“ eingeschlagen wurde. Für das genaue Gegenmodell der hirnlosen Gewaltorgien, die ihre Themen durch billige Effekte verraten und mit Zwangsprostitution und weiblichen Reizen und bewusst sexistischen Bildeinstellungen (Yalcins Blick auf das Hinterteil der Krankenschwester) quasi ein einem Atemzug dealen, als habe das alles nichts miteinander zu tun.

Es gibt ein paar coole Sprüche in „Willkommen in Hamburg“ und im Co-Ermittler Yalcim Güner eine sympathische, ethnisch korrekt besetzte und komplett unrealistische Figur, die etwas Ironie suggeriert – bei genauem Hinsehen ist der Mann aber ein Talking Head, ein Narrator, der dafür sorgt, dass die Handlungsbrüche nicht so ins Kraut schießen, dass selbst einfach gestrickte Zuschauer den „Off“-Button auf der Fernbedienung drücken.

Fazit

Wir können nicht einen ziemlich bescheuerten Tatort, wie er neulich aus Saarbrücken kam („Melinda“) schlecht bewerten und den dekorativeren, aber inhaltlich genauso schwachen „Willkommen in Hamburg“ mit seiner überdies chauvinistischen Tendenz loben. Die schönen Bilder und die vielen schönen Frauen (und Mädchen) machen „Willkommen in Hamburg“ zu einem durchaus sinnlichen Erlebnis, aber das Problem ist, dass damit das Thema Zwangsprostitution auf eine so gelackte Art und Weise gefilmt wird, dass selbst die Szene, in der die junge Tereza sich den Unterarm aufschlitzt, um einen Minisender zu entfernen, nur auf einer oberflächlich-bildhaften Ebene schockierend wirkt. Im Grunde lebt in diesem Tatort das hoch, was zur Unterdrückung körperlich Schwächerer führt – häufig zu der von Frauen: die rohe Gewalt. Umso schlimmer, wenn sie auch noch durch Gerechtigkeitsempfinden legitimiert werden soll. Hatten wir alles schon. Hatten wir schon häufig, in unserer wechselhaften Geschichte, die offenbar nie zu Einsichten führt.

Klamauk kommt in Tatorten zuletzt manchmal offen daher, wie in den schlechter werdenden Münsteraner Folgen oder als schlechte Kopie von schlechter werdenden Münsteraner Folgen, wie neulich in Saarbrücken – oder etwas verdeckt, etwa wie ein Ex-Kumpel und Ex-VE von Nick Tschiller, etwas getarnt durch professionelles Filmen und durch ein erhebliches Aufgebot an bekannten Schauspielkräften.

Der Tatort ist aber durch diese Anschläge auf das Empfinden anspruchsvollerer Zuschauer nicht tot. Irgendwie ist es auch tröstlich, dass Hamburg seine glanzvolle Tatort-Vergangenheit so herzhaft mit Füßen tritt, während man sich nach wie vor in München, neuerdings in Berlin und mit echtem Willen zur Verbesserung in der Schweiz auf in einer guten Spur befindet. Das Leben ist nie nur so, sondern so und so – das lernt man gut durch den Gesamtvergleich aller neueren Tatorte. Womit die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Bildungsauftrag, nämlich das differenzierte Denken des mündigen Bürgers zu fördern,  wieder einmal erfüllen. Manchmal liegt Schönheit im Detail, manchmal muss man das Größte und Ganze betrachten, um zur Erkenntnis zu gelangen. Und vielleicht ist Letzteres in einer so unübersichtlichen Welt wie der heutigen das echtere, das ehrliche Ding.

Wir bewerten „Willkommen in Hamburg“ mit 5,0/10.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Besetzung
Hauptkommissar Niklas Tschiller – Til Schweiger
Hauptkommissar Thorsten Falke – Wotan Wilke Möhring
Staatsanwältin Hanna Lennertz – Edita Malovcic
Yalcin Gümer – Fahri Ögün Yardim
Lenny Tschiller – Luna Schweiger
Holger Petretti – Tim Wilde
Isabella Schoppenroth – Stefanie Stappenbeck
Sandra Bieber – Marvie Hörbiger
Max Brenner – Mark Waschke
Tereza – Nicole Mercedes Müller
Biggi – Jytte-Merle Böhrnsen
Firat Astan – Erdal Yildiz
Elina – Svetlana Ustinova
Rechtsanwalt Gerwin – Hannes Hellmann
Ismal Astan – Sahin Eryilmaz
Orhan – David Scheller
Jirka – Asia Luna Mohmand
Verkäuferin – Dana Cebulla
Amed – Kasem Hoxha
Bankvorstand Mossbach – Erich Krieg
Herkuran – Arthur Abraham
Thomalla – Michael Ehnert
u.a.

Stab
Regie – Christian Alvart
Drehbuch – Christoph Darnstädt
Musik – Martin Kotscharov

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