Blutdiamanten – Tatort 620 / Crimetime 107 // #Tatort #TatortBlutdiamanten #TatortKöln #Ballauf #Schenk #Tatort620 #WDR #Köln

Crimetime 107 - Titelfoto © WDR, Thekla Ehling

Ein Tatort, funkelnd wie ein Diamant?

In Erinnerung wird uns auf jeden Fall sie Szene auf dem überfüllten Polizeirevier bleiben, auf dem sich Max Ballauf und Freddy Schenk durch ein Großaufgebot von zu befragenden Personen arbeiten müssen. Diese Passage ist kinoreif gefilmt. Die Schnitttechnik, die gekonnte Aneinanderreihung von Momenten verschiedener emotionaler Temperatur, dieses Gefühl von Kontrollverlust in einem unübersichtlichen Szenario nach einem spektakulären Mord vor unzähligen Zeugen, das ist ein ganz starker Moment in der Tatortgeschichte.

Es gibt davon in „Blutdiamanten“ einige mehr, darüber hinaus spielen beide Kölner Kommissare in der Folge 620 in etwa auf gleicher Höhe und haben ähnlich viel vom Fall, auch ihre Zusammenarbeit klappt reibungslos – von den üblichen kleinen Scharmützeln abgesehen, die wir liebgewonnen haben, wie etwa in der Szene „Fahrt nach Belgien“. So müde sind die beiden: Wie mit der Mucke? Die beiden können ein so private und neckisch männerfreundschaftliche Atmosphäre während der Arbeit schaffen wie kein anderes Team. Am nächsten kommen ihnen die Münchener Batic und Leitmayr, deren Darsteller Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl Darsteller privat befreundet sind – aber der Tenor ist wieder ein wenig anders und vor allem gibt es an der Isar keine Wurstbraterei wie am Rhein, wo sich die Ermittler für emotional wichtige und für die Schlussszene beinahe jeder ihrer Folgen einfinden.

Freddy Schenk bekommt einen besonderen Augenblick geschenkt – im Angesicht des Todes. Und Franziska Lüttgenjohann, die getreue Assistentin, bekommt am Ende Diamanten, stilgerecht überreicht von Max Ballauf vor der Wurstbraterei – sind sie echt oder nicht? Die Diamenten, nicht die Würste.

Wie wir den Fall aufgefasst haben, verraten wir in der Rezension.

Handlung

Den feierlichen Empfang zu seinem Firmenjubiläum hatte sich der Juwelier Karl De Mestre anders vorgestellt. Das stilvolle Fest für die bessere Gesellschaft von Köln wird von Globalisierungsgegnern der Aktivistengruppe „Underworld“ gestört. Sie beschuldigen De Mestre, sein Geld mit Diamanten aus Bürgerkriegsgebieten zu verdienen. Plötzlich fällt ein Schuss. Aus nächster Nähe wird der Aktivist Andre Hesse erschossen.

Die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk übernehmen den Fall. Schnell wird klar: Hier war ein Profi am Werk. Musste Hesse wegen seines Engagements gegen die so genannten Blutdiamanten sterben? Steckt vielleicht sogar De Mestre selbst hinter dem Mord? Eine Spur führt Ballauf und Schenk in die belgische Diamanten-Metropole Antwerpen. Sie beschließen dort auf eigene Faust zu ermitteln und begeben sich damit in Lebensgefahr. 

Rezension

Was eine gute Inszenierung mit Bildsprache auf hohem Niveau für einen Fall tun kann, das sieht man in „Blutdiamanten“. Die Handlung ist erstaunlich politisch unkorrekt oder inkorrekt, vor allem vom Ergebnis her betrachtet. Der eine oder andere Dialog knarzt ein wenig, aber die straffe Handlungsführung und die erstklassige Gestaltung von „Blutdiamanenten“ lassen dies in den Hintergrund treten. Außerdem hat fast jeder Tatort ein paar sprachliche Schwachstellen und sie einzeln zu erwähnen, ist hier nicht notwendig, weil sie den Spaß nicht verderben.

Wieder einmal greifen sie in Köln in die Vollen, was brisante Themen angeht. Diamanten, aus blutiger Erde befreit, mit denen blutige Kriege finanziert werden. Bis ins südliche Afrika und den Diamantenhandel im Dreieck mit Antwerpen und Köln reicht dabei das Panorama und bleibt doch vergleichsweise übersichtlich. Das muss man erst einmal hinbekommen. Allerdings ist es auch mit einer gewissen Vorhersehbarkeit gepaart – unter der Annahme, dass die Macher von „Blutdiamanten“ es zuließen, dass ein Aktivist für eine gute Sache als Psychopath gezeigt wird.

Das haben sie aber wirklich getan, während man sonst peinlich bemüht ist, Ökoaktivisten oder Streiter gegen die weltweite Ausbeutung nicht als Täter herauszustellen. Doch wer, der einmal Einblick in die Hardcore-Ökoszene hatte, wird bestreiten, dass der Zweck beinahe egal ist, wenn sich Fanatiker versammeln und dass eine gute Sache auch Typen anzieht, die sich im zwischenmenschlichen Bereich äußerst fragwürdig verhalten und zuweilen soziopathische Phänomene aufweisen.

Es wird immer schwierig, wenn Leute das im Grunde Richtige tun, aber mit dem falschen mentalen Ansatz: nämlich dem einer Überhöhung der eigenen Moral hin zu gnadenloser Selbstgerechtigkeit. Die Folgerung, dass es von da nur ein kleiner Schritt bis zum Gehen über Leichen ist, liegt nah, sollte aber trotz der Darstellung in „Blutdiamanten“ nicht pauschal gezogen werden. Für heutige Verhältnisse ist die Gruppe um den ein wenig charismatischen und fordernden Heinzer Matzeck (Florian Panzner) tatsächlich ungewöhnlich radikal – nicht nur in den Aktionen, sondern auch in der Art, wie sich die Leute untereinander verhalten. Da kommt ein wenig Agitationsfeeling traditioneller Art auf. Es wird auch hinterfragt, ob eine Sache tatsächlich höher stehen darf als jedwedes persönliche Gefühl oder gar Glück, und das ist ja nun wirklich eine  Grundsatzentscheidung und wer sich Rat im Schrifttum dazu einholen will – sie ist über Jahrhunderte hinweg bestens ausgearbeitet und in Ideologien gegossen worden.

Ist das Gute nur auf dem radikalen Weg durchzusetzen? Das ist die Frage der praktischen Umsetzung von Ideologie, die historisch in jeder denkbaren Facette in Erscheinung getreten ist. Manchmal ist man auch hier versucht zu sagen: Ja. Wird nicht anders gehen, durch nette Überzeugungsarbeit und Erzeugung von Einsicht kommen wir kaum voran auf dem Weg in eine für alle Menschen erträgliche Zukunft. Wir sollten also akzeptieren, dass das schönere Morgen durch Gewalt heute erkauft wird. Kennt man das nicht irgendwoher? Und wie verhalten sich Anführertypen wie Heiner, wenn’s erstmal geschafft ist? Es ist ein ewiges Lied, das in „Blutdiamanten“ gesungen wird und das davon kündet, dass wir einfach nicht reif sind für eine einsichtsvolle, naturnahe, die Welt und jeden Menschen achtende Lebensführung. Im Gegenteil, wir züchten die Technik immer weitr und bald auch uns selbst, um andere und uns selbst besser ausbeuten zu können.

So schimmert die Botschaft also durch, ohne zu funkeln. Optimismus in Form von Lösungsansätzen wird nicht geliefert, hingegen demonstriert, wie Ermittler überlastet werden durch diesem spektakulären Fall von Mord in der Öffentlichkeit. Sie können nicht schlafen und Privatleben, so nicht in sicheren Tüchern, wie bei Freddy, kommt gar nicht auf (Franziska kämpft vergeblich um einen neuen Mann im Leben, weil sie niemals Zeit für ihn hat). Bei dieser Betrachtung fällt uns auf, dass man Freddys Privatleben (Familienmensch) und Max‘ Suche nach Privatleben (einsamer Wolf) dieses Mal ganz rausgelassen hat. Sicher nicht zum Schlechtesten für die Glaubwürdigkeit und Logik der Handlung, dass man es unterlassen hat, wieder eine private Involvierung der Ermittler zu basteln.

Natürlich ist der Fall ein wenig konstruiert, außerdem macht sich der letztliche Täter etwas früh durch sein – sic! – radikales Verhalten verdächtig, der Ermittlungsausflug von Schenk und Ballauf nach Antwerpen mit dort auftretender belgischer Kollegin, welche zunächst in Köln als Fotografin auftritt und etliche Spielminuten später die beiden Kollegen in einer prekären Situation vor Schaden bewahrt, ist tatortmäßig, nicht realistisch.

Gerade ein Film mit so vielen Komparsen und Kleinrollen wie sie in „Blutdiamanten“ zu  Anfang auftauchen, erfordert einiges Können bei der Leitung von Massenszenen in er Form von Großtatort. Wir meinen, die Anforderungen wurden  hier sehr gut bewältigt wurden, die betreffenden Szenen sind flüssig inszeniert, die darin vorkommenden Menschen gut angeleitet.

Fazit

Ja, „Blutdiamanten“ funkelt als Tatort beträchtlich, vereinigt hohen Show-Wert mit guter Filmtechnik und das Thema ist mindestens originell. Abgerückt sind die Kölner von dem, was Falk Schreiber einmal als Thesenkrimi betitelt hat – nämlich, dass Max Ballauf und Freddy Schenk den Sozialgehalt eines Filmes dialektisch und didaktisch für den Zuschauer aufbereiten, indem einer von ihnen in die eine, der andere in die andere Richtung argumentiert, also die Aspekte des in Köln oft sehr präsenten gesellschaftlichen Kontextes, den der zu ermittelnde Fall offenbart in pro und contra abgehandelt werden.

Einer dezidierten Meinung enthalten sich die beiden Köln-Cops dieses Mal in geradezu auffälliger Weise und da auch ihr Privatleben außen vor bleibt, haben wir viel mehr Krimi und viel mehr Zeigen als Erklären vor uns als üblich. Das macht diesen Tatort konzentriert und suggeriert ein hohes Tempo, obwohl die Zahl der Handlungselemente und -stränge eher niedriger ist als im Tatort-Durchschnitt. Abzüge gibt’s für die Vorhersehbarkeit des Täters und ein wenig auch für die Darstellung der Sozialaktivisten als Fanatiker. Der Tatort hat eine Meinung, nur wird sie nicht durch Ballauf und Schenk austariert. Das Zeigen und die Entscheidung für eine überpointierte Sichtweise auf eine kleine Gruppe radikaler Agitatoren lässt aber Raum für die Interpretation und für eine distanzierte Betrachtung. Wir haben so optiert: Man wollte im Tatort „Blutdiamanten“ gewiss nicht zeigen, dass alle Menschen, die durch spektakuläre Aktionen auf einen Missstand aufmerksam machen, potenzielle Mörder oder deren Helfer sind, sondern ein Schlaglicht auf jedwede Form von Fanatismus werfen und besonders auf die Variante, die sich hinter hohen ethischen oder ideologischen Ansprüchen und Zielen versteckt.

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Freddy Schenk – Dietmar Bär
Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Julia Ruiter – Andrea Croonenberghs
Karl de Mestre – Andreas Windhuis
Celine Baya – Isabella Parkinson
Jan Siemers – Vic de Wachter
Dr. Adrian Baring – Cahrly Hübner
Staatsanwalt von Prinz – Christian Tasche
Irene Dobers – Sonja Baum
Heiner Matzek – Florian Panzner
u.a.

Drehbuch – Sönke Lars Neuwöhner, Sven Poser
Regie – Martin Eigler
Kamera – Martin Kukula
Szenenbild – Ruth Wilbert
Musik – Johannes Kobilke

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