Brief einer Unbekannten (Letter from an Unknown Woman, USA 1948)

Filmfest 9

2018-09-14 Filmfest neu

Am Ende unserer Rezension von „Pläsier“ aus dem Jahr 1952, der Max Ophüls‘ letzter Schaffensphase entstammt, fahren wir rückwärts in die USA, das haben wir versprochen und hier sind wir nun bei der Verfilmung von Stefan Zweigs „Brief einer Unbekannten“ angelangt und sehen Oscarpreisträgerin Joan Fontaine und den jungen Louis Jourdan in einem viel dunkleren Film als „Pläsier“, der ja doch eine Hommage an das Glück in Bescheidenheit darstellt. Wie aber, wenn übergroße Liebe und Bescheidenheit dazu führen, dass die Mauer der Gleichgültigkeit nicht durchbrochen werden kann?

Rebecca reloaded, ohne happy Ending

Die Rahmenhandlung des Films beginnt damit, dass der Konzertpianist Stefan Brand spätabends in seine Wohnung in Wien zurückkehrt. Der eifersüchtige Ehemann einer seiner zahlreichen Geliebten hat Brand für den nächsten Morgen zum Duell herausgefordert. Der Pianist will das Duell jedoch nicht annehmen, sondern stattdessen flüchten, und weist seinen stummen Diener John an, die Koffer zu packen. Da findet Brand einen langen Brief, in dem eine ihm unbekannte Frau ihr Leben schildert, das von der unerwiderten Liebe zu ihm bestimmt war. Rückblende: Als Fünfzehnjährige verliebt sich die Schreiberin namens Lisa Berndle unsterblich in den Pianisten, der mit ihr im gleichen Mietshaus lebt. Während sie regelmäßig Brands Musik lauscht, bemerkt dieser sie nur einmal an der Tür. Unterdessem heiratet Lisas Mutter einen neuen, wohlhabenden Mann, sie will mit ihrer Tochter von Wien nach Linzübersiedeln. Am Tag der Abreise versucht Lisa mit Brand über ihre heimliche Liebe zu sprechen, jedoch sieht sie ihn in Begleitung einer anderen Frau in seine Wohnung gehen.

In Linz gehört Lisa nun zur besseren Gesellschaft, sie lehnt jedoch den Heiratsantrag eines jungen Leutnants aus guter Familie ab und erzählt diesem und ihrer erstaunten Familie, dass sie bereits verlobt sei. Tatsächlich hält ihre Liebe zu Brand weiter an. Mit 18 Jahren kehrt sie nach Wien zurück, wo sie fortan als Verkäuferin und Model in einem noblen Kleidergeschäft arbeitet. Tag für Tag sucht Lisa das Haus von Brand auf, um ihm nahe zu sein, bis er sie schließlich anspricht. Er kann sich zwar nicht an sie erinnern, zeigt aber Interesse an ihr und lädt sie zum Essen ein. Als er das Mädchen danach zu sich nach Hause bittet, verbringen sie die Nacht zusammen. Bald darauf geht Brand jedoch auf eine Konzertreise nach Mailand. Er gibt seiner neuen Geliebten das Versprechen, in zwei Wochen zurück zu sein, hält es jedoch nicht ein. Einige Zeit später bekommt Lisa ein Kind von Brand, versucht diesen aber nicht zu kontaktieren, weil sie – wie sie selbst sagt – die einzige Frau sein will, die ihn nie um etwas gebeten hat.

Zeitsprung von zehn Jahren: Lisa ist eine Vernunftheirat mit dem wesentlich älteren Baron Stauffer eingegangen, um ihrem Sohn Stefan ein gutes Leben bieten zu können. 

(Handlung und zum weiteren Inhalt: Wikipedia)

Spotlight

Wie filmt man eine Tragödie als zweites Projekt in Hollywood – nach einem Film mit dem sehr passenden Namen „The Exile“? Am besten, indem man seinen Stil beibehält, aber Schauspieler einsetzt, die einen solchen Film glaubhaft machen können. Einen Film über eine Frau, die so unsagbar absolut liebt, ungeachtet der offensichtlichen Charakterschwächen des Mannes, den sie anbetet, einen Stoff, der geradezu prädestiniert fürs Abrutschen in Kitsch ist.

Kitsch wäre es auch geworden, hätten ein minder begabter Regisseur als Max Ophüls und eine weniger herausragende Hauptdarstellerin als Joan Fontaine diesen Film geschaffen. Selbst wir waren überrascht, wie gut der Film heute von Kritikern rezipiert wird und dass er in der IMDb eine erstklassige Wertung von 8/10 hat. Noch mehr aber hat uns erstaunt, dass Männer ihn gegenüber Frauen mehr mögen. Denn wahrlich ist das, was wir in „Brief einer Unbekannten sehen“, kein Ruhmesblatt für die Männer. Auch die Tatsache, dass ältere Zuschauer, insbesondere ältere Frauen, dieses Werk nicht sehr schätzen und dass es eine hohe General-Ablehnungsquote von 5,1 v. H. (Wertung 1 von 10) ertragen muss, zeigt, dass der Film nicht nur geschätzt und geliebt wird von professionellen Kritikern und von vielen Filmfans, sondern auch heftige Abwehrreaktionen hervorrufen kann.

Man muss sich in der Tat auf diesen Filmstil einlassen, der aus einer anderen Epoche stammt und in noch einmal einer anderen angesiedelt ist. Doch er ist in seiner Zeit, was er ist und daran kommt man auch heute nicht vorbei: eine außergewöhnliche Literatur-Adaption von einem außergewöhnlichen Filmemacher. Max Ophüls war Spezialist für Stoffe wie diesen von Stefan Zweig. Er hat Arthur Schnitzler mehrmals verfilmt, weitere Filme von ihm spielen in der Belle Époque, er hat einen Roman von Louise de Vilmorin auf die Leinwand gebracht, und an diesen Film, der „Die Ohrringe der Madame de …“ heißt, erinnert uns „Brief einer Unbekannten“ sehr. Womöglich sind genau jene beiden Werke auch der Gipfel des Ophüls’schen Schaffens.

Verwunderlich ist dies nicht. Da ist der unglaublich schöne, elegante und flüssige Stil, diese Kamerafahrten von hier nach da und zurück ohne Schnitt, in „Brief von einer Unbekannten“ noch nicht ganz so ausgeprägt wie in „Madame de …“, aber die Art, den Figuren zu folgen, sie durch Glastüren hindurch zu filmen, ihnen Distanz und Nähe allein durch die Kameraperspektiven, den Bildausschnitt, die Komposition zukommen zu lassen, ohne von der Totalen in die Nahaufnahme wechseln zu müssen, zeugt von einem visuellen Genie. Ophüls war einer der stilistisch ausgefeiltesten Regisseure der großen Hollywood-Zeit, wobei er in den USA nur wenige Filme gemacht hat; der jüdische Emigrant aus Deutschland und Österreich, der in Frankreich, in Holland, in den USA und letztlich wieder in Frankreich gefilmt hat.

Zur visuellen kommt eine große kulturelle Sicherheit. Die Dekors, die Kostüme, die ungeheure Detailfülle seiner Filme, die Figuren, wie sie in der Zeit und in dem Milieu handeln, in das sie gestellt sind, die Atmosphäre, die aus all dem entsteht, belegen uns, dass nichts über einen hohen Bildungsgrad geht, wenn man Literatur verfilmen will  – außer einem noch höheren Bildungsgrad, gepaart mit kultureller Finesse. Besonders, wenn diese Literatur nicht in der Jetztzeit spielt. Stefan Zweigs Novelle, die dem Film zugrunde liegt, erschien 1922 und spielt um die Wende zum 20. Jahrhundert.

Um Gefühle und deren Missachtung darstellen zu können, eignet sich diese glanzvolle, aber mit dem Mehltau von Konventionen, die über Jahrhunderte gewachsen waren überzogene Epoche offenbar besonders gut. Die Verfeinerung wirkt authentisch, ebenso wie die Starre, die auf gesellschaftlichen Bedingungen fußt und besonders für Frauen nicht viel Gutes bedeutete. Sie sind in vielfacher Weise von ihren Männern abhängig. Gerade in diesem Punkt aber gibt es einen Unterschied zwischen „Madame“ und „Brief einer Unbekannten“.

Während Madame nicht arbeiten muss und der Zufall ihr einen Geliebten zuführt, mit dem sie etwas wiederfindet, das in ihrer Ehe verloren gegangen ist oder das es möglicherweise nie gegeben hat und wie sie sich an der Kante der gesellschaftlichen Möglichkeiten bewegt, so ist Lisa Berndl eine ganz und gar eigenartige und eigenwillige Person, die jede soziale Einbindung über Bord wirft, um ihrer Liebe zu folgen.

Welch ein Glück, dass Hollywood eine Joan Fontaine hatte. Sie hatte schon „Rebecca“, den wir als „den Hitchcock für Romantiker“ apostrophiert haben, zu etwas Besonderem gemacht. Ihre scheue, aber von einem starken, ernsthaften Willen geprägte Aura war einmalig unter allen Hollywoodstars und erstaunlich verschieden von der Ausstrahlung ihrer noch bekannteren Schwester Olivia de Havilland – die allerdings beide Varianten konnte, die lebhafte und die innige. An dieser Stelle könnten wir darüber reflektieren, wie das reale Verhältnis der beiden Schwestern zueinander auch die zuweilen unterschiedlichen Charaktere prägte, die sie in Filmen spielten, aber dafür ist Opühls‘ Werk zu reichhaltig und bietet ohne Exkurse genug Stoff für eine ausführliche Rezension.

Es gibt einen weiteren Star, der in jungen Jahren diese Rolle auch hätte ausfüllen können: Ingrid Bergman. Wer sie in „Gaslight“ gesehen hat, weiß, was wir meinen. Aber vielleicht hätte sie für die Rolle in „Brief einer Unbekannten“ etwas zu viel Glamour mitgebracht.

Wie Joan Fontaine aber einen Backfisch, eine junge Frau, die in einem Modesalon als Mannequin arbeitet, eine Society-Lady ohne emotionale Erfüllung und letztlich eine gebrochene Frau spielt, wäre einen Oscar wert gewesen. Man achte auf die Gestik, die Mimik, die Bewegungen, die sie als Mädchen zeigen, die schrittweise Veränderung ihre Ganges, ihres Ausdrucks, die zunehmende Intensität und was sie vermittelt, wenn sie als Frau um 30 noch einmal alles aufzugeben bereit ist für einen Mann, der diese große Liebe nicht verdient hat.

Wir nehmen wieder „Madame de …“ als Vergleich und stellen fest, dass Max Ophüls in beiden Filmen eines seiner Lieblingsmotive behandelt. Wenn ein begnadeter Künstler seine liebsten Themen umsetzen darf, bleibt es nicht aus, dass die Werke ebenso ergreifend wie erlesen sind.

Frauen können lieben, Männer nicht. Das ist die These, die hinter beiden Filmen – und einigen weiteren von Ophüls – steht. Dies gilt für „Der Reigen“ (1950) oder „Liebelei“ (1933), weniger wohl für „Pläsier“, dessen Rezension wir zuletzt hier gezeigt haben, aber wiederum für seine letzte Arbeit, den ungewöhnlichen „Lola Montez“ (1955).

Frauen können alles geben. Mehr, als man je erwarten dürfte, mehr als das, was uns Männern menschenmöglich erscheint und noch viel höher steht dies über dem, was unsere eigene Weltwahrnehmung ist. Vielleicht sind Männer von dem Film auch so begeistert, weil eine Frau wie Lisa eine fantastische Projektionsfläche bietet. Wir denken uns den Hintergrund in etwa so: Gäbe es denn bloß solche Frauen, so wären wir als Männer doch nach Jahrzehnten der Sozialpädagogik ganz anders als diese schnöden, arroganten Schönlinge der Belle Époque, gäbe es also heute eine Frau wie Lisa, dann würden wir sie auf Händen tragen durch ein ganzes Leben voller niemals endender  Zuwendung. Nun ja.

Eine schöne Vorstellung. Irgendwo im Hinterkopf wissen wir natürlich, dass Gefühle, wie diese Frau sie zeigt, heute unrealistisch sind, selbst bei Frauen. Da hat sich einiges angeglichen. Denn die Prämisse ist heute, dass die Frauen sich teilweise zu den besseren Männern entwickelt haben, weil die Männer ihnen nie geben konnten, was sie verdient hätten, als sie sich darauf beschränkten, ganz Frau und aller Privilegien gewiss zu sein, die es mit sich bringt, schön und auch schwach sein zu dürfen. Und doch stärker als die Männer, die nach Status und Macht – in „Madame de …“ – streben, wodurch die Wahrung der Ehre übermäßiges Gewicht bekommt oder auf andere Weise selbstsüchtig, vor allem aber eitel und zu sehr am schnellen Vergnügen orientiert sind, wie der Pianist Brand in „Brief einer Unbekannten“. Ob das ein guter Coup war, aus dem Schriftsteller in Zweigs Vorlage einen Musiker zu machen? Schriftsteller sind abgeschiedener und mehr mit sich selbst, aber ob ein Musiker seinem glanzvollen Auftritt allein oder tatsächlich den Menschen  zugewandt ist, die sein Publikum darstellen, wird immer sein Geheimnis bleiben, wenn er sich daran hält, weise darüber zu schweigen, ob sein Talent mehr Technik oder mehr Emotion darstellt.

Doch was sind sozialer Glanz und wundervolle Garderoben gegen wahre Liebe? Eine Menge, wenn man es wieder an der Wirklichkeit entlang betrachtet, aber wenig, wenn nur das Herz spricht, denn ein großes Frauenherz kennt keine Abwägungen, keine Berechnung, sondern nur die Hingabe an ein Gefühl.

Trotz der gleichen Thematik, trotz der Ähnlichkeit einiger Handlungselemente, dem tragischen Tod der jeweiligen Heldin, trotz des Duells am Ende – das im Fall von „Brief einer Unbekannten“ von Ophüls bzw. Drehbuchautor Howard Koch hinzuerfunden wurde, um die Dramaturgie des Films und die Leere und Sinnlosigkeit von wahnwitzigen männlichen Ritualen auf die Spitze zu treiben, gibt es einen ganz wichtigen Unterschied: Das ist nicht so sehr der visuelle Stil, der in „Brief von einer Unbekannten“ durchaus düsterer ist als in „Madame de …“, sondern der Mangel an satirischer Brechung, den das in vieler Hinsicht vollendete, vier Jahre später entstandene Werk bietet. „Brief einer Unbekannten“ ist bedingungslos ernst und kaum doppelbödig, „Madame de …“ hat bei aller Tragik zuweilen einen subtilen, hin und wieder offen zutage tretenden Humor, der dann ins Parodistische tendiert, wenn Männer miteinander ihre Rituale pflegen, denn sie können ja nur Rituale. Dadurch wirken etablierte Männer, Generäle und Diplomaten, marionettenhafter und alberner als das verhinderte Pianisten-Genie, das ein wahrhaft und in jeder Hinsicht armer Tropf geworden ist.

Wobei Armut materiell relativ ist, denn bei Ophüls gibt es kein Elend, dazu war er zu sehr Ästhet und von eigenen Existenzängsten getrieben. Also hat auch der Klaviervirtuose am Ende noch eine vernünftige Wohnung und einen stummen Diener, obwohl er, der Musiker, offenbar überhaupt nicht mehr arbeitet, sondern sein eigenes Scheitern zelebriert, mit stilecht ergrauten Schläfen.

Auch die Frauencharaktere sind verschieden. Danielle Darrieux als „Madame de …“ ist eine Frau um 40, immer noch schön, die im Lauf des Films dahinsiecht, aus Liebeskummer und weil sie in einem Leben eingezwängt ist, aus dem sie nicht entfliehen kann, zumal der Geliebte aus ebenjenem Milieu entstammt und dieselben Konventionen der besseren Gesellschaft lebt wie ihr bei der Sprachverwendung  überaus versierter Ehemann – eine der geschliffensten Figuren, die wir je in einem Film, auch in einem klassischen, der in einer noch mehr klassischen spielt, gesehen haben.

„Madame“ ist zu Anfang eine Frau, die ganz in diese Gesellschaft passt, verspielt, beinahe sorglos, weil immer genug Schmuck zur Hand ist, den sie versetzen kann, wenn sie offenbar über das Budget hinausgeht, das ihr Mann zur Verfügung gestellt hat. Erst im Verlauf des Films findet sie zu tieferen Gefühlen.

Auch in „Madame de …“ erkennt man, was Ophüls alles bietet. Diese Wandlung ist großartig erzählt. Ebenso wie die Wandlung von Lisa in „Brief einer Unbekannten“. Sie aber ist schon als Mädchen der großen Liebe fähig, so verstiegen und unpassend das Objekt dieses Gefühls sein mag. Sie agiert zwischenzeitlich im gesellschaftlichen Kontext – in Linz – aber kann ihn jederzeit wieder verlassen und in Wien eine Stellung annehmen, die es ihr ermöglicht, für sich selbst zu sorgen. Eine Ausnahme damals, insbesondere für Frauen, die nicht der Arbeiterklasse entstammten.

Fazit

Vielleicht war „Brief einer Unbekannten“ einer der letzten Filme seiner Art, ein typisches Werk der 1940er, in Schwarz-Weiß gefilmt, mit einer sehr dichten Atmosphäre, wie sie für jene Epoche typisch war. Vergleicht man ihn mit heutigen Filmen, die historisierend in die Belle Époque zurückgehen oder in welches Zeitalter auch immer, muss man im Grunde den Filmemachern raten, die Finger davon zu lassen und sich auf Gegenwartsthemen oder die Zukunft zu konzentrieren, denn die Gegenwart zu beschreiben, sollte Regisseuren und Autoren der Gegenwart gelingen, und die Zukunft ist offen, in sie kann man alles hineinlesen und jeden Stil, jede Idee dabei umsetzen.

Die Vergangenheit jedoch zu beschreiben, das gelingt heute nicht mehr so wie in jenen Jahren, in denen Filmemacher das Zepter führten, die in diese Zeit, die sie beschreiben, hineingeboren wurden und die oft besondere Schicksale der Vertreibung, der Emigration, des Kriegserlebens hatten, die es ihnen ermöglichte, eine Intensität tiefer Gefühle, Sehnsüchte und Verletzungen auf die Leinwand zu bringen, die heute nicht mehr denkbar scheint.

Das Kino ist viel konventioneller geworden, und selbst bei ernsthaften Versuchen, die Jahrhundertwende – zum 20. Jahrhundert – zu beschreiben, wofür man etwa Michael Hanekes „Da weiße Band“ als Beispiel heranziehen könnte, fehlt immer etwas, gibt es kleine oder größere sprachliche oder sonstige Ungenauigkeiten, bricht das Jetzt in die Welt von Charakteren ein, deren Darsteller in jenen schwachen Momenten der Regisseure an Authentizität verlieren.

Eine Ausnahme sind vielleicht die amerikanischen Filme, die sich auf die Zeit beziehen, in denen „Brief einer Unbekannten“ entstanden ist. Wir haben jüngst „O Brother, Where Are Thou“ von Joel und Ethan Coen rezensiert – und diese Art von stilisierter Interpretation einer uns allen aus vielen Filmen bekannten Ära der Depression, diese poetische Variante der Interpretation jener Zeit, die funktioniert. Aber diese Filme sind Ausnahmen, in Deutschland fällt uns niemand ein, der so etwas kann. Vielleicht in ganz Europa nicht mehr, deswegen ist es gleichgültig, ob multinationale Projekte so beliebig werden, dass nicht einmal Spezifika des Filmschaffens einer der mitproduzierenden Nationen erkennbar sind. Es allen recht machen zu wollen, führt höchstens zu Durchschnittsergebnissen.

Eindeutigkeit jedoch, eine Festlegung und auch die Inkaufnahme von Ablehnung – die 5 % „Totalverweigerer“ in der IMDb bei „Brief einer Unbekannten“ und die Reserviertheit von Frauen über 45 Jahren, kann viel eher zu künstlerisch überzeugenden Ergebnissen führen, ob man den dabei erreichten Stil schätzt oder nicht.

Eine Besonderheit von „Brief einer Unbekannten“ müssen wir erwähnen, weil sie die Stimmung des Films nicht zum geringsten Teil prägt und die Authentizität steigert: Nicht nur, dass in diesen amerikanischen Film, der in Wien spielt, für die Nebenrollen österreichische Schauspieler engagiert wurden, er dürfte eines der wenigen Beispiele dafür sein, dass eine Synchronisierung besser sein kann als das Original. Die weiche, sehnsuchtsvolle und melodische Sprache, die man den Filmen aus dem Ausland in den  Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg unterlegte und sie damit gewissermaßen veredelte, ist der eine Aspekt, aber dass die Schauspieler mit österreichischem oder wienerischem Akzent ins Deutsche übersetzt wurden, ist der Clou daran. Denn den Amerikanern, die nur das Original kennen, bleibt dieses Sahnehäubchen notabene vorenthalten. Wenn diese helle, klare und mädchenhaft wirkende Stimme, die man Joan Fontaine hier unterlegt hat, noch einen echt klingenden – leichten – wienerischen Akzent hat, ist das nicht mehr zu überbieten.

Ob dem Film etwas fehlt, was „Madame de …“ hat, haben wir uns im Nachgang gefragt, denn wir neigen dazu, diesen weiterhin als den – ein klein wenig – besseren Film anzusehen. Vielleicht, weil er noch eleganter ist, weil er diesen stark ironischen Unterton hat, weil er das Schwere zunächst so leicht aussehen lässt, bevor sich die Wucht der Tragödie voll entfaltet. Außergewöhnlich gut sind beide Filme, also scheidet sich alles nur im Detail und innerhalb der höchsten Punktebereiche.

Unsere Wertung für „Brief einer Unbekannten“: 91/100

Wir sind nun drei Jahre weiter, von der Rezension aus betrachtet, die wir bisher nur im Archiv gelagert hatten. Wir haben sie kaum verändert und man merkt ihr an, dass der Stil des Films sich auf sie übertragen hat und dass sie in einer Zeit entstanden ist, die emotional schon eine besondere war. Und da wir am Ende so wenig gnädig bezüglich heutiger Adaptionen von Stoffen sind, die in alten Zeiten spielen: Das gilt nicht uneingeschränkt, zum Beispiel nicht für die englisch-amerikanischen Romantik-Komödien der 1990er oder die Merchant-Ivory-Filme. Jetzt wäre es logisch, zur Rezension von „Madame de …“ überzuwechseln, da wir „Brief einer Unbekannten“ häufig im Vergleich mit dem fünf Jahre jüngeren letzten Schwarzweißfilm von Ophüls betrachtet haben. Aber leider ist das nicht möglich. Denn obwohl wir „Madame“ mehrmals angeschaut haben, ist uns bisher keine Kritik dazu gelungen. Das kommt sehr selten vor (ein anderes Beispiel ist „Der große Diktator“ von Charles Chaplin). Aber dafür gibt es eine andere Sprungmöglichkeit, die sich doch sehr anbietet: Zur Neuverfilmung aus dem  Jahr 2002 von Jacques Deray, die wir gerade erst geschrieben haben. Dann werden wir sehen, ob die These zumindest im Fall von Stefan Zweigs Roman ungleicher Gefühle zutrifft, dass man derlei heute vielleicht noch achtbar, aber nicht mehr herausragend inszenieren kann.

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Max Ophüls
Drehbuch Howard Koch
Produktion John Houseman für
Rampant Productions und
Universal Pictures
Musik Daniele Amfitheatrof
Kamera Franz Planer
Schnitt Ted J. Kent

Joan Fontaine: Lisa Berndle
Louis Jourdan: Stefan Brand
Mady Christians: Mutter Berndle
Marcel Journet: Baron Johann Stauffer
Art Smith: John, Stefans Diener
John Good: Lt. Leopold von Kaltnegger
Carol Yorke: Marie
Howard Freeman: Stiefvater Kastner
Leo B. Pessin: Stefan Jr.
Erskine Sanford: Gepäckträger
Otto Waldis: Hausmeister
Sonja Bryden: Frau Spitzer

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