#Deutschlandspricht – Auswertung der Fragen + welche Altersgruppe, welches Gender und welche Regionen sind am diskussionsfreudigsten? #DieZeit #Zeit

Kommentar 91

Wir haben bereits einen ersten Beitrag zu #Deutschlandspricht veröffentlicht. Warum ist es so wichtig, über diese Aktion von 11 großen Medien zu reflektieren?

Wichtig in dem Sinn, dass diese Beiträge Hotspots mit ganz vielen Zugriffen werden könnte, ist keiner dieser Beiträge. Aber wir wollen ja eine ausgewogene Mischung haben. Und wir nehmen uns jetzt mal den „Basisartikel“ in der ZEIT vor, in dem die Fragen gelistet und ausgewertet sind und in dem einiges über die Teilnehmenden gesagt wird – statistisch.

Warum selbst nicht teilgenommen, trotz Beantwortung der Fragen?

Ich habe zuletzt geschrieben, ich kann es durch Parteiarbeit jederzeit haben, dass ich mit Bürger_innen ins Gespräch komme. Aber dass sich daraus eine Caféhausdiskussion mit Fortsetzung ergibt, ist mir zumindest bisher nicht passiert –  höchstens mit denen, die mit mir zusammen parteiseitig unterwegs waren. Insofern kann dieses Format doch eine Erweiterung sein. Außerdem steht ganz unten, dass die besten Gegensatzpaare alte Männer und junge Frauen sind. Da habe ich möglicherweise einen netten Samstagnachmittag verpasst. Die Frage ist nur, ob die Gegenseite ihn dann auch als so nett und inspirierend empfunden hätte. Außerdem ist das Publikum, das mitgemacht hat, großstädtischer gewesen als der Durchschnitt. Ich finde, das sieht man auch an den Antworten. Ich vermute hinter dem, was die Auswertung zeigt, besonders viele Grünwähler.

Wieso?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Durchschnittsbevölkerung gerne höhere Steuern auf Fleisch möchte. Und dass fast alle finden, Trump sei schlecht für die USA, ist eine wirklich deutsche Außensichtweise, die auf diese eigenartige Weise eurozentrisch und selbstbezogen daherkommt, wie sie ja erstaunlicherweise von Kulturlinken oft gepflegt wird. Die Hälfte der Amerikaner sieht es anders, wie wir wissen. Aber wir können die Fragen auch einzeln durchgehen.

Na denn – ist Trump schlecht für die USA?

Das kann im Moment niemand seriös vorhersagen. Viele Linke hoffen doch, dass er isolationistisch optiert und die USA aus den internationalen Konflikten herausführt. Die ja durch die expansive Art der USA, Geopolitik zu betreiben, mitverursacht wurden. America first könnte auch heißen, dass die USA sich wirklich mehr aufs Innere konzentrieren. Ich sehe dafür allerdings nicht wirklich Anzeichen. Und wirtschaftlich? Die Spaltung im Land nach Ethnien und Einkommensklassen wird nicht abnehmen, wenn Trump weiter rhetorische und faktische Ausgrenzungspolitik betreibt und die Intressen der Reichen wieder so ungehemmt bedient, als habe es nie eine Finanzkrise gegeben, die sein Vorgänger Obama bewältigen musste. Es könnte aber sein, dass ihm ein Stück weit die Reindustrialisierung gelingt und damit auch wieder mehr zukunftssichere, hochwertige Arbeitsplätze entstehen. Dafür, dass es so laufen könnte, sprechen einige neuere Kenndaten durchaus.

Nur zehn Prozent sagen, es geht den Deutschen schlechter als vor zehn Jahren.

Weshalb verorte ich das Publikum wohl als überwiegend „kulturlinks“? Wenn DIE ZEIT sich zum Beispiel, sehr ungewöhnlich für dieses Medium, nicht darüber im Klaren ist, warum so wenige Menschen aus dem Osten und dem ländlichen Raum mitgemacht hat: Diskussionsfreudigkeit, die eine Öffnung gegenüber Fremden verlangt, ist leichter, wenn man sich mit sicher und seiner eigenen Situation wohlfühlt. Und das dürfte ein Hauptgrund dafür sein, dass dieses Publikum alles andere als repräsentativ ist. Im Grunde können diejenigen, die ohnehin die Meinungsführerschaft haben, die wenigen anderen mit diesem Tool majorisieren. Unter diesen Bedingungen, dass so viel Fragen mit so großem Konsens beantwortet wurden ist es interessant, dass man so viele Gegensatzpaar bilden konnte. Faktisch sinkt das reale Einkommen bei etwa 40 Prozent der Bevölkerung seit vielen Jahren und das Jobwunder ist weitgehend ein Fake, wenn man es an der Zahl der tragfähigen Vollzeitjobs oder der verfügbaren Arbeitsstunden misst. Allerdings könnte auch eine neue Bescheidenheit eingetreten sein oder ein Wandel in den Wertvorstellungen: Ich mache mich nicht mehr so sehr von Geld und Anerkennung abhängig wie bisher, also geht es mir besser.

Soll Deutschland seine Grenzen stärker kontrollieren?

Ich finde die Frage schwierig. Nur 19,3 Prozent sagen ja. Aber ich wiederhole jetzt nicht bei jeder Frage meine Ansicht, dass im Beitrag deutlich ausgedrückt wird, dass das Publikum nicht repräsentativ ist.

Aber die Frage ist möglicherweise auch zu simpel. Es reicht aus, wenn die EU-Außengrenzen stärker kontrolliert werden, um die Immigration über Fluchtwege zu bremsen, über die Nord- oder Ostsee kommt sowieso kaum jemand. Die EU muss sicherstellen, dass niemand ertrinkt und allen, die fluchtweise ankommen, geholfen wird, aber sie kann keine unbegrenzte Arbeitsimmigration zulassen. Und in letzter Zeit tendiere ich wieder verstärkt zu der Ansicht, es müssen jetzt auch ein paar Staaten ein paar hundert Menschen aufnehmen, die bisher überhaupt nichts getan haben. Da ginge es mehr um ein Zeichen des guten Willens und um die Zusammenarbeit unter Einhaltung der berühmten europäisch-demokratischen Werte als um eine wirkliche Belastung dieser Länder.

Autofreie Städte und höhere Steuern auf Fleisch, bei beiden Fragen antworten satte Mehrheiten von über 60 Prozent mit ja.

Bei den Innenstädten wird es sowieso Ausnahmen für den Lieferverkehr geben müssen, und der macht keinen geringen Anteil aus. Und was man unter autofrei versteht, muss genauer definiert werden. Dass jemand, der in der Innenstadt wohnt, aber einen Dienstwagen hat, mit dem er ins Umland fahren muss, dass der irgendwo in einem riesigen Hub am Stadtrand geparkt wird und der Rest der Strecke wird per ÖPNV zurückgelegt? Naja, möglich wäre das schon. Habe ich selbst eine Zeitlang so gemacht, das Auto an einem S-Bahnhof am Rand von Berlin abgestellt und den Wagen nur für Fahrten in Gegenden benutzt, in denen der ÖPNV nicht ausgestaltet ist, dass man unter seiner ausschließlichen Verwendung eine vernünftige Terminplanung hinbekommt. Es gibt z. B. in Brandenburg Ecken, die sind kaum angebunden. Aber das Benefit für gewisse Unbequemlichkeiten wäre, dass in Neukölln das Protzgehabe der Clanies mit ihren prolligen Hoch-PS-Schleudern aufhören würde. Reizvolle Idee. Ich bin kein Verkehrspolitiker, das sieht man an diesen Antworten, aber grundsätzlich offen für ökologisch, nicht ideologisch motivierte Änderungen in diesem Bereich. Ach ja: Ich bin kein Vegetarier, aber ich esse wenig Fleischprodukte. Also, von mir aus sollen sie Luxussteuern auf Fleisch einführen.

Hat die Metoo-Debatte etwas gebracht?

Die letzte Debatte war doch #Metwoo. Ich habe an der „Metoo“-Debatte nicht teilgenommen, weil es damals den neuen Wahlberliner noch nicht gab und in meinem Umfeld hat sie keine Rolle gespielt, weil es keine sichtbaren Diskriminierungsformen gibt. Es spielt sich vielleicht das eine oder andere in den Köpfen ab, doch was wir denken und was wir sagen, ist sowieso nicht immer identisch und wenn wir es nur denken, verletzt es niemanden. Es wird alles gefiltert – ich glaube aber, ich hatte mit „ja“ gestimmt, weil eine Bewusstmachung nicht schlecht ist, solange sie nicht missbraucht wird.

Größte Zustimmung bei der Frage, ob Muslime und Nicht-Muslime in Deutschland gut zusammenleben können.

Da hätte man mal eher nach dem Ist-Zustand fragen sollen, denn dass sie das können, ist unstreitig, sofern sich alle an bestimmte Regeln des respektvollen Miteinanders und an die Grundzüge der Rechtsordnung halten. Alle können miteinander leben, wenn sie nett zu allen anderen sind.

Fast 70 Prozent der Teilnehmer sind männlich.

Das war für mich eine echte Überraschung. Ich hätte eine ausgeglichenere Teilnehmerschaft erwartet. Denn hier waren die Zugangsbarrieren ja wirklich gleich. Man musste eine gewisse Hemmschwelle überwinden und ich dachte, das könnte Frauen doch eher leichter fallen. Vielleicht diskutieren Männer aber auch wirklich lieber mit Fremden.

Und Städter lieber als Dörfler.

Dass Heidelberg die diskussionsfreudigste Stadt ist, fand ich reizend. Und sehr stimmig. Diese wohlhabenden Gegenden mit stark universitärem Gepräge sind prädestiniert für solche Ideen, Freiburg ist für mich auch eine typische Stadt, in der das besonders gut funktionieren kann bzw. hohen Zuspruch erfährt. Nur, dass dort die Gegensätzlichkeit so heraussticht, wage ich eher zu bezweifeln. Städter sind generell experimentierfreudiger und gehen neue soziale Wege.

Das müssen sie auch, angesichts ihrer immer weiter voranschreitenden Versingelung. Da kann man einenader auch mal treffen, um sich politisch auszustauschen. Dahinter steht in vielen Fällen auch der Wunsch, generell jemanden kennenzulernen, der interessant sein könnte, gerne auch außerhalb der eigenen Blase. Diese Person ist ja dannauch  schon fast eine Trophäe. Okay, man soll die Sache nicht zu negativ bewerten. Auf dem Dorf hingegen kennt man sich einfach so, von Kindesbeinen an oder durch die Arbeit, den Verein. Und so fängt es an und dann kommt es zu politischen Gesprächen. Deshalb sollte man nicht den Fehler machen zu glauben, im ländlichen Raum wird nicht politisch gedacht und geredet.

Kann denn eine solche Aktion Menschen wirklich einander näherbringen?

Man müsste sie wiederholen, um einen eindeutigen Effekt oder Nicht-Effekt konstatieren zu können. Einmal zwanzigtausend Menschen zusammenzubringen, von denen sich vielleicht zweitausend oder auch fünftausend noch einmal treffen werden, wird die Realität nicht verändern, denn die, die dabei mitmachen gehören doch zu denen, die der Ansicht sind, sie haben einander noch etwas zu sagen. Das trifft bei weitem nicht auf alle Menschen zu, die hier leben. Und diese sind auch Teil der Realität.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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