„AfD: Nur ein stummer Schrei nach Liebe?“ (Telepolis) – Kommentar

Kommentar 104

„Telepolis“ vom Heise-Verlag gehört zu meinen Lieblings-Informationsquellen. Die Einordnung fällt mir nicht so leicht: Ist dies noch ein Alternativmedium oder schon zu bekannt, vielgelesen und mit zu viel Bandbreite? Wie auch immer, oft sind die Beiträge substanziell, von hohem Informationswert. Aber selten sind sie so originell wie dieser Artikel über die AfD-Wählerschaft

Nun müssen Sozialforscher und Politprofis die AfD ausdeuten, das ist ihr Job. Und wer da etwas Neues und vollkommen anderes auf den Markt wirft, der kann mit Aufmerksamkeit rechnen. Wie auch der Beitrag selbst. 1648 Kommentare, Stand 12.10.2018, sind ein Wort oder auch sehr viele Worte und Meinungen. Unbedingt einige besonders heftig diskutierte Kommentare lesen, ist unsere Empfehlung.

Wie lässt sich der AfD-Wähler gemäß dem Beitrag von Telepolis charakterisieren?

  • „Der überproportional oft innerhalb der Wählerschaft der AfD anzutreffende Typus ist männlich, weiß, sexuell frustriert und unterdurchschnittlich intelligent. Er ist ein Mittelschichtsangehöriger, der seine soziale Stellung nicht wirklich erarbeitet, sondern aufgrund der hohen sozialen Schranken in der Bundesrepublik de facto vererbt hat. (Paradebeispiel dafür ist wiederum Sarrazin, der seine Karriere dem Segeln auf dem Parteiticket der SPD verdankt.) Deswegen fühlen sich AfD-Anhänger durch soziale Mobilität bedroht – und sie suchen infolgedessen in rassistischen oder kulturalistischen Überlegenheitsansprüchen oder Unvereinbarkeitsphantasien Zuflucht.“

Das ist die Zusammenfassung, der letzte Abschnitt des Artikels.

Das ist Satire, oder?

Ich fürchte, das ist ernst gemeint, daher auch die gewaltige Reaktion auf diesen Beitrag, der schon am 17. August 2018 erschien. Aber wir sind ja meistens sehr beschäftigt mit Aktuellem und haben ihn daher auf der Prioritätenliste nach hinten gesetzt. Wie immer er beschaffen sein mag, so schnell verändert sich der AfD-Wähler nicht, dass er nach zwei Monaten eine andere Grundstruktur aufweist.

Aber es ist geboten, nun ebenfalls ernst zu bleiben und auf eines möchte ich sofort hinweisen: Alles, was in diesen Studien offenbar aufgefasst wurde, beruht auf Selbstangaben der Teilnehmenden. Und das gilt auch für diese weitverbreitete Grafik mit dem IQ der Parteianhängerschaft. Ich mag sie aus naheliegenden Gründen, aber ich halte sie nicht für valide.

Die politische Einstellung ist immer etwas, mit dem man spielen kann, das sollten sich alle, die glauben, seriöse Studien aufgrund von Selbstangaben der Teilnehmer erstellen zu können, hinter die Ohren schreiben. Wer sagt mir zum Beispiel, dass die intelligenteren unter den AfD-Teilnehmern sich denken: Wer weiß, wozu diese Daten jetzt wieder verwendet werden, die ich hier freiwillig preisgebe und – schwupps, geben sie lieber die CDU als präferierte Partei an. Damit kann einem nicht viel passieren. Das ist jetzt nur eines von ganz vielen Beispielen, warum Selbstangaben immer schwierig sind.

Ein weiterer Kernpunkt ist die Fragestellung in solchen Studien, ich nehme hier ein Weiterzitat vor, das vom Ersteller der hauptsächlich in Bezug genommenen DIW-Studie stammt, die von der Uni Marburg erstellt wurde:

  • „Wer meint, dass Flüchtlinge Deutschland generell zu einem besseren Lebensort machen oder Deutschland kulturell bereichern, hat eine um ca. 80 Prozent verringerte Chance, die AfD zu unterstützen. Wer meint, dass Flüchtlinge gut für die Wirtschaft sind, hat eine um zwei Drittel niedrigere Chance. Wer sich Sorgen über Zuwanderung macht, hat sogar eine 4,6-fache Chance auf AfD-Sympathie. Damit sind Einstellungen zu Flüchtlingen und Ausländern der stärkste Einfluss auf die Unterstützung der AfD.“

Falls die hier wiedergegebene Diktion der Fragestellung entspricht, dann kann ich nur sagen – Manipulation ist alles, Fundierung nichts. Es ist vollkommen klar, dass jemand, der eine Formulierung unterstützt wie „generell besserer Lebensort“ nicht die AfD wählen wird. Denn wer so denkt, pauschalisiert genauso wie Rassisten in der anderen Richtung und gehört vermutlich zur No-Borders-Fraktion. Meine Ansicht ist: a.) Es kommt auf die Einzelperson an, gleich welcher Herkunft sie ist. b.) Menschen, die tatsächliche Fluchtgeschichten aufweisen und Krieg und Terror überlebt haben, sind erst einmal traumatisiert und müssen häufig intensiv betreut werden.

Ob sie eine Bereicherung darstellen, hängt davon ab, wie sie am Ende dabei herauskommen und ob ihre Hintergründe mehr die kulturelle Vielfalt stärken oder ob sich negative Voraussetzungen in den Vordergrund schieben, ob ihre Erfahrungen und ihre Sozialisierung unter schwierigen Umständen es erlauben, hier tatsächlich Wurzeln zu schlagen und – das zielt nun auf die ökonomisierende Betrachtung, dass Geflüchtete gut für die Wirtschaft sind – ob sie sich an die hohe Taktung des Wirtschaftslebens gewöhnen können, ob es genug Arbeitsplätze gibt, die ihnen den Einstieg erleichtern können und von vielen anderen Faktoren.

Ergebnis: Ich unterstütze nicht diese Pauschalisierung, also habe ich ein höheres Risiko AfD zu wählen bzw. kein verringertes Risiko. Ich mache mir sogar Sorgen darüber, ob das alles funktionieren kann, was vor allem im Herbst 2015 an Tatsachen geschaffen wurde – insbesondere dann, wenn der Wirtschaftsmotor ins Stocken kommen sollte – und damit bin ich nach obiger Formulierung schon quasi fest für die AfD gebucht.  Der Fluchtbegriff selbst wird hier ebenfalls nicht genauer angeschaut.

Fazit zu diesem Teil: Wer sich überhaupt noch traut, über Folgen von irgendetwas nachzudenken und dem daraus auch eine gewisse Besorgnis erwachsen könnte, ist unbedingt gefährdet, AfD zu wählen, unabhängig davon, ob ihm gerade diese Nachdenklichkeit es vielleicht verbietet, nach rechts auszugreifen.

Klar ist jemand, der komplett blauäugig ist, nicht so gefährdet, überhaupt politisch zu denken und schwimmt einfach irgendwo im Mainstream mit, aber jede Art von dezidierter Haltung birgt immer die Gefahr, dass man ausschert und anfängt, systemkritisch zu werden. Und ich fürchte, darauf zielt die Studie auch: Dass jede Kritik mit AfD-Nähe gleichgesetzt werden soll.

Zurück zum Problem der Selbstangaben – dass die AfD-Wähler sogar materiell überdurchschnittlich aufgestellt sind, stimmt also auch nicht?

Man merkt, dass Studienersteller ihr Leben hauptsächlich im Elfenbeinturm verbringen – oder sie haben Gründe für ihre Darstellungen. Im Ernst: Die AfD-Wähler sollen ein weit überdurchschnittliches Einkommensprofil haben? Es gibt in der Tat weitere Studien, die belegen, dass sie finaniell (nicht sozial) eher aufgestellt sind wie Unionsanhänger, besser als Anhänger der LINKEn und der SPD, weniger gut als Anhänger der Grünen und der FDP. Aber kann es vielleicht auch sein, dass AfD-Anhänger, in Studien wie der vorliegenden befragt, ökonomisch ein bisschen aufschneiden, weil das Materielle bei ihnen eine wichtigere Rolle spielt als z. B. bei vielen Menschen in meiner Partei? Und die AfD-Anhänger sollen wirklich aus dem Mittelstand und sogar aus dem gehobenen Mittelstand und sogar aus der Oberschicht stammen? Überwiegend? Weil sie diesen Stallgeruch haben, den Habitus, die Herkunft?

Ich weiß nicht, welchen Hintergrund die Studienersteller aufweisen, die ja wohl auch zu den Privilegierten gehören und vermutlich nicht die AfD wählen, aber der Kern der AfD-Wähler, der gehört kaum zu den Menschen mit gehobenem mittelständischen Hintergrund. Das mag für deren Politiker teilweise gelten, die erste AfD-Riege weist einen hohen Akademisierungsgrad auf, aber das ist eben die Führungsschicht.

Der normale AfD-Wähler ist kein typischer oberer Mittelständler.  Ich keine Studien durchzuackern, über deren Methodik ich mich sowieso nur ärgern würde um das schriftlich kundzutun. Dass ich Zweifel an der Metodik hätte, vermute ich aus dem, was Telepolis zitiert oder erwähnt hat. Wenn jemand meint, ich peile jetzt zu viel mit dem Daumen, gehe ich aber gerne mehr in medias res und tue mir dieses Ding doch an und dann natürlich noch weitere Studien, die aber alle falsch sind, wie wir nach diesem DIW-Meisterstück nun auch wissen.

Was ist nun mit der sexuellen Frustration?

Das ist das Krasseste von allem. Der Grüne ist generell sexuell zufrieden, deshalb hat er kein Problem mit dem Zugang von Millionen junger Männer, weil er eh in einer Blase sitzt, zu denen diese jungen Männer keinen Zugang bekommen und daher auch nicht an die Frauen in dieser Blase herankommen werden. Der AfD-ler hingegen, getäuscht, enttäuscht, betrogen, unempathisch, ständig im Kampf mit Neubürgern um die wenigen Frauen, die genauso veranlagt sind – ich muss wegen der Bilder, die da in meinem Kopf entstehen, gerade so lachen, sorry.

Und das alles, was da als Studie verkauft wird, wurde anhand der Auswertung eines Dating-Portals ermittelt, natürlich wieder mit Selbstangaben. Respekt, Respekt.

a.) Ich halte alle Angaben über die sexuelle Frustration, die jemand abgibt, für überprüfungsbedürftig. Und auf dem Gebiet habe ich eher die mehr links tickenden Menschen im Verdacht, dass sie ein bisschen übertreiben, weil es ja zum linkskulturellen Selbstbild gehört, sexuell befreit aufgewachsen zu sein, kommunikativ und empathiemäßig so richtig Bescheid zu wissen und daher sexuell erfüllt zu sein.

Wenn man wirklich Feldforschung auf diesem Gebiet betreiben wollte, müsste man viele, viele Gegencheck-Fragen aufbauen, deren Sinn für die Probanden nicht immer sofort zu erkennen ist und nicht auf Selbstangaben einfachster Art in einem Datingportal zurückgreifen. Ich kenne den wissenschaftlichen Ausdruck für diese Art Fragen nicht, aber wenn es dazu kommen sollte, dass ich mich auch noch damit befassen muss, weil jeden Tag neue Studien gehypt werden, dann wird’s wirklich schwierig – auch für mich selbst, weil sich meine Wahrnehmung vermutlich noch weiter vom Glauben an irgendetwas entfernen wird, was nicht absolut sicher mit Fakten belegbar ist, die man nicht manipulieren kann und die auf einer zweifelsfrei vollständigen Erfassung beruhen.

Aber sind denn alle Rückschlüsse in dem Beitrag falsch?

Ich finde es interessant, dass die angeblich weniger Empathischen eher den Mut haben zuzugeben, dass sie über irgendwas frustriert sind oder sich Sorgen machen. Nach meiner Ansicht beweist die vorliegende und von Telepolis mit einer in der Tat  parodistisch anmutenden Ernsthaftigkeit resümierten Studie nichts. Sie gibt Tendenzen vermutlich nicht vollkommen falsch wieder, aber sie hat wohl eher das herausgefunden, was nach der Prämisse herausgefunden werden sollte, ist also nicht ergebnisoffen an den AfD-Wähler herangegangen. Immer noch beinahe unfasslich ist für mich aber diese Ausschließlichkeit, mit der hier gearbeitet wird.

Natürlich gibt es unter den AfD-Wählern viele Rassisten, das weiß aber auch jeder, deswegen muss es nicht so dargestellt werden, als würde die Mehrheit glatt das Gegenteil behaupten.

Leider auch hier wieder der Verdacht: Alle, die versuchen, die AfD-Wählerschaft nicht als Monoblock zu sehen, sollen in der Diskussion in die Ecke gestellt werden. Die Wahrheit ist, wie meist, vermutlich in der Mitte angesiedelt. Es gibt viele Rassisten in der AfD, die man auch nicht mit sozialen Angeboten von dort weglocken kann, es gibt aber auch Menschen, die sich a.) rein ökonomisch und b.) soziokulturell-ökonomisch abgehängt fühlen und davon gibt es im Osten eben mehr als im Westen, um dieses Ding auch noch kurz zu erwähnen.

Die meisten Hartz IV-Empfänger werden wohl eher DIE LINKE wählen, das hat damit zu tun, dass sie als einzige Partei klar für die Abschaffung dieses Systems eintritt. Aber im Bereich der einfachen Arbeiter / Dienstleister und der von mir schon einmal als vermutliche Hauptwählergruppe der AfD benannten Handwerksberufe, da sieht es gewiss anders aus. Nur zählen diese Menschen gerade nicht zum herkunftsmäßig hervorgehobenen Mittelstand, der das Etikett „bildungsnahes Milieu“ schon bei der Geburt umgehängt bekam.

Dass da etwas nicht stimmen kann, hat man bei Telepolis erkannt und versucht, es mit einem wirklich steilen Argument zu widerlegen: Die Hochgestellten, die ja formal meist auch höher gebildet sind, haben bei weitem nicht den höchsten IQ, weil die Stellung status- und ständemäßig tradiert wird und weil sich Bildung notabene nicht auf die Entwicklung der Intelligenz auswirkt – und deswegen wählen sie AfD. Ich muss schon wieder lachen. Was macht mich eigentlich so heiter? Wir wissen doch im Grunde immer noch nicht mehr über den AfD-Wähler an sich und das ist betrüblich.

Ein interessanter Aspekt ist die soziale Immobilität, aber auch die müsste man sich mal genauer anschauen und das ist ein anderes Thema.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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