Kopper – Tatort 1042 / Crimetime 92 // #Tatort #Ludwigshafen #Kopper #Odenthal #CiaoMario #Tatort1042 #TatortKopper

Crimetime 92 - Titelfoto © SWR, Roland Suso Richter

Ciao, Mario, ciao!

Der Tatort-Jahresauftakt ist im Südwesten angesiedelt. Erst Saarbrücken mit „Mord ex Machina“, der bereits der vorletzte Film des 2010 angetretenen Kommissars Jens Stellbrink (Devid Striesow) war. Der Abschied naht.

Nun also „Kopper“ aus Ludwigshafen. Wenn schon der Name einer Person aus dem Ermittlungsteam für den Titel gut ist, dann weiß  man, es ist etwas Großes im Gange und, Goodbye zu sagen. Oder Arrivederci, im Fall von Lena Odenthals bestem zweiten Mann. Zuletzt wurde die Ehre eines Abschieds-Namenstitels Franziska Lüttgenjohann aus Köln zuteil, die leider sterben muss. Und wie ergeht es Lena Odenthals treuem Vasall? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Die Freude ist groß, als Mario Kopper auf der Straße Sandro wiedertrifft, seinen engsten Freund aus der Kindheit, den es später zurück nach Sizilien verschlagen hat. Die beiden sind gerade dabei, in einer Kneipe ihr Wiedersehen zu feiern, als Sandro plötzlich von einem Gast angegriffen wird. Kopper greift zur Waffe, Sandro kann fliehen. Der verängstigte Sandro bittet Kopper inständig um Hilfe: Als Steuerberater hat er mehr von den Geschäften des Mafia-Zweigs Stidda mitbekommen, als gut für ihn ist. Sandro ist bereit, als Kronzeuge auszusagen, wenn Kopper ihm hilft, ins Zeugenschutzprogramm zu kommen.

Sandros Angst vor dem langen Arm der Stidda passt nur allzu gut zu dem Fall, den Lena Odenthal und Johanna Stern gerade bearbeiten müssen: In der JVA hat sich ein Mafia-Zeuge umgebracht, bevor er nach Italien überführt werden konnte. Lena, Johanna Stern und LKA-Kommissarin Manz sind überzeugt, dass der Zeuge zum Selbstmord gezwungen wurde, können es aber nicht beweisen. Weil Kopper fürchtet, dass Sandro ein ähnliches Schicksal droht, versteckt er den Freund, ohne Lena und den Kollegen etwas davon zu erzählen. Sandros Panik, aber auch seine eigene tödliche Kurzschlussreaktion in der Kneipe verhindern, dass Kopper sich Lena anvertraut. Während diese sich bei ihren Ermittlungen zunehmend besorgt fragt, was mit ihm los ist, versucht Kopper, Sandro als Kronzeugen in Sicherheit zu bringen. Es mehren sich jedoch Anzeichen dafür, dass auch Kopper selbst ins Fadenkreuz der Mafia geraten ist.

Der „Tatort: Kopper“ ist der letzte Einsatz von Andreas Hoppe als Mario Kopper nach 21 Jahren und insgesamt 57 Filmen an Lena Odenthals Seite. Um Freundschaft und Loyalität, Vertrauen und Entscheidung geht es in dem Fall, der Mario Kopper so intensiv wie nie zuvor mit seiner Herkunft konfrontiert, und in dem der lange Arm der Mafia bis nach Ludwigshafen reicht. Geschrieben hat ihn Drehbuchautor Patrick Brunken, inszeniert wurde der „Tatort“ von Roland Suso Richter. Michele Cuciuffo, Ensemblemitglied am Residenztheater München, ist in der Episodenhauptrolle als Sandro zu sehen, Saskia Vester als LKA-Kommissarin Manz.

Rezension – enthält Angaben zur Auflösung.

Ganz so shlimm wie die arme Assistentin von Max Ballauf und Freddy Schenk trifft es Kopper nicht. Er wird zwar aus dem Polizeidienst expediert, überlebt aber die Machenschaften seiner Landsleute.

Ob er am Ende wirklich Spaß dabei hat, am Strand zu stehen und Maria zuzuschauen, wissen wir nicht so genau. Es wirkt so, aber bedeutet die Entlassung aus dem Polizeidienst wegen Dienstvergehens nicht auch, dass die Pensionsansprüche futsch sind? Vermutlich nicht, sonst hätte Kopper ja doch ein Problem auf Sizilien, denn Arbeit kriegt er da sicher nicht. Es wird sich herumgesprochen haben, dass er versucht hat, einen Kronzeugen gegen die Mafia zu schützen. So bleibt es vage, was Kopper von all dem hat und ob er mit Maria nicht doch woanders ansässig werden muss, um Ruhe zu bekommen.

Lena &  Mario, das war eine Institution, er war bei den letzten 57 von insgesamt 66 Odenthal-Tatorten dabei, mal mehr, mal weniger, aber immer ein ruhiger und menschlich glaubwürdiger Ausgleich für die brillante, manchmal etwas hochdrehende Kommissarin mit ihrer ernsten und tief moralischen Art. Mario aber, als Sizilianer, wusste besser, wie es wirklich aussieht und wie die OK alles unterwandert, egal, wie viele einzelne kleine Lichter aus ihrem Bereich man hinter Gitter bringt.

Man hatte sie ja schon beinahe vergessen, die gute alte Mafia mit ihren vielen Spielarten und Organisationen, wegen der arabischen Clans und der Verbrecherbanden aus dem Osten und was es sonst alles gibt, die sind ja mittlerweile viel präsenter.

Kaum zu glauben, dass in diesem kleinen Land  und seiner Unterwelt Platz für alle sein soll, deswegen glaube ich auch nicht, dass der Beitrag der OK zur realen Wirschaftsleistung in Deutschland im einstelligen Prozentbereich liegt. In Berlin ist der Wert ganz gewiss höher. Im Tatort 1042 wird etwas angedeutet, was mir auch schon lange im Kopf herumgeistert: Dass letztlich alle etwas davon haben. In meiner Wahlstadt insbesondere die Händler von dicken SUVs, wie Kopper einen kapert und damit seinen  geliebten Fiat 130 schrottet – Ciao, bella.

Vielleicht ist das, rein menschlich und moralisch betrachtet und auch fiskalisch gesehen kein vollwertiger Ausgleich für Angst, Drohung, Mord, für sämtliche illegalen Geschäfte, die sich denken lassen und sofern sie wirklich etwas einbringen, aber solange an der Oberfläche nicht wahllos in die Zivilbevölkerung hineingetötet wird, was soll’s? Warum die Polizeibeamten unnötig in Gefahr brinen, anstatt rigide gegen Parksünder und Alltagsdelinquenten vorzugehen, wo man wirklich was erreichen kann, ohne Expeditionen in eine gefährliche Zone starten zu müssen? Was aber freilich auch nicht gelingt, denn – die Terrorabwehr. Die dient nicht nur in „Kopper“ als Rechtfertigung für jeden Mist, der den Rechtsstaat aushöhlt und dafür, dass die Polizei für schnöde OK-Cluster keine Zeit und Kapazität mehr hat, glücklicherweise.

Ob der Tatort realistisch ist, können italienischstämmige Mitbürger besser beurteilen als ich, sofern es die typischen Handhaben der IOK betrifft. Und ob es normal ist, dass ein Sizilianer manchmal gebrochenes Deutsch spricht und dann wieder, als lebe er schon ewig hier oder sei gar hier geboren. Aber wie es im Ganzen und unabhängig von den beteiligten Ethnien funktioniert, das kam mir nicht komplett verfehlt vor, denn die Familienbande und auch die Fehden und die Möglichkeit, jederzeit auf die Familie eines Abtrünngigen zuzugreifen, die werden schon eine wichtige Rolle spielen – vor allem bei der Omerta, die nicht gebrochen werden darf.

Andreas Hoppe spielt seinen letzten Kopper-Part recht ruhig, wie überhaupt alle im Ermittlerteam eher besonnen agieren. Hat mir grundsätzlich gut gefallen, aber wenn die Figur Johanna Stern künftig eine tragende Rolle einnehmen soll, sollte an ihrem Profil noch gearbeitet werden. Es geht eigentlich nicht, dass sie gerade mit dem Tod ihrer Kinder bedroht wird, wenn sie weiter ermittelt und eine Szene später schon wieder genau denselben schnappigen Tonfall hat wie zuvor und an Konsequenzen denkt sie gar nicht erst. Auch, wenn nicht chronologisch gefilmt wird und das vielleicht nicht so aufgefallen ist, muss man ihr mehr Zeit fürs Nuancierte geben, sonst ähnelt sie wirklich einem Polizeiroboter. Wollen wir also hoffen, dass die Figur differenzierter angelegt wird.

Der Dauerzoff mit Lena ist jetzt aber – fast – raus. Wie will man sich auch mit einer Ikone streiten? Dadurch, dass Kopper im Vordergrund steht, hat Lena weniger Spielzeit als üblich und das kommt nicht so schlecht. Langsam ist sie auch über die Phase hinaus, wo man denkt, wow, alt geworden. Es ist eben so, man hat sich daran gewöhnt und bis zum Pensionsalter könnten bei ihr noch locker sieben oder acht Jahre vergehen. Den Platz als Ermittlerin mit den meisten Tatorten konnte sie aufgrund der höheren Sendefrequenz in München und Köln nicht halten, aber sie kämpft verbissen um die längste Dienstzeit ever, und da liegt sie mit nun 29 Jahren uneinholbar zwei Jahr vor Leitmayr und Batic vom BR. Kopper war 21 Jahre dabei, auch das ist eine Ära und er ist natürlich Teil von allem geworden und hat dabei geholfen, dass es so lange gehen konnte, mit den Ermittlungen in LU. Angesichts der vielen sehr jungen Tatort-Teams, die jetzt am Werk sind, bin ich mittlerweile der Ansicht, Lena und ihre Darstellerin Ulrike Folkerts sollten noch ein wenig durchhalten. Auch, damit der Ernst in der Reihe nicht vollkommen verloren geht.

Wie ihre ersten Filme nach Kopper werden, das wird interessant, aber mit Johanna Stern hat sie eine Partner, an der sie sich mehr messen kann als an Kopper, der eben doch immer die zweite Geige zu spielen hatte.  Neulich hatte Charlotte Lindholm schon eine Begegnung mit ihrem jüngeren Ich, so ähnlich könnte man es in Ludwigshafen nun auch spielen, wo der allzeit menschelnde Transmissionsriemen fehlt und der Direktantrieb zweier Frauen allein noch einmal für neue Dynamik sorgen könnte.

Finale

Wenn man die letzten Ludwigshafen-Tatortjahre Revue passieren lässt, gehört „Kopper“ sicher nicht zu den schwächeren Filmen. Der Spannungsbogen passt vor allem, weil man bei diesem Letztling nicht von vornherein weiß, wie es für den Cop, der dem Film seinen Namen zur Verfügung gestellt hat, ausgehen wird. Also hofft man das Beste und wird nicht vollkommen enttäuscht.

Die IOK lässt sich gewiss nicht in einem solchen Film nebenbei abhandeln, deshalb ist es okay, sie so verkürzt und stellenweise klischeehaft darzustellen. Es gibt auch einige Feinheiten, die nicht sofort ins Auge fallen, wie die, dass Kopper möglicherweise selbst dafür gesorgt hat, dass Sandro sich der Mafia angedient hat, weil dieser ihm unbedingt eine im Grunde unerschwingliche Gitarre schenken wollte. Damals, in den 1970ern, als die Betonwüsten neu waren und dort die Milieus sich fanden oder konzentrierten, die heute überall auf der Welt Probleme bereiten.

7/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Ermittlerin Johanna Stern – Lisa Bitter
Oberstaatsanwalt Benninger – Andreas Leupold
LKA-Hauptkommissarin Karin Manz – Saskia Vester
Alessandro Giangreco, kurz Sandro – Michele Cuciuffo
Salvatore Ferri – David Brizzi
Russo – Victor Calero
Antonio Primavera – Ciro de Chiara
Roberto di Noto – Paolo Sassanelli
Maria, Koppers Verlobte – Marzia Tedeschi
Dr. Hakan Özcan – Kailas Mahadevan
Barkeeper Joe Wetzel – Isaak Dentler
Edith Keller – Annalena Schmidt
Wäschefahrer – Christoph Bautz
Filialleiter – Martin Müller
u.a.

Drehbuch – Patrick Brunken
Regie – Roland Suso Richter
Kamera – Jürgen Carle, Christoph Schmitz
Schnitt – Isabelle Allgeier
Szenenbild – Söhnke Noé
Musik – Matthias Klein

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