Der Himmel ist ein Platz auf Erden – Tatort 943 / Crimetime 78 // #Tatort #BR #Nürnberg #Voss #Ringelhahn #Tatort943

Verwendete Fotos © BR, Olaf Tiedje

Die Unmöglichkeit, im richtigen Moment abzudrücken

Die neue Mordkommission Franken – das sind die beiden Kriminalhauptkommissare Paula Ringelhahn und Felix Voss mit ihrem Team. In ihrem ersten Fall beschäftigt sie das tödliche Ende eines Rendezvous. Ein Professor der Uni Erlangen wurde beim Liebesspiel im Auto erschossen.

Handlung

Christian Ranstedt, verheiratet und Vater von zwei Kindern, Professor an der Universität Erlangen und angesehener Bürger der Stadt Nürnberg wurde beim Liebesspiel in seinem Auto durch zwei Kopfschüsse aus nächster Nähe getötet.

Als die Polizei eintrifft, stehen beide Wagentüren offen. Der Fahrersitz mit dem toten Ranstedt ist weit zurückgeschoben. Die Person, die mit ihm im Auto war, ist verschwunden. Ihre Spuren enden an einer kleinen Landstraße. Nichts deutet auf ihre Identität hin.

Ranstedts Ehefrau Julia glaubte ihren Mann an der Universität. Für sie und ihre beiden Kinder bricht schlagartig eine Welt zusammen, die unzerstörbar schien. Warum wurde Christian Ranstedt ermordet? Warum in einem so pikanten Moment? Und wieso blieb wer immer mit ihm im Auto war am Leben?

Spotlight

Die Angst der Polizistin vorm nett ausschauenden, ethnischen Pappkameraden, somit erst recht vor realen Personen, ist die hauptsächliche Macke im neuen Ermittlerteam aus Nürnberg, dessen Hauptkommissare nicht aus dem Frankenland stammen, sondern irgendwo aus dem mittleren deutschen Osten und von der Waterkant oder knapp dahinter. Wie schon beim Nord-Süd-Export Richtung Saarbrücken namens Stellbrink haben Nordlichter nun also die Aufgabe, frisch, halbwegs frei und optimistisch in jedwede fremde Welt zu treten, selbst, wenn dort das große und das kleine „r“ gerollt werden, die leeren Bürohäuser am Ende der Straße der einstigen Weltgeltung stehen, die Ruhe etwas Hysterisches hat und die Nachbarn ein Nachbarschaftsdrama aufführen, in dem es schließlich einen Tom aus der Kiste gibt, mit dem man nicht rechnen durfte.

Rezension

Die relative Normalität des neuen Frankentatorts wird seinen Filmen sehr helfen, das sehen wir voraus. Die meisten Fans der Tatort-Reihe sind die Flut von Polizisten leid, die im realen Leben niemals auf Verdächtige, Untergebene, Vorgesetzte und überhaupt auf jedermann losgelassen würden. Kommt also ein Fabian Hinrichs. Er trägt den Nachnamen des Hamburger Millionendiebs Peter Voss und zieht ins bayerische Franken, um Millionen von nur allzu bereiten Zuschauerherzen zu erobern. Er muss lediglich ein Typ zum Anfassen sein und sein Darsteller darf sich keine zu großen Aussetzer leisten. Ein paar kleinere gab es in „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ schon, aber – alle Teammitglieder sind um Längen kapabler als die heute im siebten Himmel der Tatort-Ikonen schwebenden Kollegen aus der Hauptstadt.

Nein, die Hauptstadt, das ist nicht Berlin, sondern München natürlich. Einen Berlin-Komplex haben die Nürnberger sicher nicht, wohl aber einen gegenüber der Stadt, in der sie noch mit Knödeln geworfen haben, als in Nürnberg schon die Kaiser waren. Und jetzt sind sie so erfolgreich, die Amigo-Bayern, dass einem aufrechten Franken Angst und Bange werden kann. Weit und breit keine in den Staat hineinwirkende OK in Sicht, nur ein wenig geheime Forschung, kriminalistisch ein toter Ast, wie uns Voss freundlicherweise sogleich verrät, um alle Verdächtigen, die auf diesem Ast sitzen, ins Nichts verschwinden zu lassen. Auch das macht ihn sympathisch, den Jungen aus dem Norden, wo der Blick der Menschen auch deshalb so klar geradeaus wirkt, weil er aufs unendliche Meer geht, der Himmel genau über der Wasserkante anfängt und man die Augen nicht unterwürfig heben muss, um ihn anschauen zu können. Das bringt eine gewisse gleichberechtigte Sicht auf alle Dinge mit sich – und eine schöne Unvoreingenommenheit.

Vielleicht gilt diese auch der offenbar in einer Selbstfindungskrise befindlichen Franken-Metropole. Denn wo die Kaiser waren, da waren auch die Reichsparteitage und irgendwas zog auch Firmen dorthin, die ebenfalls keine lange Halbwertzeit hatten. Wenn wir’s richtig verstanden haben, was Kommissarin Ringelhahn andeutet, als sie an Ex-Quelle und Ex-AEG vorbeifahren, dann geht das philosophische Underlining etwa so: Da die einstige Kaiserstadt sich als Reichparteitagsstadt so hervorgetan hat und das tausendjährige Reich nur zwölf Jahre dauerte, hatte sie nach dem Krieg auch kein dauerhaftes Wirtschaftsglück verdient. Solch eine Sicht kann man sich leisten, wenn man von auswärts kommt. Da verbindet uns doch etwas mit den Franken – die übrigens als hin und wieder auftretende Nachbarn in Berlin etwas anders klingen als in diesem Film – nämlich die Ansicht, dass dies einer gesonderten Betrachtung wert wäre, oder einfach Quatsch ist (1).

Lenken wir den Blick freundlich auf die Gegenwart und den Ort, und die Gegenwart ist postmodern und die Gegend ist austauschbar, denn auch das ist postmodern, daran ändern ein paar regional verortbare Kriminaler nichts, die ein wenig bodenständig wirken. Ein klein wenig nur erden sie einen Tatort, der auf irgendwo zwischen Himmel und Erde schwebt und hier nicht und dort nicht eine Heimat hat. Erdverwachsen ist der Filmstil gewiss nicht, die philosophische Höhe der äußerst konventionellen Handlung stößt andererseits nicht durchs allfällige Wolkenweiß und blickt des Nachts schon deshalb nicht ins Dunkel menschlicher Abgründe, weil die Sterne als Lichtquelle fehlen. Als Zuschauer schwebt man mit der Handlung und den Menschen irgendwo im Nirgendwo, obwohl doch alles so gewollt und so deutlich nach Vorbildern gefilmt ist.

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir „Mulholland Drive“ von David Lynch für die FilmAnthologie des Wahlberliners rezensiert (Beitrag noch nicht veröffentlicht) und wenn in „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ ein hübsches Chanson spielt und Szenen langsam aufgeblendet werden, jemand irgendwo in der Szene in der Ferne sitzt und sich rein gar nichts ereignet und die Szene wieder verglimmt, dann wissen wir und freuen uns drüber, es gibt noch deutsche Regisseure, die sich zum großen Kino bekennen, und es ist nicht grundschlecht, dass dieses große Kino nur formal zitiert wird, denn was soll man sonst tun, wenn man nicht im Filmhimmel ist, sondern an die Zwänge einer Fernsehreihe gebunden. Dass jener Tatort das teuerste und höchstangesehene deutsche Krimiformat ist, kann man mit Dankbarkeit quittieren, wenn man dafür filmen darf, man kann aber auch anklingen lassen, dass man, ja, wenn man dürfte, noch anderes könnte.

So bleibt das Gefühl, die Filmsprache überwiegt den Inhalt mal wieder bei weitem an Wucht und Ausfeilung, eine Tendenz, die sich in den letzten Jahren geradezu atemberaubend beschleunigt hat – und wenn das nicht postmodern ist, dann wissen wir’s auch nicht. Denn was wir sehen, ist ein simples Eifersuchtsdrama, wenn auch eines mit Atmosphäre. Die erreicht nicht die hypnotische Wirkung wie in „Mulholland Drive“ und anderen Werken von David Lynch (etwa die der bis heute unübertroffenen Miniserie „Twin Peaks“), aber sie gibt den Figuren eine Anmutung von Tragik und Tiefe, die sich durch keinerlei dargestellte Charakterzüge belegen lässt. Im Grunde ist die Handlung von erschreckender Banalität, und deswegen machen wir’s heute mal umgekehrt wie bei allen Teamvorstellungen, die wir seit 2011 beobachtet haben: Wir geben keinen Bonus für die Neuen, den haben sie nicht nötig.

Fazit

Eher tendieren wir zu einer – für Münchener Verhältnisse moderaten – Watschn dafür, dass man mit einem simplen Fernseh-Whodunit versucht, Hollywood zu spielen und dabei alle Bezüge und Ideen missachtet, die großen Stil erst zu einem großen Film werden lässt.

Der Clou z. B. an David Lynchs Filmsprache ist, dass er sie einsetzt, um Strukturen aufzulösen und unseren Blick zu irritieren, uns mit all unseren Seh- und Denkgewohnheiten herauszufordern, unseren Zugang zur Wirklichkeit infrage zu stellen. In einem Krimi, der an so viele Konventionen gebunden ist wie die Whodunit-Version des Tatorts (warum hat man nicht wenigstens eine Thriller-Plotanlage verwendet, die zu mehr Extravaganz und Drive einlädt?), kann das wohl kaum die Intention des Regisseurs sein. Dazu gibt es in den Vorbildfilmen einen beachtlichen Subtext, der zumindest in Teilen erkennbar ist, wenn man sich ein wenig mit der Geschichte Hollywoods befasst hat. Ist dies nicht der Fall, hat man allerdings ein Problem.

So voraussetzungsreich dürfen Tatorte aber aus vielerlei Gründen nicht sein, deswegen läuft die visuelle Gestaltung in „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ wieder mal gut rein, aber auch schnell raus – ins Leere. Das gilt auch für den kryptischen Titel des Films und das französische Lied, das man verwendet hat, und dessen Titel wir bei gegebenem Zeitbudget nicht recherchiert bekamen – zudem hat unser Schulfranzösisch nicht mehr ausgereicht, um den Text so zu entziffern, dass wir ihn hier übersetzt wiedergeben und seinen Bezug zum Inhalt des Films referieren könnten. Vielleicht ist das alles nicht so wichtig, sondern nur Teil einer optisch-akustischen Stilübung. Wir sind hier aber in einem echten Fernsehfall. Das wollen wir nicht vergessen.

Deswegen vergessen wir auch nicht, dass die Ermittler Spaß gemacht haben. Die Nachfolge von Inga Lürsen ist jetzt auch gesichert, die vom Typ ohnehin ähnliche Paula Ringelhahn reicht die politische Empörung à la Bremen schon einmal als Kostprobe dar, als es um den Rüstungsgüter-Hersteller geht.

Und wir erkennen an, dass die Frauenfiguren Julia Ranstedt und Charlotte Pahl (gespielt von Jenny Schily / Ulrike C. Tscharre) hervorragend ins Bild gesetzt wurden. Vor allem letzterer wird durch eine einzige Szene ein solches Gewicht gegeben, dass man auch hier wieder an Kinovorbilder  denkt: eine Frau ist eine Frau. Oft ist das allemal genug und vielleicht sogar zu viel für manchen Mann, der dies nicht schätzen kann. Wir meinen den Moment, in dem Charlotte über den Markt oder Platz in Nürnberg geht. Die hat jene suggestive Wirkung, die keine Gründe braucht, das haben die Filmer der Nouvelle Vague schon gut erkannt, und die konnten Frauen ins Bild setzen. Obwohl die angesprochene Szene bei Tag spielt, beinahe transluszent wirkt, Einkaufstüten einen Alltagstouch reinbringen, hat sie uns durch das vermittelte Gefühl von bildfüllender Einsamkeit und Abgeschiedenheit einer durchaus romantischen Person – die Bluse im 70er-Stil  ist nicht zufällig gewählt –  inmitten einer diffusen Hintergrundwelt u. a. daran erinnert, wie Jeanne Moreau von Louis Malle in „Fahrstuhl zum Schafott“ durch die Nacht geschickt wird und die Kamera stets auf ihr verweilt (2). Selten haben wir ein letzter Zeit eine so pathetische Einstellung in einem Tatort gesehen, und das will etwas heißen. Wir glaube übrigens nicht, dass erkennbare Gegensätze Ironisierung beinhalten, so wirkt der Film im Ganzen nicht.

Und wir können’s nicht lassen: In den großen französischen Filmen wird die Poesie der Verlorenheit jedoch zu einer eigenen künstlerischen Konzeption, sie erschließt sich dann aus den ausgezeichnet ausgeformten Charakteren, verlässt sich nicht darauf, genau auf umgekehrte Weise diese Figuren mit nur einer Szene kennzeichnen zu können.

Die Dialoge weisen übrigens Grammatikfehler auf und in Nürnberg müssen sie jetzt auch erst mal wieder neu lernen, dass es „Durchschungsbeschluss“ heißt.  Das ist die wahre Poesie dieses Tatorts: Alles ist Anfang. Man spürt, es ist immer wieder Anfang. Und was daraus nicht alles Wunderbares werden kann!

Unsere Wertung: 6,5/10

 (1) Die gesonderte Betrachtung hier in Kurzform als Exkurs und nur für Kenner. Da klingt etwas in der eigenen Biografie an, das geht so: Als die Schwaben noch kleine Handwerkerle waren, da wurde bei uns der Stahl der Nation geschmiedet und war der Wohlstand weitaus höher als hinterm Weißwurstäquator. In einer solchen, im Grunde sehr guten Situation waren unsere Ahnen die letzten Deutschen, die sich noch frei für oder gegen Hitler entscheiden konnten – das Ergebnis ist bekannt. Kein Wunder, dass das Land unserer Ahnen seit vierzig Jahren mit der Konversion kämpft und sie nicht überzeugend hinbekommt. Das ist der Fluch der bösen Entscheidung. In einer ähnlichen Situation stellen wir uns auch Nürnberg vor, ökonomisch gesehen. Es hat allerdings den Vorteil, dass es im reichen Bayern liegt und die Münchener deshalb nicht so schreien können, wie wenn sie in den Länderfinanzausgleich einzahlen müssen, denn in Franken sitzen schließlich viele von den Wählern, die bestimmen, wer in München regiert. Quatsch ist die Herstellung eines solchen Zusammenhangs dennoch.

(2) Der Film wird nicht von allen Kritikern bereits zur Nouvelle Vague gezählt, vor allem von jenen nicht, die „Außer Atem“ als Startpunkt der NV ansehen, wir sind aber der Meinung, dass er zumindest schon viele Stilelemente und die Grundhaltung der NV aufweist, siehe unsere Rezension in der FilmAnthologie des Wahlberliners.

© 2015 Der Wahlberliner, Alexander Platz

Kriminalhauptkommissar Felix Voss – Fabian Hinrichs
Kriminalhauptkommissarin Paula Ringelhahn – Dagmar Manzel
Kriminalkommissarin Wanda Goldwasser – Eli Wasserscheid
Kriminalkommissar Sebastian Fleischer – Andreas Leopold Schadt
Michael Schatz [Leiter der Spurensicherung] – Matthias Egersdörfer
Polizeipräsident Dr. Kaiser – Stefan Merki
Charlotte Pahl – Ulrike C. Tscharre
Julia Ranstedt – Jenny Schily
Tommy Buchwaldt – Dennis Mojen
Frederik Pahl – Uwe Preuss
Christian Ranstedt – Philippe Brenninkmeyer
Susanne Köster – Genija Rykova
Eberhard Lorentz – Bernd Regenauer

Drehbuch – Max Färberböck, Catharina Schuchmann
Regie – Max Färberböck
Kamera – Felix Cramer
Musik – Verena Marisa

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