Kopfgeld – Tatort 903 / Crimetime 94 // #Tatort #HH #Hamburg #Tschiller #TillSchweiger #Kopfgeld

Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Die Hansestadt Hamburg im Würgegriff eines kulturlosen Clans

Es sind nicht die Astans. Es sind nicht Bülers oder wie sie heißen. Es sind nicht die Bushido-Gspusis aus Berlin oder die Miris aus Bremen: Es sind die Schweigers, die eine komplette Tatortstadt gekidnappt haben und mit Rundfunkgebühren dealen und versuchen, dem Publikum Actstasy zu verabreichen. Sie morden im Minutentakt, scheißen auf den Rechtsstaat und Ermittlungen, machen auf Hintern statt Hirn, machen Pyrotechnik für Leute, die in der Schule kein Fach namens Chemie hatten … und die echten Clanchefs lachen sich einen Ast. Bei kriminellen Banden jedweder Nationalität dürfte der Hamburg-Tatort ab heute Abend Kultstatus besitzen.

Ein Mann, eine Gesichtsausdruck, eine Wumme und ein unkaputtbares Ich, das jeden körperlichen Angriff so beantwortet: Die Intensivstation wird  zur Inszenierung des 100. Falls gebraucht, in dem die Polizei mal wieder einen Kranken nicht schützen kann, aber wenn die Szene im Kasten ist, wird das Theaterblut abgewischt und auf geht’s zur nächsten Ballerei. Die echten Rambos und Bruce Willis und Arnies behalten ihre Wunden wenigstens im Gesicht, aber bei Till Schweiger wäre das schon eine zu deutliche Annährung an den Versuch, etwas Reales zu zeigen. Und das soll ja gar nicht so sein. Man wird alle paar Sekunden darauf hingewiesen, dass man hier in einem trashigen Wummenfilm ist, da wäre jede Sorgfalt kontrakonzeptionell.

Ganz sicher hat die Quote wieder gestimmt, wir haben ja auch geguckt, und das bis zum Ende.

Gibt es wirklich eine Koordination zwischen den Tatortstandorten – wann wird was gezeigt? Dann war es wohl Absicht, dass man mit nur einem Wiener Tatort dazwischen zweimal dasselbe Thema auf den Bildschirm gebracht hat, und beide Male im Norden, beide Male mit Hafenszenen, mit Verrätern und mit kulturlosen, schmierigen und oberbrutalen Migranten-Banden, die zudem jeweils denselben Nationalitäten angehören. Zur OK in diesem Bereich, die es ja wirklich gibt, haben wir uns in der Rezension zu „Brüder“ bereits geäußert, wir tun das hier nicht noch einmal. Deshalb zur -> Rezension für „Kopfgeld“.

Handlung

Hauptkommissar Nick Tschiller und sein Kollege Yalcin Gümer setzen ihren Kampf gegen die Hamburger Unterwelt fort.

Der kurdische Astan-Clan droht mit einem gigantischen Drogengeschäft die Macht zu übernehmen, obwohl Clan-Boss Firat Astan gemeinsam mit seinem querschnittgelähmten Bruder Ismal im Gefängnis sitzt.

Tschiller holt sich Enno Kromer, den verbitterten Drogenspezialisten des LKA, zu Hilfe, der seit Jahren vergeblich den Hamburger Drogensumpf trockenzulegen versucht. Unterstützung bekommt Nick auch durch Staatsanwältin Hanna Lennertz, mit der er eine Affäre begonnen hat, sowie von seiner Kollegin Ines Kallwey und von dem Kripo-Mann Holger Petretti.

Doch dann setzt Firat Astan ein hohes Kopfgeld auf Tschiller aus, durch das auch seine Ex-Frau Isabella und seine Tochter Lenny in Gefahr geraten.

Rezension

  • Es gab Zeiten, da wurde die Darstellung von Nationalitäten in der Form, wie sie in „Kopfgeld“ vorkommt, aufs Schärfste angeprangert. Von den Vertretern der Nationalitäten, was sich versteht, aber auch von wohlmeinenden Bürgern. Das wird bei „Kopfgeld“ kaum vorkommen, denn der Film ist einfach zu schlecht, als dass sich jemand durch ihn ernsthaft angegangen fühlen könnte. Schon nach der Ausstrahlung von „Brüder“ gab es keine Proteststürme, und dieser vorvorherige Tatort wirkt ja doch viel realistischer. Kein Fall für den „Giftschrank“ also, kein Meilenstein der Tatortgeschichte aufgrund nachfolgender politischer Auseinandersetzungen. Die einzigen, die echt Grund haben sich zu ärgern, sind Männer um 50, die keinen solchen Knackarsch mehr haben wie Till Schweiger. Sollten Schauspielerkollegen darunter sein: Es gibt Körperteildoubles und außer Quick Nick darf sowieso in Deutschland niemand mehr Sex im Film haben.
  • Die Frage, wer macht den besten Clan-Tatort, ist vorerst geklärt. Die Wiener waren lange Zeit bei dieser Art von Filmen, in denen alle per se und konkret gefährlichen Migranten-Nationen durchdekliniert wurden, weit vorne. Bis der relativ seriöse „Brüder“ aus Bremen kam und ein grelles Schlaglicht auf das warf, was man sich tatsächlich vorstellen kann – ohne den Eindruck zu erwecken, er differenziere nicht zwischen organisierter Kriminalität und den Ethnien im Allgemeinen. Okay, so überragend war die Differenzierung nicht, in der Pointierung und Übertreibung liegt die Veranschaulichung. Aber man hat doch überwiegend gute Charaktere geschaffen, die spannend und stimmig waren – erst zum Ende hin hat es mit der Psycho-Logik nicht mehr geklappt, als ein Aussteiger plötzlich Clanchef wurde.
  • So etwas kann man in „Kopfgeld“ nicht bestaunen und verwundert den Kopf schütteln, denn hier gibt es keine Figuren, die irgendwelche Wandlungen durchlaufen oder denen man irgendeinen Blödsinn nicht von vornherein zutrauen würde. Für Figurenzeichnung ist keine Zeit, sowas ist verstaubt und viel zu kompliziert. Der einzige schön gemachte Charakter ist Tschiller Co-Ermittler Yalcim Gümer (Fahri Yardim). Schweiger und die anderen wissen vielleicht gar nicht, was sie diesem Mann zu verdanken haben. Wir plädieren dafür, dass er die höchste Gage aller Beteiligten bekommt. Denn er ist die natürliche Identifikationsfigur für den Zuschauer. Nicht immer leicht verständlich mit seinem Kanakisch, aber witzig, schauspielerisch auf der Höhe und individuell ausgestaltet – zudem ist er innerlich moderat und klar im Kopf und der einzige, der ab und zu daran erinnert, dass wir es mit einem Polizeikrimi zu tun haben, und nicht mit einem Italo-Western oder einem amerikanischen Polizeikrimi, was fast das Gleiche ist (logisch, für ein Land, in dem der Bodycount, den Gewaltverbrechen fordern, pro Kopf der Bevölkerung etwa 6mal höher ist als in Deutschland und höher als in jedem anderen zivilisierten Land der Welt).
  • Genau dies ist der Grund, warum wir die hirnlosen Actionfilme den Amerikanern überlassen und weiter an der Reduzierung der Tötungsdelikte arbeiten sollten. Es ist eine ungeheure Errungenschaft unserer europäischen Kultur, dass Gewaltverbrechen mit Todesfolge – nein, sie verschwinden natürlich nicht, es gibt immer Menschen mit krimineller Energie –  so selten sind. Wir haben bei den Reaktionen auf „Kopfgeld“ mal wieder eine Stimme gelesen, welche die Todesstrafe für OK-Mitglieder morden. Genau das kommt dabei heraus, wenn man solche Filme macht: Der Appell an niederste Instinkte funktioniert.
  • Aber es muss doch gar nicht sein. Solange es einen Nick Tschiller gibt, der an einer Stelle mit einem zwielichtigen Doppelspiel-Polizistenkollegen bespricht, welche Gruppen von Feinden der gesellschaftlichen Mitte man in welcher Reihenfolge im Alleingang erledigen will, finden ja alle schon ihr gerechtes Ende, bevor sie überhaupt vor Gericht gestellt werden können. Strafe? Sanktionsmodelle archaischer oder moderner Prägung? Quatsch, die Dinge nehmen ihren natürlichen, vorzivilisatorischen Lauf, da müssen wir uns keine Sorgen machen und nicht so ein Gefühl von Unsicherheit kriegen wie neulich in Bremen.
  • Das Krude an „Kopfgeld“ ist, dass er suggerieren will, dass ein  härteres staatliches Vorgehen und ein paar Cops wie Iron Nick die Banden des Schreckens in ein paar Tagen ausrotten können, indem man sie aufeinander hetzt und den Rest höchstpersönlich umlegt. Der Bremer Tatort „Brüder“ hingegen hatte ein offen-negatives Ende, das uns klar macht, dass wir alle vielleicht tatsächlich etwas blauäugig sind oder waren. Die holzschnittartige Inszenierung von „Kopfgeld“ hingegen tut genau das, was billige Actionfilme tun: Sie fördert Aggressionen bei denjenigen, die eh so veranlagt sind, dass sie Konflikte nicht intellektuell lösen können, verhilft aber nicht zu Einsichten. Was der öffentlich rechtliche Rundfunk sich dabei denkt, sich auf das Niveau billigster Ballerspiele zu begeben, ist uns schleierhaft. Sie wollen wirklich die Privaten überholen und da sie das größere Budget haben, einzelne Filme betreffend, glauben sie, das sei so einfach. Das Dumme ist, dass die Hollywoodfilme nochmals ein vielfach höheres Budget haben und man den Unterschied bemerkt. Man kann mit den Mitteln des Tatorts keine Maßstäbe in Genres setzen, die dem Tatort fremd sind.
  • Wir würden ähnlich schreiben, vielleicht noch mehr verärgert, wenn sich ein Topschauspieler in einem solchen Konzept zur Verfügung stellen würde. Wir haben nicht generell etwas gegen Schweiger. „Keinohrhasen“ haben wir uns auf Wunsch Partnerin sogar im Kino angeschaut, also 2 Tickets bezahlt, um ein Schweiger-Vehikel angucken zu dürfen. Aber die Filme sind nicht gewaltverherrlichend, das ist für uns der große und entscheidende Unterschied.

Fazit

Es war schon irgendwie spannend. Wir sind nicht eingeschlafen, wie es und leider schon bei mehreren Tatorten passiert ist. Das pausenlose Geballere und Gehaue hat uns auf Trab gehalten. Nur: Das Gehirn hat irgendwann doch die Nachtruhe gesucht und gefunden und wir müssen es zum Schreien der Rezension erst wieder aufwecken. Die Emotionen tendierten gegen Null, wenn man von einer gewissen Empathie mit der geschundenen Staatsanwältin und dem Schmunzeln über den Gümer absieht.

Ein-Gesichtsausdruck-und-eine-Stimmlage-Nick allein hätte uns nicht wachgehalten, zumal wir frühzeitig erkannten, dass es dieses Mal wirklich sinnlos war, uns Logikfehler zu notieren, wie wir das bei ernsthaften Tatorten gerne mal tun, oder auch nette Details und Dialog-Goodies aufzuschreiben. Okay, es gab ein paar davon, aber dann auch wieder dieser Satz, in dem einem türkischen Clanchef ernsthaft vorgeworfen wird, er sein kulturlos. Vielleicht sollte es parodistisch gewesen sein, was wir eher nicht glauben. Und da wir es nicht glauben, konstatieren wir  unfreiwillige Komik – wie auch in verschiedenen Actionszenen mit Sieben-Leben-Nick.

Zum Glück gab’s in letzter Zeit auch einige sehr gute Tatorte, und das Format verträgt so viele Spielarten, dass man geneigt ist zu sagen, wer’s mag oder braucht, für den soll es um Himmels Willen auch einen Anti-Tatort wie die neue Hamburg-Schiene geben. Dass der NDR als hanseatische Traditions-Sendeanstalt sich der Prolls im Land annimmt, ist geradezu karitativ, denn jemand muss es ja tun, sonst bleiben die alle bei den Privaten hängen, wo sie nicht anschließend bei Günter Jauch einpennen dürfen, sondern sich die nächste Ballerserie angucken müssen – und eines Tages würden sie einen Flashmob gegen die Rundfunkgebühren machen.

Oder sie bringen den Kampf gegen die Rundfunkgebühren als politisches Programm bei einer rechtsradikalen Partei als neuen Programmpunkt unter und wer weiß, wie viele Stimmen solch eine Themenführerschaft einbrächte. Besser, der NDR beweist stellvertretend für alle ARD-Anstalten, dass sie, wie man schon in der Eingangsszene sieht, dem Hintern mehr Gewicht beimessen als dem Hirn. Wir haben auch was davon, wir können auch mal so richtig undifferenziert vom Leder ziehen. Und wir brauchen nicht so rumzufitzeln und uns zu fragen, wer sich ein Szenario wie dieses Kopfgeld auf einen Polizisten ausdenkt, den man genauso gut beim Einkaufen gehen oder Biken ins Jenseits befördern könnte.

Danke, NDR. Danke, Nick und alle anderen vom S-Clan, die sich hier schauspielerisch oder in sonstiger Funktion versucht haben.

„Willkommen in Hamburg“ hatten wir mit 5/10 bewertet, der normalerweise schlechtestmöglichen Stufe nach unserem üblichen Schema. Wir können das Schema aber auch mal verlassen: 4/10 für „Kopfgeld“.

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Nick Tschiller – Til Schweiger
Kommissar Yalcin Gümer – Fahri Yardim
Holger Petretti – Tim Wilde
Ines Kallwey – Britta Hammelstein
Enno Kromer – Ralph Herforth
Firat Astan – Erdal Yildiz
Lenny – Luna Schweiger
Isabella Schoppenroth – Stefanie Stappenbeck
Hanna Lennerz – Edita Malovcic
Rahid – Carlo Ljubek
Idris – Carlo Ljubek

Drehbuch – Christoph Darnstädt
Regie – Christian Alvart
Kamera – Jakub Bejnarowicz
Musik – Martin Todsharow

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