So groß und so klein ist China! // #China #VRChina #Kommunismus #PRofChina #Communism #Capitalism #Orwell

Serie China 14 / Analyse 19

2018-06-24 Analyse

Wir zeigen heute einen Beitrag, der ursprünglich im Juni 2017 für das Blog „Rote Sonne 17“ geschrieben wurde – in einer überarbeiteten und um das Kapitel „Setzt sich mit dem chinesischen Wirtschaftssystem auch das chinesische Gesellschaftsmodell durch?“ sowie weiteren aktuellen Informationen ergänzten Version.

2.900 Abgeordnete hat der chinesische Volkskongress, 6,5 % soll das Wirtschaftswachstum 2017 nach dessen Festlegungen vom März des Jahres betragen, 1,3 Milliarden Chinesen erwirtschaften fast 20 Billionen Euro, kaufen 25 Millionen neue Autos und schleudert 28,2 % der weltweiten CO²-Emissionen in die Luft. Ein unkontrollierbarer Gigant? Oder ein Riese auf tönernen Füßen? Expansiver Technologieokkupant oder fairer Industriepartner? Modell für die Wirtschaft von morgen oder ebenfalls Gefangener eines krisenanfälligen Kapitalismus?

  • Wenn ich Kriege außer Acht lasse, denn an ihnen ist China zumindest nicht direkt beteiligt, ist China für mich gegenwärtig nach den USA das problematischste Land auf diesem Globus. Eben weil dieser Riese erwacht ist und damit die globalen Ressourcen so stark beansprucht wie keine andere Volkswirtschaft. Zudem verfolgt es eine hochgradig aggressive Wirtschaftspolitik, die keine Regeln einhält und vor allem keine Reziprozität gewährleistet. Deshalb zögert die WTO (Welthandelsorganisation) auch zu Recht, China den Status einer Marktwirtschaft anzuerkennen. Der staatlich gelenkte Kapitalismus drückt sich schon in diesen Planungen des Wirtschaftswachstums aus, die, darüber sollte man sich klar sein, außerdem Fake News sind.
  • So genau, wie die KP der Volksrepublik das tut, kann man das Wirtschaftswachstum nicht vorherplanen, denn bei einer exportorientierten Nation wie China spielen Faktoren eine Rolle, die das Land nicht beeinflussen kann, entwickeln sich  Rohstoffpreise, Finanzmärkte und andere Faktoren nie so linear. Auch die Binnennachfrage kann in einer insgesamt mehr angebotsorientierten Wirtschaft nicht so genau eingeschätzt und in Produktionspläne umgesetzt werden, dass jene durch Planzahlen suggerierte Regelmäßigkeit zu erzielen ist.
  • Der Stromverbrauch in China, der ein guter Indikator für das reale Wachstum ist, weist in seinen Steigerungsraten in den letzten Jahren erhebliche Schwankungen auf und diese liegen zudem weit unter den angeblichen Wachstumsraten Chinas. Es gab Zeiten, in denen das eher umgekehrt war, die Führung ein Interesse hatte, die riesigen Zuwachsraten eher kleinzureden. Damals waren die offiziellen Raten pro Jahr aber noch zweistellig. Wenn man so will, hat China aus dieser Zeit vielleicht  eine Art statistische Reserve, die es einsetzen kann. Diese Reserve braucht es aber zunehmend auf und gerät damit ebenso unter den Druck einer immer schwierigeren Kapitalagglomeration wie die klassischen, mittlerweile teilweise sehr wachstumsschwachen Industrienationen.

Ist China nicht auch ein riesiger Absatzmarkt?

  • Deswegen gehen auch alle Unternehmen hin, die global wachsen wollen. Und nehmen das Risiko in Kauf, dass sie technologisch ausgenommen werden und damit nicht nur sich selbst, sondern auch der Industriebasis ihrer Heimatländer schaden, mit der sie ja immer noch kooperieren, auch wenn gerade China mit seiner Anforderung eines hohen „Local Content“ dafür sorgt, dass z. B. deutsche Auto- und Maschinenbauer immer höhere Anteile ihrer Produktion vor Ort fertigen. China hat an dieser Entwicklung einen großen Anteil. Dennoch ist China auch ein Zwerg, und gerade diese Kombination ist gefährlich.

Niemand stellt sich China in irgendeiner Hinsicht als Zwerg vor.

  • Das BIP pro Kopf betrug in China im Jahr 2015, kaufkraftbereinigt und je nach Quelle zwischen 14.500 und 15.500 US-Dollar. Was für einen in der Tat gigantischen Aufschwung das Land genommen hat, sieht man daran, dass es zehn Jahre zuvor noch weniger als 2.500 Dollar waren. Aber die klassischen Industrieländer einzuholen, wird nun trotzdem schwierig werden. Das deutsche BIP pro Kopf lag 2015 bei 47.000 Dollar, das der USA bei 56.000 Dollar. Das heißt nichts anderes, als dass die je nach Berechnungsmethode zweitgrößte oder bereits größte Volkswirtschaft, um einen durchschnittlichen Output pro Kopf wie diese Länder zu erzielen, noch 3 bis 4 mal größer werden muss. Angesichts der Belastung, die Chinas Wirtschaft und Konsum fürs weltweite Ökosystem mittlerweile darstellen, kaum vorstellbar – und doch nach kapitalistischer Logik notwendig.

Warum kann China es nicht bei einem Mittelwert belassen?

  • China lebt nicht außerhalb des weltweiten Kapitalismus, sondern mittendrin, auch wenn Zahlen aussehen, als seien sie staatlicherseits exakt planbar. Alle Fehler des Kapitalismus sind auch in China zu besichtigen. Ökologisch sind das eine ungeheure Vermüllung und häufiger Smog in allen großen Städten, besonders in Peking, das keine dämpfende Seelage hat, ein weiterhin wachsender CO²-Ausstoß, der die Sparanstrengungen in allen anderen Ländern zunichte macht.
  • Sozial bedeutet dies, die Ungleichheit wächst noch viel schneller als die Wirtschaft. Nirgendwo gibt es so viele neue Milliardäre wie in China und nirgendwo bleibt die Bevölkerung in ländlichen Gebieten im Nordwesten so abgeschnitten von der rasanten Entwicklung in den Ballungsräumen – was natürlich entsprechende Wanderungsbewegungen auslöst und ein randstädtisches Proletariat schafft, das  nicht in die Glamourwelt der Zentren vorstößt. Und nur in wenigen Ländern weltweit sind die Arbeiter_innen, welche die glitzernden Metropolen hochziehen, so rechtlos und unterbezahlt wie in China. In der Produktion sind die Löhne mittlerweile nicht mehr so niedrig, auch das drückt sich im anschwellenden Pro-Kopf-BIP aus, aber die soziale Ungleichheit im einstigen Land der egalitär armen blauen Ameisen ist eklatant – und erfordert weiteres Wirtschaftswachstum, damit auch die bisher benachteiligten Gebiete irgendwann so weit aufschließen können, dass der soziale Frieden erhalten bleibt.
  • Letzteres wiederum erfordert eine Umschichtung der Investitionen hin zu mehr Infrastruktur für diese Gebiete, mithin mehr Staatsausgaben. Auch in China dreht sich die Verschuldungsspirale immer schneller, gleichzeitig kauft das Land Firmen, Regionen, Regierungen, Bodenschätze weltweit in einem Maß, wie es die USA in der Glanzzeit ihrer wirtschaftlichen Ausdehnung nie getan haben. Es gibt im Kapitalismus keinen Mittelweg, sondern Wachstum oder Niedergang. Die Gefahr, dass Chinas Wachstum den Rest der Welt erstickt und damit ebenfalls zum Erliegen kommt, ist groß.

Hat man Japan nicht auch einmal zu einem unbezwingbaren Wirtschaftsaggressor aufgebaut?

  • Die japanische Wirtschaft ist immer noch ein mächtiger Player, stagniert aber seit Langem – und es hat auch mit der Größenordnung zu tun. Japan hat etwa 120 Millionen Einwohner, China fast 1,4 Milliarden und das 30-fache an Fläche. Ich halte es durchaus für möglich, dass China in Zeiten, die wir noch erleben werden, 50 % der weltweiten Wirtschaftsleistung erbringt, so, wie die USA es nach dem Zweiten Weltkrieg taten – befördert seinerzeit durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch weiter Teile Europas durch den Krieg. Aber eine solche Situation kann auch durch Konkurrenzdruck entstehen, dagegen spricht rein gar nichts. China wächst, wenn man den Zahlen Glauben schenkt, doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft im Ganzen und beeinflusst die Wachstumsraten aufgrund seiner mittlerweile erreichten Stellung als größte Volkswirtschaft der Welt selbst in erheblichem Maße.

Kann eine so große Volkswirtschaft problemlos immer weiter wachsen?

  • Langfristig nicht, weil die weltweiten Ressourcen das nicht erlauben. Dies ist aber eine Denkweise, die vor allem im saturierten Europa zunehmend Verbreitung findet, nicht in China, wo ganz viele Menschen noch Nachholbedarf für sich persönlich sehen. Kluge Köpfe haben bereits Anfang der 1990er genau diese Entwicklung vorhergesehen: Dass man nicht anderen vorschreiben kann, dass sie einen wesentlich niedrigeren Lebensstandard behalten müssen, damit das globale Gleichgewicht nicht gefährdet wird, wo man doch selbst die aktuellen Standards in Konsum und Ressourcenverbrauch gesetzt hat.
  • Vor allem das Vorbild USA, aber auch Europa mit seinen Luxusmarken, haben dabei eine nicht zu vernachlässigende Strahlkraft in den asiatischen Raum hinein entwickelt. Diese wird aus Absatzgründen gerne genommen und gepflegt. Aber die Menschen sind eben nicht nur Empfänger, sondern müssen auch Produzenten sein, um als Konsumenten infrage zu kommen. Eine solche Entwicklung kann man nicht einfach stoppen und sagen, es reicht, dass ihr etwa ein Drittel des Lebensstandards habt wie die Europäer und ein Viertel von dem, was Amerikaner sich leisten können. Auch in Deutschland hatte die einstige Wirtschaftsdynamik für eine hohe Zufriedenheit im Land gesorgt und dafür, dass die Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht erneut in Gefahr geriet – und gerade in den noch unterentwickelten Regionen Chinas ist es heute wichtig, dass der Glaube an den Aufstieg erhalten bleibt.
  • Als ich diesen Beitrag geplant und begonnen habe, war noch nicht abzusehen, dass China erstmalig seit 1989 in seiner Kreditwürdigkeit herabgestuft werden würde. Moody’s, eine der großen US-Ratingagenturen, hat gestern, am 24.05.2017, China von Aa3 auf A1 herabgestuft (Deutschland hat hingegen trotz Euro-Krise seine traditionelle Höchstwertung AAA halten können und übt damit auf die Eurozone mit seiner viel gescholtenen Austerität eine sehr stabilsierende Wirkung aus). Die chinesische Führung pumpt unvorstellbare Summen in die Infrastuktur und den Umbau der Wirtschaft hin zu höherwertigen Produkten und mehr Dienstleistungen, um die Binnennachfrage zu stärken und hofft auf mittelfristige Rendite aus diesem Programm. Ob das aufgeht, kann man aber nicht vorhersehen. Überschuldet wie gewisse südliche Länder in Europa ist China selbstverständlich nicht und man darf nicht vergessen, dass es weltweit große Assets erwirbt, die auf der anderen Seite der Bilanz dieser insgesamt leider für Außenstehende kaum durchschaubaren Volkswirtschaft stehen.
  • Schon Deng Xiaoping, der legendäre Initiator der wirtschaftlichen Öffnung Chinas, hatte erkannt, dass ein hohes, stabiles Wachstum der Grund ist, warum die Bevölkerung in China die Führung unterstützt. Ich kann nicht einschätzen, ob die Chinesen diese seltsam stabilen Wachstumsraten wirklich glauben, aber falls sie das tun, bedeutet es auch: Sie haben den Kapitalismus auch nicht besser verstanden als viele Menschen bei uns und auch nicht, wie eine Führung alles tut, um gut dazustehen. Nehmen wir an, China habe im letzten Jahr eine reale Wachstumsrate von 4 Prozent gehabt, dann wäre das für uns in Europa immer noch ein Riesenwert. Und da die Bevölkerung in China nur moderat wächst, auch kein mittelfristiges Problem. Aber reicht es, um den Glauben an die Unerschöpflichkeit der chinesischen Tatkraft und Wohlstand für alle zu erhalten? Wohl nicht, so denkt zumindest die KP der Volksrepublik.
  • Die Älteren unter uns werden sich erinnern. Die DDR hatte statistisch lange Zeit ein höheres Wachstum als die Bundesrepublik und stand in den 1980ern, also wenige Jahre vor ihrem Ende, immer mal wieder auf Platz 10 bis 12 der Volkswirtschaften mit dem höchsten BIP pro Kopf. Wenn man um 1988 auf FDJ-ler traf, die sehr ideologiefest waren, und nur solche durften in den Westen, musste man ihren mit großer Überzeugungskraft abgegebenen Darstellungen glauben, die DDR sei kurz davor, die Bundesrepublik endgültig abzuhängen, vor allem technologisch. Wer jedoch 1990 in die wenig später als „Neue Bundesländer“ firmierenden Gebiete fuhr, musste bemerken, wie Statistik lügen kann. Auch im heutigen Deutschland wird getrickst, dass sich die Balken biegen, beispielsweise bei den Arbeitsmarktdaten, wenn auch in die umgekehrte Richtung, um die Zahlen so klein wie möglich zu halten und damit ebenfalls eine sehr gesunde Wirtschaft zu suggerieren.
  • Was die Wahrheitsliebe angeht, ist die chinesische Führung ebenso ein Zwerg wie alle anderen Eliten der Welt, die vor allem ihre Macht erhalten wollen – das sollten wir nie vergessen, wenn wir über China nachdenken und nicht deshalb an dieses Land und seine Regierung andere Maßstäbe anlegen als an die USA oder unsere eigenen Politiker, nur weil das Label „kommunistisch“ in China noch verwendet wird. Nirgendwo ist es wohl sehr zu einer Marke ohne Inhalt geworden wie in diesem bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich größten Land der Erde, dessen Entwicklung leider auch beweist, wie .klein und gefährdet diese Erde ist. Und wie wenig wir in der Lage sind, global, also für diese Erde, ihren Erhalt und damit für unseren eigenen zu denken und zu handeln.

China und der deutsche Mittelstand: eine Win-Win-Story?

  • Als chinesische Investoren im letzten Jahr den deutschen Roboterhersteller Kuka übernommen hatte, einen strategischen Technologieführer des industriellen Mittelstandes, war die Aufregung groß, denn immerhin ging es um eine Firma, die über das Know-How darüber verfügt, wie andere Firmen ihre Fertigung aufbauen. Das muss sie, weil ihre Roboter auf diese Prozesse ausgerichtet sind, es handelt sich dabei um eine jener industriellen Dienstleistungen, bei denen Deutschland weltweit führend ist. Damit haben die Chinesen also eine Art Meta-Transfer gemacht und die Diskussion über die Einkaufstour des Reichs der Mitte im letzten großen Industrieland der europäischen Mitte erreichte einen neuen Höhepunkt. Ebenso wie die chinesischen Direktinvestitionen in Deutschland (13,2 Milliarden Euro im Jahr 2016).
  • Vieles an der chinesischen Industriepolitik weist darauf hin, dass Chinas Ziel „Made in China 2025“ vor allem auf qualitatives Wachstum hinauslaufen soll. Anders als seinerzeit die Japaner, die einfach deutsche Technologie kopierten und versuchten, sie besser und billiger herzustellen als die Erfinder, laufen chinesische Manager, unterstützt von großen Beratungsfirmen, ganz offen mit der Einkaufstüte in der kleinen Welt des aufnahmebereiten deutschen Mittelstand herum, der durch die Krise 2008/2009 durchaus nicht schadlos in die Jetztzeit gefunden hat. Viele deutsche Unternehmen sind traditionell unterkapitalisiert und daher anfällig für Krisen. Kapital ist aber nun wirklich kein Problem der chinesischen Aufkäufer, wie die Preise zeigen, die sie bereit sind für hiesige Firmen auf den Tisch zu legen. Damit stechen sie andere Interessenten meist aus.
  • Einiges deutet darauf hin, dass China sich mehr in die Weltgemeinschaft eingliedern will, was die Ausrichtung seiner strategischen Wirtschaftspolitik angeht. Aber dass deutsche Unternehmen und deren Mitarbeiter die chinesischen Umarmungen teilweise sehr naiv betrachten, weil die Investoren aus Shanghai, Shenzen oder Bejing frisches Geld in unter Druck stehende deutsche Firmen pumpen und damit vorerst deren Innovationskraft anheben können, liegt auf der Hand. Niemand sollte aber annehmen, dass hinter der oft angenehmen Art, in der Chinesen auftreten, eine weniger wirtschaftsimperialistische Haltung steckt als beispielsweise bei den Amerikanern, die dafür berüchtigt sind, ihre rüde Führungskultur sofort in übernommene Firmen zu tragen. Ich kenne diesbezüglich persönliche Schilderungen.
  • Allerdings sind Amerikaner und Europäer allemal durchschaubarer in ihrer Strategie. Das muss nicht heißen, dass dies ein Wert für sich ist, wie viele Probleme in deutsch-französischen oder deutsch-amerikanischen Kooperationen belegen. Aber die Art, wie China die bereits eingangs angesprochene Reziprozität nicht zu gewährleisten bereit ist, steht immer noch wie eine dunkle Wolke über allem, was es tut, um in Europa Fuß zu fassen. Hinzu kommt, dass wir mittlerweile etwa in Griechenland besichtigen können, dass der Kauf eines einzigen Hafens, Piräus, durch chinesische Investoren ausreicht, um nicht nur deren Konzept von der Seidenstraße zu erläutern, sondern auch, um Griechenland bei Menschenrechtsfragen aus der europäischen Solidarität herauszulösen. Und China muss expandieren, das weiß die Führung, denn es ist lange nicht am Ziel. Man kann vielleicht hoffen, dass in China erkannt wird, dass der Weltmarkt ja für die dort hergestellten Produkte aufnahmefähig bleiben muss und man daher die Industrie in Europa nicht komplett vernichten darf. Aber die nächste Etappe lautet „Made in China 2025“, nicht „Made in Europe with more Money from the PR“. Das sollte man nicht vergessen.
  • Wenn also die Kooperation so läuft, dass eine Seite Geld mitbringt, die andere Technologie, anstatt das eine technologische Synthese stattfinden – warum greift in Deutschland nicht der Staat technisch potenten, aber finanziell klammen Firmen unter die Arme und sichert sich dafür Anteile an ihnen und nimmt an ihren durch frisches Kapital erwirtschafteten Erfolgen teil? Darüber sollte man einmal ernsthaft diskutieren. Das heißt, darüber könnte man diskutieren, wenn es in Deutschland eine strategische Wirtschaftspolitik gäbe. Eine etwas strengere Handhabe bei Verkäufen ins Ausland, wie jetzt vorgesehen, reicht zur Abwehr der chinesischen Finanzmacht und zum Erhalt eines industriellen Kerns in Deutschland bei weitem nicht aus und ist auch wieder einmal nicht strategisch, sondern nur reaktiv.

Setzt sich mit der chinesischen Wirtschaft auch das chinesische Gesellschaftsmodell weltweit durch?

  • Wir erleben gerade, wie in China die totale Überwachung der Bevölkerung einerseits durch den Staat, andererseits freiwillig durch die Bevölkerung selbst installiert wird. In manchen Städten gibt es keine Stelle mehr im öffentlichen Raum, die nicht mit Kameras bestückt ist, die über Gesichtserkennungstechnologie verfügen. Zudem unterwerfen sich die Chinesen freiwilig einem sozialen Punktesystem, das quasi als App auf dem Handy installiert ist, damit man den Stand abrufen kann. Jedes Wohlverhalten im Sinn des Staates bringt Punkte, jede noch so kleine Übertretung, und sei es nur Falschparken oder das Fahrrad an einem öffentlichen Platz nicht abschließen, führt zu Minuspunkten. Das gesamte Lebensverhalten ist einsehbar und wird bewertet. Berufliche Aufstiegs- und sogar Partnerschaftschancen hängen zunehmend vom Erfolg in diesem System ab. Das geht weit über die düsteren Visionen hinaus, die einst George Orwell und andere ersannen. Man braucht gar keine ständige Propaganda mehr, um Menschen zu zähmen, sie tun es aus einer unfassbar naiven Technikgläubigkeit und Spielfreudigkeit heraus selbst. Dabei wird auch der natürliche Wettbewerbsdrang der Menschen, den nicht nur Chinesen aufweisen und der von linken Ideologen gerne negiert wird, angesprochen und der ebenfalls universelle Wunsch nach Selbstoptimierung. Apps, die alle möglichen Daten zur Selbststeuerung vereinen, gibt es bei uns ja auch schon. Nur sind sie noch nicht zu einem offen regulierenden System verknüpft. China ist also auch ein Big-Data-Riese und ein bürgerrechtlicher Vorgartenzwerg.
  • In China gab es niemals eine freiheitliche Demokratie und nun ersetzt der Konsum alles, was Menschen auf die Idee bringen könnte, einen Mangel zu empfinden, wenn sie staatlicherseits überwacht und manipuliert werden. Und durch den riesigen wirtschaftlichen Erfolg Chinas wird dieses Modell möglicherweise exportiert. Bis vor wenigen Jahren lautete die Gleichung für aufstrebende neue Länder: Werde wie der Westen und du wirst erfolgreich sein. Das gilt nun nicht mehr und ist durchaus Anlass zur Besorgnis. Wir haben oben schon Griechenland erwähnt, auch die Balkanländer werden von China bereits intensiv bearbeitt und in Deutschland sorgt ein lascher Wirtschaftsschutz dafür, dass zwar nicht das Land im Ganzen sofort abhängig von China wird, aber zunehmend der industrielle Mittelstand, der letzte große Innovationsmotor des Landes, nach chinesischer Taktvorgabe läuft. Zudem sorgen chinesische Investoren am Immobilienmarkt mit für die derzeitige Blase und destabilisieren den sozialen Zusammenhalt. Damit sind sie freilich nicht allein, aber sie sind nun überall dabei, wo es etwas zu holen gibt und diese sanfte Methode, sich global zu vervielfältigen, ist die gefährlichste, die man sich derzeit denken kann. Deshalb muss dringender als bisher über die Implementierung alternativer Komponenten ins hiesige Wirtschaftssystem nachgedacht werden, die generell nicht so anfällig für Infiltration von außen sind und damt auch nicht so krisenanfällig. Vielleicht braucht es aber eine weitere Krise oder das Wiederaufflammen der noch schwelenden Brände der letzten, um endlich ein Umdenke auf breiter Front zu bewirken.
  • Die Herausforderung China stellt uns Fragen. Fragen an die Art, wie wir uns vom kapitalistischen System beherrschen lassen, anstatt es endlich in den Griff zu nehmen, es genauer anzuschauen und zu entscheiden, ob es unserem Gefühl der ökonomischen Selbstbestimmung Rechnung tragen kann. Ob dieses Anschauen und die daraus folgende Analyse zu mehr Protektionismus führen muss, ist ein Aspekt den man vorurteilsfrei diskutieren sollte.

Ganz sicher wird sich die Führung eines Landes, das unter anderem politische und nicht reale Wachstumszahlen produziert, nicht in die Karten schauen lassen, wenn es darum geht, was langfristig mit übernommenen Firmen anderer Länder geschieht und ob es je bereit sein wird, ausländische Investitionen zu fairen Bedingungen zuzulassen oder die Rohstoffe, die es in seinen Besitz bringt, mit anderen zu teilen. Derzeit versucht die Führung, eigene Rohstoff-Handelsplätze zu etablieren und sich vom Dollar zunehmend unabhängig zu machen, der bisher dem Westen noch eine gewisse Kontrolle ermöglicht.

Der Aufstieg Chinas ist neben allen einhergehenden ökologischen Problemen und den politischen Spannungen, die dadurch zunehmen, dass eine Konkurrenzstellung zu den USA und Europa entsteht, keine Antwort auf die Kapitalismuskrise des Westens und keine Blaupause für das, was wir in Europa tun sollten, um wieder mittun zu dürfen, wirtschaftlich und politische. Die neuen Seidenstraße wird wohl nicht dadurch geprägt sein, dass erlesene Seide von China nach Europa gelangt, sondern durch ganz andere Produkte, die China nie exklusiv hatte, sondern aus europäischem Wissen abgeleitet hat – und dahinter stehen andere Ideen als diese heute besonders von Antiamerikanern sehr romantisierte Verbindung aus alter Zeit. Ein Endpunkt der neuen Seidenstraßen ist übrigens der Hafen Duisburg. Jeder weiß, dass Duisburg einen großen Binnenhafen besitzt und gleichzeitig eine der vom wirtschaftlichen Niedergang des Ruhrgebiets am meisten gebeutelten Städte Deutschlands ist. Wer Parallelen Hafen von Piräus in Griechenland entdeckt, hat bereits eine gewisse Analysefähigkeit unter Beweis gestellt.

Wir leben nicht in den Zeiten der alten, magischen und faszinierenden Seidenstraße, die „Worlds apart“ miteinander verbinden sollte.  Auch das damals größte und kulturell fortschrittlichste Land, das kaiserliche China, war ncht seiner selbst ganz sicher und hätte Europa nie kapitalistisch domineren können. Und es hat sich nach Zeiten der Öffnung auch immer wieder zurückgezogen, um nicht selbst zu stark unter fremde Einflüsse zu geraten. So konnte sich der Aufstieg Europas ungehindert vollziehen. So ungehindert, dass es mit seiner aggressiven Politik das technologisch bereits abgehängte China des 19. Jahrhunderts gedemütigt hat auf eine Weise, die dort nicht vergessen ist und wohl auch nicht vergeben. Auch China wird sich nicht dauerhaft den zerstörerischen Mechanismen des entfesselten Kapitalismus entziehen können, deren es sich gerade mit großem Erfolg bedient. Doch dies ist eine Fortschreibung der Wirtschaftsgeschichte über den Tag, das Jahr und dieses Jahrzehnt hinaus.

Niemand weiß, was kommt, wenn wir es nicht in die Hand nehmen, die Menschen auf der Welt unabhängiger und gleichberechtigter zu machen, in dem wir an unserer Selbstermächtigung arbeiten. Das würde uns auch die Angst voreinander nehmen, die gegenwärtig leider keine Neurose panischer Pessimisten ist, sondern mit schlichten Daten aus Ökonomie und Ökologie gut begründbar.

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Unsere bisherigen Beiträge der China-Serie

Werden die Chinesen neue Menschen? (Die Zeit, 1956)
Mission: Chinesen abwehren – Bundesregierung will Außenwirtschaftsverordnung verschärfen (Junge Welt)
China, der nächste Schritt: Macht über die Rohstoffpreise
Ein Schiff wird kommen – Piräus, der chinesische Ankerplatz in Europa
China 2020 = 1984
Trump bringt die europäisch-chinesischen Beziehungen voran 
Startcamp für nachhaltigen Konsum mit China als Team „Rot“
China: Höher, weiter, schneller (DIE ZEIT) – Grunddaten zu China
Cina: Das Ziel ist die Welt (DIE ZEIT)
So abhängig sind die Autohersteller von China (FAZ)
China bekommt Handelsstreit zu spüren (OnVista)
USA haben größten Handelskrieg der Wirtschaftsgeschichte eingeleitet (mm)
Hongkong protestiert (ARD) – Einstieg ins Thema „China als neues Imperium“

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