Dieses anstrengende Dasein am Tag der Deutschen Einheit – Essay // #TDE2018 #TdDE2018 #TagderDeutschenEinheit #Spaltung #Wiedervereinigung #Einheit #Chemnitz

Essay 8

Zwei Generationen hatten sie erträumt, eine Generation durfte sie nun erleben: Die deutsche Einheit. Eine Bestandsaufnahme müsste Buchformat haben, daher heute nur ein paar Betrachtungen aus der aktuellen Lage heraus.

Wie fühlt man sich im Jahr 2018 als Deutscher?

Man muss immer aufpassen, dass man persönliche Belange und Lebensumstände raushält, wenn es darum geht, sich als Zugehöriger zu irgendetwas zu beschreiben. Und damit fängt es auch schon an. Das persönliche Empfinden steht mittlerweile bei den meisten absolut im Vordergrund. Gruppenzugehörigkeiten sind mehr oder weniger Chiffres geworden, aber je enger die Gruppe gefasst ist, desto mehr gibt es noch etwas wie Gemeinschaft. Als Herkunftsdeutscher habe ich heute das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu sein. Von allen Seiten im Grunde. Von den Rechten, weil ich links denke, von den Kulturlinken, die für mich mit ihrer Haltung nicht unbedingt Kultur zeigen, weil ich um Verständnis für die Ostdeutschen und unter besonderem Ausschluss der Nazis werbe, sozusagen als Gegenmaßnahme zur rüden Art, wie die Einheitsgewinner immer noch mit den Ostdeutschen umgehen. Manche Menschen lernen nie dazu, das ist eine universelle Feststellung, die auch die deutsche Einheit überschattet.

Gibt es denn Grund, in irgendeiner Form national zu denken, auch an diesem heftig beflaggten Tag?

Heftig beflaggt war Deutschland während der Nazizeit. Daraus hat man später eine Gegenhaltung entwickelt. Es ist ein Unterschied, ob man national denkt oder ob man den Nationalstaat als eine sinnvolle Handlungsebene ansieht, die tatsächlich etwas für die Menschen tun kann. So wie gerade im Fall der Terrorzelle von Chemnitz. Oder bei der Verbesserung von Sozialleistungen.

Die Vorgänge, die sich zumeist in Sachsen abspielen und sich immer mehr auf Chemnitz zu konzentrieren scheinen, überschatten diesen 28. Einheitstag?

Ich sagte ja, ich will hier keinen ganz großen Aufriss, sondern aus der Situation heraus schreiben, und die wird in diesem Sommer von Chemnitz bestimmt. Ärgerliche Dinge wie der Fall Maaßen sind für mich demgegenüber nachrangig, auch wenn es da eine Verknüpfung gibt. Aber anhand der Terrorzelle lässt sich etwas gut erläutern: Niemand traut hier niemandem mehr. Bei den Rechten geht schon das Narrativ um, das sei ja wohl sehr auffällig, dass jetzt gerade in Chemnitz eine (Möchtegern-) Terroreinheit ausgehoben wurde und man macht sich darüber lustig, wie sieben Sachsen mit einem Luftgewehr die  Republik und dann die ganze Welt erobern wollten. Wir Linken kennen das doch: Es muss sich um eine False Flag Action des Staates gehandelt haben. A.) Um die AfD zu diskreditieren. B.) Um die Chemnitzer zu diskreditieren und c.) um den gesamten Osten wieder mal zu diskreditieren und d.) vielleicht noch, weil der Staat auch mal einen Erfolg vorweisen muss und das ist ja hier so viel einfacher als bei der Herstellung von Sicherheit auf den Straßen in den schwierigen Vierteln der Großstädte.

Ist dieser rechte Cluster stark ausgeprägt, der sich im Netz gegenseitig verstärkt?

Ich schätze ihn bezüglich der involvierten Personenzahl höher ein als die Gruppe linker Verschwörungstheoretiker oder sagen wir mal, mindestens genauso stark. Da werden Videos aus der ganzen Welt gesammelt, um angeblich überbordende Gewalt durch Migranten zu belegen. Und die Kommentare dazu. Die sind oft nicht einmal direkt hetzerisch, sondern unendlich ironisch ausgelegt, aber der Hasslevel ist sehr hoch. Nach allem, was ich in letzter Zeit gesehen habe: Dieses Ding wird der Mainstream nicht mehr so leicht einfangen, weil es sich permanent selbst nähren kann, denn irgendwo auf der Welt passiert immer etwas, womit man Stimmung machen kann. Die Rechte sieht sich komplett in der Diaspora, ebenso wie die Linksaußen-Linke. Es gibt bei der Mentalität große Ähnlichkeiten und teilweise bedient man sich bei denselben Medien, RT Deutsch ist ein typischer Medienrezeptions-Querfrontsender und ich lerne immer neue Medien dieser Art kennen und fasse es beinahe nicht, wie viele es davon gibt.

Kein Wunder, dass der Wahlberliner mit seiner insgesamt moderaten und ideologisch eher unverkrampften Ausrichtung heute nicht mehr die Zugriffszahlen erzielen kann wie seine Vorgängerversion im Jahr 2011. Abgesehen von der weitaus größeren Konkurrenz und dem veränderten Leseverhalten der Nutzer: Differenzierung war gestern. Die Positionierung soll im Wesentlichen so bleiben, schließlich ist eine Monetarisierung nicht angedacht. Aber wir beteiigen uns am Kampf gegen den Neoliberalismus-Finanzkapitalismus, da sind wir sehr eindeutig, weil wir dieses hochaggressive System als einen Hauptgrund für die gegenwärtigen Verwerfungen ansehen. Okay, jetzt sind wir doch in die persönliche Betrachtung gekommen. Aber sie gehört zu dem mulmigen Grundgefühl, das mich immer mehr ergreift, wenn ich an dieses Land denke.

Wir haben ja schon darüber nachgedacht, ob das ganze Land auf die Couch muss, was gibt’s Neues?

Der erscheckende Mangel an Empathie auf allen Seiten als Ergebnis von Jahrzehnten sozialpädagogischer Einwirkung ist eine mehr als ernüchternde Erkenntnis, die daran zweifeln lässt, dass Menschen überhaupt Mitgefühl können. Die meisten jedenfalls. Etwas weniger deprimierend ist die Aussage:  Die beste Schulung in Menschenfreundlichkeit nützt nichts, wenn die Menschen im Alltag ständig einem enormen Wettbewerbsdruck ausgesetzt sind.  Erstmals richtig aufgefallen, dass etwas schiefläuft, war mir, als ich noch recht neu in Berlin war und durch eine Freundin in einen Kreis radikaler Ökos kam. Die waren in jeder Hinsicht exgrem und dermaßen aggressiv und frei von jeder Form von Anstand, das hatte ich nie zuvor und danach nie wieder erlebt. Aber sie kauften fair gehandelten Kaffee und schauten sich Filme über arme Kaffeebauern in Lateinamerika an. Nun ja. Die gesamte Gesellschaft ist vom Ausgrenzungdenken vergiftet, wo soll da beispielsweise anlässlich einer Situation wie der in Chemnitz das richtige Maß für eine sachgerechte Bewertung herkommen?

Ist das denn ein spezifisch deutsches Phänomen, das System ist doch fast weltweit in dieser Form oder ähnlich etabliert wie hierzulande?

Ein spezifisch deutsches Phänomen ist es nicht, aber die deutsche Geschichte ist reich an Möglichkeiten, Selbsthass und damit Hass auf andere aufzubauen. Und die Konversion von 1989 und wie sie gelaufen ist, hat es nicht besser gemacht, sondern schlimmer. Ich verstehe sogar die Westdeutschen, die sich die Mauer wieder wünschen und natürlich auch die Ostdeutschen, die so denken. In Westdeutschland kam die Idee von der ständigen gesellschaftlichen Aufwertung ins Stocken und auch die Sicherheit, die gar dafür nicht so unwichtig war, wie mancher denken mag, ist nicht mehr dieselbe wie bis 1989. In Ostdeutschland fühlt man sich nach wie vor gewaltig über den Tisch gezogen und das Land bricht stellenweise regelrecht oder regelwidrig zusammen. In diesem Beitrag der ZEIT wirkt zwar manches etwas geschludert, aber grundsätzlich ist es so wie dargestellt. Dass kein Geld für weitere Infrastrukturmaßnahmen da sein wird wegen der Versorgung der Geflüchteten als neuer deutscher Zentralaufgabe, dabei gehe ich allerdings nicht mit. Noch nicht.

Noch nicht?

Noch nicht, weil wir wirtschaftlich in der Falle sitzen. Und irgendwann wird es einen Knall geben, nur später als erwartet, weil niemand ahnen konnte, wie rabiat die Europäische Zentralbank über ein Jahrzehnt lang im Krisenmodus zu operieren bereit sein würde, um den Zerfall des Euro und vielleicht der EU zu verhindern. Gegenwärtig wird viel Kapital aus dem Nichts geschöpft und wegen der niedrigen Zinsen fließt es vor allem in Immobilien, die Miet- und Kaufpreise explodieren und die Banken nehmen kaum noch Geld aus Zinserträgen ein. Würde man das kippen, würde die Immobilienblase platzen, würden aber auch Banken in Schwierigkeiten kommen und Unternehmen, die mit billigstem Geld über Wasser gehalten werden, kollabieren. Die Merkelpolitik sammelt Hypotheken an, die im Moment nur von einer Minderheit diskutiert werden, aber sie setzt ja alles daran, noch im Amt von den Folgen heimgesucht zu werden. Im Prinzip verkörpert sie eine düstere Vision von Selbstzerstörung, ist ihr eigenes Menetekel – und dass sich dies auf die Stimmung im Land auswirkt, versteht sich von selbst. Es wird nur noch gelästert und werden keine Erfolge gesehen – weil alle Erfolge der Vergangenheit unter der Prämisse stehen, dass sie nicht bald Makulatur sein werden und man rein gar nichts dagegen tun kann, dass es möglicherweise so kommt.

Jeder, der sich mit der Finanzkrise von 2008 ein wenig befasst hat, kann nur zu dem Schluss kommen, dass es nicht besser wurde seitdem mit dem Finanzkapitalismus und teilweise sogar schlimmer, weil das System ein immer größeres Rad drehen muss, um sich am Leben zu erhalten.

Aber das ist doch kein Thema am heutigen Tag?

Unsere Beiträge zur Finanzkrise werden vergleichsweise wenig gelesen, auch daran sehe ich, dass die Menschen nicht an den tatsächlich wichtigen Themen orientiert sind. Viele Fragen erfordern eine weltweite Zusammenarbeit, da ist auch am heutigen Tag nationales Denken nicht zielführend. Aber was, wenn es diese  Zusammenarbeit nicht gibt? Wenn die anderen einfach nicht mitmachen, wie bei den Geflüchteten oder Deutschland nicht mitmacht, wie bei einer klugen und nachhaltigen Überarbeitung des Wirtschaftsregimes? Dann bleibt eben nur der nationale Handlungsrahmen, wenn man überhaupt etwas erreichen will.

Wäre nicht heute deshalb der Tag Europas angesagt?

Die SPD beispielsweise postet das auch so. Und kapiert mal wieder nichts. Was mit dieser Partei los ist oder nicht los ist, lässt sich nur dahingehend deuten, dass es zur Unionszerstörung ja auch eine Parallele etwas weiter von links geben muss. Ihr macht auf Lemminge? Da wollen wir uns doch nicht ausschließen und rennen mit in den eigenen Untergang. Wir sind ja doch ganz tief im Herzen solidarisch.  Auch das, was die SPD zeigt, gehört zum düsteren Gesamtbild dieser Tage. Kann irgendjemand, der einen gesunden Selbsterhaltungstrieb hat, sich verhalten wie die SPD?

Die Regierungspolitik kann man demnach als morbide bezeichnen, und was macht die Opposition?

Sie nutzt es aus, das ist ja auch ihr Recht, wenn nicht ihre Pflicht. Es trifft auf die AfD zu und mittlerweile auch auf die Grünen. DIE LINKE konnte es bisher nicht nutzen und das sagt viel über den Zustand des Landes, aber auch über sie selbst aus. Und es verstärkt noch einmal das Dunkeldeutschlandbild. Trotz ihres zu hohen Bestands an utopischen Positionen bei zu wenig Systemkritik müsste die einzig verbliebene linke Kraft mehr Wähler_innen anziehen können. Die Grünen, die nicht zur Systembewältigung beitragen werden, tun sich jetzt leichter. Falls die Umfragen sich anhand von Wahlen tatsächlich verifizieren lassen, dessen bin ich nicht ganz sicher – aber darüber mehr in unserem nächsten Beitrag in der Rubrik „Umfrage & Ergebnis“ / Sonntagsfrage.

Ist Deutschland nun so zerrissen, weil die Politik so schlecht ist oder spiegelte die Politik nur die Gesellschaft?

Beides bedingt einander wechselweise. Wir wählen diejenigen, deren Politik wir uns dann gefallen lassen müssen, das ist immer noch eine unumstößliche Wahrheit. Und wäre DIE LINKE eine so glanzvolle Opposition, wäre sie die echte Alternative, würde sie mehr Zuspruch erhalten. Aber da fehlt es an Verständnis dafür, wie man Mehrheiten gewinnen kann, obwohl man doch angeblich alles vertritt, was die Mehrheit vertritt. Stimmt leider nicht, aber auch das können wir hier nicht detailliert erläutern.

Warum kommen die Themen Migration und Rassismus nicht zur Ruhe?

Sie hängen miteinander zusammen und offenbaren die Spaltung. Vielfach ist das ein Alibi-Thema, weil die Menschen hier mit sich selbst nicht versöhnt sind und nicht mit sich in Frieden leben. Die aggressive Ablehnung ist dabei ebenso wie die aggressive Verteidigung Ausdruck dieser inneren Verkrampfungen. Und die Menschen werden gnadenlos für dumm verkauft, das merkt dann eben doch der eine oder andere und wird noch mistiger.

Beispiel?

Es gibt eine Form von Optimismus, die beruht auf Naivität. Die meisten hierzulande glauben derzeit, sie haben den zynischen Durchblick und sind daher pessimistisch.

Das ist das eine. Das andere ist, sich nicht kirre machen zu lassen. Die Dinge zu hinterfragen, aber nicht dabei nach rechts zu driften und zugewandt zu bleiben, ist eine echte Aufgabe. Die herrschende Klasse macht das so schwer wie möglich, weil sie ja die übrige Bevölkerung spalten will, um noch besser herrschen zu können, aber es hilft nichts, man muss durch diese Anstrengung durch Man fasse die Manipulationen ins Auge, richte den Ärger darüber aber nicht gegen die Falschen, etwa gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Die sesind ebenfalls Opfer der Klassenpolitik von oben. Trotzdem muss man klar sehen, zum Beispiel, wenn uns beigebogen werden soll, was die MmMh bei uns alles geleistet und wie sie zum Wohlstand beigetragen haben.

Aber das stimmt doch?

Fast 20 Millionen, die sich hier eine Existenz aufgebaut haben bzw. deren Nachkommen können nicht irren. Ziehen wir ein paar Millionen ab, die schon lange hier wohnen und von Generation zu Generation weiter zurückfallen und in Parallelgesellschaften abdriften, handelt es sich insgesamt doch um eine Erfolgsstory und die Integrationsfehler der Vergangenheit müsste man ja nicht ewig wiederholen und könnte doch mal dazulernen. Aber diese überwiegende Erfolgsstory einfach in die Zukunft fortzuschreiben, wie viele es tun, um beispielsweise eine offensive Linie bezüglich weiterer Arbeitsimmigration zu rechtfertigen, ist ein Witz, den man nur Menschen erzählen kann, welche die wirtschaftlichen Grunddaten nicht kennen – oder die bewusst auf Crash spielen, womit wir dann gleich wieder bei den linken und rechten Verschwörungstheoretikern wären, die in dieser Sache oft exakt gleich argumentieren, nämlich, dass alles nur ein großer Plan zum Bevölkerungsaustausch ist, mit dem der Kapitalismus unausweichlich und für immer siegen wird. Die USA mit ihren miserablen Arbeitnehmerrechten bei hoher Diversität werden da gerne als Beispiel herangezogen.

Ich kann sie aber auch als Beispiel für etwas anderes verwenden. Warum wohl war es für Präsident Obama relativ leicht, die vielen illegal eingewanderten Mexikaner_innen zu „legalisieren“? Weil sie alle in Arbeit waren. Sie arbeiteten rechtlos und schutzlos, aber sie arbeiteten, sonst hätten sie sich ja als „Illegale“ in den USA gar nicht halten können. Die Maßnahme oder der Plan von Obama war also, sie endlich in ihre Rechte zu setzen.

Bei uns sieht es im Moment aber anders aus. Die Immigrationswelle der 1950e und 1960er war eine Win-Win-Situation, falls es im Kapitalismus sowas wirklich gibt. Arme Regionen in Südeuropa und dann auch in der Osttürkei wurden die Menschen los, die dort keine adäquate Arbeit fanden und hier wurden sie gebraucht, weil mehr Arbeit da war, als die Deutschen noch leisten konnten oder wollten. So kam es dazu, dass die Deutschen sich akademisieren konnten und die Neubürger überwiegend die einfachen Tätigkeiten verrichteten. In der zweiten, dritten Generation gelang dann auch vielen Kindern und Enkeln der Immigranten der Aufstieg. Alles gut, soweit.

Dann stimmt diese Erzählung doch?

Wir haben heute eine ganz andere Situation. Der sogenannte Fachkräftemangel und die aktuelle Immigration sind nicht zwei Puzzleteile, die zueinander passen. Ich kenne wohlmeinende Menschen, die das wirklich geglaubt haben oder sich vorgemacht haben, im Herbst 2015. Einige haben ihre Meinung bereits geändert – vor allem diejenigen, die doch einen engen Bezug und nicht zu ausschnittsweisen zur Realität haben. Tatsache ist, die Zahl der Arbeitsstunden nahm von 2000 bis 2014 nicht mehr zu, zuletzt dann doch ein wenig, weil eben für die Versorgung der Neuankömmlinge Ressourcen aufgebaut werden müssen. Nicht aber dort, wo die Wertschöpfung herkommt, die dies finanzieren muss. Es wird viele Jahre dauern, falls es überhaupt funktioniert, die vielen neuen Menschen hier einigermaßen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Damit das nicht so auffällt, werden statistisch ohnehin fragwürdige Methoden auf die Geflüchteten übertragen. Die wirkliche Arbeitslosenzahl ist ja schon seit Langem höher als die offiziellen Zahlen, aber jetzt hält man auch noch die Geflüchteten bewusst raus, damit sie nicht statistik-auffällig werden. Viele von ihnen werden beispielsweise als Maßnahmeteilnehmer deklariert, was ja formal stimmt, solange sie ein paar Stunden Deutschunterricht pro Woche erhalten. Aber bis diese Menschen, die aus ganz niedertourigen Wirtschaftssystemen stammen, bei uns Fuß fassen können, das wird ein langwieriger und in vielen Fällen zum Scheitern verurteilter Prozess sein. Und gerade die wirklichen Facharbeiter, die wissen, was heutzutage auch wissensseitig erforderlich ist, um einen Job als Maschinenmanager zu machen, die sind zu Recht skeptisch.

Einfache Tätigkeiten, mit denen man hierzulande einsteigen kann, die aber dennoch gut bezahlt sind, etwa, weil sie körperlich sehr fordern, gibt es nicht mehr in dem Maß wie vor Jahrzehnten und um die verbliebenen Arbeitsplätze dieser Art konkurrieren die „Neuen“ in der Tat mit jenen, die schon länger hier sind und die man mit viel Aufwand versucht, aus der Arbeitslosigkeit heraus wieder zu integrieren. Daraus ergeben sich Frontstellungen, über die eine snobistische Elite gerne mal nicht nur hinwegsieht, sondern sich auch noch moralische Bewertungen erlaubt, wenn die Armen bei einer Open-Border-Policy nicht so ganz mitgehen können.

Der Klassenkampf von oben zerstört also ebenfalls die Solidarität und trägt zur bösen Grundstimmung bei. Und was ist mit der Sicherheit?

Die Kriminalstatistik würde ich am liebsten unter Artenschutz stellen und ein Manipulationsverbot über sie verhängen. Bzw. den  manipulativen Umgang mit ihr verbieten lassen. Um es kurz zu machen: Die wird von jeder Seite genau so „bearbeitet“, dass es für sie passt. Gut, doch ein paar Sätze. Der Klassiker sind die Tötungsdelikte. Die Gesellschaftlinke postet gerne, dass die Zahl der Morde seit Jahren immer weiter zurückgeht. Das stimmt aber nur bis 2015, deswegen wird 2016 auch gerne mal weggelassen. Und 2017 schon gar, denn der Anstieg war zuletzt deutlich. Mord umfasst aber nur die Tötung unter speziellen Voraussetzungen nach § 211 StGB, da geht es um Planung, um die Ausführungsart, um die Motive. Das besonders böse Tötungsdelikt, sozusagen. Die Zahl der Tötungsdelikte war über viele Jahre rückläufig, zumindest der Taten, die als Tötungsdelikte erkannt wurden und dazu zählen natürlich alle offenen Kämpfe mit Waffen, wir betrachten also nicht, ob die Giftmorde immer perfekter und häufiger werden, bei denen Täter und Opfer ja meist einander kannten, der Vorgang aber gar nicht in die Kriminalstatistik einging, weil niemand den Verdacht hatte, die Todesursache sei nicht natürlicher Art gewesen.

Es gab nach vieljährigem Rückgang im Jahr 2016 einen Anstieg der Zahl der Tötungsdelikte. Hier endet die Wikipedia. Die Statistik für 2017, die ich direkt beim BKA eingesehen habe, weist aber einen geradezu exorbitanten Rückgang auf eine nie zuvor nach der Wende erreichte Zahl aus und die Wikipedia bedient sich nach eigenen Angaben direkt beim BKA, um ihre Zahlen zu finden – und ist diese Zahl schon endgültig? Oder habe ich was übersehen, was in die Wiki-Statistik inkludiert wurde und beim BKA getrennt ausgewiesen wird? Heute werden wir das nicht mehr klären Aber warum weist „Statista“ eine wesentlich geringe Zahl an Morden aus als das BKA – zeigt aber ebenfalls einen deutlichen Anstieg in den letzten Jahren, auch in 2017? Wir lassen es uninterpretiert stehen, weil unsre Aufmerksamkeit von etwas anderem beansprucht wird:

Unweigerlich wandert der Blick, wenn er nicht ideologisch zu stark gefärbt ist, in der BKA-Statistik nach rechts. Rechts, das ist da, wo die Rechten ihren Honig saugen und wo die Tatverdächtigen nach Herkunft aufgeschlüsselt sind. Und man kann es drehen oder wenden, wie man will, Ausländer, also nicht Menschen mit Migrationshintergrund, sondern solche ohne deutschen Pass, sind bei fast allen Verbrechensgattungen und Delikttatbeständen sowie bei der Gesamtstatistik mit ca. 5,3 Millionen Straftaten in 2017 stark überrepräsentiert. Wer das leugnet, lügt.

Aber jetzt beginnt das Deuteln, wenn man nicht sowieso noch tiefer geht, sondern erst einmal bei dieser Statistik verbleibt: Sind Tatverdächtige und letztlich als Täter Ermittelte quotenmäßig identisch? Und was ist mit Fällen wie den NSU-Morden, bei denen man jahrelang nach Tätern aus dem Milieu der Opfer bzw. deren ethnischer Zugehörigkeit gesucht hat und dann war es die Terrorzelle mit ausschließlich deutschen Mitgliedern? Diese über mehrere Jahre verteilten Morde haben selbstverständlich nicht die Statistik wesentlich beeinflusst, man müsste sich also viele Fälle hinzudenken, bei denen es ähnlich gelaufen ist und damit eben doch wieder tief in den Sumpf der Spekulation einsteigen.

Wenn man das nicht tut und wenigstens das Narrativ retten will, dass niemand als böser Mensch geboren wird, egal, wo er herkommt, muss man in die soziologische Analyse gehen: Da Menschen mit diesem Hintergrund besonders häufig von Gewalt, sogar von Krieg und Terror geprägte Biografien haben und in Milieus untergekommen oder verortet sind, in denen körperliche Gewalt, die offen deliktisch zutage tritt, vergleichsweise stark verbreitet ist als, sagen wir, unter deutschen Karrierebeamten im höheren Dienst, ergibt sich aus der Soziobiografie die Statistik.

Nun aber kommt die politische Bewertung: Muss man das akzeptieren und als notwendige Begleiterscheinung einer sich ändernden Bevölkerungszusammensetzung hinnehmen oder ist die Forderung berechtigt, dass der Staat für mehr Sicherheit zu sorgen hat und dass man den Zuzug auf ein Maß begrenzt, das einen klugen und langfristig befriedenden Umgang mit diesem Phänomen ressourcenmäßig zulässt oder will man die längst vorhandenen Überforderungstendenzen bei der Exekutive oder im schulischen Bildungsbereich weiter verstärken?

Es greift doch alles ineinander, in diesem Fall die Kriminalität und und die besprochene wirtschaftliche und soziale Tragfähigkeit.

Wir leben also mit Fragestellungen, die allesamt ungute Gefühle verursachen und wer will schon ständig mit diesem Grummeln im Bauch herumlaufen, das allzu viel Forschen und der Versuch, so objektiv wie möglich zu bleiben, durchaus verursachen kann?

Ich würde wirklich gerne glauben, alles sei super und wir könnten uns voll auf die bessere Welt konzentrieren, die wir doch alle wollen oder wenigstens diejenigen unter uns, die nicht schon grundzynisch sind und abgeschenkt haben.

Meine Beobachtung ist leider, dass unter diesen Zynikern viele sind, die alle Probleme wegleugnen, weil sie selbst nicht oder sehr selten betroffen sind. Wer zum Beispiel vom Staat einen ewigen Fürsorgeanspruch gewährt bekommt, damit meine ich die Beamten und Staatsangestellten, nicht die Hartz IV-Empfänger, und in einer Enklave oder einem schnieken Kiez wie meinem wohnt, in dem sich die nette Seite der Diversität zeigt und alles weitgehend schick ist, vor allem in den kleineren Seitenstraßen, der kann genauso lässig diskriminierend allen anderen gegenüber sein wie die Rechten ablehnend gegenüber dem demokratisch organisierten Staat eingestellt sind. Mit dem Bonus-Unterschied, dass er seinen Zynismus und seine Bashing-Tendenzen noch als Ethik verkaufen kann, denn das hat man ja gelernt, wenn man mit einer solchen Einstellung und hinreichender Eloquenz ausgestattet aufgestiegen ist. Und man ist eben doch letztlich nur ein neoliberales und sehr oberklassenbewusstes – Subjekt.

Und dann noch jene, die sich einfach ihre Weltsicht nicht kaputtmachen lassen wollen, koste es was es wolle, zum Beispiel, dass man andere, die nach der Wahrheit suchen, einfach mal als Rassisten diffamiert und sich dabei dann mit der zuvor beschriebenen Gruppe einig ist. Ob man sich damit dann wohlfühlt, dass man auch nicht besser ist? Ich wage Zweifel anzumelden.

Was ist aber mit der internationalen Solidarität?

Wir wollten ja heute eine Binnensicht Stand 2018 wiedergeben. Ich glaube schon, dass dieser Tag wirklich der Nabelschau gewidmet sein darf, morgen ist wieder Alltag und im Dezember wird Deutschland die UN-Flüchtlingskonvention unterzeichnen. Die ist zwar auslegbar und das Recht der Staaten auf ihre eigene Handhabe wird betont, aber man kann sie auch als Aufforderung verstehen, die Immigration so lange zu forcieren, bis es eine „Einheitsrasse“ gibt und alle Staaten der Welt irgendwo auf der Mitte zwischen dem Sozial- und  Leistungsniveau der heutige Industrieländer und den ärmsten Ländern in Afrika angekommen sind. Und genau das tut die Rechte und sie sagt, das haben sich die Weisen von Zion ausgedacht und viele Linke sagen, das haben sich die fünf Oberkapitalisten im Olymp der US-Elite ausgedacht, manche von ihnen nennen aber auch die Weisen von Zion beim Namen und beide sagen, George Soros ist der Emissär dieser Weltherrscherklasse, weil er Anleitungen drucken lässt, wie man am schlauesten von Afrika nach Europa kommt.

Aber das sind doch Extrempositionen.

Ganz klar, die sozialen Medien, zumal die Auswahl, die man dort zwangsläufig treffen muss, und die geht bei mir schon in die Beobachtung sehr linker und sehr rechter Positionen hinein, spiegeln nicht die Gesamtrealität, das wäre ja wirklich furchtbar und man sollte selbst ans Auswandern denken.

Was ich ja hin und wieder auch tue und schon einmal getan habe, wenn auch nur für zwei Jahre. In ein Land übrigens, das jetzt eine schwarz-blaue Regierung hat und das die UN-Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnen wird, wenn meine Informationen stimmen.

Diese Extrempositionen wirken aber in die Gesellschaft  hinein und sie greifen aus und werden viel offener zu Markte getragen als früher. Der Grundkonsens, was man sagen kann und sollte und was nicht, der ist sehr diffus geworden. Und witzigerweise behaupten wieder die Extremen beider Richtungen, dass man nichts mehr sagen darf, weil die andere Seite mit Sprech- und sogar mit Denkverboten arbeitet. Aber ich glaube, fanatische Menschen stehen einander im Fanatismus und ihr Wesen betreffend näher als sie ideologisch einander fern sein mögen.

Jedoch denke ich nun eib paar Jahre zurück. Damals kannte ich diese Gedankenwelten gar nicht und hatte viel weniger Stress, zumindest politisch gesehen. Denn ein kritischer Geist versucht ja, a.) aus allem das herauszufiltern, wo etwas dran sein könnte und bei Gewalt- und Desaster-Videos und dergleichen ist das alles andere als nervenschonend und b.) sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen und immer wieder zu relativieren und zu glätten, um politisch auf Kurs bleiben zu können.

Ich will dieses Gründeln nicht zu einer intellektuellen und ethischen Meisterleistung stilisieren, die Augen offen zu halten und doch immer lösungsorientiert und nicht zu vorurteilsbeladen durch die Welt zu gehen, das ist für mich durch nichts zu ersetzen, aber es ist anstrengend und deswegen bin ich manchmal sicher näher an meinen eigenen Grenzen als die großen Vereinfacher.

Dafür habe ich nicht dieses Ding vor der Brust oder im Kopf, etwas moralisch verteidigen zu müssen, was man mit Fakten jederzeit angreifen kann. Ich leiste es mir, zu sagen: Ich sehe, was zu sehen, recherchiere, worüber ich mehr wissen will, fühle mich sogar zur einen oder anderen Bewertung in der Lage, die mir selbst nicht immer Freude bereitet. Aber gerade deswegen will ich auch im 29. Jahr einer deutschen Wiedervereinigung, bei der wirklich vieles im Argen liegt, nicht resignieren, sondern engagiert bleiben und vielleicht auch mal aufstehen und ein Stück weit mitgehen und schauen, was dabei an neuen Eindrücken und Erkenntnissen entsteht.

Im Verlauf des Artikels ist übrigens das Ost-West-Schema mehr und mehr in den Hintergrund getreten.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

Wortwechsel 15

Das Schreibblog von Anja, Armena, Elke und Thomas

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

%d Bloggern gefällt das: