Wieso Finanzkrisen mit einer pluraleren VWL besser antizipiert und bewältigt werden könnten (Makronom)

2018-06-24 MedienspiegelSerie 10 Jahre Finanzkrise 2 / Medienspiegel 71

Erwartungsgemäß häufen sich nun die Beiträge zu „10 Jahre Finanzkrise“ und wir werden sicher im Rahmen unserer Serie einige Empfehlungen abgeben können. Heute lassen wir drei junge Ökonom_innen zu Wort kommen, die in MAKRONOM für eine breitere Aufstellung der Volkswirtschaftslehre und für mehr interdisziplinäre Ansätze plädieren. 

Die Theorien des vollkommenen Marktes, nach denen die meisten von uns geschult wurden, die meiner Generation angehören, können die immer wiederkehrenden Spekulationsblasen und darauf folgenden Krisen wie diejenige von 2008-2009 nicht erklären. Es ist also ein Lernprozess notwendig, um – ja, um anzuerkennen, dass die Volkswirtschaftslehre keine exakte Wissenschaft sein kann. Je mehr psychologische Elemente implementiert werden, desto weniger lässt sich das Verhalten von Menschen als Wirtschaftssubjekte a.) rational erklären und b.) aufgrund dessen nicht mehr vorhersagen. Wenn man das Wirtschaftsgeschehen von heute insgesamt betrachtet, kann man nicht umhin zu konstatieren: Die ökologische Folgenabschätzung der Teilnehmer_innen am Wirtschaftsprozess ist so rudimentär ausgeprägt, dass ein „Weiter so“ zur Selbstzerstörung der Spezies Mensch führen wird.

Kann man das durch Erweiterungen des theoretischen Fundaments vermeiden? In der Wirtschaftspraxis spielt Verkaufspsychologie eine so entscheidende Rolle, dass man davon ausgehen muss, dem Subjekt da draußen ist es relativ egal, ob nun ein wenig an der Neoklassik herumkorrigiert wird oder die eine oder andere Erweiterung stattfindet, solange die kognitiven Grenzen nicht überfordert werden.

Aus der besseren Beschreibung folgt, dass Eindeutigkeiten hinterfragt werden und dass die Wissenschaft keine klaren Handlungsanweisungen an die Politik mehr geben kann, als das bei den Modellen vom vollkommenen Markt oder beim Keynsianismus der Fall ist. Und ist es denkbar, dass die Ökonomen sich selbst in Demut entmachten, weil sie festgestellt haben, dass ihre Modelle alle nur Modelle sind, die immer wieder von der Wirklichkeit infrage gestellt werden?

Für uns Linke verhält es sich im Grunde einfach: Der Kapitalismus muss weg und alles wird sich richten, die Ungleichheit verschwindet, der Überkonsum verschwindet, das aggressive Konkurrenzdenken verschwindet. Das ist leider genauso schematisch gedacht wie der vollkommene Markt, denn wieder werden psychologische / evolutionsbiologische Dispositionen nicht berücksichtigt – und sollte es jemals zu einem Sozialismus-Revival kommen, ist stark zu befürchten, dass alte Fehler wiederholt werden, die auf zu viel Ideologie und Modellhaftigkeit und auf zu wenig Psychologie beruhen.

Außerdem ist speziell DIE LINKE mehr von einem geradezu reaktionären Linkskeynsianismus als von einem ins Heute weitergedachten, ökologisierten Marxismus beeinflusst – eine Ausrichtung, die nichts Gutes oder tatsächlich Zukunftsorientiertes für eine reale linke Wirtschaftspolitik erwarten lässt.

Ich denke aber, es ist richtig dargestellt, dass erst die Finanzkrise vor zehn Jahren dazu geführt hat, das Weiterdenken überhaupt stattfindet und auch, wenn der gegenwärtige Stand nicht befriedigend ist, ist mehr Pluralität in den Wirtschaftswissenschaften – ja, vielleicht nicht besser, aber mehr der Realität entsprechend.

TH

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