Ausgelöscht – Tatort 802 / Crimetime 79 // #Tatort #Ausgelöscht #Tatort802 #Eisner #Fellner #Bibi #ORF #Wien

Crimetime 79 - Titelfoto © ORF, Ingo Pertramer

Als man in Wien begann, sich um die Organisierte Kriminalität zu kümmern

In diesem Tatort geht es drunter und drüber wie selten zuvor gesehen. Das Ganze ist witzig und mit viel Charme gemacht, stellenweise auch ziemlich frech. Aber man muss den Kopf ausschalten, um den Film genießen zu können.

Denn die Handlung ist eine unglaubliche Ansammlung von Seltsamkeiten und das Figurentableau strotzt vor Klischees auf der Seite der Täter und Verdächtigen. Bis auf eine Ausnahme, aber genau diese ist ein besonderer Schwachpunkt des Plots.

Es kommt gut, dass der Tatort Wiener Art sich selbst nicht ganz so ernst nimmt wie das in vielen deutschen Städten immer noch der Fall ist. Obwohl es auch hierzulande immer schwieriger wird, weil die Ermitlerduos immer kurioser gestaltet werden und damit nicht selten den Ernst der Sache torpedieren, anstatt sich ins Konzept der Tragödie zu integrieren. Zuweilen sorgen Kombinationen von mangelndem Realismus, gleich, ob die Handlung oder die Figuren betreffend mit der moralischen Keule für gehöriges Schädelbrummen. Da Letztere im Tatort 802 weggelassen wurde, ist er sehr unterhaltsam und in weiten Teilen mit sehr viel Freude gespielt.

Auf jeden Fall steht der nächste Wien-Tatort wieder auf dem Rezensionsplan.

Handlung

Schon der Beginn ist eigentlich niederschmetternd für Chefinspektor Moritz Eisner. Entweder keine Zigaretten und kein Alkohol mehr oder Zentralfriedhof vor dem 60ten Lebensjahr. Aufs Laufrad muss er auch. Eigentlich kann er in der Phase keinen Toten im Einkaufswagen auf einem Parkplatz gebrauchen, da hätte er mit sich selbst genug zu tun. Und mit der neuen Assistentin Bibi Fellner, die auch so ihre Probleme hat. Mit sich und dann auch mit Eisner, der sie aus einer Feier im Puff holen muss, wo sie mit ihrem Kumpel, dem Inkasso Heinzi, Party macht. Es gibt ein Geplänkel, aber dann widmet man sich dem Fall.

Schnell wird klar, dass die OK die Hände im Spiel hat, bei diesem Einkaufwagen-Mord. Und dass es eine Verbindung geben muss zu verschiedenen Einbrüchen der letzten Zeit. Eine kleine, verräterrische Münze im Einkaufswagen weist auf eine Spur nach Bulgarien. Eine Bande, die ihre Wurzeln in Südosteuropa hat, räumt Wien aus. Inzwischen kommt aus Sofia die Sonderermittlerin Donka Galabova zur Unterstützung. Ein weiterer Einbruch passiert, ein weiterer Mord nach dem Muster des ersten. Verschiedene Schusswaffen, geheimnisvolle Spuren – und irgendwie hat der Anwalt Stephan Deutschmann da seine Finger drin, der nicht nur Opfer, sondern auch einen Wiener Verbindungsmann der Bulgarien-Connection vertritt.

Nach einer wilden Schießerei im „Chez Milan“, dem Club des Wiener Verbindungsmannes scheint der Fall aufgeklärt. Doch das stimmt nur, soweit es die österreichische Seite der Gang betrifft. Eine Pointe folgt und das Ende ist Staunen. Vor allem für das Ermittlerteam Eisner / Fellner.  

Rezension

1. Andere Länder, andere Sitten und ein kühner Vergleich

Das Vergleichen bietet sich einfach an, wenn man zum ersten Mal einen Wien-Tatort zu bewerten hat.

Es hat beim Zuschauen nicht lange gedauert, bis uns ein Vergleich ausgerechnet mit einer kühl-norddeutsche Stadt in den Sinn kam. Das vorliegende Tableau Eisner / Fellner und die übrigen ständigen Figuren erinnert an Münster. Jetzt wird der eine oder andere natürlich sagen: Aber hallo, die Figuren sind doch wirklich ganz anders aufgestellt. Wir meinen es auch eher vom Unterhaltungswert der Personen als auf einzelne Charaktereigenschaften bezogen.

Ansonsten muss man im Auge behalten, dass Vieles, was auf uns kurios wirkt, in Österreich der Wahrheit ein wenig näher ist. Speziell in Wien. Da wir guten Kontakt zum kleinen Bruder im Süden haben und dort auch eine Zeitlang gelebt, wissen wir diese Unterschiede zu schätzen – aber auch relativierend zu bewerten. Und es ist auch so, dass der Wiener, im Vergleich zu anderen Österreichern, noch einmal ziemlich einen Sonderfall darstellt. Insofern ist mancher Schmäh durchaus speziell, aber er ist integraler Teil des Hintergründigen, das zum Beispiel sehr konträr zur Berliner Schnauze steht.

Dass die Piefkes immer ein wenig ans Schienbein getreten bekommen, ist demgemäß mit Humor zu nehmen, besonders, seit die gegenseitigen Punktezuweisungen beim ESC passen. Klar ist Deutschland nicht das Paradies, wie im Film an einer Stelle richtig gesagt wird. Das wäre ja schlimm, denn dann könnte man hier keine Tatortfilme machen und wäre allein auf die wenigen aus Österreich angewiesen. Und dass der arrogante (österreichisch: präpotente) Bösling und Anwalt zwar für uns ein echter Wiener Typ ist, aber trotzdem Deutschmann heißt, weil der Name ja dort so häufig ist – ein Augenzwinkern ist angebracht. Ist ja auch eine Ehre, dass wir immer wieder so lieb mit kleinen Neckereien bedacht werden.

Schwer allerdings zu sagen, ob die Art, wie in dieser Tatortfolge 802 Ermittlungsarbeit betrieben wird, typisch österreichisches Niveau darstellt. Da fehlt uns einfach die praktische Erfahrung. Nehmen wir an, das wäre so, dann kann man nur sagen: Bei uns ist es schon schlimm, aber schlimmer geht’s immer. Einzig die Kriminaltechnik erreicht mitteleuropäisches Niveau.

2. Das Team

Trotz dieser ersten Aussage über die Qualität der Ermittlung, mithin des Plots: Daumen hoch für das Team. Da wird ganz schön mit Süchten und sonstigen suboptimalen Sachen operiert, manchmal wirkt’s ein wenig peinlich. Aber die Schauspieler tragen gut durch den Film. Als Typen wären sie, mit anderem Dialekt ausgestattet, auch nicht mehr so unmöglich in einer deutschen Tatort-Stadt wie vielleicht noch vor fünfzehn Jahren.

Was Eisner / Fellner von einigen sehr spannenden und ziemlich individuellen deutschen Duos unterscheidet, wie sie immer häufiger zu sehen sind, ist die symmetrische Anlage der beiden Hauptfiguren. Auch wenn sie unterschiedliche Akzente bei der Ermittlungsarbeit setzen mögen und der weibliche Teil natürlich wieder derjenige mit der sozialen Antenne ist, die geborene Profilerin – in 802 kommt das nicht so stark zum Tragen, weil die Ermittlungsarbeit an sich ziemlich in den Hintergrund tritt. Die Gemeinsamkeiten der beiden sind beachtlich, was man nicht nur daran merkt, dass die Laborwerte von Eisner genauso gut von Fellner stammen könnten. Wie die beiden sich mit Sprüchen und Kanonen durch 90  Minuten wälzen, ist sehenswert.

3. Eine Räuberpistole

Wir zäumen das wilde Pferd namens Plot mal von hinten auf. Dass die bulgarische Sonderermittlerin Donka Galabova (Dessi Urmanova) gar nicht bulgarische Sonderermittlerin ist, sondern der Kopf der bulgarischen Einbrecherbande, die immer auch mal wieder zur Warnung eigene Leute anschießt oder gar hinrichtet, ist einer der größten Goofs der Tatortgeschichte. Dass die echte Ermittlerin geschlagene drei Tage nach der falschen eintrifft und niemand die falsche vorher mal gecheckt hat, ist echt balkanesisch. Vor allem, wenn man Österreich mit zum Balkan rechnet. Jedes normale Verfahren hätte eine schriftliche Ankündigung mit zu überprüfenden Daten zur Person beinhaltet, bevor man sie überall mitmachen lässt.

Und dass die Bulgarin ihre Wiener Connection liquidiert, ist nur auf den ersten Blick logisch. Denn offenbar kannte der Anwalt die Frau ja auch nicht persönlich, bevor er im „Chez Milan“ auf sie trifft; er hätte also keine Verbindung zu ihr preisgeben können, in einer Vernehmung. Oder war es doch Rache, weil er ein ihr nahestehendes Bandenmitglied umbringen ließ? Wie auch immer, jemand, der so verdeckt agiert, dass selbst die bulgarischen Kollegen die Person nicht kennen („es soll sich um eine Frau handeln“) macht das normalerweise nicht, sondern setzt einen zuverlässigen Killer ein. Denn woher wollte die falsche Ermittlerin wissen, dass die echte so lange für die paar hundert Kilometer Anreise brauchen würde, dass sie alle Zeit der Welt hat, die Sache auf ihre Weise in Ordnung zu bringen?

Es gibt eine Menge Ungereimtheiten mehr.

Wir zerlegen dieses Mal nicht die Handlung in alle Einzelbausteine, dazu wäre bei dem Chaos auch eine nochmalige Durchsicht erforderlich. Es ist einfach hinzunehmen, dass hier der Showeffekt, der in den Figuren und dem Plot angelegt ist, deutlich wichtiger sein sollte als die Logik.

4. Der Charme liegt in der Leichtigkeit

Was diesen Österreich-Tatort zu etwas besonders Gutem machen würde, wäre er nicht so hanebüchen konstruiert, ist der  Charme. Man muss ihn natürlich mögen, aber wir können durchaus verstehen, dass die Leute dort uns manchmal für etwas plump halten. Die ganze Art der Wiener macht selbst das Schwere, macht den Tod, macht Suchtprobleme, schräge Milieus und was es sonst noch an Normabweichungen gibt, eine Spur menschlicher und selbstverständlicher und bei allem vermittelt sie auch das Gefühl, man muss einen Film für das nehmen, was er ist – eine Fiktion, und zwar eine der eher derben Sorte. Und bissl nekrophil darf’s auch sein, das gehört zur Atmosphäre. Wer selbst gesund ist, kann den Humor darin natürlich am besten genießen.

Die Sozialkritik, die in unterschiedlicher Form alle deutschen Tatorte durchzieht, ist hier zwar nicht vollkommen ausgespart, natürlich sind die Bösen wieder mal die aus den besseren Kreisen der Anwälte und Unternehmer und es wird nicht einfach eingebrochen, sondern bewusst zum Schaden der versicherten Allgemeinheit. Dumme Zufälle, die das Ganze aufdecken, gibt’s zum Glück haufenweise. Da hängt einer der Verbrecher seiner Gespielin eine Kette aus Diebesgut um, da werden Notizbücher einfach liegen gelassen – das Notizbuch, das den Ermittlungen so schön auf die Sprünge hilft, ist ebenfalls ein Punkt, über den man hier viel mehr schreiben könnte.

Aber man ist wenigstens so schlau und macht nicht auf hoch anspruchsvoll. Wir schätzen die deutschen Krimis, in denen sich Anspruch und gute Drehbücher verbinden, aber nicht selten geht einer dieser Parts zulasten des anderen. Hier hat man einfach in die Vollen gegriffen und sich nicht mit political correctness weiter aufgehalten. Eine Ebene fällt im Grunde aus: Nicht die des „was und wer“, die gibt es schon. Aber diejenige des „wie“ – wie stelle ich das alles so dar, dass es wieder einen halben Lehrfilm für Studenten der sozialen Arbeit abgibt. Diese Ebene hat man erfrischenderweise nicht eingezogen.

Fazit

„Ausgelöscht“ ist eine Rampensau von einem Tatort. Ganz auf Effekt gemacht und gar nicht auf irgendwelche Zwischentöne angewiesen. Weder ist der Plot besonders logisch noch kommt die deutschtypische, sehr didaktische Form der Sozialkritik vor. Es ist eine Art Märchen-Gangsterballade, mit wunderschönen, wienmärchen-mäßigen Ermittler- und sonstigen Figuren. Und natürlich mit einem Ende, da geht der Vorhang zu und viele Fragen bleiben offen. Es sind die Charmepunkte für Wien und das Team, die „Ausgelöscht“ hochreißen und insgesamt auf mittleres Niveau heben. 7,0/10.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Sonderermittler Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Assistentin Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Ernst Rauter [Vorgesetzter] – Hubert Kramar
Claudia Eisner – Tanja Raunig
Inkasso Heinzi – Simon Schwarz
Donka Galabova [bulgarische Sonderermittlerin] – Dessi Urumova
Ivan – Lenn Kudrjawizki
Robert Stephan Deutschmann – Bernhard Schir
Geudinger – Wolfgang Fifi Pissecker
Julia Wiesner – Stefanie Dvorak
Robert Kovar – Jürgen Maurer
Schellwein [Juwelier] – Peter Matic
Petko Imanow – Haris Bilajbegovic
Leander Fröhlich [Claudias Freund] – David Miesmer
G. Samonig – Lukas Johne
Ärztin Veronika – Eva Billisich
Linda – Iva Lukic
Ivo – Christian Schmidt
Pathologe – Wolfgang Linhart

Regie – Harald Sicheritz
Drehbuch – Uli Brée

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