Der doppelte Lott – Tatort 615 / Crimetime 75

Crimetime 75 - Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Mit dem Elfer zum vierten Loch

Nach dem Anschauen von „Der doppelte Lott“ ist nun klar – dieser Thiel / Boerne fehlte in der Sammlung des Wahlberliners. Einen Tatort, in dem Thiel Kasatschok tanzt, falls es einer war, und in dem er beinahe eine Romanze hat, das wäre mir in Erinnerung geblieben, weil es beides in bisher 33 Münster-Tatorten im Tanzfall ganz sicher nur einmal gab und Letzteres auch sehr selten vorkommt. In Kombination ist es garantiert einmalig.

Boernes Leidenschaft für Cabrios, das Golfspiel und Kulinarisches ist hingegen ein Standard, da kann es mal zu Verwechslungen verschiedener Fälle kommen. Aber auch hier: Mit dem 911er zum vierten Loch auf dem Grün, dieses Sakrileg hätte ich mir gemerkt. Was noch aufgefallen ist, steht in der -> Rezension.

Hier der Trailer der ARD und im Anschluss Handlung, Stab, Besetzung

 

Handlung

Münster steckt mitten im Wahlkampf als ein Mord geschieht. Doch der tote Mann am Boden ist nicht der, für den man ihn halten könnte. Unweit einer Demonstration gegen den rechtsextremen Bürgermeister-Kandidaten Frieder Lott wurde dessen Doppelgänger hinterrücks erstochen.

Als „Der wahre Lott“ war der Kabarettist Joachim Montell stadtbekannt – und tatsächlich sah er Lott zum Verwechseln ähnlich. Galt der Mordanschlag ihm oder dem für seine kernigen Sprüche bejubelten und angefeindeten Populisten?

Kommissar Frank Thiel ermittelt in alle Richtungen. Er heftet sich an die Fersen von Lott und befragt Montells Lebensgefährten, den Chanson-Sänger Tom Linden. Zu seinem großen Bedauern kann der Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne nicht direkt in die Ermittlungsarbeiten eingreifen: Er muss sich in eigener Sache gegen den Vorwurf verteidigen, unter Einfluss von Kräuterschnaps einen Autounfall verursacht zu haben. Doch wozu gibt es Handys? Boernes Anrufe verfolgen Thiel auf Schritt und Tritt. Auch der Kommissar ist abgelenkt. Ihn bringt Larissa, eine Studentin aus Kiew auf ganz andere Gedanken.

Rezension

Der Film hatte im November 2005 Fernsehpremiere und auf eine sehr unangenehme Weise ist er hochaktuell. In der Thiel-Boerne-Rangliste des Tatort-Fundus taucht er auf Platz 5 von 33 bisherigen Fällen auf und war damals doch eher „normal“. Er wurde gedreht in der „großen Zeit“ der Münsteraner, als die Gesichter und die Witze noch ziemlich frisch waren, angenehmerweise hält es sich aber hier, wie in manchen der neueren Münster-Tatorte, mit den Alberich-Diskriminierungen in Grenzen. Es ist auch, bei aller Präsenz Boernes, ein Thiel-Tatort. Axel Prahl hat eindeutig die meiste Spielzeit und ankert den Fall emotional, mit seiner zurückhaltenden Schwäche für das Mädchen Larissa. Dass aus den beiden nichts werden kann, weil natürlich ein Thiel, wenn überhaupt, sich in die Täterin verliebt, versteht sich von selbst. Es wird also bei der alten Liebe, St. Pauli, bleiben und bei der Handymelodie „Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins“. Die beinahe der Signature-Song für einen Travestiekünstler aus Münster geworden wäre.

Dass Thiel alleine bleiben muss, mag ein wenig traurig sein, aber das Unangenehme ist der Hintergrund, nämlich, dass ein rechter Populist  sich in Münster anschickt, die Bürgermeisterwahl zu gewinnen. Sehr interessant, dass das hier so direkt läuft, aber eine Partei namens „FLL“ hat er ja im Hintergrund, der Lott. Wie auch immer, ich hatte das Gefühl, acht Jahre vor ihrer Gründung und zehn Jahre vor dem steilen Aufstieg der AfD hat man mit Lott den Björn Höcke vorweggenommen. Der ist zwar nicht Bauunternehmer und macht mal Politik, weil das Business allein nicht mehr befriedigt, aber an wen erinnert uns dieser Part wieder? Natürlich, an Donald Trump. Und generell daran, dass personalisierte „Bewegungen“, die schnell aus dem Boden gestampft werden, mittlerweile in vielen Ländern einen sehr großen Einfluss auf die Politik ausüben. Meistens nicht zum Guten, denn linke Bewegungen gibt es zwar auch, aber diese haben sich bisher nicht durchsetzen können.

Ob man heute noch einen solchen Politiker so eitel, aber auch nicht besonders gefährlich darstellen würde? Gut, ganz am Ende, da dekonstruiert man ihn, indem man kundtut, dass er in einer ehemaligen Sowjetrepublik namens „Uschien“ oder so ähnlich, im Wege seiner Bautätigkeit eine 14jährige vergewaltigt hat, die sich dann umbrachte und spiegelt es darin, dass er das mit einer weiteren Jugendlichen in Münster ebenfalls getan hat, die aber ein robuster und etwas vulgärer Typ ist und sich lieber fürs Schweigen bezahlen lässt, als sich das Leben zu nehmen. So unterschiedlich ist das mit der Ehre hierzulande und in Gegenden, in denen sich die Schwester und der Bruder der Toten dann auf den Weg nach Deutschland machen, um Rache zu üben, da Recht nicht zu finden ist. Diese Ex-Sowjetrepublik ist fiktiv, aber am besten passt die Beschreibung der Menschen dort wohl auf Tschetschenien, das an einer Stelle auch kurz erwähnt wird.

Es gibt wirklich einige wunderbare Momente, etwas die Russland-Klischees im Restaurant „Kalinka“, die nicht nur doppelbödig, sondern auf drei Ebenen gespiegelt werden. Ebene eins: Thiel merkt an, dass es für eine Geburtstagsfeier sehr melancholisch zugeht. Harter Schnitt: Eine Stunde später oder so. Der russische Bär ist los und es kommt zur Tanzszene mit Thiel. Und später ist das Restaurant beinahe verwüstet, eine Orgie fand statt. Zweite Ebene: Okay, wir bringen das Klischee und es stimmt doch. Dritte Ebene: Beides stimmt, auch dieser sehr rasche Wechsel zwischen fast depressiv und vollkommen ausgelassen und natürlich mit viel Alkohol und nach der Feier die Notwendigkeit, mit großem Aufwand das Restaurant wieder in einen funktionsfähigen Zustand zu versetzen. Da ist schon ein wenig Dostojewski drin. In viele Witze à la Münster muss man nichts zu Tiefgängiges hineininterpretieren, aber das war schon sehr nett und hintergründig gemacht und – ohne Boerne.

Boerne kommt dieses Mal besonders nervig rüber und toppt sich selbst, als er im Auto sitzt und hupt und dann rausgeht, um Thiel endlich von einer Zeugin wegzuholen und dann in etwas hineintritt, was abgewischt werden muss und dabei findet er ein typisches Einstecktuch von Lott. Diese Beschreibung ist wichtig, weil sie die Ermittlungsarbeit kennzeichnet: Alles sehr auf ziemlich unwahrscheinlichen Zufällen aufgebaut und mehr nebenher laufend als zentral für den Film. Mit sowas spart man viel Zeit, auch wenn der echte Krimifan es vielleicht nicht so mag. Aber wir gehen wieder ins Jahr 2018: Es ist mittlerweile so üblich geworden, dass der Krimi hinter die Figuren, hinter die Atmosphäre, hinter die Botschaft zurücktreten muss, dass man höchstens bemängeln kann, dass Münster an dieser Tendenz einen erheblichen Anteil hat, denn die Filme mit dem Gerichtsmediziner und seinem Kommissar sind sehr erfolgreich, obwohl sie selten Plot-Highlits darstellen. Es gibt einge wie „Wolfsstunde“ da klappt die Synthese: Guter Krimi und viel typischer Humor.

Weil man sich mit dem Ermitteln aber nicht zu lange aufgehalten hat, konnte man eine uralte Tatort-Tradition aufleben lassen: Dass Ermittler aus anderen Städten einen Kurzauftritt haben und dadurch ein paar Euro extra verdienen können. Die Kölner Ballauf, Schenk und Gerichtsmediziner Roth hätten das allerdings nicht nötig, denn sie sind das Team mit den kürzesten Intervallen zwischen zwei Tatorten und kommen im Durschnitt auf drei neue Fälle jährlich. Dass Roth, genannt Rottweiler, und Boerne zusammen studiert haben, kann nur darauf zurückzuführen sein, dass Rottweiler auf dem dritten Bildungsweg zum Gerichtsmediziner wurde, denn die beiden liegen ganz offensichtlich fast eine Generation auseinander. Wenn man so will, ist das alles Füllmaterial, das verwendet wird, damit „Der doppelte Lott“ nicht zu hohl klingt, wenn man daran klopft, um seine Material-, also Plotqualität zu prüfen. Aber da es nun die Münsteraner ebenfalls schon seit fast einer Generation zu bestaunen oder zu bewundern gibt, weiß man ja, wie es weiterging und freut sich über diesen Film, der relativ zu allen 33 Fällen der Westfalen-Ermittler über die Jahre eher hinzugewonnen hat.

Finale

Kein anderes Tatort-Team hat so viele Fans wie Thiel und Boerne und natürlich ist für diese Fans auch „Der doppelte Lott“ ein Muss, aber er ist auch ein recht ansehnlicher Film. Dass die Dinge, die nachdenklich machen, ein wenig untergehen im üblichen Klamauk, ist vielleicht nicht optimal, aber es war eben doch eine andere Zeit. Eine mit 5,2 Millionen Arbeitslosen, wie Thiel anmerkt, aber auch eine, in der es trotz dieser schon deutlich erkennbaren sozialen Verwerfungen noch keine starke Rechtspartei in Deutschland gab und man über ein Was-wäre-wenn-Szenario noch recht flockig nachdenken konnte. Nein, heute würde man einen Typ wie Lott, wenn überhaupt in Münster, anders porträtieren. Ob man sich trauen würde, dabei satirisch zu werden, wozu man ja viel steiler gehen müsste, in Zeiten, in denen die AfD im Osten nach Umfragen gerade stärkste Partei ist, das ist die Frage. In Münster ginge es aber nicht anders.

Für uns ist diese Rezension ein kleines Jubiläum – die Nummer 75 beim neuen Wahlberliner. Ob wir uns nun wünschen sollten, dass Thiel und Boerne durchmachen, bis sie 75 sind? Möglich ist alles, Vaddern macht es vor. Der fährt auch im Jahr 2018 noch Taxi und vielleicht müssen ja auch die Beamten irgendwann von der ständig ansteigenden Lebensarbeitszeit partizipieren dürfen.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Frank Thiel – Axel Prahl
Professor Karl-Friedrich Boerne- Jan Josef Liefers
Herbert Thiel- Claus D. Clausnitzer
Dr. Joseph Roth- Joe Bausch
Frieder Lott- Alexander Held
Tom Linden- Tim Fischer
Gennadi- Rezzo Tschchikwischwili
Staatsanwalt Jansen- Wilfried Hochholdinger
Larissa- Chulpan Khamatova
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Silke Haller (alias „Alberich“)- Christine Urspruch
Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
u.a.

Stab
Drehbuch – Jan Hinter, Stefan Cantz
Regie – Manfred Stelzer
Kamera – Egon Werdin
Musik – Lutz Kerschowski, Danny Dziuk

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s