Das Wunder von Wolbeck – Tatort 851 / Crimetime 104 // #Tatort #Münster #Thiel #Boerne #DasWundervonWolbeck #WDR #TatortMünster #Tatort851

Crimetime 104 - Titelfoto © WDR, Wolfgang Ennenbach

Kein Wunder!

Sicher ist es für den neuen Münsteraner Tatort eine Hyothek, dass wir zuletzt mehrere Top-Folgen mit ernster Tendenz rezensiert haben, die von den Regionalprogrammen der ARD dankenswerterweise wiederholt wurden. Die Last wird größer, weil sogar der letzte Berlin-Krimi („Dinge, die noch zu tun sind“) so etwas Düsteres hatte, dies aber für eine Spree-Folge überraschend gut inszeniert war.

Dann kommt in diese Serie von Filmen, die wunderbar in die Herbststimmung passen und sehr nachdenklich machen, ein Münster-Gagfeurwerk, das zur Zeit der Rapsblüte gefilmt worden ist. Im Grunde eine willkommene Abwechslung, und wer freut sich nicht, Jan Josef Liefers in der Rolle des Rechtsmediziners Karl-Friedrich Boerne zu sehen? Ging uns auch dieses Mal so, aber wir haben auch mitgebangt. Können sie das Niveau der Komik halten, das sich in den letzten Jahren mehfach vom Ausgangspunkt der Jahre 2002, 2003 entfernt hatte – und zwar talwärts? Gibt es wieder mal einen überzeugenden Fall? Man kann Krimi und Klamauk miteinander verknüpfen, das haben die Topfolgen aus Münster gezeigt.

Wir schrieben zuletzt aber auch häufiger, dass das Münster-Konzept seine Grenzen hat. Irgendwann sind alle Alberich-Witze gemacht und die political Correctness darf auch ins Verhältnis zwischen Boerne und seiner Assitentin Silke Haller einziehen. In einem Film, in dem es unter anderem um die Optimierung von Zuchtergebnissen an Rindern geht, haben Scherze über Kleinwüchsige keinen Platz. Wäre das Leben wie die Landwirtschaft (mit der Betonung auf Wirtschaft), dann – nein, das sprechen wir nicht aus, aber die Sache mit der Eugenik ist noch nicht gegessen.

Das Thema „Hilfe zur Fruchtbarkeit“, um es unter ein möglichst alle Aspekte abdeckendes Begriffsdach zu fassen, wessen der nicht promovierter Doktor Embach sich auf einem idyllischen Hof in Wolbeck widmete, bis er einen offensichtlich gewaltsamen Tod fand, wird ziemlich skurril, aber nicht erschöpfend behandelt. Es gibt einige seltsame Charaktere dörflicher Ausprägung, darauf hatten wir uns ja auch gefreut bzw. darauf hatten wir gehofft. Aber es gibt zu viel Beliebigkeit in der Handlungsgestaltung, die es leider verhindert, dass etwas wie Dramatik aufkommen kann. Auch Komödien können ja eine spannende Dramaturgie haben. Die wolkenschweren Anfangsbilder mit dem flappenden Rad im ewigen Wind wirken, als käme etwas Wuchtiges auf uns zu, doch, April, April, der anschließende Fall kontert das – trotz vielversprechender erster Minuten, übrigens.

Handlung

In Wolbeck wird der Heilpraktiker Raffael Lembeck eines morgens von seiner Frau Stella tot aufgefunden. Das Opfer war offensichtlich in seiner Praxis zu Fall gekommen und ist dann verblutet, erklärt Prof. Boerne am Tatort.

Besonders bei Frauen waren Lembecks alternative Behandlungsmethoden sehr beliebt, sogar aus dem Ausland reisten vermögende Patientinnen an. Gleich auf dem Nachbarhof hingegen, bei der Familie von Bauer Moritz Kintrup, war er nicht immer gern gesehen.

Außerdem sind da noch die drei Krien-Brüder in Wolbeck, die nicht recht herausrücken wollen damit, was sie mit dem Opfer zu tun hatten. 

Rezension

2018-12-26 Tatort 851 Das Wunder von Wollbeck Axel Prahl Jan Josef Liefers Frank Thiel Karl-Friedrich Boerne WDR MünsterEinige Elemente sind verschenkt worden. Zum Beispiel die Geschichte der Ex-Adeligen Ruth Kintrup, die als junges Mädchen oder Kind von Ostpreußen ins Münsterland geflüchtet war und dort von den Dorfbauern „geheiratet“, also geschwängert, dann mit einem Ring am Finger versehen und ihrer Unschuld und ihrer Würde, sogar ihrer Herkunft beraubt wurde. Ihr Verhältnis zur polnischen Frau ihres Sohnes- darin ist als dezente Reflektion auf die Zeiten wahrzunehmen, als die Ostpreußen das Land hatten und die Polen die Arbeit auf den Gütern taten. Aber das nur am Rande, nur schwach angedeutet. Dabei bietet die Geschichte der alten Frau viel Stoff, hätte die Geschichte von Milena ebenfalls ein wenig beleuchtet werden können. Gute Figuren, die auf demselben Klamauk-Altar geopfert werden wie die Ziege Mimi, was schon einiges über die Beliebigkeit der Opfer derer aussagt, die der Religion „Münster-Tatort“ huldigen, indem sie Drehbücher für Thiel und Boerne schreiben oder sie inszenieren.

Kein Wunder, dass man an einer Stelle deutlich merkt, dass Jan Josef Liefers nicht mehr an sich halten konnte – man hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, dieses quasi Schmeißen der Szene rauszuschneiden und sie neu zu drehen. Es ist leicht verdientes Geld, das Drehen von Tatorten auf einem Niveau, bei dem es nicht darum geht, glaubhafte und kompakte Charaktere zu entwickeln, das wird sich auch Liefers gedacht haben, der mehr drauf hat, als das, was er zuletzt als Boerne zeigen musste. Den Boerne spielt er mittlerweile mit links und auch Axel Prahl als Thiel hat so eine an die Stirn tippende Leichtigkeit des Ermittlerlebens entwickelt, die nicht mehr dadurch gestört wird, dass wirklich gute Dialoge überzeugend gesprochen werden müssen, dass Gags sitzen müssen und Ermittlungen trotzdem noch etwas wie Logik haben könnten.

Ein deutliches Beispiel dafür, dass diese mittlerweile ganz unter den Tisch fällt ist die Sache mit dem Siegelring. Das ist, wie Boerne an einer Stelle richtig sagt, ein Prägestempel des Mörders oder Totschlägers oder Körperverletzers, der eine Todesfolge verursacht, aber wird dieser Spur von Seiten Thiels konsequent gefolgt? Mitnichten. Erst zum Ende hin tauscht man sich darüber aus, was es mit dem verschwundenen Hochzeitsfoto bei den Kintrops auf sich haben könnte. Jeder wusste doch, dass die alte Frau Kintrop eine ehemalige „von“ ist, und der Siegelring weist es deutlich aus. Die Verbindung hätte man schnell finden müssen. Dass die Frau nicht wollte, dass ihr Sohn, der, so stellt sich heraus, von einem Arschloch namens Eugen abstammt, den Hof von diesem Arschloch kauft, sondern dafür sorgt, dass der eher klamme Doktor dazu in die Lage versetzt wird, kann man verstehen.

Doch die Ironie, die darin liegt, dass einst wehrlose Flüchtlinge in diesem Dorf vergewaltigt wurden, zu Kindern kamen, in die Ehe gezwungen wurden und dass dort heute ein Arzt ansässig geworden ist, zu dem kinderwillige Frauen von weither kommen, um durch seine homöopathischen Mittel oder vielleicht auch anders doch endlich schwanger zu werden, dass oftmals das einst so brutale Männergeschlecht nicht mehr zeugungsfähig ist (es gibt auch einen schon optisch sehr weichen Männercharakter, der leider ebenfalls nicht ausgeformt wird, dabei hätte er ein schönes Gegenbeispiel zu den archaischen Dorftypen sein können) usw. – diese gar nicht dumme Anlage mit ihren Spiegelungen und Kontrasten geht den Bach runter, weil sie hinter zu viel Blödsinn wie den Dorftrotteln als Zuchtbullen und den echten Zuchtbullen gar nicht zur Geltung kommt. Es wirkt, als habe man ursprünglich ein durchaus ambitioniertes Drehbuch bzw. eine ambitionierte Idee verfolgt, sei aber durch die Besonderheiten, die das Schreiben von Münsteraner Tatorten erfordert, in mehreren Stufen davon abgerückt, diese Ideen ins  Zentrum der Handlung zu stellen. Es müssen ja tonnenweise und schon fast mit Gewalt Gags eingebaut werden. Wenn man so will, wurden alle interessanten Ansätze dieses Tatortes durch den Witzwolf gedreht.

Und warum, zum Henker, greift man diesen Running Gag aus der ersten Hälfte der ersten Münster-Dekade wieder auf, dass Thiel kein Auto fährt? Weil’s gerade auf dem platten Land besonders absurd ist, die Ermittlungen mit dem Fahrrad durchzuführen? Weil er den Führerschein wieder verloren hat – von einer Trunkenheitsfahrt, die das zwischenzeitlich verursacht haben könnte, nachdem über mehrere Folgen hinweg so viel Spielzeit dafür draufgegangen ist, wie Thiel wieder zu seinem Lappen kommt, wird nichts erwähnt. So kann er wieder bei Boerne mitfahren, der dieses Mal einen Wiesmann-Roadster chauffiert, aber es entstehen nicht mehr jene herrlichen Momente von zwistiger Zweisamkeit daraus wie einst.

Vielleicht wird man in einer anderen Tatortstadt das Potenzial der Geschichte sehen, Elemente des Drehbuches verwenden und einen echten Thriller vom Lande daraus entwickeln. Die Münchener, denen würden wir’s zutrauen, so einem Stoff auf ein ganz anderes Niveau zu heben – ohne komplett den Humor zu verlieren.

Fazit

Leider wissen wir nicht, was die realen Wolbecker darüber denken, wie sie im Film gezeigt werden. In Münster drehen sie sich jedenfalls irgendwie im Kreis. Jetzt wäre jemand gefragt, der die Zügel in die Hand nimmt und sich traut, die Figuren weiterzuentwickeln, selbst um den Preis, dass der eine oder andere Standard-Gag auf der Strecke bleibt.

Weder Thiel noch Boerne haben auch nur ein rudimentäres Privatleben, ganz  untypisch für heutige Ermittler und wenn man von ihrem internen Verhältnis absieht. In der Folge 851 kommt auch keine Innenszene aus dem privaten Bereich mit den beiden vor, die bekanntlich im selben Haus als Mieter und Vermieter wohnen. Wir empfehlen normalerweise keine überbordenden Nebenstränge mit Hauptfiguren, weil diese oftmals nicht überzeugend an die Kriminalhandlung angebunden sind, aber den beiden täte etwas frischer Wind gut, der ihre Welt der mehr oder weniger gepflegten gegenseitigen Frotzeleien aus der Ordnung bringt. Vielleicht doch die süße Ziege Mimi für Boerne, mit dem es eine Frau wohl kaum aushalten würde? Nein, das geht gar nicht.

Auch die übrigen Dauerrollen wie Nadeshda, Vaddern, die Staatsanwältin Klemm oder „Alberich“ könnte man mit neuen Impulsen und Lebenslagen versehen – aber nachdem man sich in Münster einst getraut hat, mal was ganz anderes zu  machen, ist beinahe etwas wie Lethargie eingetreten. Jetzt hat man nicht mehr den Mut, das Konzept aufzubrechen oder wenigstens weiterzuentwickeln. Es gibt andere Teams, bei denen das nicht notwendig ist, weil sie nicht wegen ihrer Gagdichte funktionieren und viel flexibler in den Dienst von verschiedensten Themen gestellt werden können – während sich die Themen in Münster den Figuren unterzuordnen haben, wie man in „Das Wunder von  Wolbeck wieder deutlich sehen kann.

Wir wollen nicht darauf bestehen, dass wir mit unserer schon länger vertretenen Ansicht Recht haben, dass sich die Sachlage in Münster anders verhält, weil irgendwann einmal der letzte halbwegs gute Witz zu den beiden und für die beiden geschrieben ist. Man kann es auch vom Kinofilm her betrachten – welches Komikerduo oder welche Komödiantentruppe hat 22 abendfüllende Spielfilme miteinander gemacht, die immer auf der gleichen Grundidee beruhten und nicht verändert wurde, ohne dass es zu erheblichen Verschleißerscheinungen kam? Wir kennen kein Beispiel. Wir kennen überhaupt kein Beispiel für 22 erfolgreiche Kinofilme eines einzigen Duos – insofern haben die Münstermeister enorm viel erreicht. Der Erfolg ist ihnen immer noch sicher. Anscheinend hatte „Das Wunder von Wolbeck“ die beste Quote einer Tatort-Erstausstrahlung seit 20 Jahren und Münster sich damit selbst übertroffen. Aber Erfolg kann auch satt und unbeweglich machen und irgendwann ist Ende. Vielleicht ist das auch so geplant. Würde uns leid tun, denn es braucht ein Gegengewicht zu den Ermittler-Maniacs, die sich immer zahlreicher in Tatort-Revieren ansiedeln.

Wir mögen die beiden nämlich, den sehr bodenständigen Thiel und seinen verschwurbelten Boerne. Aber die Bewertung, die wir für „Das Wunder vonWolbeck“ vergeben, muss auch die Qualität des Films reflektieren. Daher 6,0/10.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Nadeshda Krusenstern – Frederike Kempter
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Silke Haller [Alberich] – ChrisTine Urspruch
Stella Beckmann – Lina Beckmann
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Ruth Kintrup – Hildegard Schmahl
Milena Kintrup – Julia Krynke
Bert Krien – Jan-Peter Kampwirth
Moritz Kintrup – Stefan Kampwirth
Gert Krien – Mirco Reseg
Thomas Krien – Johannes Rotter
Englische Lady – Sandra Darnell
Jutta Krien – Kerstin Römer
Französin – Franziska Lehmann

Buch – Wolfgang Stauch
Regie – Matthias Tiefenbacher

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