Summ, summ, summ – Tatort 867 / Crimetime 68 // #Tatort #Boerne #Thiel #Münster #WDR #Summsummsumm #Tatort867 #Klemm #TatortMünster

Crimetime 68 - Titelfoto © WDR, Martin Menke

Roland Kaiser & Insekten vs. Arachniden

Erst sind die Bananenspinnen für die meisten tödlichen Spinnenbisse weltweit verantwortlich, dann sind sie eigentlich schon ausgestorben. Schwamm drüber, Qualität im Detail ist schon lange nicht mehr das Hauptmerkmal der Münster-Tatorte und nach den letzten Wochen ist es zumindest nicht schlimmer geworden.

Was für ein Glück, dass es Boerne gibt. Und Roland Kaiser, der hier die Figur Roman König mimt, die seiner Realexistenz als Schlagersänger wohl recht nahe kommt. Man muss kein großartiger Schauspieler sein, um neben Jan Josef Liefers eine gute Figur als Kumpel und Wagnerianer zu  machen.

Kam es uns aufgrund eines anderen Schauortes mit einem sehr sonor, man kann auch sagen basslastig eingestellten Fernseher nur so vor, oder waren die Schauspieler tatsächlich ein wenig jenseits ihres Optimums, war der eine oder andere Gag etwas hohl klingend angelegt?

Und trügt unser Eindruck, dass man Filme über Bienen und über Spinnen sauber voneinander trennen sollte, weil sonst die Zitate anderer Filme, insbesondere von Horrorfilmen über Spinnen, nicht so richtig zum Tragen kommen? Könnte es sein, dass es insgesamt zu tierisch wurde und dadurch die Pointierung schwach ausfiel?

So haben wir’s jedenfalls empfunden. Dass der Fall an sich als typisches Eifersuchtsdrama angelegt, kein Knaller war, dass wir die Täterperson früh erahnen konnten, das alles ist in Münster nicht mehr so selten. Der Humor steht über der Kriminalistik und das heißt nichts anderes, als dass alles mit der Qualität des Humors fällt.

Wir müssen demnächst mal ein Diagramm machen mit allen bisherigen Bewertungen, die wir anhand von Rezensionen für den Wahlberliner abgegeben haben. Dieses Diagramm, an einer chronologischen Achse aller bewerteten Münster-Tatorte orientiert, wird vermutlich das belegen, was wir empfinden: per Saldo einen langsamen Niedergang seit etwa 2007/2008.

Handlung, Besetzung, Stab

Münsters Damenwelt steht Kopf, denn der Schlagerstar Roman König ist in der Stadt. Auch Frank Thiel kommt an dem für seine Schmusesongs bekannten Sänger nicht vorbei. Der Kommissar muss den Mord an der Journalistin Claudia Schäffer aufklären, die auf dem Parkplatz eines Großmarktes tot aufgefunden wurde. In ihrer Jackentasche trug sie eine Ehrenkarte für ein Konzert von Roman König.

Doch weder der Star noch dessen resolute Managerin Ina Armbaum wollen die Frau gekannt haben. Gerade sie müsste es wissen: Schließlich hat sie ihren überall gefragten und vielfach angehimmelten Klienten stets im Blick und versucht, ihn weitgehend abzuschirmen. Das ist keine leichte Aufgabe, denn Roman Königs Stalkerin Christiane Stagge ist ihm stets auf den Fersen.

Nah dran ist auch Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne, der wegen zweier Bananenspinnen in seiner Wohnung ins Hotel umziehen musste. Er logiert in der Honeymoon-Suite, direkt neben dem Star. Unangekündigt taucht Manni Pleuger, ein Bandkollege aus früheren Zeiten, im Hotel auf. Offensichtlich hat er mit dem Schlagersänger noch eine Rechnung offen. 

Rezension

Gegenüber „Das Wunder von Wolbeck“, dem vorangegangenen Thiel-Boerne-Münster-Tatort, mag man eine leichte Aufwärtstendenz erkennen, die vor allem daraus resultiert, dass heute nicht, wie so häufig in letzter Zeit und auch in jenem direkten Vorgänger, ein im Grunde sehr ernstes Thema verschleudert oder gar missbraucht wird, um Effekthascherei oder billige Pointen zu inszenieren.

Heute war das Seichte so sehr Programm, dass man Roland Kaiser gratulieren muss – er hat sich auf sehr souveräne Art selbstironisch präsentiert. Dass können sie ohnehin bei den Sendern der ARD, deutsche Entertainer gekonnt in ihre Premium-Krimiserie einbinden. Man erwartet keine schauspielerischen Höchstleistungen, aber da ist so eine Authentizität und gewisse Faszination, dass diese Menschen durchaus kritische Charaktere darstellen, wie Jeanette Biedermann als Ex-Rechtsradikale oder König als Schnulzensänger, der die naiven Frauen, die seinen Worten aus Liedern Glauben schenken, emotional und sexuell ausnutzt.

Klar ist der extra für den heutigen Tatort geschriebene Song „Egoist“ damit eine ironische Brechung – ein Typ hat erkannt, er war ein Egoist und hat sich gewandelt, so sagt es das Lied. Derjenige, der es vorträgt, ist und bleibt ein solcher. Dabei sind gerade solche Läuterungsstorys so gut geeignet, um Frauenherzen höher schlagen zu lassen. Im Grunde würden wir alle gerne glauben, dass eine Wandlung zum Guten und Höheren möglich ist und viele erfolgreiche Bücher basieren auf Biografien, die genau das suggerieren. Drama, jedoch Happy-End.

Insofern ist „Summ, summ, summ“ durchaus hintergründig. Am schönsten als Fan von König fanden wir die resolute Staatsanwältin Klemm, die auch am besten rüber bringt, dass eine wichtige Position und ein im Ganzen rationaler Geist nicht vor Naivität schützen. Das hat sich bei ihr allerdings schon mehrmals gezeigt, indem gesellschaftliche Verbindungen zu Leuten, die sie für integer hält, an der Wirklichkeit zerbröseln und in Täterschaft einerseits und Anklage andererseits münden.

Es gibt einiges an „Summ, summ, summ“, das uns ganz gut gefallen hat, wie zum Beispiel, dass das Verhältnis zwischen Thiel und Boerne wieder besser kalibriert ist als in manchen Filmen zuvor. Boerne ist der mehr schillernde Charakter und diesbezüglich darf man auch ruhig konsequent sein. Dass er mit seinen Sprüchen und seinen offensichtlich größeren finanziellen Möglichkeiten dann auch mal die Oberhand behält, liegt auf selbiger und wirkt daher natürlich. Die Recherche bei historischen Wagner-Aufführungen und die Passion dafür, welche Boerne mit König verbindet, ist in diesem Sinn ein Bonus und ein Alleinstellungsmerkmal dieser exzentrischen, aber liebenswerten Figur.

Thiels Verprollung ist ebenfalls gestoppt, wir haben schon befürchtet, er wird demnächst, wie sein Vaddern, mit Pferdeschwanz herumlaufen müssen, obwohl er sich von diesem Alt-Sponti doch abgrenzen will und deshalb wohl auch Polizist wurde und die Münster-Tatorte müssen wegen Thiels Ausdrucksweise im Nachtprogramm gesendet werden. Vaddern spielt dieses Mal eine vergleichsweise große Rolle und wirkt, wie immer, wunderbar echt. Weniger große Parts gibt es für Silke Haller (Alberich) – immerhin darf sie an einer Stelle sogar singen – und Nadeshda Krusenstern. Gerade letzterer, die in Person von Friederike Kempter immer mehr optisches Profil gewinnt, würden wir mehr Spielzeit gönnen.

Der Kracher des heutigen Münster-Tatorts: Die Staatsanwältin als ausgeflippter König-Fan neben dem säuerlich grinsenden Thiel auf dem König-Konzert. Von WDR 4 wurden insgesamt 230 Karten verlost, um als Komparse in einer Konzertszene mitspielen zu können, woraufhin sich weit über 130.000 Fans beworben haben (Wikipedia).

Der Flop: Bis auf zwei Exemplare ausgestorbene Spinnenarten, die für die meisten tödlichen Spinnenbisse weltweit sorgen.

Fazit

Waren die Tatorte der letzten Wochen, ja Monate, oftmals Love-it-or-leave-it-Filme und wurden demgemäß höchst kontrovers aufgenommen und es kam zu richtigen Diskussionsschlachten in den einschlägigen Foren – besonders beim Schweiger-Debüt in Hamburg – so können wir uns wohl bei Thiel und Boerne wieder verständigen, indem wir sagen, es war keine rauschende Kriminacht, aber man kann auch nicht von verschwendeter Lebenszeit sprechen. Wobei schlechte Filme, wenn man sie nicht jeden Tag und gegen alle Warnungen anschaut und einen Kompass für Qualität in sich trägt, keineswegs Verschwendung sind. Vielmehr kristallisiert sich das Gute ja dadurch heraus, dass es sich vom weniger Guten scheiden lässt.

Die Routine der Darsteller am Münster-Set sorgt ein „Summ, summ, summ“ wieder dafür, dass trotz einiger Rohrkrepierer-Kalauer und einer mangelhaften Geschmeidigkeit vieler Dialoge, die sich auch im Vortrag derselben manifestiert, nicht von einem Flop gesprochen bzw. geschrieben werden kann. Man kann aber auch keinen überdurchschnittlichen Tatort aus dem Gesehenen herausschälen, sodass wir am Ende bei besinnlichen 6,5/10 landen. Wir müssen mal wieder über ein paar ältere, richtig gute Tatorte schreiben, sonst geht allmählich die Durchschnittswertung, die lange Zeit bei etwa 7,25 angesiedelt war, abwärts. Schuld daran hat natürlich in Maßen auch „Summ, summ, summ“, aber nicht so sehr wie einige andere Tatorte des noch recht jungen Jahres.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Besetzung
Axel Prahl – Hauptkommissar Frank Thiel
Jan Josef Liefers – Prof. Karl-Friedrich Boerne
Fritzi Haberlandt – Christiane Stagge
Ulrike Krumbiegel – Ina Armbaum
Friederike Kempter – Kommissarsanwärterin Nadeshda Krusenstern
Guntbert Warns – Pleuger
Christine Urspruch – Silke Haller
Roland Kaiser – Roman König
Mechthild Großmann – Staatsanwältin Wilhelmine Klemm
Claus Dieter Clausnitzer – Herbert Thiel
Petra Kleinert – Susanne Siebert
Peter Clös – Prof. Dr. Reiser
Maggie Parlaska – Kellnerin
u.a.

Stab
Drehbuch – Stefan Cantz, Jan Hinter
Regie – Kaspar Heidelbach

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