Engel der Nacht – Tatort 662 / Crimetime 82 // #Tatort #Blum #Perlmann #Konstanz #SWR #Tatort662 #EngelderNacht

Crimetime 82 - Titelfoto © SWR / Hollenbach

Warum so zurückhaltend?

Es geht auf die 50. Tatort-Rezension zu und wir haben viele Fälle gesehen, die uns begeistert haben, die uns nachdenklich gemacht haben oder bei denen wir sonst involviert waren.

Bei Folge 662 „Engel der Nacht“ war all dies leider nicht der Fall. Seltsam, dass gerade ein Film, in dem ein kleiner Junge eine so umfangreiche Rolle hat wie selten ein Kind in einem Tatort, uns so unberührt ließ. Vielleicht sind wir etwas indolent?

Es könnte aber auch daran liegen, dass der Fall zu viele Schwächen aufweist und dass  die Figurenpsychologie uns ebenfalls nicht überzeugt hat. Gerade, wenn viel Emotionales, dazu noch zwischen den Ermittlern und Kindern, im Spiel ist, schaut man sehr genau hin, ob das passt oder nicht.

In „Engel der Nacht“ fanden wir viele Fragwürdigkeiten bei der Interaktion der Charaktere,  zudem Plotschwächen, die teilweise mit der Interaktion verzahnt sind. Klare Tendenz: nicht über dem Durchschnitt.

Handlung

In einer Tiergroßhandlung wird der Ladenbesitzer durch einen Kopfschuss ermordet aufgefunden. Der kleine Sohn des Opfers war im Haus – doch er kann sich nicht an das Geschehene erinnern.

Hauptkommissarin Blum nimmt sich des Kindes an und macht eine überraschende Feststellung: Manuel schlafwandelt. Der Junge gerät so – als möglicher Tatzeuge – in große Gefahr. Sein älterer Bruder gerät unter Verdacht.

Klara stößt bei ihren Ermittlungen auf einen Sumpf illegalen Tierhandels, geschäftlicher Erpressungen und zwischenmenschlicher Verstrickungen. Nicht nur der kleine Junge, auch Klara Blum ist in Gefahr. 

Rezension

  1. Seltsame Umstände

Ein Mord, hinter dem die osteuropäische Mafia stecken könnte oder zumindest ein Sohn, der mit ebendieser Mafia finanzielle Verstrickungen eingegangen ist und seinen Vater umbringt, weil er Geld braucht, entpuppt sich als banales Liebesdrama, geboren aus emotionaler Abhängigkeit, Demütigung, Schluss.

Die Schleife vom Anfang, wo die Haushälterin Erika Sendel (Beata Lehmann) schon einmal irgendwie verdächtig wirkt, als nan erfährt, dass vom Tierhändler Heller die Stellung gekündigt bekam, kurz, bevor dieser ins Jenseits befördert wurde, die kann man am Ende binden. Ja, möglich. Ein wenig schade und wäre es notwendig gewesen, dass sie gesteht? Man kann ja auch aus innerer Not gestehen, nicht nur, weil man sowieso überführt ist.

Der schlafwandelnde kleine Junge Manuel Heller alias Gecko (Henry Stange) hat etwas gesehen, in der Mordnacht, als er just zu dem Zeitpunkt schlafwandelte, als der Mord geschah. Er spricht gegenüber einem Psychologen unter Hypnose von einem Engel, am Ende stellt sich heraus, es war der Schlüsselanhänger der Frau Sendel, natürlich hatte sie einen Schlüssel, immer noch, zu den Räumen des Tierhändlers Heller.

Die Verwüstung seiner Terrarien und Käfige hingegen, die hat Frau Sendel nicht verschuldet, das war ein Gespann ungleicher Art, nämlich Manuels älterer Bruder Andreas (Niels Bruno) und ein osteuropäischer Mafioso war auch dabei.

Vieles in dem Film ist nicht uninteressant  – zum Beispiel, wie eine kinderlose Kommissarin Muttergefühle entwickelt und wie sie, als sie den nun vaterlosen Jungen Manuel aufgenommen hat, den frühen Tod ihres Mannes noch einmal schmerzlich empfindet, vielleicht hätte sie sonst auch Kinder. Oder das Thema Tierhandel mit geschützten Arten, also Schmuggel von Lebewesen, mit denen nicht gehandelt werden darf und die dementsprechend teuer gehandelt werden.

  1. Fehler in der Handlung / Interaktionsprobleme

Leider hat man immer wieder den Eindruck, und der ist in diesem Tatort besonders deutlich, da wird irgenetwas prägnant gezeigt, wie hier das Verhältnis von Klara Blum (Eva Mattes) zu dem Jungen, dafür geht vieles andere den Bach herunter. Besonders signifikant war die Stelle, an der Manuel zum wiederholten Mal ausbüchst und seinen älteren Bruder sucht. Er behauptet, er wisse nicht, wo er sich befinde (im Haus der Kinderpsychologin Siebenschön). Komischerweise hatte er von diesem Haus aus aber das Versteck der verbotenen Tiere in der verfallenen Villa schnurstracks angesteuert.

Es gibt noch mehr Fehler, wenn auch nicht so auffällig und eindeutig wie dieser. Besonders störend war dieses ostmafiose Element in der Form, dass es zu einer Verschiebung der Maßstäbe in der Bodenseeidylle gesorgt hat. Wer so vorgeht wie dieser Mann im schwarzen Geändewagen und eine Kommissarin in deren eigenen Haus überfällt, der braucht im Prinzip keinen Jungen mehr zu kidnappen, der eventuell irgendetwas in der Mordnacht gesehen hat, um ganz oben auf der Fahndungsliste zu stehen. Erstaunlich, wie ruhig Klara Blum danach geblieben ist. Etwas mehr persönlich nehmen hätte da durchaus sein dürfen. Auch wegen des Kindes.

Auch über die Personen und ihre Interaktion muss man sich Gedanken machen. Wie es kommen kann, dass der Junge entwischt, obwohl Polizei das Haus von Frau Siebenschön bewacht, das ist  zu einfach. Und dass Klara Blum nicht besser aufpasst, ist zu wenig einfühlend. Dass der Junge emotional nicht sicher bei ihr steht und dazu tendiert, den Bruder zu suchen, merkt der Zuschauer, sie sollte es auch bemerken, denn im emotionalen Bereich sind die Tatortkommissarinnen – das ist allerdings bei Handlungen wie dieser auch ihr Fluch – dem Zuschauer weit überlegen und ahnen Vieles, was dieser sich im Traum nicht denken würde. Deswegen ist es auch ihr Fluch, was man sonst fassungslos bewundert, wenn es plötzlich nicht funktioniert.

Geht man dichter an dieses Verhältnis Blum / kleiner Junge heran, fällt etwas auf wie eine Asynchronität. Diese Adaption und Fortentwicklung der Leguansprache durch Blum wirkt etwas peinlich, eine von den Drehbuchideen, die nicht dem Regietest standhalten. Geht ein wenig Richtung Klamauk, ebenso wie die konkrete Ausformung des Einsatzes des Kinderpsychologen mit der Hypnose und die ganze Schlafwandel-Geschichte und die Auflösung mit dem Schlüsselbund.

Nicht so leicht, Kinder so stark in Krimis zu integrieren. Die Verführung, dafür die Logik zu opfern, ist stark, und dieser Versuchung sind die Macher von Engel der Nacht auch in hohem Maß erlegen. Die Art, wie Henry Stange den Manuel gespielt hat, ist aber wieder interessant. Gar nicht so auf easy gemacht, die Ungeduldigen unter uns sind durch solche Figuren durchaus gefordert. Er ist verstockt und verfügt zu dem über Wissen, das er gar nicht abrufen kann. Er haut bei jeder Gelegenheit ab, wobei man sich weniger über ihn als über die tolpatschigen Polizisten ärgert. Ausgerechnet in Konstanz gab es schon einmal eine ähnlich hermetische Figur, die uns auf diese Weise gefordert hat, in „Blutsbande„, das missbrauchte Mädchen war allerdings schon eine junge Erwachsene.

Das Gefühl, da stimmt etwas nicht, wir fühlen uns emotional von diesem Verhältnis nicht so angesprochen, wie es eigentlich sein müsste, in der Konstellation das Kind und die Kommisssarin, ist schwer zu greifen. Es liegt wohl vorrangig an einzelnen Gesten, die nicht authentisch wirken, dass es nicht zündet. Klara Blum hat stellenweise erkennbar Schwierigkeiten damit, auch wenn der Satz im Bad, als er sie wegen der Kinderlosigkeit fragt „Die Fragen stelle ich“ selbst als Abwehrreflex auf ihre verborgenen Sehnsüchte, resultierend aus dem frühen Tod des Mannes, etwas zu stark ist. Die Entschuldigung hinterher fällt dafür ein wenig zu theatralisch aus. Diese vielen kleinen Abstimmungsfehler sind es, die eine Identifkation unsererseits mit der Situation und den Handelnden verhindert haben.

  1. Die Art zu filmen

Konstanz ist eine ruhige Gegend, das spiegelt auch die Art, wie die Dinge sich zutragen, das war in „Blutsbande“ ähnlich. Hier brechen gefährliche Menschen in schwarzen Geländewagen in die Szenerie ein und verfolgen auf etwas arg offensichtliche Art und ohne, dass sich dadurch ein Gewinn erzielen ließe, weil schon zum zweiten Mal und dadurch klar erkannt, ein Polizeiauto. Das wirkt irgendwie plump und passt ins ländliche Gepräge bzw. dazu, dass dies schlecht ins ländliche Gepräge passt, in dem man sich kennt und in dem alles doch recht übersichtlich ist. Das Bodenseeufer taugt im Grunde gut dazu, Geschichten mit viel Aufmerksamkeit und ohne Showeffekte zu entfalten.

So ist die  Zahl der Showeffekte im Tatort 662 auch begrenzt, von denen, die es gibt, sind vor allem die Szenen mit den frei laufenden Tierexoten witzig. Die kommen eben nicht aus der Tierhandlung , sondern wurden von Manuel freigelassen, weil sie in dem düsteren Versteck in der alten Villa vor sich hin dämmerten.

Die eher unaufgeregte Art der Ermittler ist auch dieses Mal wieder wohltuend, besonders der junge Perlmann hat so etwas, das auf die Zuschauer entspannend wirkt und damit seltene Gefühle in einem Tatort heutiger Prägung auslöst. Man traut ihm zu, dass er einmal eine dieser souveränen Ermittlerfiguren wird, die immer das Gefühl vermitteln, dass man ihnen als Menschen und Polizisten vertrauen kann. Das ist auch bei Klara Blum in stärkerem Maß der Fall als bei manch anderer Kommissarin, aber sie hat in „Engel der Nacht“ den schwierigen Part, mit dem Kind eine emotionale Bindung einzugehen.

Fazit

Wir haben bei „Engel der Nacht“ interessiert bis zum Ende zugeschaut, aber ohne uns besonders nah zu sehen. Viele Tatorte hatten uns fasziniert, hatten starke Gefühle  ausgelöst, Lachen, Trauer, Melancholie, hatten uns zum Nachdenken, manchmal auch zur Ablehnung herausgefordert. Seltsam, dass dies gerade bei diesem Thema, in dem ein Kind zur Waise wird und plötzlich die Ermittlerin gefordert ist, ihm erst einmal Halt zu geben, wo das Kind auch für die Lösung des Falles eine so wichtige Rolle spielt, alles gar nicht der Fall ist. Ein Tatort, der uns schlicht und ergreifend nicht gefesselt hat. Dazu kommen noch Plotfehler, die an der Grenze des Erträglichen angesiedelt sind. Und unsere Distanz hat sicher auch damit zu tun. Die Annäherung des Kindes an die Kommissarin bzw. umgekehrt ist schwierg, so empfinden wir es auch und nähern uns nur schwer an – aber dazu wird diese Annäherung auch noch durch ärgerliche Goofs gestört, und die sind eben immer identifikationsmindernd. Auch, weil das Sich-Einlassena auf einen Film mit Vertrauen zu tun hat. Und hier haben wir denen, die ihn konstruiert haben, nicht wirklich vertrauen können, weil die Konstruktion zu deutlich sichtbar und manchmal gegen die emotionale und sachliche Logik durchgesetzt wurde. Wir atmen aber immerhin einmal tief durch – und zwar jetzt, wo es um die Bewertung geht: 5,5/10.

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissarin Klara Blum – Eva Mattes
Kommissar Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Manuel Heller – Henry Stange
Andreas Heller – Niels Bruno
Erika Sendel – Beata Lehmann
Erich Sendel – Matthias Kniesbeck
Bubi Teichner – Max Urlacher
Annika Beck – Justine Hauer

Drehbuch – Susanne Schneider
Regie – Thomas Jahn
Kamera – Christoph Feller
Szenenbild – Jost Schrader
Musik – Marco Meister, Robert Meister

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