„Der Volksfeind“ – Zensur der Berliner Schaubühne in China


2018-06-24 MedienspiegelMedienspiegel 82 / China-Serie 15 (1)

Im Gewühl der aktuellen Ereignisse gefangen, hatten wir uns entschlossen, diesen Beitrag zurückzustellen, aber heute ist wieder Zeit für  unsere China-Serie. 

Es geht um einen Vorfall, der sich in der ersten Septemberwoche in Nanking ereignete und es am 13.09.2018 in die Auslandsausgabe der New York Times geschafft hat.

Eine Theatervorführung wurde zensiert: Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“. Und es war für uns in Berlin nicht irgendwer, der davon betroffen war, sondern die  Schaubühne, die mit diesem Stück um die Welt tourt.

Dieses Gesellschaftsdrama, das sich mit öffentlicher Meinung und Wahrheit beschäftigt, ist ein brisanter Stoff, der selbstverständlich in vielen Ländern einen ganz aktuellen Bezug hat. Es geht um den Badearzt eines Kurortes, der feststellt, dass das Wasser vergiftet ist und Probleme mit den Honoratioren und Bürgern bekommt, die auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen sind. Scheinheiligkeit, Korruption, systembedingte Lüge sind die Themen und wenn man das reflektiert, wundert man sich eher, dass das Stück in China überhaupt aufgeführt werden darf als darüber, dass es zensiert wird.

Dass es einen Moment gibt, in dem das Saalpublikum sich zu  Wort melden kann und tatsächlich beginnt die mangelhafte Meinungsfreiheit in China zu zensieren, ist im Grunde ein demokratisches Highlight, aber China wird zunehmend autoritärer und unter Xi Jinping, dem mittlerweile uneingeschränkten Herrscher über das Riesenreich, haben die repressiven Tendenzen zugenommen. Wie beinahe überall auf der Welt, möchte man bedrückt hinzufügen. Umso schöner, dass das Theaterpublikum sich noch traut, überhaupt etwas zu sagen – wobei man davon ausgehen muss, dass sich solche Tournee-Aufführungen nur Menschen anschauen, die zur intellektuellen Oberschicht des Landes gehören und politisch wacher sind als die Massen, die sich sogar eine freiwillige Totalverordnung in Form eines Selbstbewertungssystems per App verordnen.

Ganz totzukriegen ist der Wunsch nach Freiheit zwar nicht, aber was nützt das, in einem System, in dem der wirtschaftliche Aufstieg wichtiger ist als alles andere und das nicht, wie Deutschland nach 1945, als Ausgleich für den Utilitarismus, die Demokratie therapieweise verordnet bekam.

„Der Volksfeind“ von Ibsen ist ein Lehrstück und sein Umgang damit in China spiegelt genau die Lehren daraus. Ob Steven Spielberg, bevor er „Der weiße Hai“ drehte, „Der Volksfeind“ gelesen hat, ist mir nicht bekannt, aber es gibt auffällige Ähnlichkeiten zwischen der Politik des dortigen Küstenstädtchens und der des norwegischen Kurbades.

Es ergibt auch einen Unterschied, ob man um politische Ansichten streitet und dabei viele Faktoren eine Rolle spielen, die subjektiv sind oder ob man Tatbestände verschweigt, die messbar sind und deren Totschweigen oder Abwiegeln die Menschen und die Umwelt schädigen. Wir oft Letzteres geschieht, möchte man sich kaum ausmalen, zum Beispiel, wenn es um die Bekanntmachung oder Bewertung der zahlreichen Störfälle in Atomkraftwerken geht, die nicht dadurch zwangsweise publik werden, dass eine Kraftwerksanlag für jedermann sichtbar vernichtet wird, wie dies in Tschernobyl oder Fukushima der Fall war.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Unsere bisherigen Beiträge der Serie:

So groß und so klein ist China
Werden die Chinesen neue Menschen? (Die Zeit, 1956)
Mission: Chinesen abwehren – Bundesregierung will Außenwirtschaftsverordnung verschärfen (Junge Welt)
China, der nächste Schritt: Macht über die Rohstoffpreise
Ein Schiff wird kommen – Piräus, der chinesische Ankerplatz in Europa
China 2020 = 1984
Trump bringt die europäisch-chinesischen Beziehungen voran 
Startcamp für nachhaltigen Konsum mit China als Team „Rot“
China: Höher, weiter, schneller (DIE ZEIT) – Grunddaten zu China
Cina: Das Ziel ist die Welt (DIE ZEIT)
So abhängig sind die Autohersteller von China (FAZ)
China bekommt Handelsstreit zu spüren (OnVista)
USA haben größten Handelskrieg der Wirtschaftsgeschichte eingeleitet (mm)
Hongkong protestiert (ARD) – Einstieg ins Thema „China als neues Imperium“

 

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