Her mit der Marie! – Tatort 1068 / Crimetime 106 // #Tatort #TatortWien #Wien #BibiFellner #Bibi #Moritz #MoritzEisner #ORF #Tatort1068

Crimetime 106 - Titelfoto (c) ORF, Hubert Mican

Die Liebe kommt, die Liebe geht, Heinzi

Dieses Mal spielt der Inkasso-Heinzi, bürgerlich Heinz Stepanik, dargestellt von Simon Schwarz, eine fast größere Rolle als Bibi und Moritz und was das für eine Geschichte ist, mit dem, die er da hat. Eine Geschichte aus alten Zeiten, trotz gleichgeschlechtlich. Ob das mit einem Krimi aus 2018 matcht, das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Im näheren Umkreis Wiens bietet sich den Ermittlern der BK-Sonderkommission unweit einer Landstraße ein verwirrendes Bild: Eine vorerst nicht identifizierbare Leiche wird gefunden, der oder die Täter haben es der Polizei gezielt schwer gemacht, dahinterzukommen, was sich abgespielt hat. Mit allen Mitteln arbeiten sich Moritz Eisner und Bibi Fellner Schritt für Schritt voran: Was ist passiert? Und wer ist der Tote? War es ein gezielter Mord, oder ist etwas ganz anderes auf tragische Art und Weise schiefgegangen?

Erst nach und nach kommt ans Licht, dass der Geldbote vom „Dokta“, einem alteingesessenen Wiener Großkriminellen, überfallen wurde. Es ging also sehr wahrscheinlich um eine ordentliche Summe. Nur: Wer ist allen Ernstes so verrückt und lebensmüde, ausgerechnet den „Dokta“ zu berauben?

Das fragen sich in diesem Fall nicht alleine Moritz und Bibi, sondern auch der auf Vergeltung drängende Bestohlene selbst. Für Moritz und Bibi heißt das, so schnell wie möglich einen Mörder zu finden.

Aus der Vorschau – Weitere Verunsicherung

Ja, lange her. Ich hatte es so im Kopf, dass der Satz „Her mit der Marie!“ aus Falcos Lied „Der Kommissar“ stammt und das hätte ja zu den Wiener Tatort-Spezln auch so gut gepasst. Er ist aber aus „Ba-Ba-Banküberfall“ von der „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“, ebenfalls eine österreichisch Bank … äh, Band, die speziell mit diesem Lied auch in Deutschland großen Erfolg hatte. Dass „Marie“ für „Zaster“ steht hatte der danach steigenden Beliebtheit des Vornamens keinen Abbruch getan, eher ist das Gegenteil der Fall.

Der Song kam auch noch gerade zur rechten Zeit, nämlich am Ende der „NDW“, der „Neuen Deutschen Welle“, die man im Kern von 1981 bis 1985 ansiedeln kann und in der deutsche und österreichische Band eine bis dahin nicht gekannte Mischung aus Klamauk und Kritik in ihren Texten unterbrachten. Wenn man will, der Beginn des postethischen Zeitalters, aber eben auch Big Fun und die „EAV“ verstand sich ausdrücklich als politische Band, deren Lieder man nur im Kontext, und zwar im übergreifenden eines Studio-Albums verstehen könne.

In Wien haben sie dazu freilich einen engeren Bezug als hierzulande und was hat der Inkasso-Heinzi damit zu tun, der dieses Mal offenbar erstmalig groß herausgestellt und nicht bloß erwähnt oder kurz eingespielt wird? So vie verraten wir mal – er ist nicht die unkenntlich gemachte Leiche, könnte aber der Mörder oder einer davon sein.

Rezension

Es gab aber auch weitere Musik von STS und Voodoo Jürgens, die wohl eher Spezialisten ein Begriff sein dürften – aber schön war’s doch. Wenn ich die allein die Emotionalisierungs-Messlatte anlegen und nur die letzten Minuten hernehme würde, wäre der Film sicher eine Zehn oder nah dran, aber ganz so einfach ist es ja doch nicht, wir haben ja viele Facetten und Identitäten. Eine ganze andere: Mei, muss dieses Wien gemütlich sein, trotz einiger Tatorte von Bibi und Moritz, in denen es schon viel moderner und Berlin auch viel ähnlicher wirkte. Jedenfalls wäre ein Typ wie der Dokta mitsamt seiner kleinen Entourage, ins Fadenkreuz der hiesigen Osteuropa-, Mittelasien- und Araber-Clans geraten, schnell raus aus dem Geschäft. Schade eigentlich, aber dass man die OK alten Stils schon so nostalgisch-rührend findet, sagt auch was aus.

Und so super ich den Wiener Dialekt finde, dieses Mal wurde es stellenweise übertrieben. Ich will ja nicht behaupten, dass ich noch nie ein paar Sätze Österreichisch gehört habe, aber es gab Stellen, an denen ich mich entscheiden musste: Spule ich zurück und hör’s nochmal oder verzichte ich auf einige Details und bleibe im Fluss. Ich habe ich dann für den Fluss entschieden, der ja bei diesem Film schon auch wichtig ist. Weil der Film eben so dahinfließt, allerdings doch mit einigen Stromschnellen am Ende, bevor das Ganze ins Meeer der Sentimentalität fließt. Nee, wirklich, haben sie gut gemacht. Und die Typen sind natürlich Klischees von Gestern, deswegen auch die Autos aus den 1970ern, die extra downgepimpt werden. Vermutlich, weil die Österreicher mit ihrem Überall-Tempolimit bei mehr als 175 PS überfordert wären. Jetzt könnt man wieder sagen, je näher man an Wien herankommt, desto mehr werden die 130 eher als Mindest-Empfehlung angesehen, damit man nicht auf der rechten Spur noch überrannt wird, aber wer weiß, ob das heute noch so ist, ich war schon einige Jahre nicht mehr dort. Vermutlich geht’s anders herum und es ist nur noch Stau, das hat sich damals nämlich auch schon abgezeichnet, als ich häufiger in der Gegend war.

Aber nicht auf einer Landstraße natürlich, in der eine Monopoly-Tour gewaltsam ihr Ende findet. Der Heinzi und sein Pico Bello haben sich das so gedacht, dass kein Tötungsdelikt passiert, aber warum auch immer manche Menschen wie der zweite Monopoly-Tourer ihren Job so ernst nehmen müssen, in dem Fall nämlich, das Geld vom Dokta zu schützen. Das Ex-Kolorit wird natürlich durch den vielen Schmäh mächtig unterstützt und weil ja immer gerne die Schauspielleistungen hervorgehoben werden: Die Österreicher, schon gar die Wiener, sind nicht so plain wie die meisten Deutschen, die müssen nicht mehr so viel tun, um schauspielernd rüberzukommen. Das schmälert nicht ihre Leistungen und bei uns kann man damit sehr beeindrucken, weshalb deren Anteil an darstellenden Künstler_innen im deutschsprachigen Raum auch überdurchchnittlich hoch ist. Jedenfalls viel höher als das Verhältnis 1:10 der jeweiligen Gesamtbevölkerung . Und warum kriegen die Schweizer das nicht hin? Weil ihr Dialekt schon wieder so schlimm ist, dass er für uns nördlich der Alpen lebende Menschen synchronisiert werden muss und dabei geht jeder Charme verloren.

Man kann mit der gewollten Langsamkeit, die schon für Eisners Landausflug-Tatorte typisch war, als er noch allein ermittelt hat, so viel für die Figuren tun, dass man es bei einer Handlung belassen kann, die im Grunde in drei Sätzen zu erzählen ist, was wir hier aber nicht beweisen wollen. Und am Ende, da bleibt trotzdem was offen: Kann Heinzi töten? Jeder darf sich sein eigenes Bild machen und seinen eigenen Täter suchen, denn die zwei Fischli-Sticks mit den gespiegelten Geständnissen, vermutungsweise gemäß Eisner, naja, von denen landet eins im See, damit der Heinzi, die arme Sau, nicht doch richtig ins Gefängnis muss, möglicherweise. Ich meine aber, es ist alles richtig, der Jungsche hat die Nerven verloren, der ist eher so als der Heinzi, nämlich bissl nervös – gewesen.

Fazit

Die Wiener spielen groß auf, die Figuren sind natürlich überzeichnet und rückdatiert, aber Eisner und Fellner sind ja auc nicht mehr die Jüngsten und wirken in diesem Szenario a bisserl authentischer als in den ganz schnellen und gewaltdruchtränkten Tatorten, die in Wien die Ära der Zusammenarbeit zwischen den beiden begründet haben („Kein Entkommen“ war so ein Highlight). Der Konstrast funktionier natürlich auch, aber man kann sich eher vorstellen, dass das Duo so einen leicht melodramatischen Minikreis von Verdächtigen ausermittelt als allein zu zwein, also fast die ganze Zeit ohne SEK oder SoKo, gegen eine ethnische Mafiagruppe nach der anderen siegt. Währen diese Tatorte aus den frühen 2010ern eine kaum übersehbare Aggression der Macher gegen die heutigen Zustände dokumentieren, hat man sich davon längst befreit, schwelgt in einer Zeit vor unserer Zeit und überlässt das Hier und Jetzt sich selbst, um sich nicht lächerlich zu machen, sondern a bisserl lustig. Die Autobahnraststätte Bad Vöslau, neben der sich das Finaldrama ereignet, die kenn ich übrigens und da hab ich mich schon auch getroffen mit jemand.

Die Liebe kommt, die Liebe geht.

8/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Oberstleutnant Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Majorin Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Oberst Dr. Ernst Rauter – Hubert Kramar
Revierinspektor Manfred „Fred“ Schimpf – Thomas Stipsits
Rechtsmediziner Prof. Michael Kreindl – Günter Franzmeier
Ballistikerin Mag. Renner – Pia Baresch
Zuhälter Heinz Stepanik alias „Inkasso Heinzi“ – Simon Schwarz
Großkrimineller Joseph Fenz alias „Dokta“ – Erwin Steinhauer
Doktas Frau – Maria Hofstätter
Pico „Bello“ Pellak – Christopher Schärf
Marko Jukic – Johannes Krisch
Edin Gavric – Aleksandar Petrovic
Marija Gavric – Ines Miro
Weinbauer – Roman Binder
Liedermacher Voodoo Jürgens – er selbst
u.a.

Drehbuch – Stefan Hafner, Thomas Weingartner
Regie – Barbara Eder
Kamera – Matthias Pötsch
Schnitt – Christian Pilsl
Szenenbild – Katrin Huber, Gerhard Dohr
Musik – Stefan Bernheimer

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