Was vom Tage der deutschen Einheit übrig blieb – soll auch ein Tag der deutschen Vielfalt sein? #NdO #TDE2018 #TdDE2018 #Einheit #Wiedervereinigung #Migration #NeuedeutscheOrganisationen

Kommentar 98

Wir haben uns entschlossen, ein weiteres Thema in die Nachlese zum Tag der Deutschen Einheit aufzunehmen, weil es mit den anderen korrespondiert, die im Moment mit einer Vehemenz und Offenheit diskutiert werden, die mich jeden Tag, nicht nur am Tag der Einheit, überrascht und mittlerweile auch fasziniert.

Was da ans Tageslicht kommt in seiner – sic! – Vielfalt, ist wie die Schneeschmelze nach einem langen gesellschaftlichen Winter, in dem „weiß“ alles andere zugedeckt hat. Da es wichtig ist, zu diskutieren und sich zu positionieren, tun wir das also.

Ist ein zusätzlicher Tag der deutschen Vielfalt denn eine gute Idee?

Auf jeden Fall ist die Forderung der „Neuen deutschen Organisationen“, festgehalten in einer glücklicherweise mal nicht ellenlangen Pressemitteilung, eine Gelegenheit, Gesellschaftsbilder zu  zeichnen.

Nach meiner Ansicht hängt fast alles davon ab, ob man ein  horizontales Gesellschaftsbild hat oder ein vertikales. Definiere ich die Gesellschaft also als eine Ansammlung von Ethnien, Gendern, Berufsgruppen, Weltanschauungs- und Religionsgruppen oder stelle ich die Klassenstruktur in den Vordergrund. Mein Ausgangspunt ist Letzterer, nicht ersterer. Ich stelle Interessen von Gesellschaftsschichten in den Vordergrund, nicht solche der in der obigen Aufzählung enthaltenen und weiterer, nicht genannter Gruppen. Denn letztlich wird sich das Wohlergehen der Menschen am  Ende nicht daran bemessen, wie gut sie ihre Gruppeninteressen durchgesetzt haben, sondern ob wir es alle gemeinsam schaffen, den Finanzkapitalismus endlich zu zügeln und soziale Rechte für alle durchzusetzen, gleich welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion sie sind.

Diesem Ansatz steht das Gruppendenken entgegen, das nicht umsonst von neoliberalen Denkfabriken wie der Bertelsmann-Stiftung gefördert wird. Als ich mich durch die Webpräsenz der „NdO“ geklickt habe, hat es mich nicht überrascht, dass beim „Vielfaltfinder“, eine Datenbank, die eingerichtet wurde, damit man als Medienmacher mit Epert_innen für verschiedenste Gruppen und Gruppenfragen in Kontakt treten kann, diese Stiftung unten rechts erwähnt wird.

Wie wir wissen, ist die Spitze des Bertelsmann-Konzerns transatlantisch ausgerichtet, also im großen Cluster der an den USA orientierten deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftselite. Die Interessen dieser Elite sind ganz andere als die der meisten Menschen in den meisten Ländern. Was uns einfache Arbeiter_innen, wie immer man heute „Arbeiter_in“ definiert, eint, ist, dass wir gegen diese neoliberalen Organisationen kämpfen müssen und uns nicht von ihnen einfangen und zum Klassenkampf von oben missbrauchen lassen dürfen, wie es hier im die „NdO“ tun, indem sie die Beteiligung der pder Förderung seitens der Bertelsmann-Stiftung herausstellen.

Derselben Stiftung, die dieses hochgradig fragwürdige Populismusbarometer erstellt, das viele Journalisten nur zitieren, anstatt dass sie es sich genauer anzuschauen und seine Methodik zu untersuchen. Ich breche den Tenor dieser Studie aufs Einfachste herunter, weil es noch einen ausführlicheren Beitrag zu ihr geben wird: Alle, die sich vorrangig für soziale Themen interessieren, sind mindestens populismusverdächtig, alle, die eine neoliberale EU-Verfassung und eine undemokratische EU-Kommission super finden, obwohl seit Jahren die Rechte der Arbeitnehmer_innen in der EU abgebaut werden, um dem in Allokationsschwierigkeiten befindlichen Kapital zu helfen, wer das also klasse findet, der ist nicht populistisch durchwirkt, sondern ein guter, kosmopolitisch denkender Europäer.

Die EU-Kommission wiederum erfindet, um vom Kern ihres Regimes abzulenken, das u. a. in Deutschland derzeit für die Immobilienblase befördert, die viele „Deutschdeutsche“ und Menschen mit Migrationshintergrund gleichermaßen besorgt, spalterische Scheinprobleme wie den Gender Pay Gap, den es in der drastischen Form, wie er in Deutschland angeblich besteht, gar nicht gibt. Trotzdem wird er von Politiker_innen immer wieder aufgegriffen und gedankenlos oder auch mit ebenso spalterischer Absicht als Kampfmittel eingesetzt.

Und so wäre es, verkürzt gesagt, mit dem Tag der deutschen Vielfalt auch?

Für mich war der Tag der Deutschen Einheit immer etwas, das man nicht mögen muss, aber wenn man es mag, dann ist es eine Erinnerung an eine bestimmte Phase in der deutschen Geschichte und etwas für alle, die es mögen, egal, welcher der benannten und weiteren Gruppen sie angehören. Schon zur Wendezeit, da liegt die Pressemitteilung richtig, war dieser Tag nicht nur für „Biodeutsche“ oder „Deutschdeutsche“, sondern für alle, die hier leben. Viele von ihnen haben ja auch längst den deutschen Pass und ich bin bisher nicht auf die Idee gekommen, dass dieser Tag „weiß“ sein könnte. Viele der Organisationen, die in den „NdO“ zusammengefasst sind, sind übrigens selbst weiß und haben mit „People of Color“ oft weniger zu tun als beispielsweise eine Deutschdeutsche, die einen afrikanischen Immigranten geheiratet hat und mit ihm und den gemeinsamen Kindern, die auch „People of Color“ sind, den TdDE begeht, indem sie sich ein Feuerwerk anschaut oder dergleichen.

Außerdem hat der Tag der Deutschen Einheit den 17. Juni 1953 als Nationalfeiertag ersetzt. Hier geht es also um Historie, um eine Zeitschiene, um eine neue Erzählung – und warum sollte die nicht inklusiv sein? Nichts spricht dagegen, es kommt auf jeden einzelnen an, wie er diese Erzählung mit Leben füllt. Wenn ich lese, dass der Tag der Vielfalt dazu da sein soll, dass Menschen verschiedener Gruppen aufeinander zugehen, dann frage ich mich, warum sie das in den übrigen 364 oder 363 Tagen des Jahres nicht tun können. Die Gefahr ist groß, dass ein solcher Tag wieder nur ein Ritual ist, das mit der Zeit ganz und gar seinen ursprünglichen Sinn verliert, weil doch letztlich jede Gruppe wieder nur sich selbst sieht und feiert.  Und was mir richtig seltsam vorkam: Dass die deutschdeutschen Menschen aus dem Osten mit ihren Diskriminierungerfahrungen plötzlich doch von Interesse für die nicht deutschdeutschen sind. Das ist leider im Sinn der Pressemitteilung und deren Intention unlogisch, um es knapp zu formulieren.

Aber ähnlich wie bei „Deutschland spricht“ oder dem „Tag der offenen Moschee“ kann ein solcher Tag aber auch ein Fixpunkt sein, wie Weihnachten die Familien zusammenführt, die überall verstreut leben.

Familien haben aber langfristig herausgearbeitete Rituale, das ist etwas anderes, als wenn Fremde einander begegnen. Nichts Besseres, aber anders. Ich habe gelesen, dass die „NdO“ eine einseitige Integration ablehnen, sondern dass wir uns ebenso integrieren müssen. Und genau das ist wieder ein hochgradig schwieriger Punkt. Ich vermisse nämlich ein Bekenntnis der „NdO“ zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die es jeder Organisation beispielsweise erlaubt, problemlos jedwedes Gruppeinteresse zu definieren und für die Privilegien dieser Gruppe Lobbyarbeit zu machen.

Diese Ordnung ist für mich im gesellschaftspolitischen Bereich konstitutiv,  nicht verhandelbar, davon werde ich mich nicht wegintegrieren lassen. Bei der Wirtschaftsverfassung ist sie außerdem ein Gefäß, in das viel mehr hineinpasst, als die herrschende Politk uns glauben machen möchte. Aber fast alle, die in den „NdO“ zusammengefasst sind, profitieren von dieser „FDGO“ des Grundgesetzes, die ihnen bei weitem mehr Chancen bietet als die Rechtsordnung und die gesellschaftliche Praxis und die Wirtschaftsverfassung  des Landes, aus dem sie oder ihre Vorfahren stammen. Ich kann mich kulturell auf vieles vereinbaren und bin sehr neugierig und habe in Berlin schon viele neue Dinge kennengelernt, aber wer kein Bekenntnis zur FDGO abgibt und sich dahingehend politisch integriert, wird nicht mein Kampfgefährte und mein Freund sein können und kann sich seine Gruppeninteressen an den Hut stecken, wie berechtigt sie sonst auch immer sein mögen.

Das ist eine einseitige Form von Integration, keine Frage, aber es ist ja nicht so, dass Deutschland keine Vorteile bietet, sonst würden nicht unzählige Menschen hier und nirgendwo anders leben wollen und noch viele warten darauf, das ebenfalls tun zu dürfen. Und was ist anders bei uns als in jenen Ländern? Ganz sicher, dass es materiell immer noch einen Vorteil darstellt, hier zu sein und dass die noch reicheren Länder nicht so immigrationsfreundlich sind, aber der allergrößte Vorteil ist eine Ordnung, die nicht perfekt ist, jedoch mindestens zum besten Dutzend weltweit gehört, wenn man größere Länder betrachtet, in denen es immer auch gesellschaftliche Spannungen gibt.

Diese Ordnung ist kein Grund, spezifisch deutschstolz zu sein, denn sie wurde uns in einem günstigen Moment der Geschichte, der einer unseligen Zeit folgte, geschenkt. Aber diese Verfassung, die uns fast alles erlaubt, sollte das sein, worauf wir diese Gesellschaft bauen und nicht auf unzähligen Privilegien und Sonderwegen für unzählige Gruppen. Wenn man diese Verfassung richtig anwendet, sie täglich lebt, gibt es nämlich kaum Diskriminierungen und sie reicht als Instrument aus, um immer wieder in die Praxis übertragen zu werden.

Dazu sind aber viele Ausführungsnormen notwendig, die wiederum von den Gruppen durchgesetzt werden müssen. Die Verfassung ist ja nur ein Rahmen, wie oben bereits fürs Wirtschaftliche angedeutet.

Es muss immmer wieder justiert wird, was ein freier und gleicher  Zugang ist, diese pluralistische Demokratie ist ein Ort des Aushandelns, das nie enden kann, aber es wird in diesem Bereich auch nie absolute Gerechtigkeit geben. Kaum privilegiert man eine Gruppe, die sich bisher vernachlässigt fühlte, ägert sich eine andere. In meiner Partei zum Beispiel werden weibliche Kandidaten klar bevorzugt, das ist in den Statuten für Wahlgänge so festgelegt. Dummerweise kommt es zumindest bei mir dann zu folgender Denkweise, wenn doch ein Mann es an die Spitze einer Gliederung schafft, gleichberechtigt meiner Frau natürlich, nie alleine: Wow, da hat sich ja ein Mann trotzdem mal vorne platziert, der muss ja echt super gut sein, den schau ich  mir mal näher an. Und es formt sich das Bild, dass ich diesen Menschen als etwas Besonderes, Positives ansehe, im allgemeinen Quotendenken, das ja neben den Gendern noch viele weitere Aspekte berücksichtigt. Freiheit und Gleichheit sind nicht nur nicht eindeutig definiert und jeder missbräuchlichen Interpretation zugänglich, sondern sie stehen auch in einem Konkurrenzverhältnis zueinander.

Unsere Verfassung stellt aus gutem Grund die Freiheit besonders heraus und überlässt es zu einem gewissen Grad auch dem Geschick und dem Streben des Einzelnen, wie weit er gesellschaftlich kommt. Freiheit ist für alle, während Gleichstellung seltsamerweise oft damit einhergeht dass alte Ungleichheit durch neue ersetzt wird. Das ist nicht tatsächlich progressiv. Das ist altes Denken durch altes Denken ersetzt, das sich beispielsweise in ein feministisches Mäntelchen hüllt.

Und deswegen ist für mich dieses Gruppendenken ein vertikaler Kampf um Privilegien, nicht der Kampf derer, die ähnliche soziale Interessen haben, es aber teilweise gar nicht mehr registrieren, weil sie zu sehr mit ihrem Gruppencluster und dem Teil ihrer Identität, der sich aus Herkunft, Religion etc. formt, befasst sind.

Ich könnte wetten, dass alle oder annährend alle, die jene in den „NdO“ zusammengefassten Vereinigungen anführen, innerhalb ihrer Gruppen privilegiert und gesellschaftliche Aufsteiger sind. Diese Menschen verstärken ihre individuell erreichten Positionen damit, dass sie sich als Vertreter von Gruppen einflussmäßig multiplizieren.

Niemand würde es ihnen verwehren, sich in den Parteien oder ethnisch und weltanschaulich vollkommen neutralen Gruppen zu etablieren, was ja wirklich inklusiv wäre. Dazu haben sie die Skills und sicher sind die meisten von ihnen mehrfach organisiert. Aber sie sind eben auch Lobbyisten für ein – teilweise sehr kleinformatiges – Gruppendenken und das ist ihre individuelle, klassenferne und gesamtgesellschaftlich nicht unbedingt vorwärts gerichtete Gestaltungsoption, ein Weg, für die sie sich entschieden haben und der ihrem Selbstbild entspricht.

Jeder hat aber, Klassenkampf hin oder her, das Recht, gesehen und nicht ausgeschlossen zu werden.

In meiner politischen Partei zum Beispiel wird niemand ausgeschlossen, im Gegenteil, ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund sich einbringen. Keine Partei, zumindest von der programmatischen Hauptlinie her betrachtet, ist so weltoffen und spielt sogar auf der No-Border-Klaviatur. Da wäre es doch für die meisten Angehörigen der oben genannten und weiterer Gruppen logisch, wenn sie wirklich Einfluss haben wollen und dabei integrativ, auch in der Form, dass sie andere zur Integration anhalten wollen, sich dort zu engagieren. Aber natürlich wären sie dort mit ihrer Identität als Kämpfer_innen für die Gerechtigkeit verortet, nicht mit ihrer ethnischen oder gendermäßigen. Aber ich habe den Verdacht, dass sich viele von ihnen lieber in Wirklichkeit dem traditionellen menschlichen Tribalismus hingeben und ihr eigenes Süppchen kochen wollen, wie eine bekannte Politikerin aus meiner Partei sich auszudrücken pflegt, wenn sie den Verdacht hat, dass Partikularinteressen mal wieder wichtiger sind als die Gemeinschaft derer, die eine gute und eine bessere Welt für alle erreichen möchten.

Vielleicht wäre ein konkretes Beispiel hilfreich.

In meiner politischen und örtlichen Umgebung sind viele Menschen aus dem LGBTI-Bereich angesiedelt. Diese haben ihre eigenen Interessen, manche von ihnen schaffen es aber auch, sich darüber hinaus fürs Ganze einzusetzen. Nun gibt es bekanntlich innerhalb der LGBTI-Menschen Untergruppen, im Grunde ist dieser Begriff ja auch mittlerweile schon viel länger, damit sie alle schon im Namen dieser Bewegung sichtbar werden. Je kleiner aber die Gruppe, desto vehementer die eigene Abgrenzung. Ich habe das immer konkret anhand der „Transmenschen“ vor Augen, die sich, was ich vor ein paar Jahren überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, wiederum von der Majorität innerhalb der LGBTI-Bewegung, also den Schwulen und Lesben, nicht hinreichend gewürdigt und beachtet fühlen. Wenn ich in diesem Bereich diskutiere, beobachte ich, wie jemand vor allem seine Gruppeinteressen pflegt und sich von jeder Gruppe wieder neue Gruppen abspalten, die noch spezieller sind, anstatt dass wir uns so vereinbaren, wie es doch in Wirklichkeit ist oder wenigstens sein sollte: Wir sind hier, weil wir etwas gemeinsam erreichen wollen und ist dies erreicht, ist auch die Diskriminierung kein Hauptthema unserer Gesellschaft mehr, weil wir innerhalb einer Klasse, die mindestens 80 Prozent der Bevölkerung umfasst, egalitär, auf Augenhöhe denken und handeln und einschließend und dass wir uns mit ganzer Kraft endlich den gemeinsamen großen Aufgaben widmen, wie die soziale Ungleichheit und die ökologischen Probleme zu mindern, die für weite Teile der weltweiten Entwurzelung verantwortlich sind – für jene Entwurzelung, die Menschen trennt und dazu führt, sich ins falsche Boot zu setzen.

Auch die Aufsteiger unter den Migrant_innen sind im Grunde immer noch unserer arbeitenden Klasse zugehörig, denn ganz oben wird schon aufgepasst, dass es nicht zu divers wird. Also sollten sie darüber nachdenken, wem der Gruppenlobbyismus wirklich nützt und ob er nicht auch ein Schutzmantel gegen zu viel Offenheit ist.

Aber is das zu vermitteln? Leider nicht immer. Viel zu häufig nicht. Dass wir nur über Systemkritik und schrittweise Systemveränderung eine wirklich diskriminierungsarme Gesellschaft erreichen können, in der wir alle einen guten Platz finden, und nicht dadurch, dass der Kapitalismus immer wieder neue Gruppen gegeneinander stellen und gegeneinander aufhetzen kann, das ist offenbar doch eine Art Meta-Ebene, die eingeübt, deren Erkennen und in den Mittelpunkt der eigenen Überlegungen rücken richtiggehend erarbeitet werden muss. Das ist nur möglich, wenn man seine Identitäten entsprechend priorisiert.

Das heißt, der Tag der Vielfalt ist spalterischer Unsinn?

Wir haben schon so viele Fehlentwicklungen, da kommt es auf einen Fehler mehr und auf ein falsches Signal mehr nicht an. Ist dieser Tag erst verwirklicht, kommt es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dazu, dass wieder kleinere Gruppen sich nicht hinreichend repräsentiert fühlen und ihren eigenen Tag haben wollen. Und immer so fort. Wenn jeder von diesen Tagen auch ein Feiertag sein soll, hat das immerhin zur Folge, dass die ohnehin ständig absinkende Zahl von Arbeitsstunden pro Jahr und Person in Deutschland gut strukturiert wird und es zu vielen netten Brückentagen kommt. Aber die meisten unserer bestehenden Feiertage sind schon längst komplett sinnentleert. Und je kleiner die in einem Feiertag gewürdigte Gruppe, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Tag keine Wirkung erzielt. Heute ist zum Beispiel Tag des Tierschutzes. Tiere sind ja nun wirklich eine Großgruppe, zu der auch fast jeder einen Bezug hat. Stellen deswegen die Schlachter ihre Arbeit ein und endet die Massentierhaltung? Jeder Tag zählt  – oder keiner.

Obwohl das klingt wie ein Schlusswort – gilt das nicht auch für den TdDE?

Ich würde auf ihm auch nicht bestehen, er war eine Möglichkeit, einen Nationalfeiertag einzurichten. Man hätte den Tag des Mauerfalls nehmen können, den 17. Juni belassen können, den Tag der Niederlage des Faschismus, den 8. Mai, setzen können, was immer. Man hätte es auch ganz sein lassen können, wobei das wieder ein weltweit einmaliger deutscher Sonderweg gewesen wäre. Der 3. Oktober ist ein Angebot für alle, die ein  historisches Datum würdigen wollen, das tatsächlich alle im Land betrifft. Das Land, in dem wir heute alle, herkunftsunabhängig leben, das wurde, wie es ist, durch ebenjenen 3. Oktober 1990 möglich. Mir persönlich wäre der 23. Juni am liebsten. Am 23. Mai 1949, an jenem Tag wurde das Grundgesetz erlassen und trat einen Tag später in Kraft. Es zu bekommen, war der größte Glücksfall der jüngeren deutschen Gesichte, es hat die Bundesrepublik als vergleichsweise freies und sehr vielen Menschen Chancen bietendes Staatswegen geprägt, sie zu einem Land gemacht, das über viele Jahrzehnte hinweg besonders viele Immigranten aufgenommen hat, es hat die Wiedervereinigung überdauert und steht bis heute bereit, jedem von uns allen erarbeiteten Fortschritt zu dienen und ihn zu schützen.

Daran mit einem eigenen Feiertag zu erinnern, könnte in diesen Zeiten nicht schaden.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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