Seenot – Tatort 692 / Crimetime 102 // #Tatort #Konstanz #Blum #Perlmann #Seenot #TatortSeenot #Tatort 692 #Flückiger #StefanGubser #EvaMattes

Crimetime 102 - Titelfoto © SWR / Hollenbach

Dieses Kind kommt mehr nach mir als nach dem Vater

Dass es auf dem Bodensee einmal zur Seenot kommen könte, versteht sich von selbst. Diesen Tatort haben wir nicht bei unseren Rezensionen gefunden, also gehen wir davon aus, dass wir ihn noch nicht kennen. Ganz sicher ist das ja nie, trotz des negativen Rechereche-Ergebnisses, denn es könnte ja mal wegen der Schreibweise oder warum auch immer eine Rezension in einem unserer beiden Archive schlummern, ohne durch Suchanfragen aufgeweckt zu werden.

Außerdem lesen sich die Handlungsbeschreibungen bei den Konstanzer Tatorten häufig sehr ähnlich, weil dort selten auf spektakuläre Geschnisse mit hohem Wiederkennungswert, hingegen häufig auf persönliche Dramen gesetzt wurde, die aber, wenn sie von Klara Blum angeschaut werden, ihren eigenen Reiz aufweisen. Mittlerweile ist die Konstanz-Schiene des SWR Geschichte und damit auch Blum und ihr Perlmann. Schade eigentlich. Umso schöner, wenn es doch hin und wieder zu einer persönlichen Premiere kommt. Die Rangliste des Tatort-Fundus weist den Film auf Rang 9 von 33 Blum-Fällen aus, das ist recht beachtlich und wir freuen uns auf heute Abend: Wie sah Reto Flückiger vor zehn Jahren aus? / TH

Handlung

Nachdem Klara Blum einen nächtlichen Seenotruf auf dem Bodensee miterlebt und am nächsten Tag auf eine herrenlose Yacht stößt, wird ihr schnell klar, dass dies mit dem Verschwinden des Schweizer Werfteigners Urs Stähli in Zusammenhang steht. Bei ihren Ermittlungen gerät sie bald in Kontakt mit ihrem Kollegen Reto Flückinger von der Schweizer Seepolizei. Klara und Perlmann ermitteln gemeinsam mit Reto im Umfeld des inzwischen tot aufgefundenen Stähli.

Der charmante Schweizer Kollege weckt durchaus Klaras Interesse, doch schon bald scheint ihr, als habe Reto etwas zu verbergen. Dessen junger Kollege Marcel Steiner ist fest davon überzeugt, dass der tote Werftbesitzer an Schmuggel- und Geldwäschegeschäften beteiligt war, doch Marcel selbst scheint auch nicht ganz unbefangen und ist schon früher mit Stähli aneinander geraten.

Aus der Vorschau

„Dass es auf dem Bodensee einmal zur Seenot kommen könte, versteht sich von selbst. Diesen Tatort haben wir nicht bei unseren Rezensionen gefunden, also gehen ich davon aus, dass ich ihn noch nicht kenne. Ganz sicher ist das ja nie, trotz des negativen Rechereche-Ergebnisses (…).

Außerdem lesen sich die Handlungsbeschreibungen bei den Konstanzer Tatorten häufig sehr ähnlich, weil dort selten auf spektakuläre Geschnisse mit hohem Wiederkennungswert, hingegen häufig auf persönliche Dramen gesetzt wurde, die aber, wenn sie von Klara Blum angeschaut werden, ihren eigenen Reiz aufweisen. Mittlerweile ist die Konstanz-Schiene des SWR Geschichte und damit auch Blum und ihr Perlmann. Schade eigentlich. Umso schöner, wenn es doch hin und wieder zu einer persönlichen Premiere kommt. Die Rangliste des Tatort-Fundus weist den Film auf Rang 9 von 33 Blum-Fällen aus, das ist recht beachtlich und wir freuen uns auf heute Abend: Wie sah Reto Flückiger vor zehn Jahren aus?“

Rezension

Nicht so grauhaarig, aber ansonsten doch ähnlich. Und in diesem Film lernen sie sich also kennen, Klara und der Schweizer Bodenseepolizist. Natürlich ist er ein Guter, sonst dürfte er ja heute nicht in Luzern ermitteln. Aber er deckt einen jungen Kollegen, bei dem er die Vaterrolle übernommen hat, nachdem die Eltern ums Leben kamen. Und die Drogen spielten dabei eine Rolle und der Junge, der bei einem Ersatzvater wie Reto und bei der Biografie nur Polizist werden konnte und nichts anderes. Kein Wunder, dass Klara da schwach wird und am Ende unterhakt oder so mit Reto in den Sonneununtergang geht. Oder war es gar nicht der Sonnenuntergang und ich verwechsle die Szene mit der auf dem Titelfoto? Nein, es ist Absicht.

Und ich meine, den Film doch schon einmal gesehen zu haben, vermutlich vor dem Start des „alten“ Wahlberliners im Jahr 2011, wenn ich nicht auf eine Kritik dazu gestoßen bin. Schön ist das Preschen oder Schäumen der Boote durchs Seewasser, so eine ruhige Form von Dynamik. Klara Blum habe ich in anderen Tatorten stärker gesehen, ihr Perlmann wirkt ja immer ein wenig gequält oder genervt oder wie immer der richtige Ausdruck für seinen Ausdruck lauten mag. Der Beginn von „Seenot“ ist gemächlich, das Ende spannender, aber nicht sehr glaubwürdig. Man kann es generell als überzogen empfinden, wie häufig Ermittler_innen in die Hände von Delinquenten geraten, auch Klara Blum selbst ist das ja mal passiert, aber hier liegt es an den Rollen. Man nimmt es der Frau Strähli nicht so recht ab, wie sie ihren Lover antreibt und dann plötzlich einknickt, weil Blum sie daran erinnert, dass sie ein kleines Kind hat. Sie muss auf jeden Fall für mehrere Jahre ins Gefängnis und danach weiß das Baby nicht mehr, wer sie ist, weil es in eine Pflegefamilie kommen oder adoptiert werden wird. Diese Szenen, in denen mehrere Menschen mit Waffen aufeinander oder in Kette anlegen (Frau Strähli auf Perlmann, Klara Blum auf Frau Strähli) sind schwierig zu filmen und ich fand das hier nicht gut umgesetzt. Geht mir aber meistens so, weil in diesen Momenten oft die bisher manchmal sorgsam entwickelte Psychologie der Figuren über den Haufen geworfen wird.

Allerdings kommt das Wesen der Verdächtigen bzw. Täter im Todesfall Strähli hier ohnehin wenig zur Geltung, weil die Konzentration eindeutig auf dem Verhältnis der vier Polizisten zueinander liegt, der beiden Deutschen und der beiden Schweizer. Da sowohl Eva Mattes als auch Stefan Gubser ihre Parts allgemein ziemlich dezent spielen, wirken einig Szenen ein bisschen zu sehr hochgedreht. Hingegen lernt man leider den Grund für Perlmanns Besäufnis zu Beginn nicht kennen und kann so nicht beurteilen, ob der Grund hinreichend war.

Dass der Bodensee gut geeignet ist für Drogen- und Drogengeldtransporte, wissen wir jetzt auch, es gab auch einen Bodenseetatort, da wurde geradezu unpassenderweise der Landweg für Schmuggelei verwendet. Ob das ein gesellschaftkritisch gemeintes Thema sein sollte, ist nicht so leicht auszumachen wie bei jenem Landschmuggel-Tatort, in den ja wirklich die unterbezahlten einfachen Polizisten verwickelt waren. Es wird halt überall viel Geld verschoben, mehr kann man bei „Seenot“ im Grunde nicht festhalten, und das Drogenbusiness, nun ja, das gibt es, weil eben einige Drogen unverständlicherweise illegal sind und andere nicht, sonst könnte man sich keine Jachten damit finanzieren, die Millionen kosten und die Strählis hätten keine so große Werft und kein schickes Haus. Wie viele, die man in Berlin rumklotzen sieht, hätten gar nichts, ohne das Drogenbusiness?

Fazit

Ich mag die Bodensee-Tatorte und Klara Blum generell recht gerne, aber von „Seenot“ war ich ein wenig enttäuscht, weil er zu den besseren der Blum-Reihe gerechnt wird, vom Amateur-Fachpublikum, das sich im Tatort-Fundus äußert. Vielleicht ist im Moment aber auch so eine Phase, in der es mir nicht nur, und das merke ich sehr wohl, schwerer fällt als früher, über Film und Fernsehen zu schreiben, whatever the reason may be, jedenfall ist hier nicht der Platz zur Analyse dieses Phänomens, aufs politish Schreiben trifft diese gewisse Ermüdung zumindest nicht zu. Aber ich konnte mich auch in den Film beim Anschauen nicht emotional einfinden, insofern ist die eher distanzierte Kritik bloß die Wiedergabe dessen, was war: Interesse, wie immer an Blum und im Grunde an allen Filmen der Reihe, aber mehr nicht. Der Vaterschaftstest, die Nicht-Ähnlichkeit des Kindes, der Test liegt einfach so auf dem Küchnbord, obwohl der Auftraggeber schon tot ist, Perlmann greift ihn sich – nun ja. Es gibt keine riesigen Fehler in dem Film, aber das hochgejazzte Ende fand ich eher etwas peinlich und es zeigt sich kein echtes Drama, anders als in vielen anderen Tatorten der Konstanz-Schiene. Ein bisschen berührend hätte das Leben des schweizerischen Jungpolizisten sein können, aber dazu hat man es dann doch nicht griffig genug rübergebracht.

6,5/10

Besetzung und Stab

Klara Blum, Kripo Konstanz – Eva Mattes
Reto Flückiger, Chef Seepolizei Thurgau – Stefan Gubser
Kai Perlmann, Kripo Konstanz – Sebastian Bezzel
Marcel Steiner, Seepolizist Thurgau – Ralph Gassmann
Beate Stähli – Johanna Klante
Urs Stähli, Stähli-Werft Kreuzlingen – Daniel Rohr
Annika Beck, «Beckchen» – Justine Hauer
Kurt Weingarten – Hinnerk Schönemann
Walter, Wasserschutzpolizei – Kristian Wanzl
Spusi Hellmann, KTU – Mike Maas
Hausmeister im Supermarkt – Stephan Bieker
Filialleiter im Supermarkt – Holger Bonrath
Beates Vater – Franz Michael
Beates Mutter – Birgit Koch
Thurgauer Seepolizist – Stefan Merki

Regie – René Heisig
Produzent – Uwe Franke
Buch – Dorothee Schön
Kamera – Carola Hülsebus
Kamera – Jürgen Carle

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