#Deutschlandspricht – #Kulturlinke und andere Zeitgenossen, wie z. B. die #Handwerker: Sprechen wir doch mal? // #AfD #Klassenlinke #Kommunikation #Hierarchie #Vorurteile #Bürgergespräch #BesorgteBürger @ArminNassehi

Essay 6

„Am Sonntag treffen sich um 15 Uhr in ganz Deutschland tausende Menschen, um über Grenzkontrollen, #Metoo und autofreie Innenstädte zu streiten. Elf Medienhäuser haben dazu im Rahmen der Aktion „Deutschland spricht“ Leser mit unterschiedlichen politischen Positionen zum Mitmachen und Streiten eingeladen. Armin Nassehi leitet den Lehrstuhl für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist auch außerhalb der Wissenschaft eine bekannte Stimme (…)“

So leitet die SZ ihren Beitrag zum Thema ein, der mich zum Weiterdenen angeregt hat. Also sprechen wir doch ein wenig. Aber mit uns selbst, soll es das sein?

Ich wurde auch gefragt, ob ich mitmachen und Menschen aus meiner Umgebung mit anderen Positionen kennenlernen möchte. Ich habe das verworfen. Im Moment ist nicht die Zeit für derlei Aktionen, ich gehe derzeit auch nicht zu politischen Veranstaltungen, obwohl ich Parteimitglied bin – ich hab’s zuletzt versucht, aber ich bekomme den Zugriff noch nicht. Es wird dafür wieder einen richtigen Zeitpunkt geben. Diese Disposition hindert mich aber nicht am Nachdenken. Das Gegenteil der Fall.

Was hingegen der Tagesspiegel hier zeigt (bezogen nicht auf heute, sondern auf ein Bürgergespräch in Chemnitz), ist genau dieses Bezirkspartei-Mitgliederversammlungsformat, das ich im Moment nicht als weiterführend ermpfinde weil es keine Vertiefung ermöglicht. Vielleicht finden die heutigen Gespräche aber auch in kleineren Runden statt.

Dazu sagt Nassehi den passenden Satz: „Wer denkt, ist nicht wütend“, der von Theodor Adorno stammt.

Ich bin nicht wütend. Selten jedenfalls. Aber ich mache mir durchaus Sorgen, bin also ein besorgter Bürger, wenn man so will. Doch eher, als dass ich mich in Rage rede,  habe ich die Furcht, mich in Diskussionen führen zu lassen, die ich nicht bewältigen kann. Aber es wird besser, das führt auch sicher irgendwann wieder zu mehr Öffnung nach draußen, dort, wo wirklich vor Ort diskutiert wird. Als Parteigenosse brauche ich eigentlich so einen Tag wie heute nicht, ich muss nur einen Infostand machen und bekomme es mit vielen Menschen, auch mit Andersdenkenden in allen Schattierungen zu tun, das ist unvermeidlich. Die  meisten Berliner haben keine Berührungsängste und diskutieren sehr engagiert über wirklich alles.

Schon eine Nazi-Konfrontation gehabt?

Nein. Aber wer regelmäßiger aktiv ist, der kennt das und ich war bis jetzt auch nur in meiner engeren Umgebung unterwegs, nicht in Stadtteilen, in denen das Publikum generell weniger tolerant ist. Trotzdem ergibt sich ein sehr differenziertes Bild.

Gutes Stichwort. Vom Bild zur Bildung. Nassehi sagt: Bildung sei, die Perspektive des anderen einnehmen zu können.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer soll das gesagt haben, die SZ hat es als Frage an Nassehi gegeben und dieser hat so geantwortet: „Ja, darum geht es. Die Perspektive des Anderen, der vermeintlich falsch liegt, wenigstens versuchsweise einzunehmen. Dadurch werden sich Polarisierungen nicht auflösen, aber verstehbarer.“

Als ich dies las, tat sich eine ganze vertrackte Welt auf. Aber spielen wir’s mal durch. Da haben sich Menschen ihr ganzes Leben lang bemüht, sich kulturell zu verfeinern, manche wurden schon in entsprechende Elternhäuser hineingeboren, sodass es ihnen relativ leicht fiel. Sie essen biologisch, sie trinken den besten Biowein, hören die richtige Musik, machen vielleicht sogar selbst irgendwas mit Theater, gehen ins Theater, fahren nicht Auto, machen wenig Müll und trennen ihn, haben Soziologie, Philosophie oder Germanistik studiert, arbeiten auf einem Amt, sind abgesichert und können sich immer weiterentwickeln, gestört höchstens durch familiäre Probleme. Sie wohnen in einem Viertel wie, sagen wir, in meinem Viertel, in netten Altbauwohnungen, drum herum gibt es eine gepflegte Form von Interkulturalität, diverse Läden und Menschen, Ausgehmöglichkeiten, Gestaltungselemente. Sie können gute Bücher lesen oder lesen wenigstens überhaupt und haben zu allem eine Ansicht, weil sie ja auch politisch interessiert sind. Sie tauschen sich mit Freunden aus, die weitgehend die gleichen Meinungen vertreten und aus all dem ergibt sich geradezu zwangsläufig der Anspruch, Dinge besser zu wissen als andere, die all das, was ich oben erwähnt habe, nicht oder nicht vollständig umsetzen. Weil sie es nicht können oder nicht wollen, das spielt für diejenigen, die es tun, kaum eine Rolle. Denn wer will, der kann auch, das hat man selbst bewiesen. Das hat man sich erarbeitet im Drang nach ewiger Selbstoptimierung.

Diese Menschen sind also kulturell-bildungsseitg ganz und gar auf dem Posten. Aber sie verstehen nicht, was irgendwelche Rednecks in den Außenbezirken oder gar auf dem Land oder im Osten denken und warum auch? Es kann unmöglich sein, dass diese bildungsfernen Elemente Ansichten haben, die man ebenfalls berücksichtigen  muss, denn würde man auf Gleich miteinander sprechen, wäre ja im Grunde alles umsonst gewesen, wofür man sich so angestrengt hat oder was auch Spaß gemacht hat, aber jedenfalls das Selbstbild erheblich mitbestimmt. Das ist der Ausgangspunkt. Und von diesen formal und kulturell Gebildeten, manchmal sogar Hochgebildeten, soll nun verlangt werden, dass sie hinabsteigen, hinabsteigen, man weiß nicht einmal genau, wie weit es hinabgeht, in dieses wirklich dunkle Loch der Ahnungslosigkeit des Gegenübers, wie sehr man sich dann zusammennehmen muss, um dieses Gegenüber nicht einfach nur widerlich und unter der Würde zu empfinden. Aus kulturellen Gründen und dann kommen auch noch rechte Ansichten hinzu.

Nicht ganz so viel Ironie vielleicht.

Oh nein, das ist nur pointiert, nicht ironisch gemeint. Genau so läuft es nämlich in der Realität. Und deswegen bin ich dagegen, Bildung auf „Ich kann mich in jeden hineinversetzen“ zu verengen. Ein Psychotherapeut sollte sich in jeden Patienten hineinversetzen können – aber er darf auch eine Behandlung ablehnen, wenn er merkt, es passt nicht. Auch Menschen mit hoher Bildung haben Grenzen, die man akzeptieren muss. Und wenn sie nicht gleichzeitig Sozialarbeiter_innen oder sonst speziell ausgebildet sind, sind diese Grenzen manchmal nicht viel weiter gesteckt als bei den eher bildungsfernen „Schichten“. Ein weiterer Horizont beim Erkennen von Zusammenhängen und eine größere Bereitschaft, sich auf andere einzulassen, müssen nicht unbedingt miteinander einhergehen. Manche sind sehr neugierig auf alles, das ist bei mir der Fall, wenn ich entsprechend drauf bin – nicht immer also. Manchen aber reicht ihre eigene Blase und wenn die kulturell hochstehend ist, umso besser.

Im Grunde ist das hierarchisch gedacht.

Nein, es ist exklusiv gedacht. Es gibt sogar Menschen, die können exklusiv und inklusiv gleichzeitig denken. Exklusiv bezüglich der eigenen Position und deren Richtigkeit, inklusiv im gesellschaftlichen Sinn. Wobei aus logischen Gründen Letzteres immer einen gewissen Abstraktionsgrad behalten muss.

Wieso das?

Weil man sonst zu erstaunlichen und die eigene Position vielleicht doch in schwieriges Fahrwasser bringende Erlebnissen und nicht einfach zu bewertenden Interaktionen käme. Nehmen wir wieder den Gegensatz der Rednecks da draußen und der Kulturlinken in der Stadt. Diesen einfachen Menschen oder die man für einfach hält, die da im Outback hausen, denen billigt man moralisch ihre Ansichten nicht zu, weil sie sich nicht die Mühe gemacht haben, den Optimierungsweg zu gehen wie man selbst, sonst wären sie ja automatisch zu den Ansichten gelangt, die man selbst vertritt. Wenn man aber aus der abstrakten Inklusionswilligkeit, die jene Rednecks übrigens gar nicht einschließt, heraustritt und in Berlin, also mitten in der Großstadt, nicht fern der eigenen Blase, an die frische Luft geht oder mit den Öffis fährt oder sich in ein Café in einem Bezirk wie Neukölln setzt oder bestimmte Nachbarn hat, dann stellt man etwas fest, was  ein ganzes Weltbild vernichten kann, wenn man nicht aufpasst: Die Rednecks und viele Nachbarn ticken erstaunlicherweise untereinander viel ähnlicher und haben mir Gemeinsamkeiten untereinander als wir mit jeder einzelnen dieser Gruppen und mit ihnen beiden zusammen haben. Nur, dass sie einander nicht mögen. Weil sie eben beide abgrenzend denken So, wie wir das aber der einen Gruppe gegenüber ebenfalls tun, der anderen gegenüber aber nicht. Für sie haben wir jedes denkbare Verständnis.

Für die Mehrzahl der Menschen mit Migrationshintergrund?

Vielleicht nicht für die Mehrzahl, aber für eine sehr große Zahl. Wir schließen sie ein, was immer sie allgemein und über uns denken mögen, wir verzeihen alles und wollen manches auch nicht so genau wissen. Aber auf die da draußen, auf die schauen wir mir Argusaugen und wehe, sie sagen etwas, was unser Weltbild tangiert. In dem Moment werden sie alle Nazis. Wenn hingegen in migrantischen Milieus mittelalterliche Weltbilder gepflegt werden und diskriminierende Sprache und diskriminierendes Verhalten alltäglich sind, ist uns das nichts. Wir sehen dieser Gruppe, nicht jedoch der anderen nach, dass sie ökologisch komplett rudimentär und konsummäßig auf dem Stand der 1970er ist, wenn’s hochkommt und dass sich daraus zwangsläufig ergibt, dass wir, die gesamtgesellschaftliche Progression erst einmal vergessen können, weil wir ja eine Heranführungsaufgabe haben, der wir uns aber nicht stellen, weil: Assimilationszwang! Ein anderes übles Schlagwort dieser Zeit. Jeder, der sich in irgendeiner Form dem Gesamten verpflichten und sich – sic! – ein wenig aufwerten sollte, um den Erfordernisse einer sich veränderten Welt Rechnung zu tragen, der kann sich darauf berufen, dass dies ein unzulässiger Eingriff in seine angestammte Lebensweise ist.

So, und jetzt fragen wir uns, ob das gerecht ist, diese gigantischen Betrachtungsunterschiede zu  machen und deshalb verschiedene Gruppen auch ganz unterschiedlich zu bewerten. Wir lernen heute als erstes: Gebildet zu sein und gerecht zu sein, hat nichts miteinander zu tun. Manche Menschen haben ein natürliches Gefühl und Gespür für das Maß der Dinge, für den Ausgleich, für Mediation, wenn man es so bezeichnen will, andere nicht.

Das würde heiße, formale Bildung und kultureller Reichtum einerseits und soziale Intelligenz sind zwei komplett verschiedene Dinge.

Ich würde mir sehr wünschen, es gäbe da eine größere Bedingtheit. Dann wäre es nämlich einfacher mit der Kommunikation aller. Die höher Gebildeten sollten es ja viel leichter haben, auf die anderen zuzugehen als umgekehrt. Sie sind versierter, durchblicken die Zusammenhänge besser, können ihre Sprache an die Erfordernisse einer Situation besser anpassen. Aber sie bekommen es oft nicht hin. Und das hat mit einer leider zutiefst menschlichen Eigenschaft zu tun. Was wir könnten, wenn wir wollten, ist nicht der Punkt, wir wollen es nicht, weil wir uns nicht in diese Niederungen begeben möchten. Wir stehen höher, das ist unser Verdienst, das ist unser Privileg – und dort oben bleiben wir auch. Wir haben uns dieses Privileg nicht erarbeitet – oder bekamen es von Hause aus geschenkt – um es kampflos preiszugeben. Lieber kämpfen wir um dieses Privileg gegen die da unten, die da draußen. Zu diesem Privileg zählt aber auch, dass wir die Wahl haben. In fast allem. Und wir wählen die Menschen mit Migrationshintergrund, um zu beweisen, dass unser Kulturprivileg sich in Altruismus umsetzen lässt. Dass es sehr wohl eine soziale Komponente hat und wir nicht im Elfenbeinturm verharren und das alles, was uns auszeichnet, das wollen wir sehr wohl anderen mitteilen und dabei auch ein wenig teilen. Die Kapazität, die haben wir, das wissen wir, danach verhalten wir uns. Und wir haben gleichermaßen das Recht, wählerisch zu sein und unsere Zuwendung zu begrenzen. Niemand hat keine Grenzen. Und Grenzen sind nie gerecht. Grenzen sind faktischer, nicht ethischer Natur.

Und deswegen ist die Interaktion, wie sie von „Deutschland spricht“ angeregt wird, Unsinn?

Nein, das würde ich nicht sagen. Es gibt immer auch  jene, die gerade heute zufällig oder nach langem Überlegen bereit sind, einen neuen Schritt zu gehen. Sich neue Ziele und neue Gesprächspartner zu suchen und zu hören, was sie denken und darin uns selbst zu spiegeln. Das ist ja gemäß Nessahi ein wichtiger Punkt bei diesen Gesprächen – nicht, den anderen überzeugen zu wollen. Das wäre der falsche Ansatz. Aber die Gefahr, genau diesen Ansatz zu wählen, ist für die Kulturlinken besonders groß. Der Redneck aus dem Outback, der wird froh sein, wenn er sich diesen ihm sprachlich weit überlegenen Menschen einigermaßen mitteilen kann, er vollbringt im Grunde die weitaus größere mentale Leistung, wenn er auf eine solche Unterhaltung einlässt. Dass er einen gestandenen Linken davon überzeugen kann, dass No Borders ganz hübsche Alltagsprobleme verursachen kann, die ihn mehr treffen als den verbeamteten Kulturlinken, das wird er kaum erwarten. Dass man ihm zuhört, wird ihm erst einmal ausreichen. Die andere Seite aber, die ist häufig von Hause aus missionarisch unterwegs, weil sie es ja besser weiß. Nicht nur für sich, sondern für alle. Das stimmt häufig sogar, aber erstens nicht immer und zweitens ist es eine hierarchische Herangehensweise.

Aber ist Kommunikation bei ganz unterschiedlichen Voraussetzungen möglich?

Kommunikationsfähigkeit oder die Art, wie gut jemand kommunizieren kann, hat erstaunlich wenig mit formaler Bildung zu tun. Wohl aber mit der politischen Ausrichtung. Ich habe vor längerer Zeit gelernt, metasprachlich zu denken und da dieser Lernprozess sich an einem Kommunikationsprofi festgemacht hat, weiß ich einiges darüber, wie ich an ein Gespräch mit denen da draußen herangehen würde. Um Vorurteile, die ich zwangsläufig habe, in Schach zu halten, um ständiges Bewerten zu vermeiden. Weit mehr aber hat mir meine jahrelange Arbeit mit Kunden geholfen, mich in andere hineinversetzen zu können. Ich sehe das Gegenüber einfach als Kunden. Ich muss dann natürlich aufpassen, dass ich ihm meine Sicht nicht verkaufen will wie ein Auto, ein Haus oder ein paar Tonnen Aluminium, sondern stoppe, wenn ich seine Bedürfnisse erkannt habe und nur signalisierte, dass genau dies der Fall ist. Dass ich verstanden habe. Nicht, dass ich akzeptiere. Verstehen heißt nicht, alles zu billigen oder gar zu übernehmen. Eine gute Kommunikation über unterschiedliche politische Ansichten ist für mich erst einmal nicht missionarisch, aber auch nicht opportunistisch ausgerichtet. Ersteres führt wieder dazu, dass ich mich über den anderen stelle, Letzteres dazu, dass die Ehrlichkeit verloren geht. Beides kann nicht zielführend sein, wenn man im Rahmen von „Deutschland spricht“ aufeinander zugehen möchte.

Wenn eine solche Kontaktaufnahme dann zur Vertiefung führt und man vertraut einander mehr, kann man auch offensiver werden und in den Schlagabtausch gehen, weil die positiven persönlichen Voraussetzungen bereits entwickelt wurden. Das ist alels im Grunde ganz einfach, aber eben doch nicht. Und Bürgerliche können es besser als Linke. So ist das.

Weil sie pragmatischer sind?

Weil sie die Welt eher nehmen, wie sie ist. Weil sie ergebnisorientierter und weniger ideologisch denken und weil sie oft in Berufen  tätig sind, in denen die Alltagskooperation eine sehr große Rolle spielt. Ein Mainstream-CDU-Mann, der ein kleines Unternehmen erfolgreich durch einige Fährnisse gesteuert hat und immer schön gut in der Mitte durchgekommen ist und mit allen gut kann, weil er sonst keine wirtschaftliche Überlebenschance hätte, ist als Vermittler und Brückenbauer besser geeignet als zehn Kulturlinke, sie sich nie vom Thron bewegen mussten und immer sehr selektiv dabei vorgehen konnten, wem sie sich annähern. Leider hat die CDU auch immer weniger Menschen dieses Typs, sondern setzt sich mehr und mehr aus Beamten und Nur-Karrieristen zusammen, die keinen großen Kontakt mehr nach draußen haben.  Kulturkonservative, die sich gar nicht so sehr vom linken Kulturmilieu unterscheiden, nicht so sehr wie von den Handwerkern da draußen jedenfalls.

Oh, die Handwerker! Klischee.

Ein wenig, ja. Nicht nur. Ich baue gerade einen Facebook-Account speziell für den Wahlberliner auf und der Freundeskreis ist überwiegend kulturlinks oder klassenlinks, wenn man es so bezeichnen mag. Aber es melden sich auch viele mit ganz anderen Ansichten. Damit diese Präsenz nicht „kippt“, sortiere ich auf der rechten Seite aus, anders als auf der Linken, da darf eigentlich jeder schräge Vogel mit verschrobener Gedankenwelt mein Freund sein – oder meine Freundin, wobei Frauen deutlich weniger zu Extremansichten und extremer Sprache neigen. Und beim Aussortieren auf der rechten Seite trifft es fast immer Handwerker. Und Rentner. Ganz selten Industriearbeiter, Arbeitslose, Angestellte, Beamte. Aber lassen wir de Rentner mal raus, bei ihnen sieht man häufig nicht, was sie früher gemacht haben. Handwerker präsentieren sich aber häufig sowohl als solche wie auch mit ihren politischen Ansichten und ihrem speziellen  Humor und tendieren offenbar sehr stark nach rechts. Das hat viele Gründe und auch die kann ich nachvollziehen. Weil diese Menschen genau diejenigen sind, mit denen wir nun zu diskutieren hätten. Nein, nicht wir, die Kulturlinke. Zu dieser rechne ich mich nicht. Ich bin eher klassenlinks geworden, im Laufe der Zeit. Ich meine das übrigens nicht abgrenzend. Ich rede mit jedem, der mich anständig behandelt.

Nun zum rechten Wesen des Handwerkers.

Für mich ist der Handwerker die klassische, zentrale Zielgruppe der AfD. Er arbeitet viel, verdient dabei manchmal auch ganz anständig, vor allem, wenn er selbstständig ist, hat Familie, liest wenig, feiert viele Grillfeste, auch mit Kunden, ist im Dorf irgendwo auch sozial engagiert, bringt sich ein, ist mit anderen dort einer Meinung, und die lautet: Wir sind die Allemagne profonde. Mit ein paar Bauern zusammen, aber von denen gibt es ja bei uns nicht so viele. Wir halten diesen Laden am Laufen, diese Städter könnte doch keine zwei Tage ohne unsere Dienstleistungen leben, sind nicht mal in der Lage, einen Nagel gerade in die Wand zu schlagen und gucken ständig auf uns herab, weil wir nur unseren Job machen und ansonsten unsere Ruhe haben wollen vor der Politik. Und sie überfluten uns mit Migranten, die ganz ganz anders sind als wir und für nichts stehen, wofür wir stehen. Das Wort kulturell kann man dabei kaum verwenden, dabei geht es dann wirklich ums Aussehen, bei Frauen um die Kleidung, bei Männern um die Arbeitseinstellung und um die Religion bei beiden Geschlechtern. Nicht, dass der Handwerker religiös wäre, das ist er selten und er ist auch nicht sehr spirituell veranlagt, schon gar nicht im Osten. Aber die Migranten, für die alles Religion oder von der Religion determiniert ist, was hat er mit denen zu schaffen?

Der Handwerker ist außerdem strukturkonservativ, was elementar mit seiner Berufswelt zu tun hat. Die verändert sich nämlich nur sehr langsam. Die heutigen Industriearbeiter sind ja eher Maschinenmanager als Malocher, aber der Handwerker ist immer, was er war und da gibt es keine Aufstiegsstory, die ihn fast den Akademikern gleichstellt. Der Handwerker, im Gegensatz zum Industriearbeiter, hat fast immer CDU gewählt, weil das Korporative in großen Organisationen für ihm nicht so wichtig war wie das Sich-Verlassen auf die eigenen Hände und die engere Umgebung, meist den Kleinbetrieb und eben die Familie. Typische Unionswerte. Der Handwerker war einst ziemlich geachtet, es gab Handwerksordnungen und Gilden und große Traditionen, da war das Industrieproletariat noch ein gleichermaßen wilder wie unterdrückter Haufen und die Bauern waren überwiegend Leibeigene. Der Handwerker war dem Bürger näher als den anderen Angehörigen des Dritten Standes.

Doch der Handwerker, obwohl immer noch zahlreich, wird gesellschaftlich zunehmend marginalisiert und ausgesondert. Seine Leistung gerät bereits in den Fokus der ausbeuterischen Plattform-Ökonomie und er kann sich bildungsmäßig nicht ständig aufwerten. Dazu fehlt ihm schlicht die Kapazität, auch zeitlich, bei ihm koppelt sich das auch nicht mit einem rasant komplexer werdenden Berufsbild. Er kann nur Qualität liefern, mehr ist ihm nicht gegeben. Und ist das in dieser Welt des Billigkonsums etwa nichts? Man könnte ihn wunderbar in die Ökologisierung der Wirtschaft einbinden, aber dazu gibt es wenig Ideen.

Vielmehr tun die Bildungsideologen, die gerne eine hundertprozentige Akademisierung der Gesellschaft hätten, mit ebenjenem Wunsch kund, dass sie den Handwerker für unwichtig halten. Es gibt ihn aber. Millionenfach. Er gehört materiell nicht zu den ganz Armen. Er wird gebraucht. Aber er wird nicht mehr wertgeschätzt. Er hat oft so üble Positionen entwickelt, dass ich meinen Facebook-Account davor schützen muss, durch ihn aufgemischt zu werden, und sei es nur dadurch, dass die Witze, die er postet, für mich und vermuteterweise für die meisten meiner schon anwesenden Freunde und besonders für die Freundinnen keine Lachbomben, sondern bedrückende Dokumente einer permanenten Neigung zum Übergriff und zur Diskriminierung sind.

Ich mag diesen Handwerker nicht wirklich. Aber ich verstehe ihn. Ich habe eine Ahnung davon, wie er zur AfD kam. Ich sehe in ihm den Spiegel einer Gesellschaft, in der etwas schiefläuft. Und ich finde die oft charmanten und wirklich witzigen Menschen mit Migrationshintergrund, so reaktionär sie in ihren Ansichten und Handlungsweisen auch sein mögen, attraktiver als den Handwerker, der ihnen gesellschaftspolitisch wiederum wesentlich nähersteht, als beide mir nahestehen.  Und wäre ich jetzt ein Kulturlinker, würde ich lieber ausblenden, dass der Handwerker ethnisch wiederum mir mehr ähnelt und sagen: Es gibt keine ethnisch bedingte gemeinsame Identität, weil es ganz offensichtlich keine kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen mir und jenem Handwerker gibt.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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