Der Mann, der die Moschee wollte, ist sauer // #DiTiB #Erdgoan #Erdoganbesuch #Koeln #Köln #Zentralmoschee #Schramma #ErdoganWelcome #ErdoganNotWelcome #Religion #Islam

Kommentar 92

Im Rahmen seines Staatsbesuchs in Deutschland wird der türkische Präsident Recep  Erdogan in Köln die Zentralmoschee einweihen, die vom Verein DiTiB betrieben wird. Ein Mann ist verärgert, obwohl er den Moscheebau viele Jahre lang unterstüzt hat. Fritz Schramma, der Oberbürgermeister von Köln in den Jahren 2000 bis 2009 und hat sich dazu in der FAZ geäußert.

Selbst bis hierher nach Berlin ist immer wieder einmal etwas über den Moscheebau in Köln-Ehrenfeld gedrungen, daher ist mir das Thema nicht komplett neu. Faktisch ist die Moschee aber schon seit einem Jahr offen, nachdem der Bau an sich ein mittleres Drama war und sich über viele Jahre hinzog. Und auch die heftige Kontroverse um die Symbolik, die sich mit dem Bau verbindet, ist nicht ganz unbemerkt geblieben.

Nun beschwert sich Schramma, dass er bei den Einladungen zum Festakt am Samstag übergangen wurde.

Das wäre ja keine Nachricht, wenn er nicht ein Politikum daraus machen würde, das wieder einmal die Frage aufwirft: Ist die Moschee ein Ort der Begegnung und der Integration oder ein Dokument der Macht der türkischen Religionsbehörde, welcher der Verein DiTiB faktisch untersteht, in Deutschland. Vielleicht ein paar Zahlen. Köln hat einen muslimischen Anteil von über 10 Prozent an der Bevölkerung, die Moschee soll 1.200 Gläubigen Platz bieten und die beiden Minarette sind je 55 Meter hoch.

Nicht die Ausmaße des Kölner Doms, aber doch imposant. Was ist die Moschee nun?

Der DiTiB wird ganz aktuell zum Beobachtungs-Prüfsubjekt des Verfassungsschutzes. Nun hat dieser sich dummerweise in den letzten Jahren und gerade in den letzten Wochen wieder  ziemlich diskreditiert, deshalb darf man aber nicht davon ausgehen, alles, was er beobachtet, beobachtet er zu Unrecht. Ich bin auch dafür, dass die AfD endlich vom Verfassungsschutz observiert wird. Die Kritik an DiTiB wird in der Wikipedia ausführlich dokumentiert und liest sich nicht, als ob sie aus der Luft gegriffen wäre. Wenn das weitgehend stimmt, was dort steht, kann man nur festhalten, dass der Umgang mit diesem Verein bisher viel zu nachlässig ist.

Was eine solchermaßen hübsche, modern aussehende Moschee wirklich darstellt, hängt entscheidend davon ab, wer sie betreibt und mit welchen Zielen. Wenn die Türkei anders geführt wäre, dann wäre natürlich auch DiTiB anders ausgerichtet, liberaler und integrationsbereiter. Aber die Konfrontation, die jetzt notwendig wäre, trauen sich die Politiker offenbar schon nicht mehr zu – zumindest nicht diejenigen, die vor Ort Verantwortung tragen und sich mit den bekanntermaßen hoch emotionalen Reaktionen der Erdogan-Anhänger auseinandersetzen müssten, wenn sie die DiTiB mehr in den Fokus nähmen, wenn es um die Abwehr demokratiefeindlicher Umtriebe geht.

Im Interview wird von einem integrativen Beirat gesprochen, der sich gerade auflöst.

Die Moschee wird also von einem Staatspräsidenten eröffnet, der zwar im Moment etwas leisere Töne anschlägt – aus wirtschaftlichen Gründen – aber Einfluss von außen oder auch nur Kommunikation nach draußen ist seitens DiTiB nicht erwünscht. Das dürfte auf Erdogans Linie liegen und der Umgang mit Schramma ist sicher kein Zeichen von mangelnder Professionalität, sondern eine Ansage.

Also war Schramma so naiv, wie ihm manche nun vorwerfen?

Wer integrieren will, muss vertrauen können. Vertrauen ist zwangsläufig naiver als Misstrauen. Das heißt nicht, dass es dümmer ist. Der offene persönliche Kontakt ist der Anfang des Vertrauens und insofern, finde ich, hat Schramma richtig gehandelt, als er seinerzeit Mediation betrieben hat. Außerdem muss man die Entwicklung wohl so verstehen, dass DiTiB sich an die immer konservativere Linie der türkischen Politik angepasst hat. Als begonnen wurde, über das Projekt der Zentralmoschee zu verhandeln, war die anti-integrative Ausrichtung von DiTiB wohl noch nicht so ausgeprägt wie jetzt. Im weiteren Verlauf des Interviews wird das auch deutlich.

In Österreich wurde die Auslandsfinanzierung von Imamen verboten. Ein Modell für Deutschland?

Damit ist das Grundproblem nicht gelöst, außerdem kann man solche Verbote umgehen. Das ist mehr Symbolpolitik. Man könnte hoffen, dass der politische Wind in der Türkei sich dreht, aber danach sieht es nicht aus. Ich glaube eher, dass man die Regeln für religiöse Trägervereine grundsätzlich ändern muss, damit sie gezwungen sind, sich integrativer zu verhalten. Es geht dabei nicht um die Religion, sondern darum, dass aus Religion keine expansive, man kann auch sagen imperialistische Politik gemacht wird, wie es in Berichten über DiTiB häufig anklingt.

Aber so weit können wir hier nicht gehen, eine Strategie gegen rückständigen religiösen Fundamentalismus zu entwerfen, außerdem müsste man dann das Verhalten der besonders eifrigen Angehörigen aller Religionen betrachten. Denn wie bei den Sachsen, die wir zuletzt etwas mehr unter die Lupe genommen haben, ist es auch bei den Muslimen: Es gibt solche und solche und man muss die Hintergründe für diese im Grunde stressige und lebensfeindliche Übergewichtung des aggressiv-Religiösen analysieren, das manche Menschen als heilbringend erachten. Die Traumen, die bei Menschen wirken, die Repression der Empathie vorziehen, sind immer ähnliche.

Mir tun vor allem die Kinder leid, die in Systemen aufwachsen, in denen Repression und Indoktrination ihnen keine Chance lassen, sich zu offenen, lebensfrohen, anderen zugewandten und einigermaßen gewaltfreien Menschen zu entwickeln. Wenn sie später roh und demokratiefeindlich sind, endet das Mitleid und beginnt die Abwehrhaltung.

Dass schon die Kleinsten den Hass der Alten eingeimpft bekommen, anstatt geistig beflügelt zu werden, ist das Kardinalhindernis auf dem Weg zu einer friedlicheren Welt. Und falsche Religionsverwendung hat daran einen entscheidenden Anteil, weil Religion als Machtinstrument, nicht als Instrument für die seelische Weiterentwicklung eingesetzt wird. Eine Gesellschaft, die Wert auf Progression legt, kann das nicht ungehindert laufen lassen, sondern muss an ihrem Selbstbild und ihrer Konstitution orientierte Bewertungen vornehmen, sie aussprechen und nach diesen Bewertungen handeln, auch wenn dieses Handeln Eingriffe in die Privatsphäre Einzelner bedeuten kann.

So eine Moschee wie die in Köln kann ein Ort spiritueller Erhebung sein, aber natürlich auch das genaue Gegenteil. Und wenn sie von einem Politiker wie Recep Erdogan eingeweiht wird, symbolisiert sie zunächst das Gegenteil. Sehr schade.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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