Borowski und der Himmel über Kiel – Tatort 933 / Crimetime 105 // #Tatort #TatortKiel #Kiel #Borowski #SarahBrandt #NDR #Tatort933 #BorowskiundderHimmelüberKiel

Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Lasst uns den Film sehen!

In seinem 24. Fall ist Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) mit dem Milieu der Konsumenten einer Designerdroge namens Crystal Meth konfrontiert. Glaubt man dem Film, breitet sich diese Substanz aus mit einer Geschwindigkeit und Gefährlichkeit wie Ebola in Westafrika. Wovon man übrigens kaum noch etwas hört, offenbar ist diese Tragödie schon zu abgestanden.

In Wirklichkeit dürfte es bei Crystal Meth so sein, dass einige, die bereits gefährdet waren und andere harte Drogen wie Heroin zu sich nahmen, nun dazu neigen, sich umzuorientieren. Weil Crystal noch schneller und schärfer high macht und noch rascher Körper und Geist ruiniert. Da der Konsum harter Drogen auch mit der Neigung zur Selbstzerstörung zu tun hat, durchaus ein glaubwürdiges Szenario – aber nicht als Massenepidemie, die zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl an Drogentoten führen wird. Da legen wir uns einfach mal fest.

Gefährlicher in ihrer gesellschaftlichen Gesamtwirkung ist die Tendenz, etwas weniger üble Methoden anzuwenden, um den immer mehr zunehmenden Leistungsdruck auszuhalten – Crystal Meth als Leistungsbeförderungsinstrument wäre aufgrund der Verhaltensauffälligkeit und bald auch der auffälligen optischen Veränderung der Konsumenten nicht zu empfehlen. Es gibt aber viele andere Substanzen, die man für weniger dramatisch ansieht, die aber dennoch abhängig machen können und die man längerfristig einnehmen kann, ohne dass es gleich so auffällt. Die haben andere Auswirkungen, auch gesellschaftliche Art, doch darüber wird es sicher auch irgendwann den passenden Tatort geben.

Handlung, Besetzung, Stab (Quelle: Das Erste)

In Mundsforde, einem kleinen Dorf bei Kiel, wird der abgetrennte Kopf eines jungen Mannes gefunden. Der 20-jährige Mike war vor seinem gewaltsamen Tod offensichtlich von der Droge Crystal Meth abhängig. Die Kommissare Klaus Borowski und Sarah Brandt ermitteln in der Kieler Drogenszene. Nach einem Fahndungsaufruf meldet sich Rita, die Freundin des Verstorbenen.

Sie erzählt den Kommissaren von ihrer Liebe zu Mike, eine Geschichte voller Hoffnung auf ein neues Leben, Rausch und Ekstase. Obwohl Rita seit kurzem clean ist, lehnt sie jede Zusammenarbeit mit der Polizei ab. Borowski fühlt sich durch Rita an seine Tochter Carla erinnert. Er setzt Rita unter Druck, verspricht ihr, sie zu schützen. In ihrer Not beschuldigt Rita zwei Dealer – und bringt sich damit in Gefahr. 

Rezension: und über uns der Himmel

Ja, da war es wieder, das Kiel-Gefühl. So gedeckt die Farben, so einsam das weite Land, so skandinavisch die Atmosphäre. Und mittendrin Kommissar Klaus Borowski, der so gut in dieses Szenario passt. Weil er mittlerweile der Fixpunkt ist, die Person, die uns mit einem kleinen, hintergründigen Gag von aller Trübsal erlösen kann. Viele Teams würden wir vermissen, wenn sie aufhören würden. Aber nur ganz wenigen würden wir echt hinterhertrauern und denken, die fehlt, die fehlt uns sehr. Gegenwärtig sind das nur die Ermittler der beiden K-Städte. Konstanz ist nicht gemeint, obwohl auch dort schöne Krimis gemacht werden, nächstes Jahr soll Schluss sein. Zumindest mit der aktuellen Besetzung. Vielleicht noch die Münchener, die dürfen wir nicht vergessen.

Die andere K-Stadt mit dem Team fürs Herz ist eigentlich auch für die Aufklärungs- und Lehrfilme unter den Tatorten zuständig, aber dieses Mal haben sich die NDR-Macher auf dieses Feld begeben. Nur die Kieler Typen haben auch die Tragfähigkeit dafür, innerhalb der gegenwärtigen Nordschiene. Ist es aber gelungen? Diese Nordstimmung mit einem Thema zu verbinden, das weniger in menschliche Abgründe als in menschliche Schwächen führt, was ja  untypisch für das Strickmuster der Kiel-Tatorte ist? Hilflosigkeit, Fassungslosigkeit, echte Trauer ohne ironische Brechung, das alles ist für Kiel eher ungewöhnlich. Es läuft auch ein wenig dem zurüchaltenden, mittleweile aber sozial kapablen Borowski und seiner Art zuwider.

Auf dieser Ebene passt es dennoch. Der Ermittler als ruhender Pol in einer irren Welt, das bieten andere Teams nicht mehr, die stecken zu sehr mittendrin – Borowski jedoch nur, weil er eine Tochter im Alter von Rita hat, der Hauptdarstellerin unter den Drogenkonsumenten. Diesen kleinen Verweis finden wir okay und logisch. Der Plot hat leider eine gute und eine schlechte Seite. Leider deshalb, weil wir von Kiel überwiegend gute bis sehr gute Seiten gewöhnt sind. Die gute ist die Darstellung des Drogenmilieus. Wir kennen keine Menschen, die sich verhalten wie Rita und ihre Männer, was darauf schließen lässt, dass niemand in unserem Umfeld Crystal Meth nimmt, heimlich. Deswegen müssen wir weitgehend glauben, was wir sehen. Was uns hier zwiespältig zurücklässt, ist der Satz vom „geilsten Gefühl der Welt“ und die Tatsache, dass Rita äußerlich unversehrt aus dem Drogenkonsum, dem Rückfall usw. hervorgeht. Das mit dem geilen Gefühl ist gefährlich, weil junge Menschen nun einmal geil geil finden und sehr risikobereit sind. Die Folgen? Who cares! Deswegen wäre eine noch radikalere, dunklere Darstellung noch besser gewesen. Vielleicht auch ohne geilen Sex. Wir haben prinzipiell nichts dagegen, aber dass tagelange Ekstase die Folge von Drogenkonsum ist, das möchte der eine oder andere vielleicht mal erleben und stellt deswgen gesundheitliche Bedenken zurück.

Trotzdem ist es wichtig und richtig, das Thema einem großen Publikum zu zeigen, und es gibt im Fernsehen kein größeres – zumindest bei regelmäßigen Reihen und Serien – als die Tatort-Fans. Der Kompromiss in Sachen Sex, Gewalt, Drogenfolgen war also notwendig, um den Sendeplatz 20:15 beibehalten zu können. Die zugehörigen Vorgaen verhindern sicher in vielen Tatorten die Zuspitzung, die wir gerne sehen würden.

Elisa Schlott ist für ihre Darstellung der Rita bereits so ausgiebig gelobt worden, dass wir uns einfach nur anschließen. Eine der stärksten Jungdarsteller-Leistutngen, die wir bisher in einem Tatort gesehen haben. Trotzdem gehört nicht ihr die Szene des Films. Sie gehört auch nicht Borowski und nicht seiner langsam erwachsen und glaubwürdig werdenden Jungkollegin Sarah Brandt. Sie gehört Ritas Mutter, die nur eine ganz kleine Rolle hat. Dieser traurig-resignierte Moment, als Rita den Rückfall hat und high nach Hause kommt, der Gegensatz der Stimmungen, das ist wirklich sehenswert.

Wenn aber diese Szene die ergreifendste für uns war, was ist dann mit den anderen? Es fiel uns schwer, mitzufühlen. Alles ist so aus dem Nichts, wir haben keine biografischen oder sonstigen Anhaltspunkte, warum die Kinder oder Jugendlichen in den Drogenmissbrauch abrutschen.  Es ist, wie es ist, und das lässt es trotz aller Dramatik ein wenig abstrakt wirken, eben lehrfilmhaft. Freichlich hat nicht jeder denselben Zugang zu einem Sonderthema wie der Welt der harten Drogen, das ist zu berücksichtigen, zudem wird es immer Dinge geben, die rational nicht erklärbar sind.

Ein Krimiplot sollte das allerdings sein. Was uns gestört hat: Das drogensündige Dorf. Offensichtlich sind in Norddeutschland kleinere Orte eine so schlimme Lebensumwelt, dass man davon a.) verblödet und b.) drogensüchtig wird. Letzteres hat sogar etwas Humoristisches, in der Art, wie es hier dargestellt wird. Ersteres kennen wir so sehr zur Genüge aus den Hannover-Tatorten, dass es langsam so öd wird wie diese Dörfer dargesellt werden. Es gibt trostlose Plätze auf dem Land, das wissen wir, schließlich hat auch Berlin ein – brandenburger – Umland. Aber dass Menschen auf dem Land weniger unter Depressionen leiden, weniger unter Stress, sozial eingebundener sind, nicht etwa das Gegenteil, und dass in der Stadt leben per se ein Alternativmodell ohne Wertung ist und wie vernichtend Städte sich auf die Psyche auswirken können, wenn man in der falschen Ecke einer solchen Stadt wohnt, den falschen Job oder die falschen Freunde hat oder gar keine, was in der Stadt problemlos möglich ist, das wird in Tatorten sehr selten thematisiert. Vielleicht, weil Landeiern so viel skurriles Potenzial zugerechnet wird.

Fazit

Eine Sache, die mit dem gestrigen Film an sich nichts zu tun hat, möchen wir erwähnen, weil sie uns dermaßen auf den Zeiger ging, dass die Betrachtung des Films darunter leiden musste. Einen Wahlausgang in Griechenland als Einmeldung zu bringen, für die das Filmbild zurückgeschoben, blau umrandet und mit einem Schriftband versehen wird, ist unter der Würde. Erstens war das Wahlergebnis nicht überraschend, zweitens muss man sich schon an den Kopf fassen, wenn man die Wichtigkeit dieser Nachricht mit Katastrophen vergleicht, die immer wieder geschehen, ohne dass die ARD dafür einen Film torpediert. Und drittens passiert folgendes: Man fängt an darüber nachzudenken, was uns Crystal Meth ist, mit dem wir uns im normalen Leben nicht beschäftigen, im Vergleich zu dieser ewigen Europa-Malaise, und dass vielleicht nicht die Drogensüchtigen oder -dealer, sondern die Politiker, zum Beispiel in Griechenland, Halluzinationen haben. Und dass wir von unserer heimischen Politik gezwungen werden, solche Gestalten auch noch zu fördern, weil alle Parameter spätestens seit der Eurokrise falsch sind – bzw. es in ihr offenundig wurde – und sich alles das gegen die Menschen richtet, was ihnen dienen sollte.

Und wenn man so über diesen ganzen Wahnsinn nachdenkt, könnte man, wenn man nicht aus dem Alter raus wäre, in dem man damit anfängt, mal flugs zu einem Mittel greifen, mit dem man dieser Wirklichkeit entfliehen oder sie so aufhübschen kann, dass sie erträglich wird. Doch, jetzt verstehen wir’s. Weil wir hier sitzen und allem, was wir wissen und woran wir glauben, nicht entfliehen können. Und wäre es so, dass wir abdriften, dann würden die anderen sagen: Das war aber nicht zu erwarten, wirklich, das hätten wir von dem nicht gedacht. Es gibt kein Nichts und aus nichts kommt nichts, auch kein Drogenkonsum.

Die ARD ist selbst schuld am vorstehenden Exkurs, sie hat ihn provoziert.

Deswegen werten wir natürlich nicht den Film ab sondern verbleiben bei den 7/10, die wir sachlich nach allen Überlegungen vergeben wollten. Für einen „Kieler“ ist das eher wenig, aber man hat eben doch zu sehr den Krimiplot drangegeben, um ganze Sequenzen lang die Welt der jungen Drogensüchtigen zu zeigen, talking heads zu basteln, die in Bilder umgesetzt werden, etwa in der Form, dass Rita im Vernehmungszimmer über ihr Leben berichtet und dieses ausführlich dargestellt wird. Auf diese Weise konnte man unter die Oberfläche gehen, sich die Zeit dafür nehmen. Und man hat sicher bewusst in Kauf genommen, dass daraus kein großer Tatort entstehen kann.

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Sarah Brandt – Sibel Kekilli
Kriminalrat Roland Schladitz – Thomas Kügel
Kriminaltechniker Ernst Klee – Jan Peter Heyne
Rita Holbeck – Elisa Schlott
Mike Nickel- Joel Basman
Harald Wagner – Alexander Finkenwirth
Furkan – Matthias Weidenhöfer
Landpolizist – Timo Jacobs
Lisa Kamp – Anke Retzlaff
Rechtsmedizinerin Burkhardt – Anja Antonowicz
u. a.

Drehbuch – Rolf Basedow
Regie – Christian Schwochow
Kamera – Frank Lamm
Musik – Daniel Sus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

Wortwechsel 15

Das Schreibblog von Anja, Armena, Elke und Thomas

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

%d Bloggern gefällt das: