Schlangengrube – Tatort 1060 / Crimetime 100 // #Tatort #TatortMünster #Münster #Thiel #Boerne #Schlangengrube #Tatort1060 #WDR

Crimetime 100 - Titelfotos © WDR, Thomas Kost

Sandy, oh Sandy!

Dass ein Münster-Tatort die Jubiläums-Rezension „100“ in der Rubrik „Crimetime“ bekommt, war ein ehrlicher Zufall oder auch Zufall, ehrlich. Thiel, Boerne & Co. gehörte ja schon die 99 („Der Fluch der Mumie„), aber es ist nun einmal so, dass heute Abend schon wieder ein Münster-Tatort wiederholt wird, zu dem es hier noch keine Kritik gab, also nun die 100. Aber das ist vollkommen okay.

Was hat uns dieses Team schon Freude bereitet, vor allem in den ersten Jahren. Die Fans der Reihe lieben diese Typen wie sonst keine im weiten Tatortland, wenn man die Zuschauerquoten als Maßstab nimmt. Im Jahr 2002 begann es mit „Der dunkle Fleckt“ (Tatort 511) und es fiel kaum auf, dass der Münster-Tatort im Jahr 2017 schon sein 15jähriges Jubiläum feierte. Seit Jahren aber weisen wir schon darauf hin, dass sich diese Art von Humor nicht ewig frisch halten lässt, weil die Gags sich irgendwann erschöpen – kann ein mal ganz anderes Setting die Lösung sein? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Mit ihrer Nachbarin Wilhelmine Klemm lag das Todesopfer im Dauerclinch. Doch könnte die renommierte Münsteraner Staatsanwältin tatsächlich etwas mit dem Tod der schwer kranken Patrizia Merkens zu tun haben? Wilhelmine Klemms Widersacherin im Amt, die Staatsanwältin Ungewitter, mag das nicht ausschließen. Und so ermitteln die Kommissare Frank Thiel und Nadeshda Krusenstern in alle Richtungen. Ihre Spurensuche führt sie unter anderem in den Zoo. Hier war die – dem Vernehmen nach – menschenscheue Patrizia Merkens offensichtlich Dauergast.

Den Rechtsmediziner Prof. Boerne hat derweil das Kochfieber befallen, denn kein Geringerer als der Gourmet und Medienproduzent Dr. Stockmann gibt dem Rechtsmediziner die Chance zu einer Zweitkarriere als Fernsehkoch. Woran Patrizia Merkens tatsächlich starb, bedarf unterdessen einer letzten toxikologischen Untersuchung.

Rezension

Die Münster-Tatorte sind nicht mehr das, was sie waren, in ihrer Blütephase um 2005 herum. Und Thiel und Boerne gehören schon zum alten Eisen unter den Ermittlern, wie man auch immer deutlicher sieht. Die gute Nachricht: Es ist noch nicht so schlimm, dass man ihre Rollenprofile überarbeiten müsste – wobei „altersangemessen“ ja heute genauso in Auflösung ist wie viele andere Begriffe. Deswegen muss man sich auch nicht um die Würde Gedanken machen, wenn K.-F. Boerne eine Karriere mit skurriler Haute Cuisine machen oder Frank Thiel mit seinem Vater, der glücklicherweise immer noch Rad fahren kann, nach Amsterdam will, um einen durchzuziehen.

Diese Mischung aus Spannung, Klamauk und Hintergründigem, welche die besten Tatorte aus Münster auszeichnete, hat Schlangengrube nicht erreicht – vor allem, weil das Element Spannung nicht sehr ausgeprägt ist. Die Gags sind hingegen viel besser als bei manchem Fall der letzten Jahre.

Münsters Macher bemühen sich zwar immer wieder um originelle Milieus und klappern dabei vor allem Boernes Beziehungsnetz ab, das sich über alle gesellschaftlichen Cluster der Stadt hinweg erstreckt. Aber der Allwetterzoo Münster, den es selbstverständlich in der Realität gibt, ist doch etwas anders als alles bisher. Die Tiere sind nicht nur Staffage, sondern spielen eine sehr wichtige Rolle und die Pinguindame Sandy, die schon einige Fernsehauftritte hinter sich hat, darf als gefährdetes Wesen die Zuschauer emotionalisieren.

Nun hält sich der Thrill also in Grenzen und das Motiv für den Tierdiebstahl und die Tötung mancher den Zoo bewohnenden oder ihn liebenden und unterstützenden Person ist am Ende ziemlich absurd – denkt man. In der ausführlichen Beschreibung des Falles auf der Plattform „Tatort-Fundus“ wird sehr betont, wie gut recherchiert der Fall ist und dass es sowas tatsächlich gegeben hat. In China, aber letztlich ist das gleichgültig.

Alles, was sich im zoologischen, im chemisch-biologischen Bereich usw. abspielt, scheint also einer näheren Untersuchung standzuhalten und vor diesem Hintergrund wirkt auch der Plot nicht so unlogisch wie viele andere der letzten Zeit, die viel ernster daherkamen, aber vor allem psychologisch und auch vom Ablauf große Fragen an den erfahrenen Tatort-Gucker stellten und nicht beantworteten.

Wie in „Schlangengrube“ alle kollaborieren, um letztlich dem Zoo zu helfen, indem sie einzelne Tiere dem Tod preisgeben, das ist auch – siehe wieder die obige Beschreibung – die Hintergründigkeit, die einigen Tatorten der Münster-Schiene gefehlt hat. Satirisch sind sie ja mehr oder weniger alle, aber hier geht es um das Rechtsgut Leben einerseits, das, wie wir wissen, im Grunde keine quantitative Abwägung erfahren darf.

Virulent wurde das Thema nach 9/11 – Darf man ein Flugzeug mit 150 Menschen an Bord abschießen, um den Tod von möglicherweise Tausenden zu verhindern? So wird hier Arterhaltung gegen Individualtod ausgespielt. Und der Fundus vergisst nicht, darauf hinzuweisen, dass Menschen, die möglicherweise beim Messertod des Pinguins im Zoo Menschen in Ohnmacht fallen und / oder sich beim WDR beschweren, die seelenruhig zusehen, wie täglich der Krieg tobt und Tausende von Menschen umkommen. Ein wenig in diese Richtung des den Tieren zu- und den Menschen abgewandten Wesens geht die erste Tote im Fall, die dem Zoo auch ihr Vermögen vermacht.

Ich meine aber, dieser Einwand ist nicht besonders sinnvoll. Es ist psychologisch verständlich und eine Form von Selbstschutz, dass Menschen sich a.) mehr für Dinge interessieren, die in ihrer Nähe geschehen und b.) haben Tiere nun einmal den Vorteil, dass sie, wenn sie töten, das immer strikt an der Selbsterhaltung orientiert tun und nicht, wie Menschen, aus reiner Lust etc. und natürlich, dass sie als Freunde nur Freunde sind und wenn sie Ärger machen, kann man ihnen keine böse Absicht unterstellen.

Tiere zu sehr zu vermenschlichen und ihnen einen besseren Charakter zu unterstellen, ist sicher ebenfalls keine gute Idee, schon um der Tiere willen. Und wie sind Zoos generell zu bewerten, auch wenn sie heute eine viel artgerechtere Haltung anbieten als früher? Großtiere können in den hierzulande zwangsläufig räumlich eng begrenzten Freigehegen sowieso nicht artgerecht gehalten werden – und ist es in ihren Genen, wenn sie hier geboren wurden, dass ihre Vorfahren einst die weite Savanne oder den geheimnisvollen Dschungel erkunden durften?

Natürlich gibt es einen Seitenhieb auf den Snobismus der Gourmets, der wiederum sehr tiefsinnig im Zusammenhang mit dem elementaren Leben im Zoo und den Tieren steht. Somit ergibt sich ein neuer Zusammenhang für einen Boerne-Standard. Der ist mit nichts anderem so häufig aufgezogen worden wie mit seiner Vorliebe für gute Weine und gute Gerichte. Auch einen Film, in dem er als  Hobbykoch versuchte, zu Ruhm zu gelangen, gab es vorher schon, wenn ich’s richtig in Erinnnerung habe. Hier verbinden sich aber Zoo, elitäre Welt der feinen Kost und Rechtsmedizin und heraus kommt dann etwa Folgendes:

„Mumie im Moor“,
„Übertötetes Rinderfilet nach Art des Axtmörders“,
„Dialog von Kriminalistik und Rechtsmedizin“.

Was mir am Tatort 1060 besonders gefallen hat, war das Lockere. Die Dialoge sind nicht immer ungekünstelt, vor allem Thiel wirkt manchmal etwas angestrengt und Boerne stellenweise zu statuarisch, aber das Ensemble spielt mit einer Mischung aus Freude und Sendungsbewusstsein, die Erhaltung und Vergrößerung des Erbes der Münster-Tatorte betreffend und manche Szenen sind auch über das heute allgemein gute Visuelle der Tatorte hinaus wunderbar gemacht. Das Highlight ist dabei wohl die Verfolgungsszene im Tempel des Medienzars, in der Sequenz wiederum jene Momente, die von außerhalb des Gebäudes gefilmt sind. Auch die Radfahrt von Thiel und Boerne ist nett, beide telefonieren verbotenerweise und in gemeinsamer Bewegung ist ihre harmonische Disharmonie sowieso besonders grandios.

Zur Atmosphäre trägt bei, dass viele Dialoge kleine Alltagsenden oder -einsprengsel haben; mehr schon wirken sie wie in den Raum geworfen und manchmal, als würde mittendrin geschnitten, ohne dass man aber den Eindruck hat, es fehlt etwas Wichtiges.

Die professionellen Vorab-Kritiken waren teilweise nicht sehr begeistert von „Schlangengrube“, die Schauspieler und wohl vor allem die Macher seien „besoffen von ihrer eigenen Witzigkeit“ und dergleichen. Aber auch hier bin ich eher auf der Seite des Rezensenten im Tatort-Fundus, dem ich die oben erwähnten Fakten verdanke: Die Charaktere nerven nicht, sind trotz ihrer sehr leichthändigen Skizzierung auch nicht zu platt. Man bei wird „Schlangengrube“ eingeladen mitzudenken über Tier und Mensch, jedoch nicht pädagogisch gezwiebelt. Und je mehr man über die Handlung nachdenkt, desto weniger Fehler findet man, das ist auch nicht so häufig.

Finale

„Schlangengrube“ hat viel Flair und die Figuren machen Spaß, das zeichnet den Film aus – ein Thriller ist er vor allem für Tierfreunde, nicht so sehr für den Genrefan, dazu sind die Morde und das gesamte Szenario nicht atemraubend genug.

Habe ich schon erwähnt, dass ichStaatsanwältin Wilhelmine Klemm nicht mehr mag, seit sie sich als Katzenhasserin geoutet hat?

8/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Kommissarin Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Rechtsmedizinerin Silke „Alberich“ Haller – ChrisTine Urspruch
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Taxifahrer Herbert „Vaddern“ Thiel – Claus D. Clausnitzer
Staatsanwältin Ungewitter – Tessa Mittelstaedt
Dr. Schönweis, Zoodirektor – Felix Vörtler
Dr. Richard Stockmann – Robert Hunger-Bühler
Dr. Gremlich, Tierarzt – Dirk Martens
Henry Schlör, Filmemacher – Thomas Arnold
Henny Neubert, Tierpflegerin – Julischka Eichel
Patrizia Merkens, Nachbarin von Klemm – Lilia Lehner
Ben Frommer, Zweiradmechanikerin – Charlotte Bohning
Herr Dorr, Metzgermeister – Pablo Ben-Yakov
Frau Baer, Nachbarin von Klemm – Stephanie Kämmer
u.a.

Drehbuch – Stefan Cantz, Jan Hinter
Regie – Samira Radsi
Kamera – Stefan Unterberger
Schnitt – Andrea Wimmer
Szenenbild – Frank Polosek
Ton – Wolfgang Wirtz, Hadon Install
Musik – Olaf Didolff

 

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