Pläsir (Le plaisir, F 1952)

Filmfest 8

Nun hatten wir uns zuletzt mit dem wundervollen, ja wundervollen! Gangsterfilm „Wenn es Nacht wird in Paris“ aus dem Jahr 1954 befasst, in dem unter der kundigen Regie von Jacques Becker der „Schauspieler des Jahrhunderts“ Jean Gabin eine jener Rollen spielen durfte, die ihn legendär gemacht haben, als Gentleman-Ganove, der am Ende einiges verliegt und vielleicht alles, man erfährt es nicht genau. Wir haben überlegt, ob wir nun zu den düsteren Vorkriegsfilmen springen, mit denen Gabin Berühmtheit erlangte – haben uns jedoch anders entschieden.

Wir gehen nur zwei Jahre zurück und finden uns mitten im Pläsier, das uns wieder mit Gabin zusammenführt. Dieses Mal nur zu sehen in einer von drei Episoden, aber der bedeutendsten. Hier wird er unter Max Ophüls‘ kundiger Anleitung zum Frieden im Verzicht geführt. Jetzt schon ein Ophüls, ein weiteres Meisterwerk? Ja, aber wir werden es nutzen, um nach dieser Rezension Frankreichs goldenes Filmzeitalter erst einmal zu verlassen. 

Ist Freude Glück und muss Glück immer freudig sein?

Im Cabaret Glysse-Montmartre bricht in einem turbulenten, wilden Ball ein etwas eigenartig ausschauender Monsieur auf der Tanzfläche inmitten junger Damen ohnmächtig zusammen. Ein Arzt findet unter einer Maske einen Greis nahe dem Herzinfarkt. Er stützt ihn auf dem Weg nach Hause ins Armenviertel, und dessen Frau legt dem Doktor ihre Sorgen dar über seine Vorliebe für rauschende Feste und seinen Jugendwahn, während dieser nur wenige Meter entfernt völlig verausgabt im Bett liegt und die Zimmerdecke anschnauft.

Das Haus Tellier

Mme. Tellier, Besitzerin und Betreiberin eines gefragten Freudenhauses, ist mit ihren bildhübschen zusammengeschnürten Mädchen zur Erstkommunion einer Nichte auf dem Lande eingeladen. An diesem Tag des Betriebsausflugs bleiben folglich die Türen der Gastwirtschaft geschlossen. Eine Gruppe von anständigen, ehrbaren Herren der Stadt muss sich mit der ungewohnten Situation arrangieren, und der Tross nutzt die Zeit für einen Spaziergang zum nebligen Hafen, um sich dort schließlich auf einer Bank niederzulassen und um dem Spiel der Wellen zuzuschauen. Bald bricht Zank zwischen den Herren aus, um Nichtigkeiten, die kaum der Rede wert sind. Die ausgelassene Belegschaft des Etablissements fährt mit dem Zug aufs Land und wird am Bahnhof von M. Rivet, dem Cousin von Mme. Tellier, abgeholt. Das Dorf oder zumindest dessen Junggesellen stehen verständlicherweise beinahe Kopf. Doch in der Nacht können die Damen nicht schlafen, weil es so still ist, auf dem Land. Während der Messe am folgenden Morgen brechen die Frauen aus Paris in Tränen aus, weil Erinnerungen an ihre eigene Zeit als unschuldige Mädchen und ihre Kommunion sie überwältigen. Schließlich ist die gesamte in der Kirche versammelte Gemeinde zutiefst ergriffen, ohne recht zu wissen, warum. Danach bringt M. Rivet die Frauen wieder zum Bahnhof. Mittlerweile hat er sich in Mlle. Rosa ein wenig verliebt. Vor der Abfahrt des Zuges nach Paris sagt Rivet zu Rosa, er werde das Haus Tellier besuchen. Er geht neben dem Zug her, bis dieser Fahrt aufgenommen hat, winkt noch einmal und Rosa winkt aus dem Fenster ihres Abteils zurück. Rivet geht durch die sonnige und idyllische Landschaft nach Hause, mit einer Blume am Sonntagshut.

„Das Modell“

Dem jungen Maler Jean fehlt seit geraumer Zeit die Inspiration – und das Geld. Als er die schöne Josephine kennen- und lieben lernt, stoßen seine Bilder wieder auf reißenden Absatz. Die Schwärmereien gehen bald vorbei, und die Realität holt das Paar ein. Seine Muse erweist sich als Xanthippe, häusliche Gewalt beherrscht von da an das Atelier und die Stube. Nach einer (endgültigen) Trennung bleibt Josephine kein anderer Ausweg, als sich aus dem Fenster zu stürzen. Sie überlebt den Selbstmordversuch. Jahre später sehen wir am wolkenverhangenen Strand Jean und die gelähmte Josephine im Rollstuhl, jetzt ein Ehepaar, und die beiden alles andere als glücklich.

(Inhaltsangabe in der Wikipedia, „Haus Tellier“ von uns für die Wikipedia ergänzt, übrige Abschnitte ebendort mit kleinen Änderungen versehen)

Spotlight

„Madame de …“ von Max Ophüls wird einer der wenigen Filme sein, bei denen wir nachdenken müssen, ob wir ihnen 9, 9,5 oder gar 10/10 geben. Zuletzt hat uns „Brief von einer Unbekannten“ sehr gerührt, das letzte Werk von Ophüls in den USA.

Bei „Pläsier“ fangen wir, weil wir geradezu erstaunt sind, dass es so etwas bei Ophüls gibt, mit dem Negativen an. Die Episoden sind zu unausgewogen, ihre Länge und damit ihre Gedankentiefe betreffend. Die erste und die dritte Geschichte rahmen im Grunde die zweite nur oder komplettieren sie, „Das Haus Tellier“ nimmt über die Hälfte der Spielzeit ein. Schade unter anderem für Simone Simon, die ihr reizendes Antlitz, das sich gegenüber „Bestie Mensch“ (1938, Rezension beim Wahlberliner) kaum verändert hat, für die letzte Episode zur Verfügung stellt und im Rollstuhl endet.

Wir neigen sogar zu der Ansicht, dass es besser, weniger lehrbuchhaft und gewollt gewesen wäre, „Das Haus Tellier“ zu einem ganzen Film auszubauen. Wir dürfen das schreiben, weil wir Fans von Max Ophüls sind und ihn betrachten wie gute Freunde, deren Rat allerdings ohne Wirkung bleiben muss, und es gibt etwas, das uns mit ihm besonders verbindet. Aber es ist auch so leicht, seine Filme zu mögen, wenn man elegante Dekors bereit ist zu bewundern, die ebenso eleganten Dialoge mit großem Pläsier genießt, seiner Kamera folgt, sie sie durch Räume gleitet, über Gesichter, durch Fenster und Jalousien blickt, wenn die Geheimnisse des Hauses Tellier von außen erspäht werden sollen, Eindeutiges mit Delikatesse und ästhetisch absolut reizvoller Diskretion an uns vermittelt wird. In der Summe ist Ophüls einer der größten visuellen Künstler im Film seiner Zeit und schafft in einer Epoche, in der die Atmosphäre der Filme ohnehin großartig inszeniert war, noch einmal mehr als die meisten anderen.

Ja, gewiss ist der alte Mann hinter der Maske des zeitlosen Beaus, dem wir zu Anfang begegnen, beeindruckend und eine der traurigsten Figuren, die wir in letzter Zeit in einem Kinofilm gesehen haben. Wir müssen danach erst durch die Tür der Melancholie gehen und die Augen öffnen für eine Geschichte, die einen anderen Tenor hat. Die quirlige Frauen zeigt und die Sonne über den Feldern, den Wiesen, die Campagne, den hintersinnigen Humor des scheinbaren Verzichts, der am Ende steht. Wir hören die Grillen im Gras zirpen, obwohl Monsieur Rivet durch eine scheinbar stille Landschaft geht, als er Abschied von den Damen aus Paris genommen hat.  Wer hat nicht schon jemanden getroffen, war sehr angetan von ihm , hat ihm versprochen, ihn zu besuchen, und es dann nicht getan? Einerseits ist das sehr französisch, sich so zu empfehlen, und da wir einen Zugang zu diesem Land haben, der wiederum mit dem zu Max Ophüls zu tun hat, verstehen wir diese Idee gut. Wenn man so will, ist es die französische Form von Romantik. Sie schmachtet nicht so furchtbar sehnsuchtsvoll wie die deutsche der Biedermeierzeit, sie gleitet über in einen Zustand des inneren Ausgleichs, der mehr Glück bringen kann als die kurzfristige Freude des Landmanns in der großen Stadt, die er nicht verstünde und die er bald abstoßend fände, die ihrerseits jenes Mannes bald überdrüssig wurde. Die große Illusion des Monsieur Rivet, gespielt von Jean Gabin, ist nicht vorbei und die Blumen am Hut und am Wagen, welche die Frauen gepflückt haben und die ihn nach Hause begleiten, sind Grüße jenes Glücks, das in einem besonderen Moment ins Leben eines einfachen Mannes fand.

Wie sich Rivet gegenüber Rosa verhält, ist auch Anteilnahme und Wertschätzung, dies drückt sich in der Schlussszene ebenfalls aus, in welcher er neben dem startenden Zug hergeht und ihr winkt. Nicht wie jemand, der ein Wiedersehen plant, sondern wie einer, der weiß, dass es genug ist. Seine Frau ist sowieso schon in Habachtstellung und dieses Mal ist Gabin zwar, wie immer, einer, der den Frauen zusagt, aber er nutzt es nicht aus und gerät auch nicht Schwierigkeiten, weil er der Leidenschaft nachgibt, wir kennen das aus einigen seiner großen Vorkriegsfilme (neben dem erwähnten „Bestie Mensch“ z. B. aus Marcel Carnés „Hafen im Nebel“.

Etwas, das es nie geben wird, kann auf seine Weise erfüllend sein, etwas, das einfach nur da ist für eine Zeit, kann Momente wahr werden lassen, die als Wegzehrung für lange Jahren dienen. Die Damen des Hauses Tellier in einem kleinen Dorf sind ein Sommermärchen für Monsieur Rivet, kein ernsthafter Eingriff in sein Leben.

Die dritte Episode ist nicht nur kurz, sondern, pardon Monsieur Max, auch ein wenig banal. Die Kunstfertigkeit, mit der Ophüls filmt – man beachte besonders die impressionistsche Schlussszene am Strand – verstellt in gewissen, allerdings seltenen Fällen eine gewisse inhaltliche Flachheit. Die dritte Geschichte handelt davon, wie ein Maler ein Modell kennenlernt, das ganz reizend und charmant ist, wenn auch nicht anders als andere Modelle, wie der Narrator nicht zu erwähnen vergisst, aber das Mädchen verliebt sich in den Maler, der Maler sich in das Mädchen und er malt nur noch sie, und diese Bilder haben etwas Aufrichtiges oder Besonderes, das in der Kunstwelt endlich die Anerkennung bringt und den Durchbruch für unseren Künstler. Dann aber ist er seinerMuse überdrüssig, behandelt sie schlecht, sie hängt aber an ihm wie eine Klette.

Er reist ab zu einem Freund, sie findet ihn, stürzt sich aus dem Fenster in ein Glasdach (eine Szene, die später häufig zitiert wurde), verletzt sich dabei so, dass sie für immer gelähmt bleibt und der Maler findet seine Aufgabe darin, die Frau, an deren Kurzschlusshandlung er sich schuldig fühlt, für den Rest des gemeinsamen Lebens im Rollstuhl umherzufahren. Eine Freude ist das sicher nicht, aber muss Glück immer Freude sein? Wenn man die Frage umdreht, kommt dabei heraus, dass Glück auch Leiden sein kann. Die meisten Menschen werden diesen Zusammenhang nicht gleich akzeptieren, aber manches, was uns bindet und bremst, was uns erdet und demütig macht, kann durchaus ein Glück sein für uns und für alle, mit denen wir Umgang haben.

Gerade durch ein Unglück wie diesen Selbstmordversuch kann etwas erwachsen, das fern der bisherigen Jagd nach der Sensation und der ungebremsten Lebensgier eine Zufriedenheit mit der Beschränkung erwachsen lässt – ohne die Menschen mit Handicap biespielsweise nie als glücklich gelten dürfen. Und sind wir berechtigt, ihnen das Recht zum glücklich sein abzusprechen, weil sie sich zum Beispiel nicht so frei bewegen können wie wir? Wer zum Beispiel mit seinen Kräften haushalten muss, um voran zu kommen, der rennt nicht ohne Not jeden Tag im Kreis, wie so viele von uns, die Aktion für Fortbewegung halten und oberflächliche Freuden für Glück.

Fazit

Das bekannteste Werk von Guy de Maupassant ist wohl „Bel-Ami“, der unter anderem in Deutschland mehrfach verfilmt wurde. Dieses Buch ist in weiten Teilen autobiografisch und das Leben von Maupassant spiegelt exakt das, was er in den Geschichten thematisiert, die u. a. Grundelage von „Le Plaisier“ sind. Er war ein ruheloser Flaneur und gemäß Fotos ein gutaussehender Ladies Man, und was er uns durch Ophüls wunderbare Kamera zeigt, ist das, was ihm selbst nicht mehr zuteil wurde: Eine Stetigkeit, ein stilles Glück. Er wurde auch nicht alt, ebenso wie der Mann hinter der Maske, der nicht von den Ballvergnügungen lassen kann, denn de Maupassant stirbt mit nur 43 Jahren an den Folgen einer Syphilis, der Krankheit der lasterhaften Menschen in der damaligen Zeit. Derer, die es bunt getrieben haben wie die Damen des Hauses Tellier und ihre Honoratioren-Liebhaber aus dem Mittelstand, die sofort in sinnlose Streitigkeiten geraten, wenn ihnen die Liebesdamen nicht zur Verfügung stehen.

Vielleicht hätte „Le Pläsir“ die künstlerische Höhe von „Madame de …“, der ein Jahr später erschien, bereits erreicht, hätte Ophüls sich hier nicht dem damals in Mode gekommenen Genre des Episodenfilms verschrieben. Sein „Le Ronde“ von 1950 ist bereits episodisch angelegt, wenn auch ein einer besonderen, ganz raffinierten Form, die letztlich dem Filmreigen, der Konzeption unseres Features „Filmfest“, den Namen verliehen hätte – und diese Vergabe ist mehr Max Ophüls als Arthur Schnitzler geschuldet, nach dessen Stück Ophüls „Der Reigen“ gestaltete.

Jedoch, auch so, wie er geworden ist, zählt „Le Pläsier“ immer noch zu den besonders schönen Filmen, die im Frankreich jener Zeit so zahlreich waren und es ist ein Pläsier für die Augen und die Ohren, sich ihn anzuschauen. Neben der Episodenform gibt es eine noch prägnantere Besonderheit: Den Narrator (im Original Jean Servais), der uns mehrere Minuten lang akustisch in den Film einführt, ohne dass etwas anderes zu sehen wäre, als eine schwarze Leinwand – also nichts.

Warum haben wir aber nun nach dem Klassiker „Wenn es Nacht wird in Paris“ mit „Le plaisir“ schon einen weiteren besprochen? Nun, weil wir nicht widerstehen konnten. Wir wollten schon einen Film von Max Ophüls zeigen, dem wir uns besonders verbunden fühlen. Wir nutzen nun aber „Pläsir“, um mit Ophühls eine Reise zu machen. Eine Zeitreis sozusagen mit dem Heck voran in die USA und ins Jahr 1948, wo wir Ophüls in dessen amerikanischer Phase am Werk sehen.

Unsere Wertung: 82/100

© 2015 Der Wahlberliner, Alexander Platz

Regie    Max Ophüls

Drehbuch           Jacques Natanson, Max Ophüls

Produktion         Max Ophüls

Musik   Joe Hajos, Maurice Yvain, Motive von Jacques Offenbach

Kamera                Christian Matras, Philippe Agostini

Schnitt  Léonide Azar

Besetzung

Claude Dauphin: Der Doktor

Jean Galland: Ambroise

Gaby Morlay: Frau von Ambroise

Madeleine Renaud: Mme. Tellier

Jean Gabin: Joseph Rivet

Danielle Darrieux: Rosa

Paulette Dubost: Madame Fernande

Ginette Leclerc: Madame Flora

Mila Parély: Madame Raphaële

Daniel Gélin: Jean

Simone Simon: Josephine

Jean Servais: der Freund

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