Schwanensee – Tatort 961 / Crimetime 88 // #Tatort #Münster #Boerne #Thiel #Schwanensee #Tatort961 #WDR #TatortSchwanensee

Crimetime 88 - Titelfoto © WDR, Willi Weber

Boerne, der Autistenflüsterer

Showtime, folks! Nach gefühlt mindestens fünfzig Tatorten mit sehr, sehr schweren Themen und den Themen angemessenen Inszenierungen gab es am Sonntagabend endlich wieder Grund zu Entspannung.

Nicht, dass wir die Verballhornung der Psychiatrie, die dem Film immanent ist, besonders witzig fanden, denn es wird einen Grund haben, dass immer mehr Menschen Seelenbeistand brauchen, im Grunde ist auch dies ein ernstes Thema. Aber nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatten wir keine Mühe mehr, uns zu vergegenwärtigen, dass es nur wenige heilige Kühe gibt, die davor sicher sind, von den Münsteranern in Comicfarben bepinselt zu werden. Und es wird sich ohnehin jeder denken können, dass das Institut „Schwanensee“ ziemlich überzeichnet ist. Sogar überzeichneter als Thiel und Boerne. Die beiden allerdings entwickeln sich schon seit einiger Zeit recht unterschiedlich.

Handlung

Prof. Karl-Friedrich Boerne ist auf dem Weg in den Urlaub. Doch noch befindet er sich in der Testphase, nämlich in voller Tauchermontur mitten in seinem Wohnzimmer, als im Therapiezentrum „Schwanensee“ die Leiche von Mona Lux gefunden wird. Auf dem Grund des hauseigenen Schwimmbades und mit Gewichten beschwert. Und Andreas Kullmann, der wie jeden Morgen dort seine Bahnen gezogen hat, will die Tote nicht bemerkt haben. Schwer vorstellbar, findet Kommissar Frank Thiel. Aber „Schwanensee“ ist eine psychiatrische Einrichtung und Kullmann Autist.

Rezension

Dass KF lieber Wagners Walküre hört als Tschaikowskys Schwanensee, zeigt sich auch in diesem Tatort wieder, dennoch war das Tretboot in Form eines Schwans, das zumindest vor der Psychiatrie-Einrichtung Schwanensee vor Anker liegt, einer der besten Gags im Tatort 961. Ansonsten schwankte die Qualität der Komik sehr stark, von grottig („Sind wir hier im Irrenhaus?“) bis sprachlich gelungen („… die Welt, die uns unsere Kinder hinterlassen“). Den Fall kann man langweilig nennen und natürlich ist er sehr konstruiert. Wie zum Beispiel Kullmann von einem Gastronomen auf den anderen kommt, wenn nur einer geprüft wird, das sind so die kleinen Nahtstellen im Plot, die nicht passen.

Aber da kommt auch die subjektive Wahrnehmung ins Spiel. Wir waren froh, mal wieder einen Tatort sehen zu dürfen, der nicht viel mehr fordert als entspannt, kurz vor dem Start in die Woche. Sicher kann man die Großthemen der letzten Monate von sich abperlen lassen wie Regenwasser vom frisch imprägnierten Südwester, aber wenn wir so an die Filme herangehen würden, hätten wir sicher nicht das Bedürfnis, über die Reihe „Tatort“ zu schreiben. Das heißt, wir machen uns Gedanken und sind erfreut, uns mal nicht so viele Gedanken machen zu müssen. Zumindest nicht über den Inhalt des Films. Ob die Zeichnung der Psychiatriepatienten (hier „Besucher“, in der Realität mittlerweile auch häufig „Klienten“ genannt) übergriffig ist? Manchmal schon, aber insgesamt werden die Charaktere respektvoll behandelt, mehr Fett bekommt da schon die Einrichtung „Schwanensee“ als solche ab, die vor allem eine für solche Therapiezentren vollkommen untypische Architektur hat.

Keine Kasse, auch keine private, würde den hier gezeigten Luxus bezahlen, wo es ein Patienten-Therapeuten-Verhältnis von unter 2:1 gibt und den Patienten ein Schwimmbad in der Größe eines öffentlichen Hallenbades zur Verfügung steht (in einem solchen wurde sicher auch gedreht). Demgemäß könnten sich nur besonders betuchte Privatpersonen das (freiwillige oder, im Fall Kullmann, „empfohlene“) Einchecken in eine solche Einrichtung leisten, so wirken die Patienten aber überwiegend nicht. Vielleicht würde bei Steuerfahnder Kullmann dank seines Beamtenstatus die weitreichende staatliche Fürsorgepflicht für seine Diener ein solches Seelen-Wellness ermöglichen. Einen Beamtenwitz zwischen Beamenten gibt es in diesem Tatort auch, aber wir wollen ja nicht alles verraten und außerdem unseren Lesern überlassen, ob sie den Witz gut finden. Möglicherweise wird das stark davon abhängen, ob sie selbst im Öffentlichen Dienst stehen oder nicht.

Wie aber war nun unser Feeling gegenüber dem Team, dessen Tatorte wir mittlerweile komplett rezensiert haben und dessen Weiterentwicklung wir immer mit großem Interesse beobachten? Die schlechte Nachricht: Es gibt im Wesentlichen keine deutlich messbare Weiterentwicklung im Ganzen. Die gute: Bei Boerne macht sich schon seit einigen Fällen eine gewisse Wandlung bemerktbar, die wir als positiv empfinden.

Der Tatort beginnt selbstredend erst einmal mit dem Verbrechen oder vor dessen Entdeckung, aber zu Beginn steht Thiel mehr im Mittelpunkt als Boerne, und da ist wieder dieses Ding, dass es uns immer schwerer fällt, ihm Sympathie entgegenzubringen. Er ist nicht mehr verbal ganz so verprollt wie in einigen Tatorten der letzten Jahre, wie überhaupt das Überborden des Sprachlichen etwas zurückgefahren wurde, aber dieses extreme genervert sein, weil der ständige Nahrungsnachschub fehlt, ist leider voll daneben.

Wenn man verfolgt, wie Axel Prahl sich figurseitig entwickelt, bekommt man eher Angst um ihn, als dass man diese Fresssucht als komisch empfände. Dass infolge dieser Entwicklung auch Prahls Ausdrucksfähigkeit schwindet, weil die zu pralle Physiognomie eine solche nicht mehr zulässt, verstärkt den negativen Eindruck. Außerdem hören wir seit einiger Zeit die Tatorte mit Kopfhörern, weil bei einigen Sendern mittlerweile mit einer kläglichen Nuschelei gearbeitet wird, die sich so besser verstehen lässt, ohne dass man mehrfach zurückspulen muss, um den Sinn einer verquetschten Sprachsequenz zu entschlüsseln. Dadurch sind natürlich auch Nuancen im Ton besser herauszuhören und bei Thiel hatten wir streckenweise, vor allem zu Beginn, den Eindruck, er deklamiert seine schlechte Laune wie auf der Bühne, ohne dass sein Darsteller Prahl in dabei in seiner schauspielerischen Mitte wäre. Außerdem sind diese auch im Tatort 961 wieder vorgetragenen Alphatier-Ansprüche gegenüber Boerne mittlerweile so abgedroschen, dass wir nur noch mit den Augen gerollt haben.

Mit Boerne meint das Drehbuch es etwas besser und er wirkt viel harmonischer. Er muss zwar auch wieder dumme Alberich-Witze  machen, doch sonst hat er die besseren Gags auf seiner Seite. Die Umkehrung der oben erwähnten Generationenbetrachtung darf er aufsagen, auch wenn er, wie Thiel, keine Kinder hat (Eltern offensichtlich auch nicht). Physische Sketche wie die Tauchaktion im Hallenbad oder seine Fassadenkletter-Aktion sind immer seine, wobei das Erklettern der Fassade des psychiatrischen Instituts selbstredend nicht wirklich gezeigt wird, denn dazu wäre ein Stuntman erforderlich gewesen. Aber die Art, wie er sie spielt, passt schon, außerdem sind Filmzitate dabei. Der erste Film, der unseres Wissens eine Fassadenbesteigung (zwecks Ausübung eines perfekten Verbrechens) beinhaltete, war Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ (1958), der teilweise sogar ähnliche Kamera-Einstellungen verwendet. Die Filmer von „Schwanensee“ beweisen also, dass sie die französische Nouvelle Vague und ihre Vorläuferfilme kennen.

Weiterhin hat Boerne einige Szenen, die ihn geradezu würdevoll und subtil wirken lassen,etwa, wenn er versucht, sich emotional in Kullmanns Psyche einzuschleichen und damit dem „Kollegen“ Thiel um Lichtjahre voraus ist. Es gibt sogar einen Moment, da wird auf sehr übertragene Weise tatsächlich Nutzen aus den vielen Zahlen gezogen, die Kullmann Boerne gegenüber erwähnt. Dieser Moment findet zwar zwischen Boerne und Thiel statt, aber ist auf Kullmann bezogen und funktioniert. Und natürlich, auch Boerne hat ja ganz leicht autistische Züge, ist durchaus als soziophob zu bezeichnen und kann daher zu einem Typ wie dem genialen, aber dennoch in seinen Möglichkeiten, sich im Zwischenmenschlichen interaktiv zu bewegen beschränkten Steuerfahnder eine natürlich wirkende Nähe aufbauen. Diese leise lächelnden, fein ironischen Gespräche zwischen den beiden sind die Glanzstücke von „Schwanensee“ und wir hätten uns mehr davon gewünscht. Die Schauspieler Robert Gwisdek als Kullmann und Jan Josef Liefers arbeiten in ihren Zweipersonen-Szenen famos miteinander.

Famos ist auch die Bebilderung von „Schwanensee“. Vielleicht zu gut für einen Film, der doch handlungsseitig etwas belanglos geraten ist und seine Benefits mehr in einigen schauspielerischen Momenten hat. Offensichtlich hat man sich bei der ARD mittlerweile geeinigt, dass alle Tatorte in graugrün gefilmt sein müssen, sogar der Schweizer SRF wird in dieses Farbschema eingebunden. Also zeigt auch „Schwanensee“ die für Münster bisher eher untypische Farbreduktion, vielleicht einen Tick heller und transparenter wirkend als in einigen anderen Tatorten der letzten Monate. Auffällig ist aber, wie ausgefeilt auch für heutige Tatortverhältnisse oftmals die Raumkonzeptionen sind. Das Highlight ist sicher das Treppenhaus in dem Gebäude, das hier als Finanzamt dient, wie es drohend-gleichförmig, fast trichterartig wie der Eingang zur Unterwelt die Personen marginalisiert, die sich darin aufhalten – Thiel und die junge Steuerfahnderin stehen in einer Ecke und tauschen Informationen aus und man spürt richtig, wie die Institution über ihre Mitarbeiter dominiert und jede individuelle Wahrheitsfindung ein Akt der Selbstüberwindung sein muss.

Verstärkt wird der Eindruck durch die vorbeihuschenden Mitarbeiter, jedes Mal, wenn einer von ihnen auftaucht, senken Thiel und die Beamtin die Stimme beinahe zum Flüstern – und einmal schaut wie das Auge des Bösen der Kopf des Amtschefs durch unzählige Treppengeländer-Windungen hindurch auf die beiden herab. Für Fans des Visuellen ist dieser Sequenz wirklich ein Schmankerl. Dass auch die Klinik so exorbitant wirkt, liegt natürlich an ihrer bildlichen Erfassung ebenso wie an der Architektur selbst, außerdem gibt es herrliche Szenen wie die Patienten am Ufer, mit den Luftballons in den Händen, oder die Szene, in der sie alle für Werbezwecke fotografiert werden, in vielen Stellungen sichtbar sind und man kaum damit nachkommt, ihre Individualität anhand dieser Stellungen und Ausdrücke zu erfassen.

Fazit

Die Form dominiert in „Schwanensee“ deutlich über den Inhalt, aber das Schauspiel kann der Form stellenweise die Waage halten. Für uns ist der 961. kein Beleg dafür, dass man Münster tatsächlich erneuern und die Charaktere zu neuen Ufern aufbrechen lassen will, aber der Status Quo wird verteidigt. Dabei ruht eine immer größere Last auf Karl Friedich Boernes Schultern, und deswegen klappern beim Zuschauer auch immer die Zähne, wenn er sich mit „Alberich“ unterhält: Wird’s jetzt wieder besonders peinlich, weil das Drehbuch es verlangt und werden die guten Boerne-Momente zwischen den Kachelwänden der Rechtsmedizin von schlechten überlagert – dort, wo einst das grandiose Gagfeuerwerk gezündet wurde und in den ersten Münster-Tatorten immer neue Farben und Formen von herzhafter Sprache und politischer Inkorrektheit entstanden? Ja, manchmal ist das so. Aber zum Glück nicht so häufig, dass wir uns überwiegend geärgert hätten.

Anmerkung: Das Titelbild ist für Pressezwecke gestellt, es zeigt Thiel und Boerne in dem „Schwan-Tretboot“, das sie im Film lediglich verfolgen, in ihm sitzen Kullmann und Frau Storch, die sich in ihn verrennt und ihn aus Enttäuschung umbringen will.

Unsere Wertung: 7/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Kommissarin Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Rechtsmedizinerin Silke „Alberich“ Haller – ChrisTine Urspruch
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Andreas Kullmann – Robert Gwisdek
Mutter Kullmann – Christa Rockstroh
Isa Storch – Nadja Zwanziger
Heinz Gärtner – Matthias Hörnke
Frau Stielig – Juliane Fisch
Herr Carstens – Frank Voß
Alberto Di Sardo – Roberto Guerra
u.a.

Drehbuch – Christoph Silber, Thorsten Wettcke, André Erkau
Regie – André Erkau
Kamera – Gunnar Fuss
Schnitt – Renata Salazar Ivancan
Musik – René Dohmen, Joachim Dürbeck

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