Tollwut – Tatort 1046 / Crimetime 85 // #Tatort #Dortmund #Faber #Böhnisch #Dalay #Tollwut #Tatort1046

Crimetime 85 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Ein Häftling wie Faber, stirbt aber

Der dutzendste Faber-Tatort ist auch der erste ohne Oberkommissar Kosslik (Stefan Konarske), was man vor allem daran merkt, dass Nora Dalay (Aylin Tezel) sich jetzt mehr aufs Ermitteln konzentrieren kann, Martina Böhnisch (Anna Schudt) hingegen macht eine horizontale Exkurson und Faber (Jörg Hartmann) wirkt plötzlich normaler als die anderen. Im nächsten Dortmund-Tatort (Nr. 1067 „Tod und Spiele“, Erstausstrahlung am 07.10.2018) wird Kosslik allerdings ersetzt, sodass man wieder im Quartett ermitteln wird. Der Neue ist aber schon mit von der Partie und wird im Lauf des Falles eingeführt.

Handlung

Eine Szene wie aus einem Horrorfilm: Der Häftling Miroslav Katcek wird im Gefängniskrankenhaus von einem völlig unkontrollierten Wutanfall geschüttelt, hat Schaum vorm Mund, schreit, beißt und spuckt. Schließlich kollabiert er, bricht zusammen und stirbt.

Jonas Zander, der ehemaliger Rechtsmediziner, bittet das gesamte Ermittlerteam um ein Gespräch: Zander erklärt Martina Bönisch, Peter Faber und Nora Dalay dass er ermordet wurde. Was angesichts der Tatsache, dass er lebendig vor dem Team steht, ungewöhnlich erscheint. Zander wurde mit Tollwut infiziert; die Symptome sind bereits so weit fortgeschritten, dass keine Chance mehr auf Heilung besteht. Jonas Zander hat nur noch wenige Tage zu leben. Er hat nur noch einen Wunsch: dass Faber und sein Team seinen Mörder finden, bevor er stirbt.

Zander wurde während einer Messerstecherei in der Haftanstalt, in der er in der Zwischenzeit als Arzt arbeitet, zusammen mit dem bereits verstorbenen Häftling Miroslav Katcek infiziert.

Im Laufe der hochkomplexen Ermittlungen treffen Faber und sein Team auf alte Bekannte: Der Häftling Markus Graf, der Fabers Frau und Kind auf dem Gewissen hat, könnte – perfide wie er ist – durchaus mit dem „Mord“ an Zander zu tun haben … Bald finden sich Hinweise darauf, dass die albanische Mafia dahinter steckt und über die Tollwut-Attacke Unruhe ins Gefängnis tragen und damit einen Fluchtplan realisieren will. Während die drei verbliebenen Kommissare ermitteln, wie genau das Virus in die JVA geschmuggelt wurde, kocht die Stimmung im Gefängnis mehr und mehr hoch und sie treffen auf einen verdeckt arbeitenden Kollegen, den jungen Jan Pawlak.

Rezension mit Anni und Tom.

Anni: Das ist mittlerweile der elfte Faber-Tatort und einige seiner Fälle haben sich ihren Platz unter den besseren des Formats erobert. Eigentlich ist der verrückte Faber schon ein alter Bekannter.

Tom: Alt ist das richtige Stichwort. Ob ich in HD auch so alt aussehe? Vielleicht tu ich’s auch ohne. Es trifft aber nicht nur auf Faber zu, auch auf sein Team. Dafür versucht man aber jetzt, ihn empathischer und sozial kompetenter zu zeichnen als zu Beginn. Das Team ist, wie einst die Frankfurter Dellwo und Sänger, nicht im Stil der permanenten Gegenwart angelegt, sondern entwickelt sich so, wie auch reale Menschen sich entwickeln können. Befördert wird der Eindruck allerdings auch durch den Abgang von Kossik, der aber durch den seines Darstellers bedingt war und nicht zum Entwicklungskonzept zu rechnen ist.

Anni: Und die horizontale Erzählweise schafft ein Gefühl, dass hier etwas Neues und Moderndes im Gang ist.

Tom: Ach ja. US-Serien erzählen seit Jahrzehnten horizontal, also in der Form, dass episodenübergreifende Tatbestände vorhanden sind und sogar die Episodenvorkommnisse dominieren, ganz wie hier das Verhältnis Faber-Graf, das gerne mit Holmes-Moriarty verglichen wird. Der gute und sein ewiger, böseböser Gegenspieler. Der ist mir einfach zu überzogen. Florian Bartholomäi spielt ihn so, wie er gedacht ist, schon klar, aber irgendwie finde ich dieses Verhältnis zwischen Faber und ihm unstimmig. Nicht schräg-stimmig, nicht logisch-stimmig, sondern unstimmig. Aber als Graf das Bild von Fabers Tochter in der späteren Nacktversion aufdeckt, war es doch sehr spannend, das muss ich zugeben. Ein schrecklich guter Moment. Was leider nicht auf die Voraussetzungen für das weitere Duell zutrifft bzw. darauf, wie diese geschaffen werden.

Anni: Gemeint ist die Flucht von Graf und sein gleich darauf begangener Mord an der Anwältin?

Tom: Letzteres ist viel zu dick aufgetragen und Esteres beinnhaltet einen der krassesten Logikfehler, die ich in jüngerer Zeit in einem Tatort gesehen habe.

Anni: Oh, oh, und da gab es ja so viele.

Tom: Grafs Flucht beruht ja auf dem Plan, durch das Eingreifen von Topraks Leuten freizukommen, er benutzt Toprak quasi als Fluchtmedium. Und mit einer schön lifestylischen Drohne beobachten ja Topraks Leute auch den Gefangenentransport und überfallen, ihn, parbleu, mitten in Dortmund. Als wenn das was Besonderes wäre, mitten Dortmund, aber gut.

Anni: Aber Toprak saß doch gar nicht mehr in dem Gefängnistransport, weil er zwischenzeitlich von Faber zurückgehalten wurde.

Tom: Genau das ist der Punkt. Die Drohne muss doch aufgezeichnet haben, dass Toprak aussortiert und in die „verseuchte“ JVA zurückgebracht wird. Warum hätte also der Transport, der ihn hätte in ein anderes Gefängnis vervringen wollte, noch überfallen werden sollen? In Wirklichkeit hat Faber auch Grafs Plan durchkreuzt, ohne es zu wissen, und das wäre das natürliche und richtige Ende dieses Tatorts gewesen. Wie Graf diese ganzen Dinge über die Topraks weiß, obwohl er der isolierteste Häftling von allen ist, bleibt wohl auch für immer sein Geheimnis, aber das ist das kleinere Problem.

Anni: Die gewaltige Inszenierung hat also wieder einmal Schwächen der Handlung überdeckt – oder es versucht.

Tom: Es gibt mittlerweile Regisseure wie Dror Zahavi, die geradezu darauf spezialisiert sind, die  Zuschauer mit visuellen und akustischen Mitteln so zu bannen, dass die eklatanten Schwächen im Handlungsbereich kaum noch wahrgenommen werden, vernebelte Medienrezeption, mitbedingt dadurch, dass heute aus durchsichtigen Gründen die Analysefähigkeit nicht mehr gefördert wird, tut ein Übriges.

Anni: Und die Inszenierung überlagert eine weitere Schwäche – die Dialoge oder deren Stimmigkeit.

Tom: Beides sogar, in diesem Fall. Die Sprache ist furchtbar banal, meistens jedenfalls, vor allem das, was sich Dalay und Faber zu sagen haben, klingt hölzern, statisch, klischeehaft und stellt sie außerdem zu sehr als Zicke auf, anstatt ihre innere Zerrissenheit deutlich zum Ausdruck zu bringen. Natürlich ist die emotional-verbale Unbeholfenheit aller Figuren bis auf Bönisch auch wieder konzeptionell, aber gerade  mit Faber kann man viel mehr machen, als dieses Mal drin war.

Anni: Ist das jetzt ein schlechter Tatort? Ich finde trotz allem, das Team, dieses Duell mit Graf, aber auch die knallige Übertreibung des gesamten Szenarios inklusive der Gefängniswelt, von der JVA-Direktorin bis zum Newbie-V-Mann, hat doch was schön Getriebenes und passt in unsere Zeit.

Tom: Jetzt kommt’s darauf an, ob man unsere Zeit gut findet, wenn es dazu passt. Ich sehe das Team gerne, weil es unmöglich ist, zu ihm keine Stellung zu beziehen. Und Faber hat mittlerweile auch echt rührende Züge, zumal man ja um das Vergangenheitstrauma weiß. Aber auch da – die Art, wie seine Familie umgekommen ist, passt doch gar nicht zu Grafs Schema, wie er Menschen ermordet. Fällt das eigentlich niemandem auf außer mir?

Anni: Vielleicht hat Graf ja gar kein solchermaßen durchgängiges Schema, dass er Menschen aufnagelt, wie die Anwältin. Klar, das war voll übertrieben, ein paar Minten, nachdem er freigekommen ist, gleich den eigenen Rechtsbeistand umzubringen. Aber es könnte ein schönes Modell „Manhunt“, Faber ist hinter Graf her, der ihm natürlich immer wieder entwischt, für die nächsten Fälle werden.

Tom: Um diesen komischen Grafen kommen wir wohl nicht herum, er wird uns ebenso begleiten und verfolgen wie Faber. Aber man kann ihn mal  zwischendurch in der Versenkung verschwinden lassen, dann wieder hervorholen, super.

Anni: Den Mitleidsfick fand ich schlimm.

Tom: War ja kein richtiger. Bei mir umgekehrt, muss ich sagen. Die einzige Szene, die mich emotional berührt hat. Ich werde alt und befürchte vermutlich gewisse Parallelen, auch wenn es bei mir noch nicht darum geht, allerletzte, wirklich allerletzte Tage noch einmal mit einem allerletzten schönen Erlebnis auszustatten.

Anni: Oh je, da hab ich was angeschnitten. Die Szene fand ich wiederum nicht psychologisch stimmig – also, die Einleitung an der Bar. Insofern gebe ich dir bezüglich der Dialoge recht, das hätte man besser machen können. Aber cool, dass wir mal wieder zusammen rezensiert haben.

Tom: Das sind für mich die finalen schönen Erlebnisse, also doch eine Parallele, aber mehr auf die Welt der Wortmenschen zugeschnitten.

Anni: Is klar. Ich gebe 7,5/10.

Tom: 6,5/10. War ja gut gespielt und man muss sich eben auch trauen, die Zuschauer so zu überfahren.

Wertung: 7/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Peter Faber – Jörg Hartmann
Hauptkommissarin Martina Bönisch – Anna Schudt
Oberkommissarin Nora Dalay – Aylin Tezel
Gerichtsmedizinerin Greta Leitner – Sybille J. Schedwill
Dr. Jonas Zander – Thomas Arnold
Markus Graf – Florian Bartholomäi
JVA-Leiterin Angelika Zerrer – Ulrike Krumbiegel
Kommissar Jan Pawlak (hier: Nico Rattay) – Rick Okon
Tomek Kodra – Murathan Muslu
Stefan Keller – Holger Handtke
Lars Nemec – Christoph Franken
Miriam Schott – Yvonne Yung Hee Bormann
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Dror Zahavi
Kamera – Gero Steffen
Schnitt – Fritz Busse
Szenenbild – Gabriele Wolff
Ton – Wolfgang Wirtz, Sebastian Leukert
Musik – Jörg Lemberg

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