Alle meine Jungs – Tatort 912 / Crimetime 86 // #Tatort #Bremen #RB #Lürsen #Stedefreund #Müll #Entsorgung

Crimetime 86 - Titelfoto © Radio Bremen, Jörg Landsberg

So oder so ist das Leben auf dem Müll

In einem Satz: Ein Müllarbeiter wird umgebracht und Inga Lürsen lernt die gesamte Firma BESL kennen, also das, was in Berlin BSR heißt, und stellt fest, nicht nur auf der Deponie der örtlichen Müllverbrennungsanlage stinkt es gewaltig. Ein Bewährungshelfer hat 83 seiner Fälle bei der BESL untergebracht und sorgt auf seine Weise und im Verein mit dem Vorstand der Müllentsorgung für Resozialisierung.

Handlung

Schwer verletzt versucht Müllmann Maik Decker mit einem Müllwagen zu fliehen. Doch es ist zu spät. Der Müllwagen verunglückt und Maik stirbt an seinen Stichverletzungen. Die Bremer Kommissare Inga Lürsen und Stedefreund übernehmen den Fall, durchleuchten das Umfeld des Opfers und sind zunehmend irritiert: Die Kollegen im Entsorgungsunternehmen scheint Deckers Tod nicht sonderlich zu wundern. Nach und nach begreifen sie, dass das Motiv komplex ist: Es geht um den Müll der Stadt, eine Straße voller Ex-Häftlinge – und einen Mann, der alle Fäden in der Hand hält.

Der erste Eindruck? Bremen will unbedingt den Rekord für den schlechtesten Ton weiter ausbauen. Besonders zu Anfang mussten wir mehrfach kurz zurückspulen und den Fernseher so laut stellen, dass am Ende der Straße die Leute beim Tatort gucken gestört wurden. Das nervt, auch wenn das Stilmittel sehr tricky ist – im Grunde ist es nämlich irrelevant, ob man alles versteht, die ganz wichtigen Sätze sind eben doch so hervorgehoben, dass man versteht, worum es geht.

Auf dem Müll herrscht also ein unglaublicher, hintergründiger Perfektionismus, dem beinahe auch das dort entwickelte Bremer Modell entspricht, das an die Zeit erinnert, als deutsche Arbeitgeber tatsächlich ihren Mitarbeitern zu Häusern und sonstigen Annehmlichkeiten verhalfen, die es mittlerweile längst nicht mehr gibt.

Die Erinnerung an viele andere, vor allem recht neue Bremer Tatorte, ist aber auch nicht zu vermeiden. Bei RB haben sie sich wirklich auf strukturierte Kriminalität mit unübersehbar vielen Beteiligten spezialisiert, von denen einige dann als Figuren im Film sichtbar werden. Ob arabische Clans oder die Müllmafia, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, die Muster sind sehr ähnlich.

Sind die Muster okay? Prinzipiell ja, „Brüder“ war ein guter Tatort. Auch „Alle meine Jungs“ hat einige Reize, denn knallig inszenieren ist, ebenso wie die vorgetäuschten Tonprobleme, ein Bremer Markenzeichen. Wobei der Ton nicht die Musik ist. Die fanden wir richtig gut, unter anderem, weil die Kombination von Bildern rudimentärer Verhältnisse und Menschen mit dieser Musik etwas Ironisches hatte. Pathos mit Mülltüten.

Aber warum nicht, man kann jedes Milieu dramatisieren und da arbeiten sich die Bremer jetzt durch. Manchmal ist eine eindeutige Masche in der Tat besser als jedes Mal was Neues, gleichermaßen Langweiliges, was schon manchem an sich guten, vielleicht sogar besseren Team als den Bremern die Köpfe gekostet hat.

Die RB-Tatorte leben von der Wucht ihrer Darstellung, die mittlerweile etwas Rituelles hat, inklusive immer gleicher Vorkommnisse wie verletzter oder entführter Kommissare, die sich immer wieder allein in Action begeben. Kein Wunder, dass die Bremer Polizei in „Brüder“ erkennen lässt, dass sie gegen die OK schon verloren hat, wenn sie sich so verhält wie in „Alle meine Jungs“, nämlich auf eine Weise ineffizient, bei der man jedes Mal Angst haben muss, dass mindestens einer der Ermittler das Set nicht lebend verlässt. Dafür sind wiederum die Charaktere jetzt viel schnörkelloser und sogar ein wenig unprätentiöser geworden. Wenn Inga etwas in den Müll schmeißt, dann ist das zwar immer noch ein theatralischer Akt in Zeitlupe, aber dafür handelt sie, anstatt die halbe Zeit zu philosophieren.

Was fehlt denn den Ermittlungen? Beinahe alles, was die Realität ausmacht. Die Alleingänge, die blöde Art, sich zusammenschlagen oder die Waffe wegnehmen zu lassen, der Umgang mit Verdächtigen und wie sie festegehalten werden oder auch nicht oder wie die komplette Müllentsorgung blockiert wird, um Täter unter Druck zu setzen.

Bremen arbeitet sich auch in diesen Dingen immer weiter in die Stilisierung hinein, die wohl einer ähnlichen Haltung entspringt wie die offenen oder nur mit Teillösugenn aufwartenden Endings: Die Welt ist surreal und das Verbrechen macht eh weiter, also bitte nicht alles so genau nehmen, als gäbe es wirklich eine Ordnung der Dinge. Wir finden das gar nicht so uncharmant, man muss sich eben daran gewöhnen. Wie an so vieles in der realen Welt kann man sich aber auch daran gewöhnen und die Bremer Tatorte entsprechend lesen: Als immer mehr abstrakte Zustandsbeschreibungen einer Welt, in denen konkrete Personen wohl kaum so handeln wie die meisten Filmcharaktere, aber insgesamt und sozusagen ganzheitlich betrachtet stimmt alles wieder. Okay, die Müllentsorgung in Berlin erscheint weniger wild.

Ist es sinnvoll, ein Milieu so überzogen darzustellen? So cool sind die Jungs von Alba, der BSR und den anderen, die sich hier die Entsorgung teilen, leider nicht. Das Schlimmste, was man von ihnen sagen kann ist, dass sie bei uns mit dem Leeren der Tonnen früher anfangen als erlaubt und immer ausgerechnet bei uns klingeln, wenn wir Gleitzeit haben und dem späten Bürobeginnen entgegendämmern wollen, weshalb wir manchmal die Klingel abstellen.

Tattoos haben manche natürlich auch und es ist von Vorteil, wenn man bei diesem Job von kräftiger Statur ist. Aber martialisch wirken unsere wackeren Müllmänner nicht und sind garantiert nicht überwiegend Ex-Häftlinge, es gibt kein Berliner Modell. Ein Berliner Modell mit einer solchen Allroundversorgung gibt es hier nicht einmal für Staatsdiener – weil die sehr gut für sich selbst sorgen und sowieso alles billiger bekommen als andere. Es wäre an der Zeit, einen Bewährungshelfer kennenzulernen.

Der Bewährungshelfer Uwe Frank ist toll gespielt von Roeland Wiesnekker, der ziemlich rollenflexibel ist. Man kann ihm beinahe nicht böse sein für das System, das er für seine Ex-Knackis entwickelt hat. Diese Menschen sind nur auf diese Weise zusammenzuhalten und einzuschwören, scheint es. Klischeehaft und überzogen, wie geschrienen, aber auch irgendwie ein Stück Lehrbuch: Wie manipuliere ich ein System so, dass es mit den darin verorteten Persönlichkeiten funktioniert, wenn man sich die Mitglieder eines Teams nicht aussuchen kann, sondern von der Justiz zugewiesen bekommt. In jedem Beruf gibt es eben Menschen, die ihre Aufgabe etwas umfassender verstehen als andere. Bei den Sozialberufen dürfte das Hypertrophe seltener vorkommen als bei Bankern etc., weil sich ja schon betimmte Charaktere in den passenden Tätigkeitsfeldern ansammeln, aber Ausnahmen wie Uwe Frank bestätigen die Regel.

Es bleibt offen, was ihn wirklich antreibt. Ob er sich mit der hohen Resozialisierungsquote von 94 % ein Denkmal setzen oder wirklich seinen Delinquenten helfen will und dabei immer tiefer in den Dreck oder Müll gerät, den sein System nicht erzeugt, aber als Verhandlungsmasse verwendet. Witzig auch die Idee, dass seine einzige Vorstrafe durch eine Schlägerei mit einem Kommilitonen verursacht wurde, der jetzt sein dickster Kumpel in Sachen Organisation des Müllwerker-Streetlife ist. So, wie es früher in Bergbaugebieten die „Grubenhäuschen“ oder Zechensiedlungen gab, wird jetzt eine Art Fuggerstadt mit Müllgeld errichtet. Am Ende aber opfert sich der Berwährungshelfer Uwe Frank und meint mit den Köpfen, die rollen müssen, auch seinen eigenen, nachdem die Polizei die Entsorgung komplett lahmgelegt hat.

Das Fazit? Wir fanden den Bremer Müll-Tatort nicht so schlecht, weil wir uns auf eine Prämisse verständigt haben, die uns harmonischer zu dieser Art von Inszenierung stellt. Wir sind schon gespannt, welcher Wirtschaftszweig oder welches Milieu als nächstes dran ist. Ein typischer Mord aus Eifersucht oder Gier im familiären Umfeld, also das, was 90 % aller echten Tötungsdelikte ausmacht, wird es hier wohl nie wieder geben. Was uns echt interessieren würde wäre jetzt ein Krimi in der Autoindustrie. Daimler hat ja ein Werk in Bremen – oder in der Luft- und Raumfahrttechnik. Den Hafen hatten wir schon zu oft und den Mobilfunk und alles sowas. Bedingung: Die Chefs aller gezeigten Unternehmen sind krumme Hunde, die für ihre wirtschaftlichen Interessen über Leichen gehen und natürlich in der Politik gut vernetzt sind.

Wir haben nebenbei mal in den Fundus geschaut, da  zeichnet sich ein Mülldebakel ab, doch uns hat der Tatort nicht gestunken und es gibt immerhin durchschnittliche 7/10. 

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Nils Stedefreund – Oliver Mommsen
Kommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Abel – Patrick von Blume
Dr. Katzmann – Matthias Brenner
Han – Yu Fang
Helen – Camilla Renschke
Karlsen – Winfried Hammelmann
Pavel Symanek – Hendrik Arnst
Sascha – Jacob Matschenz
Tarik – Patrick Abozen
Trude – Maria Hartmann
Uwe „Papa“ Frank – Roeland Wiesnekker
Vossler – Bernd Stegemann
Yvonne – Genija Rykova

Drehbuch – Erol Yesilkaya, Boris Dennulat, Matthias Tuchmann
Regie – Florian Baxmeyer
Kamera – Marcus Kanter
Musik – Jakob Grunert

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