Borowski und der stille Gast – Tatort 842 / Crimetime 80 // #Tatort #Borowski #Kiel #Tatort842 #BorowskiundderstilleGast #NDR #SarahBrandt

Crimetime 80 - Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Alles ist defekt, jeder hat einen Defekt

Kommissar Borowskis antiker VW Passat streikt. Seine Jungkommissarin Brandt wälzt sich epileptisch auf dem Boden. Die Ehe von Kriminalrat Schladitz ist mal wieder am Ende. Roswitha ist eine Scheißmutter, sie sagt es selbst. Und dann noch dieser …*

Kann es da Wunder nehmen, dass auch Klaus Borowski austickt und die Pfanne mit den Frühlingsrollen vom Herd schmeißt? Da hat seine Umwelt noch Glück gehabt. Weniger Glück hat der VW. Der wird von Borowski zielgerichtet hingerichtet, mit einem Schuss mitten ins ölige Herz. Stellvertretend, so das Gefühl in diesem tragischen Moment. Ein Bauernopfer. Aber auch: So endet eine große Liebe mit einem gewaltsamen Tod. Wir hoffen, das älteste Dienstauto aller Tatorte wird in der nächsten Folge adäquat ersetzt, zum Beispiel durch einen Passat der Baureihe ab 1988, genannt das Gummiboot. Und nicht durch einen – was war das am Schluss? Ein Mazda, ein Hyundai, ein irgendwas Gesichtsloses und vollkommen Banales.

Der Mörder hingegen, den wir als Zuschauer beinahe von Beginn an kennen, der wird nicht zur Strecke gebracht. Eine letzte Einstellung, und der Typ ist verschwunden aus einem Krankenwagen. Einfach weg. Genauso unerklärt und unerklärlich, wie er sich vorher in den Besitz dieser vielen Schlüssel gesetzt hat, die er zuhause nachfertigt, um in den Wohnungen von Frauen ein stiller, aber gefährlicher Gast zu sein. Es ist nicht alles logisch, was sich in diesem Tatort abspielt. Das ist wohl auch so gewollt, aber wir nehmen es nicht neutral zur Kenntnis, immerhin soll’s ja ein Krimi und kein Produkt aus dem Genre Phantastik sein. Hoch unterhaltsam war der neue Borowski schon, daran führt nichts vorbei. Den Details spüren wir in der Rezension nach.

Handlung

In der Notrufzentrale der Kieler Polizei geht ein seltsamer Anruf ein. „Er ist in meiner Wohnung. Er kommt einfach durch die Wand“, sagt die verzweifelt klingende Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Allerdings ist es da bereits zu spät, um ihr noch helfen zu können. Nur kurze Zeit später wird Carmen Kessler in ihrer Wohnung tot aufgefunden – brutal ermordet.

Für Borowski und Kollegin Brandt stehen einige große Fragezeichen über dem Fall. Die Wohnungstür ist verriegelt und unbeschädigt, es gibt keine Spuren des Täters in den Räumen. Trotzdem scheint der Mörder bei Carmen Kessler ein- und ausgegangen zu sein, ohne dass sie etwas geahnt hat. Ja, er hat sogar heimlich bei ihr gewohnt, ihr anonym Geschenke zukommen lassen, ihre Lebensgewohnheiten bis ins kleinste Detail studiert.

Kai Korthals heißt der Mörder im Tatort „Borowski und der stille Gast“. Er ist Briefzusteller, nach außen wirkt er normal und harmlos. In ihm drin brodelt es aber manchmal. Eigentlich will er nicht töten, aber er erträgt es nicht, von Frauen zurückgewiesen zu werden. Dann erwacht das Monster in ihm und er dreht durch. Sein Beruf bringt ihn ganz nah an seine Opfer heran, ohne dass diese auch nur die geringste Ahnung davon haben, welche Pläne er verfolgt. Und die nächsten zwei Kandidatinnen stehen schon auf seiner Liste. Die eine ist eine drogensüchtige, alleinerziehende Mutter namens Roswitha, die andere – Kommissarin Sarah Brandt. Beide sind dunkelhaarig wie das erste Opfer. Auch Roswitha wird brutal ermordet und zugerichtet, ein Anblick, der selbst Borowski schockiert.

Der Tatort „Borowski und der stille Gast“ wird zum Katz- und Mausspiel. Borowski ist genervt und unter Zeitdruck. Und dann auch noch das: Sarah Brandt erleidet einen epileptischen Anfall. Der Kommissar ist fassungslos und legt ihr nahe, den Dienst zu quittieren. Zusätzlich gerät er in einen Gewissenskonflikt, denn eigentlich müsste er seinen Chef über den Vorfall informieren. Wie wird er sich entscheiden. Auch wegen dieses Nebenstrangs der Handlung ist der 19. Fall des Kieler Ermittlers ein packendes und gut inszeniertes Psychodrama, das den Zuschauer bis zum Schluss in Atem hält.

Besetzung
Klaus Borowski Axel Milberg
Sarah Brandt Sibel Kekilli
Kai Korthals Lars Eidinger
Roswitha Kranz Peri Baumeister
Roland Schladitz Thomas Kügel
sowie Jan Peter Heyne, Samuel Finzi, Nadine Wrietz,
Willem und Kristen Hass, Linda Stach, Gerald Wick u. v. a.
Produktionsangaben
Drehzeit 20. Februar bis 31. März 2012
Drehort Kiel und Umgebung

Stab
Autor Sascha Arango
Regie Christian Alvart
Kamera The Chau Ngo

(Handlung, Besetzung, Stab: TATORT-FANS)

Rezension / mit Angaben zur Auflösung

– Rückt gleich ein SEK an, wenn jemand ins Telefon haucht, dass ein Unbekannter in der Wohnung spukt? Eher nicht.

– Kann ein Hauptkommisssar wirklich eine Epileptikerin schützen, sodass sie im Dienst bleibt? Eher nicht.

– Kann eine Krankheit wie Epilepsie verborgen bleiben, während der Polizeiausbildung, bei der Einstellung? Eher nicht.

– Kann ein Zusteller, selbst ein unauffälliger wie Korthals, sich fortwährend in den Besitz fremder Schlüssel setzen? Eher nicht.

– Kann ein Zusteller wie Korthals so einfach in ein Polizeirevier eindringen und Tabletten für Sarah bringen? Eher nicht.

*… dieser Zusteller, der so kaputt ist, grausam mordet, sagt, er sei kein schlechter Mensch. Vielleicht ist er das wirklich nicht, aber dann wird er zur tödlichen Gefahr. Diesen Satz haben wir aus der Einleitung herausgenommen, damit nicht schon dort aufgelöst wird – schwierig ist es aber nicht, man weiß schnell, wer der Täter ist, denn es handelt sich hier um einen Thriller, nicht  um einen Whodunit.

Es gibt noch einige Punkte, die fragwürdig daherkommen, da sammelt sich ganz schön was an, was jedem Fan gut gemachter Krimkost die Frühlingsrollen verleiden kann. Wir fangen die Rezension also von hinten an, sozusagen mit dem Fazit (das eigentliche Fazit kommt natürlich am Ende): Wäre man weniger schlampig vorgegangen, wär’s wieder ein Spitzen-Borowski geworden. So ist der stille Gast immerhin noch Durchschnitt, vielleicht sogar leicht darüber.

Es liegt also keinesfalls an Klaus Borowski (Axel Milberg), dass wir dieses Mal verhalten bleiben. Der macht sein Ding wieder so, wie wir ihn schätzen gelernt haben, wie er sich uns immer mehr zeigt: Als Gemütsmensch mit einer Einstellung, mit einer professionellen Attitüde, mit Momenten der Wahrheit und Wärme.

Es liegt auch nicht an der Dialogführung. Klasse, wie Borowski und Brandt miteinander aneinander vorbei kommunizieren, interagieren, ohne sich in Diskussionen zu verhaken. Selbst wenn einer dem anderen widerspricht, führt das nicht zu langweiligem Austausch, sondern dient der Information des Publikums. Sehr konsequent literarisiert und verdichtet, das Gesprächliche, sofern es um den Fall und die Einkreisung des Täters geht – das hat uns ausgezeichnet gefallen. Nicht ganz so überzeugend, und das liegt am Sujet, wie Borowski mit Brandts Krankheit umgeht. Wieder besser – seine Halb-WG mit Schladitz. Männerfreundschaften sind immer was Wunderbares und vergehen seltener als Beziehungen. Das merkt man selbst dann, wenn sie, wie hier, auf eine harte Probe gestellt werden. Rituale, Manierismen – egal. Es passt. Man weiß nach einigen Borowskis, wo alles herkommt und wofür es steht.

Das kann man vom Mörder Jens Korthals nicht sagen. Woher kommt er, was treibt ihn an, welche schreckliche Kindheit hat ihn so werden lassen, wie er ist? Kann ein  Zusteller überhaupt Jens Korthals heißen? Wie schafft er diese schreckliche Nähe, wie sind seine Ticks zu ihm gekommen, wie alle diese Schlüssel? Fragen über Fragen, keine Antwort. Einige Aspekte müssen auch nicht beantwortet werden. Das Schräge und Sonderliche ist überall und lauert und macht uns ängstlich und unsicher und unsere Umgebung unberechenbar. Wir wohnen in Berlin, wir wissen, wozu Zusteller in der Lage sind. Und Autofahrer. Und Politiker. Und Radfahrer natürlich auch.

Es ist in der Zeit. Es liegt in der Luft. Die Krise wabert durch diesen Krimi, ohne auch nur einmal erwähnt zu werden. Ohne dass die Dinge, die uns derzeit weltweit beschäftigen, auch nur einmal benannt werden, sind sie präsent. Nichts funktioniert mehr richtig, dieses nachgewiesenermaßen zunehmende Gefühl drückt sich in „Borowski und der stille Gast“ trefflich aus. Wem kann man noch trauen? Nicht einmal Borowski, der plötzlich auf sein Auto schießt. Wer macht sowas? Ein Mensch, der in seiner Mitte ist, ganz sicher nicht. Und doch. Er ist uns nah, weil er trotz allem seinen Job macht und sich nicht hängen lässt, nicht aufgibt. Wir erfahren nicht mehr, was er dazu sagt, dass sein gerade gefangener Zusteller sich aus dem Staub macht, dieser Seltsamling, der anfangs so bedrohlich und übermächtig wirkt, hinter der dickbebrillten Fassade und hinter diesem beinahe konturlosen Gesicht. Gegen Ende, um ebenjenes Ende zu beschleunigen, leistet er sich dann ein paar überraschende Fehler, als sei er gar nicht so strukturiert, wie man es bis dahin annehmen muss und wie er sein muss, um so dicht an so viele Frauen heranzukommen, ohne dass die es überhaupt wahrnehmen.

Wir sind aber auch sicher, dass dieses Entkommen des sich selbst als guter Mensch bezeichnenden Verbrechers nicht zu einer Art Serie führen wird, zu weiteren Folgen, in denen Borowski diesen Typ wieder und wieder fangen muss. Das wäre denn doch ein wenig zu sehr vom üblichen Tatortmuster abweichend. Eine klasse Idee ist vorerst verwertet, ein Mensch unserer Zeit, einer aus dem Dienstleistungsprekariat, der Macht über andere gewinnt und uns wissen lässt, dass Macht nicht vom Einkommen abhängen muss, der in das Leben der Anderen eindringt und sie auf moderne Weise scannt und durchforstet wie ein gewiefter und bürokratischer Stasi-Agent 2.0, handelnd allerdings in eigener Sache, ein solcher Mensch ist nun Teil der Tatortgeschichte geworden. Sein nichtssagendes Gesicht hat sich eingebrannt in unser kollektiv-individuelles Krimigedächtnis und wir sehen alle geknechteten Kreaturen unseres neuen Proletariats anders als zuvor. Die Täter, die Opfer, die Jäger und Gejagten. Es wird drängender, dass sich etwas ändert. Es wird bedrückender, dass sich nichts ändern wird.

Anonyme Hochhaussiedlungen, Mütter, die anschaffen und drogenabhängig sind, böse Menschen als soziales Umfeld, Eiseskälte und einer, der all das bündelt, spiegelt und selbst in seiner Gefährlichkeit, seinem spürbaren Aufbegehren sympathischer wirkt als das Milieu, in dem er sich manchmal bewegt, das ihn anzieht, abstößt, ihn helfen und mörderisch handeln lässt. Das kann verwirren. Das kann uns nachdenklich machen. Das führt zu einer Explosion des Schweigens in der Welt der Randexistenzen. Wenn bloß nicht diese vielen Schwachstellen im Plot wären, dann  hätten wir uns echt hemmungslos reinziehen lassen und uns gegruselt und mitgefühlt. So wollte uns das alles nicht recht gelingen. Etwas hat gefehlt. Etwas, das Borowski und sein Team auslösen können, wenn alles passt.

Fazit

Ein Krimi mit viel Subtext, wieder einmal klar abgesetzt von den oft überdeutlich mit allgemeinpolitischen Aussagen behafteten Tatortfolgen, die im Norden mittlerweile Tradition haben, wir mögen die Interpretierbarkeit vieler Aspekte, welche die Kieler Tatorte reichhaltig bevölkern. Die Atmosphäre, Melancholie, Nordfühligkeit, die war dieses Mal nicht so stark ausgeprägt, dafür war viel Tristesse drin und hin und wieder ein Humorblitz. Für einen besonderen Humor steht Borowski selbst, ohne dass er zur Klamaukfigur wird, wie seine Kollegen aus Münster. Da ist noch viel anderes. Substanz, Menschlichkeit, Polizeihartnäckigkeit und Sturheit.

Gefilmt und gesprochen ist „Borowski und der stille Gast“ einwandfrei, teilweise besonders geschickt und auf hohem Niveau, geplottet wurde eher lässig und in dem Bewusstsein, dass das Große Ganze zählt und was man uns sagen will, nicht so sehr, ob es denn möglich ist, dass alles so geschehen kann, wie es uns hier gezeigt wird.

Und das ist leider die Schwäche von Folge 842. Er wäre packender, atemloser, böser und prägnanter gewesen, wenn man sich die Mühe gemacht hätte, uns zu zeigen, was tatsächlich geht und dies so drohend, so unheimlich. Große Momente wie jener, in dem Korthals mit dem Kind von Roswitha zusammen ist und man dann erst erfährt, dass dies in ihrer Wohnung stattfindet – wir alle haben die Unverletzlichkeit der Wohnung und unserer Privatsphäre als Grundrecht verinnerlicht – solche Momente wären noch ein gutes Stück größer, wenn man sich nicht immer wieder fragen würde, wie dieser Mensch es schafft, an die Schlüssel zu kommen, die er dann nachfertigt. Gezeigt wird es nicht. Und so legt sich ein Filter, eine Distanz zwischen uns und das Geschehen und erst ganz am Ende kommt etwas wie Lösung durch Emotion auf, aber keine Befriedigung durch Auflösung. Zumal wir den Täter ja schon kennen und den Howcatchem-Thriller als solchen identifiziert haben.

„Borowski und der stille Gast“ ist für uns kein Highlight der aktuellen Kieler Serie, aber für eine leicht überdurchschnittliche Gesamtbewertung reicht es: 7,5/10. Ein halber Punkt ist dabei wohl dem Borowski-Virus geschuldet, der uns infiziert hat uns schleichend wirkt. Unheimlich und hin und wieder rätselhaft. Wie einige Umstände in diesem Krimi.

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klaus Borowski Axel Milberg
Sarah Brandt Sibel Kekilli
Kai Korthals Lars Eidinger
Roswitha Kranz Peri Baumeister
Roland Schladitz Thomas Kügel
sowie Jan Peter Heyne, Samuel Finzi, Nadine Wrietz,
Willem und Kristen Hass, Linda Stach, Gerald Wick u. v. a.
Produktionsangaben
Drehzeit 20. Februar bis 31. März 2012
Drehort Kiel und Umgebung

Autor Sascha Arango
Regie Christian Alvart
Kamera The Chau Ngo

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