#Aufstehen und in den Wald gehen – Aufruf von Sahra Wagenknecht zum Hambacher Forst (Linke Zeitung / Die Welt) // #Wagenknecht #Bewegung #HambacherWald #Hambibleibt #RWE #Räumung #Widerstand #NoCoal

Kommentar 84

Die LINKE ZEITUNG hat heute diesen Aufruf von Sahra Wagenknecht zum Prost im Hambacher Wald veröffentlicht. Gegencheck?

In dem Fall ja, weil ich mich gewundert habe, dass ich davon gestern noch nichts mitbekam.  Es steht hier im Merkur (ein bisschen scrollen bis 14.09., 12:37 Uhr) und tatsächlich in der WELT. Wenn ein Springer-Blatt es schreibt, muss es also wahr sein, das sagt auch ironischerweise die LINKE ZEITUNG – aber Wagenknecht gibt ja auch Interviews in der WELT. Man muss mit den Wölfen tanzen, bis sie so erschöpft sind, dass sie tot umfallen. Sorry an die Wölfe wegen des Bildes. Vielleicht habe ich das nicht reinbekommen, weil es in der WELT unter „Regionales“ verortet ist. Seltsam eigentlich, alles, was Wagenknecht macht und sagt, gehört doch auf die Titelseite.

Ironie off?

Oh nein, ganz sicher nicht. Ich bekomme ja mit, wie viele Menschen mit „Aufstehen“ große Hoffnungen verbinden. Ich erlaube mir mal, bei Schnellschüssen ein wenig gegen die Urwald-Ideologie zu witzeln, aber wir müssen ja unser Dossier „Aufstehen“ weiterführen …

Wieso ist die Version 6.0 noch nicht da?

Weil ich zwei Veranstaltungen immer noch nicht ausgewertet habe, die schon einige Tage zurückliegen. Ich werde deshalb auch die Methode ändern, um durch längere Videos schneller durchzukommen, nämlich den Kommentar sofort ins Mobiltelefon oder ins Diktiergerät sprechen, ohne den Film länger unterbrechen zu müssen – und das Gesprochene nur noch für die Veröffentlichung ein wenig stilistisch und natürlich orthografisch überarbeiten. Ich könnte mir vorstellen, dass der Duktus dann nochmal lebendiger wird. Die nächste Version soll aber nächste Woche kommen, vielleicht ist dann eben eine Lücke drin, die erst bei 7.0 geschlossen wird.

Zurück zum Hambacher Forst – wie fühlt sich das an, Wagenknecht im Wald?

Unecht, war mein erster Impuls. Politisch, mein zweiter. Ganz sicher ist sie kein Aktivistentyp, der sich in Baumhäusern niederlässt, also eine Art erlebte Authentizität in dieser Sache vermitteln kann, aber das bin ich auch nicht, trotzdem schreibe ich mit Sympathie für die Aktivisten. Und wieder zurück: Ich bin auch keine politische Symbolfigur. „Aufstehen“ will sich offenbar auch einen ökologischen Touch zulegen, wenn’s irgend geht, aber es wäre schick, wenn dabei auch mal jemand in den Vordergrund rücken würde, der diesbezüglich eine lange Tradition hat, wenn sich nicht  der Eindruck verstärken soll, dass alles auf Wagenknecht abgestimmt ist, weil mediale Zugkraft eben doch wichtiger ist als Kernkompetenz. Ich finde, die Altgrünen bei „Aufstehen“ könnten sich in solchen Fragen mal zu Wort melden. Die hätten vermutlich auch sofort zwischen Urwald und Kulturwald (wenn auch alt) unterscheiden können.

Da geht es aber auch um den Abgleich mit unserer Wahrnehmung und Einstellung?

Bisher habe ich noch nichts gesehen, was mich davon abbringen würde, dass Wagenknecht „Aufstehen“ repräsentiert. Nichts dagegen, solange klar in diese Richtung kommuniziert wird. Dass „Aufstehen“ sich jetzt verbreitert, hat selbstverständlich einen Sachgrund: DIE LINKE hat zwar eine ökologische Plattform, einer von vielen Zusammenschlüssen in der Partei und kümmert sich in Veranstaltungen durchaus um Zukunftsfragen, medial kommt das aber nicht so rüber und mein Eindruck war bisher nicht, dass Wagenknecht dieser Gruppe besonders nah ist. Nun soll „Aufstehen“ aber nicht einfach nur DIE LINKE mit ihrem bisher kaum bekannten Potenzial an ökologisch interessierten Menschen promoten, wofür die ÖP ja sicher Material an Wagenknecht weitergeben könnte, sondern Grüne und SPD-Genoss_innen ebenfalls ansprechen.

Und das ist für mich das eigentlich Interessante, was ich herauslese und widerspricht dem, was ich empfehlen würde – ebenfalls ganz neutral geschrieben, es handelt sich ja um Profis, die „Aufstehen“ machen. Man setzt offenbar auf „Besetzung“, also darauf, noch mehr, als Wagenknecht das sowieso schon tut, alle politischen Themen abzudecken, um nur ja niemanden auszulassen, der vielleicht und eventuell Sympathie für „Aufstehen“ entwickeln könnte.

Bei „Chemnitz“ hat Wagenknecht lange gezögert.

Was ihr vorgeworfen wurde. Klar, wenn man schnell ist, wirkt es aktivistisch und vielleicht ein bisschen „okkupierend“, wenn man sich zurückhält, kommen bei Dingen, welche mit der Inneren Sicherheit zu tun haben, die aus den Löchern, die Querfront! schreien. Also, wenn man schon so ausgreift, würde ich wenigstens mal ein Radar dafür entwickeln, wie man derlei Themen frühzeitig rausbringt, also den Diskurs übernimmt und nicht immer erst mittendrin oder eben spät reagiert. In sozialen und manchen Wirtschaftsfragen hat Wagenknecht diese Antenne ja, ebenso bei der Friedenspolitik, da ist sie auch sehr geübt drin.

Die angegebenen Unterstützer_innen werden doch nicht mehr sozusagen an die Medienfront ziehen.

Das ist ja nicht so klar abgegrenzt. Und wieso nicht, wenn sie Ahnung vom Thema haben? Heute habe ich zum Beispiel in unseren Beitrag zum #TagderDemokratie auch einen Tweet von Fabio De Masi eingebaut, den er interessanterweise nicht als Mitglied der Linksfraktion im Bundestag, sondern als Unterstützer von „Aufstehen“ abgesetzt hat. Und ich erwarte von jemandem wie ihm geradezu, dass er sich zu wirtschaftspolitischen und Europafragen äußert, als ehemaliger Abgeordneter des EU-Parlaments. Vielleicht erklärt er mir dann auch mal, warum alle EU-Parlamentarier_innen der LINKEN dagegen waren, dass Verlage und Autoren tatsächlich mal ein paar Euro für ihre Leistungen bekommen, wo wir doch immer in der Partei so nett über gute Arbeit plaudern, aber das nur am Rande, weil es mich wirklich getriggert hat, als ich sah, welche Partei in etwa wie abgestimmt hat. So, jetzt habe ich einen Absatz gestrichen, weil wir zu sehr vom Thema abkamen. Aber – damit der Anschluss wieder da ist. Systemfrage verpasst!

Das System ist doch ein prima Stichwort – RWE, die unsinnige Kohleverstromung usw.

Ich bin heute mal der Legalist und Realist. Ganz unbedingt hätte RWE warten müssen, bis der Kohlegipfel im Dezember gelaufen ist. Ich gehe davon aus, dass der Wald nicht jetzt, dieser Tage, abgeholzt werden muss, um die Versorgung der Kohlekraftwerke sicherzustellen, das wäre ja dann eine geradezu idiotische Fehlplanung vonseiten RWE. Rechtlich aber ist daran wohl nicht zu rütteln. Das weiß natürlich auch Wagenknecht und sie bemühst sich ja sonst auch immer sehr darum, zwar die geltende Wirtschaftsordnung zu hinterfragen, aber nicht geltendes Recht offen zu negieren, weil – die KPF (Kommunistische Plattform), in der sie war, die wird von Maaßens Leuten beobachtet und wer da zu illegalen Handlunge aufruft, ist schneller im Fokus als ein Rechter, der tatsächlich illegale Handlungen begeht.

Grütze!

Stimmt. Aber die Beobachtung ist Tatsache. Es ist nach meiner Ansicht die Aufgabe der Bewegung, die rechtlichen Rahmenbedingungen verändern zu helfen, aber nicht, zum akuten Rechtsbruch aufzurufen. Den Aktivisten, was der Aktivisten ist, finde ich. Der Hambacher Forst gehört denen, die dort ihre Baumhäuser gebaut haben und sich wirklich vor Ort seit Langem für ihn einsetzen. Aus der LINKEN habe ich bisher nie etwas dazu gehört. Vielleicht tun die NRW-Linken vor Ort etwas, aber bis hierher ist das nicht durchgedrungen, dieser Wald rückte erst vor ein paar Tagen in den medialen Fokus.

Außerdem wird derzeit jedes Thema unglaublich hochgejazzt.

Nicht derzeit, sondern, seit der mediale Raum interaktiv geworden ist und sich ein paar große Echokammern tausende von Ablegern geschaffen haben, die mittlerweile ein höchst reges Eigenleben führen und gerade von ganz links und ganz rechts Ansichten entwickeln, bei denen man sich immer sagen muss: Es sind nur kleine Gruppen, schön ruhig bleiben. Nur kleine Gruppen und die linke davon nimmt aufgrund der eigenen Verortung mehr Wahrnehmung in Anspruch als bei jemandem, der ganz im Mainstream schwimmt. Die Räumungsaktion im Hambacher Wald, die in den Social Media zu einem kleinen Bürgerkrieg  hochgefahren wird, hat bisher gerade mal eine eher niedrig-zweistellige Zahl von Strafanzeigen erbracht – in den Heydays von Wackersdorf waren es Tausende. Aber damals waren die Medien noch One-Way und haben das alles so ausgesiebt, dass es nicht tatsächlich zum Bürgerkrieg geführt hat.

Was wäre denn angesagt?

Kurs zu wahren und den Blick auf die Großthemen zu richten. Sich nicht an der allgemeinen Hysterie zu sehr und ein bisschen schräg wirkend zu beteiligen und die Dinge in die richtige Relation stellen: Im Hambacher Wald hat sich eine kleine Gruppe aufrechter Aktivist_innen symbolisch einem Stromkonzern in den Weg gestellt, in der Tradition der AKW-Gegner, nur waren es damals viel mehr Menschen, die, sagen wir mal, aufgestanden waren. Im Gegensatz zu damals wissen wir aber alle, dass wir die Kohleverstromung erst stoppen werden, wenn es für den Hambacher Wald längst zu spät sein wird. Bei der Atomkraft ging es ja um ein Wettrennen mit dem GAU, besonders nach Tschernobyl, ein Rennen mit offenem Ausgang. Das war eine beinahe revolutionäre Situation, nicht wie heute. Es geht um Artenvielfalt, um ein Ökosystem und um den CO²-Ausstoß. Ersteres ist bisher in der Politik eher etwas für Randgruppen gewesen und Letzteres immerhin noch für die Grünen. Deswegen sollten sich Politiker_innen da auch ein wenig in Dezenz üben, wenn es nicht langjährige Verbindungen zu Menschen gibt, die sich zwar wohl kaum als revolutionär, aber doch widerständig-aktivistisch empfinden. Die meisten Politiker_innen haben das bisher übrigens auch getan.

Der Beitrag in der WELT ist ja von der LZ noch ergänzt worden um das, was der BUND versucht, nämlich die Rodung zu verhindern, per gerichtlichem Eilantrag.

Genau. Der BUND ist eine der Organisationen, die den aktivistischen Part sinnvoll juristisch unterstützen können. Das ist konkrete Begleitung, wenn auch – ebenfalls – etwas spät. Ich bin nicht überzeugt, dass das klappt, aber auf jeden Fall: Viel Glück damit!

© Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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