„Der Unsinn von der ‚Enteignung der Kleinsparer'“ (Axel Troost)

2018-06-24 MedienspiegelMedienspiegel 87 / Wirtschaft

Der Wirtschaftswissenschaftler und frühere Bundestagsabgeordnete von DIE LINKE Axel Troost legt in einem Beitrag auf seinem eigenen Blog dar, warum sich die Deutschen mal nicht so über die Niedrigzinspolitik der EZB aufregen sollen, die Enteignung der Kleinsparer, die allgemein moniert wird, sei vernachlässigbar und haben auch zu anderen Zeiten immer stattgefunden.

Wie immer, wenn wir erstmals einen Beitrag von einer bestimmten Person erwähnen, kurz etwas zu ebenjener Person – im Rahmen des Features „Medienspiegel“ aber hier nur als Link. Zweifellos gehört Troost zu den bekanntere Namen unter den wenigen Politiker_innen der LINKEN mit ausgewiesener Wirtschaftskompetenz. Auf seinen Beitrag bin ich gestoßen, weil der heutige OXI-Newsletter auf  zwei Broschüren zum Zustand der EU  hinwies, von denen er eine mitverfasst hat („Wohin treibt Europa„).

Stimmt es, dass die realen Sparzinsen immer schon negativ waren, wie Troost behauptet?

Ich habe hier ein Diagramm von „Statista“ verlinkt, in dem zwar nur die durchschnittlichen nominalen Sparzinsen von 1975 bis 2016 angegeben sind, aber wenn man davon die Inflationsraten der ausgewiesenen Jahre abzieht, wird man in den meisten Jahren in der Tat auf einen negativen Realzins kommen. Im Prinzip ist das sogar logisch, denn die Banken wollen an Bankeinlagen verdienen und nicht Geld verlieren. Sparen ohne Transformation des Geldes in besser rentierende Anlagen war also zumindest währen der zurückliegenden 40 Jahre ein Verlustgeschäft. Anders als Aktien, trotz aller Schwankungen und gemessen an den Entwicklungen der wichtigsten Indizes.

Also hat Troost Recht, da brauchen wir ja nicht viel zu kommentieren. Und der deutsche Staat spart enorm an Schuldzinsen, das sei noch erwähnt.

Auch das stimmt freilich. Dummerweise ist das nicht die ganze Rechnung. Das ist auch das Problem an solchen Verkürzungen, wie Troost sie hier vornimmt. Sein Beitrag liest sich wie ein Plädoyer für die Niedrigzinspolitik der EZB, obwohl wichtige Aspekte ganz außen vor bleiben.

Ich kenne noch nicht viel von Troost, aber ich bin mir ziemlich sicher, auch er ist ein „Export-Basher“- wie einige andere Volkswirte mit neolinkskeynsianischer Ausrichtung, die mit der historischen Entstehung der deutschen Exportwirtschaft nicht so viel am  Hut haben und sich nicht groß Gedanken darüber machen, wie das Wirtschafts- und Sozialbild hierzulande aussehen würde, wenn diese einfach mal wegfiele.

Dass allerdings ebenjene Niedrigzinspolitik der EZB den Euro ebenfalls niedrig hält, deutsche Exporte damit vergleichsweise billig und Importe verteuert, trägt unzweifelhaft nicht dazu bei, dass das deutsche Leistungsbilanzplus sich verringert.

Für mich eine genauso wichtige Auslassung, wenn nicht sogar die wichtigere: Dass die Niedrigzinspolitik zur Immobilienblase ihren Teil beisteuert, weil das Kapital, das von der EZB großzügig geschaffen wird, eben nicht, wie Troost richtig beschreibt, in industrielle Investitionen, sondern hauptsächlich in Sachwerte fließt. Es gibt viele Anleger, die nicht einfach Rendite-Haie sind und die nicht ausschließlich auf dem riskanten Aktienmarkt tätig sein dürfen.

Die Immobilienblase ist sehr wohl eine Enteignung der Mehrheit, weil sie immer mehr Anteile von deren Einkommen in die Hände der Vermieter fließen lässt, die ihrerseits wiederum geringere Renditen erzielen als dies früher der Fall gewesen wäre,  wenn sie Immobilien erst in den letzten Jahren erworben haben – weil die Kaufpreise noch stärker steigen als die Mieten. Es handelt sich um den gleichen Effekt, der in Südeuropa nach der Einführung des Euro zu beobachten war: Die plötzlich viel niedrigeren Zinsen führten zu einem Bauboom, dazu, dass immer mehr Menschen sich immer höher verschuldeten.

Insbesondere die vielen Immobilien-Alteigentümer, die oft sehr wohlhabend sind, profitieren enorm von dieser Entwicklung, denn zu den höheren Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung kommt ja noch die Wertsteigerung ihrer Immobilien, die sie einst viel günstiger erworben oder ererbt haben.

Das heißt, die Niedrigszinspolitik ist in Deutschland sehr wohl die Ungleichheit verstärkende Wirkungen hat und zudem ist sie gefährlich: Die nächsten Krisenerscheinungen können diese Immobilienblase platzen lassen und dann werden auch eher konservative Banken Schwierigkeiten bekommen.

Die Banken, die jetzt Kredite zu sehr günstigen Konditionen vergeben, hätten ein weiteres Problem, wenn sie sich selbst wesentlich teurer refinanzieren müssten – und die Politik weiß das und wird deshalb den eingeschlagenen Holzweg nicht verlassen, sofern nicht etwas Außergewöhnliches geschieht. Ganz schlechte Nachricht für die Mieter: Der Druck von der Straße wird gigantisch sein müssen, wenn sich wirklich etwas an der EZB-Niedrigzinspolitik ändern soll.

TH

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