Im gelobten Land – Tatort 976 / Crimetime 84 // #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #FlorenceKasumba #Tatort976 #ImgelobtenLand

Crimetime 84 - Titelfoto © SWR, Johannes Krieg

Humanität und Mission = 23, nicht 63

Im 18. gemeinsamen Fall sind die Stuttgarter Kommissare Lannert und Bootz auf dem Weg, um einen Drogenboss und Mörder zu fassen – und geraten unversehens in ein Flüchtlingsdrama. In einem Film, dessen Handlung sich über einen Zeitraum von nur zehn Stunden erstreckt, geraten der Polizist mit der furchtbaren Vergangenheit und sein getrennt lebender Freund in ein Trennungstrauma in der Gegenwart, geraten mitten in die Flüchtlingskrise, die sich auf dem Weg ins gelobte Land abspielt.

Das gelobte Land ist Deutschland, und um dorthin zu kommen, muss man mindestens so viele Gefahren auf sich nehmen wie die Kinder Israel, als sie aus Ägypten auszogen. Die Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen, liegen teilweise gar nicht so weit von diesem gelobten Land entfernt, aber sie werden nicht durch Moses geführt, sondern von raffgierigen Schleusern allein auf die Reise geschickt worden. Sie erhalten keine Tafeln mit Geboten zur Orientierung, sondern müssen in Lastwagen auf engstem Raum versteckt, orientierungslos im Dunkeln, ausharren, bis sie in diesem gelobten Land unserer Zeit sind. Dabei kommt es zu einem Massentod, weil ein Lastwagen von der Drogenfahndung observiert wird und daher von der deutschen Schleuser-Sektion nicht geöffnet werden kann.

Handlung

Eine gut vorbereitete Aktion mit der Drogenfahndung soll an einem Autobahnparkplatz stattfinden. Doch statt Milan Kostic, den mutmaßlichen Mörder und Nachfolger eines Drogenkönigs, samt seiner Ware festzunehmen, bietet sich Lannert, Bootz und ihren Kollegen ein erschütternder Anblick: 23 Menschen haben auf der Flucht nach Deutschland den Tod gefunden. Überzeugt, dass Kostic an diesem Tod schuld ist, verfolgt Thorsten Lannert den mutmaßlichen Schleuser. Lela, die aus Afrika geflohen ist, soll gegen ihn aussagen. Doch Kostic verschleppt die verwundete Lela in ein Flüchtlingsheim. Thorsten Lannert gelingt zwar die Verfolgung, aber er läuft in eine Falle. Obwohl er selbst dabei verletzt wird, schafft er es, Kostic und dessen Schwester Mitra in ihrem Versteck im Heim festzuhalten.

Aber die beiden haben Lela in ihrer Gewalt und setzen Lannert damit unter Druck. Während Sebastian Bootz das Heim durchsucht, um Thorsten Lannert und die Verdächtigen zu finden, setzt dieser in einer Pattsituation all seine Überzeugungskraft und Nervenstärke ein. Es muss ihm gelingen, Milan zum Aufgeben zu bewegen. Denn ein neuer Transport ist bereits unterwegs und weitere Flüchtlinge könnten grausam zu Tode kommen, wenn der Transporter nicht rechtzeitig gefunden wird … Um den gefährlichen Weg von Flüchtlingen und die Rolle von Schleusern geht es im neuesten „Tatort“ aus Stuttgart „Im gelobten Land“. Was überwiegt bei den Geschäften der Schleuser, der skrupellose Menschenhandel oder die Hilfe für verzweifelte Flüchtlinge? Wozu sind die Menschenhändler bereit, wenn es gilt, ihre eigene Haut zu retten? In der direkten Konfrontation zwischen Thorsten Lannert und den Kostics wird nicht nur Pistole gegen Pistole gerichtet, sondern die Frage nach Gewissen und Verantwortung wird zur Waffe. Nur wenige Stunden umfasst der Film von Autor Christian Jeltsch und Regisseur Züli Aladag, deren atmosphärische Geschichte zum größten Teil inmitten eines Flüchtlingsheims spielt. 

Rezension

Als „Im gelobten Land“ vom 22.09. bis 22.10.2015 gedreht wurde, konnte man, im Gegensatz zu den bisherigen Tatorten mit Flüchtlingsthematik, die ab dem zweiten Halbjahr 2015 gesendet wurden, die neuesten Entwicklungen einfließen lassen und deswegen war ich besonders gespannt. Bisher gab es in Deutschland kein Ereignis wie das im Film geschilderte – auch deswegen, weil die Grenzübertritte derzeit legal stattfinden und zumindest auf den letzten Wegstrecken keine Schleuser mehr notwendig sind, die Flüchtlinge in Lastwagen transportieren. Ob ein Fall wie dieser sich dennoch ereignen könnte? Das war eine Frage vor dem Film.

Faktisch und nach der Aussetzung des Schengen-Abkommens durch Bundeskanzlerin Angela Merkel war das aber auch schon der Fall, als der Film gedreht wurde, da sie am 25.08.2016, noch vor der „Wir schaffen das“-Bundespressekonferenz vom 27.08.2015 das Dublin-Abkommen einseitig außer Kraft gesetzt hat, nach dem die Flüchtlinge erst einmal hätten im Erstregistrierungsland innerhalb der EU hätten verbleiben müssen. Das war ja auch die politische Idee hinter der Aussetzung des Dublin-Abkommens, dass unter anderem den Schleusern das Handwerk gelegt wird – zumindest innerhalb Europas.

Realität: Die Bundespolizei hat von Anfang Juli bis Anfang Februar 64 Menschen gefunden, die geschleust wurden, in Lkw und Kleintransportern. Meist jedoch werden Flüchtlinge in Pkw über die Grenze gefahren, genaue Zahlen hierzu liegen nicht vor. Todesfälle der geschilderten Art auf deutschem Boden gab es bisher nicht. Der Fall bezieht sich konkreter auf ein tragisches Ereignis in Österreich, wo tatsächlich ein Lastwagen voller toter Flüchtlinge aufgefunden wurde.

Ich erkläre mir diese dadurch etwas faktensperrig wirkende Handlung so, dass die Macher des Films von den Ereignissen überrollt wurden und es nicht mehr möglich war, das Drehbuch so kurzfristig so fundamental umzuschreiben – im Grunde gab es keins mehr, nachdem der freie Zugang nach Deutschland gewährt wurde.

Wenn man davon ausgeht, dass weiterhin Transporte dieser Art stattfinden, funktioniert es natürlich, es ist ja recht einfach aufgebaut, und man kann es außerdem als Warnung davor verstehen, was passieren könnte, wenn die Grenzen auf der gesamten Balkanroute geschlossen werden. Nach den neuesten Entwicklungen in Österreich, den Viségrad-Staaten, Bulgarien, Mazedonien usw. ist ja eher das Gegenteil der Fall, die betroffenen Länder sorgen für raschen Weitertransport in Richtung Deutschland oder werden das ab jetzt tun – die Entwicklungen sind ja alle erst im Gang.

Selbstverständlich kann sich alles auch wieder ändern. Im Prinzip kann man den Film sogar als Argument verwenden, das Schengen-Abkommen vorerst aufzuheben und Lkw wieder zu kontrollieren, die innerhalb der EU unterwegs sind. Ganz aufgehoben wurden diese Kontrollen ohnehin nie, vor allem für Fahrzeuge, die von außerhalb der EU kommen und zollpflichtig sind – im Gegensatz zum frei fließenden Personenverkehr, was allerdings aufgrund der Flüchtlingskrise von mehreren EU-Ländern wieder gecancelt wurde.

Gegenwärtig wird von deutscher Seite die Grenze nach Österreich, über die auch die beiden hier gezeigten Lastwagen gefahren sein müssten, wieder verstärkt kontrolliert. Versierten Zöllnern oder Bundespolizisten müsste auch auffallen, dass Hohlräume in den Lkw von Menschen belegt sind. Wäre hingegen die Grenze auch an sich eine Schleuse, dann wäre es für Schleuser sinnvoller, die Menschen in Österreich freizusetzen und ihnen Anweisungen zu geben, wie man über die grüne Grenze jenseits der Übergänge kommt.

An eine Sache glaube ich aus mehreren Gründen, auch wegen dieser Unwägbarkeiten, nicht: Dass es Schleuer wie Milan Kostic gibt, die sich erst nachträglich bezahlen lassen. Andernfalls aber müssten die Flüchtlinge in Deutschland nicht mehr von Mitarbeitern des Schleuserrings abgeholt werden, sondern könnten vom Fahrer eines Lkw auf einem Parkplatz in Grenznähe, auf österreichischer Seite, freigesetzt werden.

Es ist immer mühsam, einen Film erst einmal daraufhin überprüfen zu  müssen, inwieweit er der aktuellen Rechts- und Sachlage entspricht, wenn er gerade erst vor ein paar Monaten gedreht wurde. Und da „Im gelobten Land“ sich ganz auf die Schleusungsproblematik konzentriert, kann man aus ihm auch wenig für allgemeine Flüchtlingsthemen mitnehmen. Außer vielleicht etwas zur Unterbringung, dazu, dass das gelobte Land erst einmal aus Massenunterkünften besteht, von denen das gezeigte ehemalige Bürohaus sicher nicht die problematischste ist. Oder dass eine Unterbrechung oder Aussetzung des Familiennachzugs die Schleusungstätigkeit wieder in Gang setzen kann.

So, nun zum nächsten Problem. Wie konnte es kommen, dass der Film trotz des hohen persönlichen Einsatzes von Torsten Lannert und dem Drama der 23 erstickten Flüchtlinge nicht so recht packend sein wollte? Wegen des derzeit geringen Wahrscheinlichkeitsgehalts der Handlung? Ich hätte mir ja nur stattdessen das denken müssen, was täglich immer noch im Mittelmeer passiert. Gerade ist die Dokumentation „Fuocoammare“ mit dem Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele ausgezeichnet worden. Es ist alles noch wahr und eine andauernde Tragödie.

Vielleicht lag es daran, dass einiges in diesem Krimi verrutscht wirkt. So kommt die Betroffenheit von Lannert und Bootz und Alvarez erst richtig in Fahrt, nachdem klar ist, dass die Flüchtlinge hätten gerettet werden können, wenn Lannert den Lkw hätte früher öffnen lassen. Dieses moralische Dilemma wird ihm später von Mitra Kostic sozusagen noch einmal reingedrückt. Gewinnt man in der Szene, in denen der Todeszeitpunkt der Flüchtlinge thematisiert wird, den Eindruck, dass nicht der Tod selbst, sondern die Tatsache, dass er hätte verhindert werden können, mehr Emotionen bewegt, so wirkt im Zimmer des Flüchtlingsheims der moralische Impetus, den sowohl Lela als auch die Kostics auf Lannert ausüben, etwas lahm und er sagt es ja selbst, dass er nicht damit rechnen konnte, dass in dem Lkw Flüchtlinge waren.

Was unter anderem bedeutet, dass diese Form der Schleusung, eine Art Doppelgeschäft mit Drogen und Menschen, sehr selten ist. Der  Zugang zum Lkw wird ihm aber vom Einsatzleiter, welcher der Drogenfahndung angehört, verwehrt, weil die vermuteten Drogendelikte, nicht der Mordfall, den Lannert ohnehin zu klären hat, Piorität Eins besitzt. Das ist sogar nachvollziehbar, auch wenn der Drogencop später als Arschloch dargestellt wird, damit die Moral noch irgendwie in die richtige Richtung gelenkt wird.

Es gibt also gar kein echtes moralisches Dilemma für Lannert. Das wäre nur dann gegeben gewesen, wenn Lannert gewusst hätte oder hätte vermuten müssen, dass er das Leben von Menschen aufs Spiel setzt, um einen Verbrecher zu fangen. Selbstverständlich hätte er dann den Menschenleben den Vorzug gegeben. Etwas mehr steckt dann schon in der Szene im Zimmer des Flüchtlingsheims, wo es darum geht, die verletzte Lela zu versorgen oder Kostic und seine Schwester dingfest zu machen. Erst als der zweite Transport mit sogar 40 Flüchtlingen erwähnt wird, entscheidet Lannert sich letztlich und in einer Pattsituation nicht er Waffengleichheit, sondern der gegenseitigen Waffenneutralisierung zwischen Kostic und sich selbst, sich nicht vom SEK auffinden zu lassen. Diese Erwähnung als Ultima Ratio im Erpressungsspiel von Kostic kommt übrigens sehr spät, dadurch wird unnötig Zeit vertrödelt. Kostic hätte mit der angeschossenen Lela gar nicht argumentieren müssen, sie nicht quälen müssen, wenn er die Karte der 40 möglichen Todesfälle schneller gezogen hätte. Dann wäre vielleicht auch eher ein Foto eingetroffen usw.

Diese Verzögerung ist Teil eines weiteren Mangels an „Im gelobten Land“. Da die Handlung sehr linear – trotz eine Rückblende zu Beginn – und arm an Elementen ist und dieses Mal verständlicherweise das Privatleben der Ermittler nicht berücksichtigt werden kann, weil nur ein ganz kurzer Zeitabschnitt gefilmt wird, in dem wegen der Dringlichkeit des Einsatzes keine privaten Zwischenstopps möglich sind, ist das Tempo ziemlich gering.

Die Situation im Flüchtlingsheim muss sehr ausgedehnt werden, um die Zeit zu füllen und hat dadurch eine ziemlich flache Dramaturgie, eine teilweise redundant wirkende, psychologisch fragwürdige Anmutung.

Natürlich kann eine solche Situation so lange dauern, sogar noch viel länger, aber sie wird normalerweise nicht 1:1 gefilmt, wodurch auch dieses ständige gegenseitige Herumfuchteln mit er Waffe nervig wird. Eine Möglichkeit, das spannend zu machen ist, dass die beteiligten Menschen anfangen, über sich zu erzählen. Eine Art Zugang zueinander finden, der die Konflikte mehr auf einer persönliche Ebene hebt. Das geschieht hier aber nur in zaghaften Ansätzen, man erfährt, dass die Kostics selbst Bürgerkriegsflüchtlinge sind, dass Lelas Mann und Sohn möglicherweise bei den Toten sind, dann aber doch lieber bei den 40 Füchtlingen, die noch unterwegs sind. Die Überleitung von einer Präferenz zur anderen ist mir auch nicht ganz klar geworden. Vielleicht so, dass die  Hoffnung eben noch besteht und alle emotionale Kraft der Hoffnung gewidmet ist. Aus der gesamten Szenerie hätte man weit mehr an Dramatik gewinnen können.

Dieses Mal hat erstaunlicherweise auch Ritchy Müller es nicht leicht, seine Part glaubwürdig zu vermitteln, was sicher auch an der starken Dehnung der Entscheidungssituation liegt, aber das bewerten wir nicht zu sehr, weil er immer in der Lage ist, seinen Part mindestens anständig zu meistern. Alle Schauspieler werden aber aufgrund der langen, mehrfach unterbrochenen Handlung im Flüchtlingsheim sehr gefordert und vieles, was sie an Reaktionen zeigen müssen, damit immer wieder etwas passiert, wirkt ein wenig – naja, gestellt eben. Der Sondereinsatz des SEK wirkt hingegen gleichermaßen bedrückend wie unterdimensioniert. Es dauert viel zu lang, und auch das ist wohl der Dramaturgie geschuldet, bis die vergleichsweise wenigen Einsatzpolizisten durch diesen großen Bau sind, und dann hat aber auch kein einziger Flüchtling die gesuchten Personen gesehen. Recht unwahrscheinlich, vor allem im Fall Kostic, der an der Schleusung vieler Flüchtlinge beteiligt gewesen sein muss, und zu dem Zeitpunkt, als Kostic und dann Lannert in die Unterkunft eintraten, waren die Flüchtlinge ja noch nicht von der Polizei auf ihre Zimmer geschickt worden. Dass Bootz sich beim Durchsuchen des Hauses auf einen Flüchtling verlässt, wirkt ebenfalls nicht sehr elaboriert, sowohl technisch wie psychologisch.

Das Zahlungs- und Informationssystem der Schleuser ist hingegen recht aufschlussreich, sofern es der Realität entspricht, muss aber auch recht umständlich erklärt werden, weil es dem Durchschnittszuschauer nicht bekannt gewesen sein dürfte. Internationale Arbeitsteilung gibt es bei Schleuserbanden wirklich, und ein sicheres Informations- und Zahlungssystem gehört zu einer solchen Arbeitsteilung.

Fazit

Dieses Mal müssen das Thema und die Ambitionen, es bedrängend und von Beginn an drastisch zu zeigen, in meine Betrachtung als positiver Aspekt einfließen, damit der Film die durchschnittliche Wertung erhalten kann, die ich mir ausdrücklich wünsche, weil es eben um die Darstellung der Schicksale unserer Zeit geht, und das sind vor allem die Schicksale der Flüchtlinge. Die wurden in anderen Tatorten seit Herbst 2015 aber schon deutlich berührender dargestellt, auch mit viel weniger Toten. Mehr ist nicht immer mehr.

Inklusive einem Punkt Themenbonus und wegen der sympathischen Ermittler wertet der Wahlberliner mit 7/10.

© 2018, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Mit Richy Müller (Hauptkommissar Thorsten Lannert), Felix Klare (Hauptkommissar Sebastian Bootz), Christian Koerner (Ulmer), Edita Malovcic (Mitra), Carolina Vera (Emilia Alvarez), Jürgen Hartmann (Dr. Vogt), Sascha Alexander Gersak (Milan Kostic), Florence Kasumba (Lela), Orhan Kilic (Jamal), Babak Sayyar (Junger Flüchtling)

Drehbuch – Christian Jeltsch
Regie – Züli Aladag

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