Bienzle und der Zuckerbäcker – Tatort 419 / Crimetime 108 // #Tatort #Bienzle #SWR #Stuttgart #Tatort419 #BienzleundderZuckerbäcker

Crimetime 108 - Titelfoto © SWR / Schröder

What a Difference a Day Makes!

In Stuttgart startet aus dem Nichts eine Serie von Frauenmorden und nachdem zunächst 3 Frauen in vier Monaten umgebracht wurden, steigert sich die Rate, als Bienzle anfängt zu ermitteln, schlagartig auf drei Frauen pro Tag – oder fast, einmal bleibt es beim Versuch. Leider trifft das nicht au den Fall zu, in den die Polizei selbst involviert ist.

Schade, dass es nicht die Doris-Day-Version des Liedes war, die gespielt wird, sie hätte zur blonden Geliebten von  Bienzles Kollegen Gächter gepasst, aber auch so passt das nette Lied aus den 1950ern natürlich zum Stoffentwickler Felix Huby, der Bienzle gemacht hat. Weniger gut passt die Art, wie sich die älteren Herren in Stuttgart einen Rapper vorstellen. Die deutsch-englische Sprachverwurstung des seltsamen Jünglings war so entsetzlich, dass wir vergessen haben, uns eines dieser Highlights zu notieren, um es hier noch einmal für unsere Leser wiederzugeben. Schräg ist die Figur an sich auch, ebenso wie der Verdächtige, der früh als Mörder feststeht, weshalb wir diese Andeutung hier auch  machen können, denn auch dieser Bienzle, wie viele andere, ist ein Howcatchem und hat damit die Anlage, um einen Thriller abzugeben.

Handlung

Drei junge Frauen wurden in Stuttgart innerhalb von zwei Monaten getötet. Die Stadt ist in Aufruhr, die Presse erregt, und Bienzle weiß bisher lediglich, dass der Täter die Frauen erst nach dem Mord missbraucht und sorgfältig seine Spuren beseitigt. Zur Frustration über die erfolglosen Ermittlungen kommt bei der Polizei die Angst vor weiteren Morden, denn nichts spricht dafür, dass der Täter aufhören wird. Als im nächtlichen Schlosspark eine junge Tänzerin aufgefunden wird, deutet für Bienzle und Gächter alles auf den Frauenmörder hin. Der Täter wurde jedoch offensichtlich gestört, sein Opfer ist schwer verletzt, aber noch am Leben. Neben ihr, ebenfalls verletzt, Konditormeister Theo Hasselt. Er sagt aus, den Täter angegriffen und in die Flucht geschlagen zu haben.

Bei Hasselt finden sich allerdings Kondome der Marke, die der Mörder bisher benutzt hat – aber genügt dies für einen Verdacht gegen den Konditor? Hasselt lässt sich durch ausgedehnte Verhöre und Befragungen nicht aus der Ruhe bringen.

Bienzle beginnt, den Konditormeister zu beobachten und verfolgt ihn bei seinen ausgedehnten nächtlichen Spaziergängen. Immer wieder begegnet Bienzle dabei einem geheimnisvollen jungen Mann, der sich auffällig oft in Theo Hasselts Nähe aufhält und rätselhafte Botschaften in Rapper-Manier von sich gibt. Was hat er mit dem Fall zu tun? Selbst als die Polizisten ihn verhören, drückt er sich nicht deutlicher aus und macht auch keine Angaben zu seinem Alibi. Und dann gelingt es ihm obendrein, aus dem Polizeigebäude zu fliehen.

Bienzle – ohnehin aus dem Gleichgewicht, weil er sich noch nicht mit der Trennung von Lebensgefährtin Hannelore abgefunden hat, – macht sich außerdem Sorgen um Günter Gächter, der aus Zuneigung zu der ehrgeizigen Journalistin Christine Stegmann leichtsinnig mit internen Informationen umgeht. Er geht sogar so weit, mit ihr gemeinsam in Polizei-Akten zu recherchieren. Als Christine ihm jedoch von ihrer Idee erzählt, selbst für den Mörder den Lockvogel zu spielen, ist Gächter alarmiert. Er versucht, mit allen Mitteln, die Frau, die er liebt, daran zu hindern, sich dieser Gefahr auszusetzen. Doch Christine, die in ihrer Redaktion unter starkem Druck steht, will sich davon nicht abbringen lassen. 

Rezension

Die Schauspieler tun ihr Bestes, um Thrill zu erzeugen. Alexander Radzun als Zuckerbäcker holt alles aus der Rolle raus, was geht. Leider täuscht das nicht darüber hinweg, dass wir uns hier in einem der irrsten und unlogischsten Plots befinden, die wir bisher gesehen haben, und das will nach 300 Rezensionen etwas heißen, angesichts der manchmal abstrusen Tatort-Drehbücher.

Die wichtigsten Stolpersteine nennen wir kurz: Wenn Bienzle den Zuckerbäcker eh im Verdacht hat, dann muss er ihn konsequent überwachen lassen, nicht so amateurhaft hinterhertapsen und ihn dann wieder auslassen. Zur Observierung würde es aber gar nicht erst kommen, wenn man einfach die Kriminaltechnik bemühen würde. Dass diese kaum genutzt wird, ist ohnehin ein Schwachpunkt der Bienzle-Tatorte, auch der guten. Bereits 1988 wurde erstmalig ein Täter anhand der DNA-Analyse überführt, seitdem wird diese ständig verbessert.

Ganz sicher wäre an den Opfern angesichts der Tötungsweise und dem GV nach dem Tod etwas Verwertbares vom Täter am Tatort geblieben. Es ist schon auffällig, dass hier nicht einmal die Spusi auftaucht, um eine anständige Untersuchung der toten Frauen einzuleiten. Eine hat ja überlebt, aber natürlich liegt sie im Koma, sodass sie den Zuckerbäcker Hasselt nicht als Täter benennen kann. Da hätte man sich auch gleich sterben lassen können, denn ihre dramaturgische Funktion im weiteren Verlauf ist nicht vorhanden.

Was uns noch  aber noch mehr gestört hat als die Fragwürdigkeiten in der Handlung ist, dass man zugunsten einer melodramatischen Lovestory des Kommissars Gächter die Persönlichkeitsstörung des Hasselt nicht vernünftig hinterlegt hat. Wir fassen zusammen. Der Vater war bzw. ist ein streng religiöser Typ und hat seinen Sohn gezüchtigt, der gerät an eine Frau, die ihn ausnutzt, was den Vater im Grunde bestätigt. Das geht noch an, dass Menschen, die kein Urvertrauen mitbekommen, leichter zu manipulieren sind und ausgenutzt werden. Wenn es eine Misogynie aufgrund Abwesenheit der Mutter oder mangelnder Schutzfunktion ihrerseits gegen den Vater gegeben hätte, dann hätte man das zeigen müssen und vor allem erklären, was so ungewöhnlich war, dass hier eine Extrempersönlichkeit Hamannschen Ausmaßes entstehen konnte. Außerdem, was zum Teufel hat die Mordserie vor 18 Jahren einfach aufhören lassen? Irgendwann war’s gut und abgearbeitet? Das gerechte Maß für Angst und Erniedrigung liegt bei ca. 5 Morden? Gerade das ist bei Triebtätern normalerweise nicht der Fall, die nicht anders können als zu töten. Und dass dann eine Todesanzeige ausreicht, um das lange eingestellte Morden, das sich inzwischen in Süßwarenkunst transzendiert hat, wieder in Gang zu bringen – also wirklich, solchen Schabernack mit den Zuschauern zu treiben, das ist nicht nett.

Den Gipfel erreicht dies durch jene unglaubliche Lockvogel-Aktion der Journalistin Stegmann, die nie weiß, ob sie der Karriere oder dem Gächter den Vorzug geben soll, so, wie dieses Mal auch Hannelore nicht weiß, ob sie zu Bienzle zurückkehren soll oder nicht. Wie er sie schon beinahe zurückgewinnt, indem er sich so interessiert und so viele Vergangenheitsdinge weiß, das ist nett gemacht, wenn auch psychologisch wieder zu sehr vereinfacht. Aber  wenn wir sagen, das ist Küchenpsychologie, dann müssen wir, wenn wir nicht auch aus der Logik fallen wollen, konstatieren, der Hintergrund des Zuckerbäckers, der den Vornamen „Der von Gott geliebte“ trägt, stammt aus dem unterirdischen Verlies, in dem die Folterwerkzeuge der vorpsychologischen Figurenfindung untergebracht sind.

Unspannend ist der Film nicht, weil man nach einiger Zeit merkt, hier läuft nichts gerade und nachvollziehbar, und das macht ihn natürlich unberechenbar. Weil man sich aber auch daran gewöhnt und den Stil der Inszenierung irgendwann kategorisiert hat, ist man am Ende nicht mehr so überrascht, dass es zu einem Shodown kommt, der den Gächter wirklich als Trottel stempelt, wie er sich die Pistole von Hasselt entreißen lässt. Dieser erschießt sich dann mit der Polizeiwaffe.

Darin liegt leider auch noch eine böse Volte, die darauf schließen lässt, dass diejenigen, die für den Stoff verantwortlich sind, bezüglich der sozialen Seite einen gebrauchten Tag erwischt hatten, als sie sich das Ende ausdachten. Vorher im Film fällt schon einmal die Bemerkung von Gächter, Bienzle sei so ein verschlossener Typ, der außerdem den Täter immer auch als Opfer sieht. In der Tat ist Hasselt auch ein Opfer. Dann wird in dieser finalen Nachtszene gesagt, ja, ja, bei entsprechendem psychologischen Gutachten ist er in ein paar Jahren wieder draußen. Bei dieser Anzahl von Kapitalverbrechen, die so deutlich erkennbar wie hier auf einem oder mehreren PS-Tatbeständen fußen, kommt er auch in die Sicherungsverwahrung, und das sicher nicht nur für ein paar lausige Jahre. Man kann immer darüber streiten, ob die Art der Unterbringung, ihre Dauer, die Freigänge, die irgendwann kommen werden, sachgerecht sind, und natürlich irren Psychologen auch in manchen Fällen.

Jedoch: Damit dieser Punkt aber gar nicht mehr groß diskutiert werden muss, erschießt der Theodor sich einfach selbst. Sehr praktisch, das kann man nicht anders sagen. Leider wird er dadurch erst Recht nicht von Gott geliebt werden, denn Gott mag Suizidenten nicht.

Fazit

Zwischenzeitlich dachten wir, vielleicht hat der bigotte Vater die historische Mordserie auf dem Gewissen, die 18 Jahre vor der filmischen Gegenwart stattfand und durch die Ermittlung seines Sohnes als Täter der aktuellen Serie wird dies alles ebenfalls aufgedeckt. Das wäre ein Super-Gag gewesen, der ziemlich genau der psychologischen Feinzeichnung der Herren Hasselt entsprochen hätte – wie der Vater, so der Sohn. Diese Volte hat man uns leider nicht gegönnt. Dass wir bei den Szenen mit Gächter und Stegmann mehrmals richtig lachen mussten, war vermutlich auch nicht intendiert.

Wir fühlen uns bei diesem Fall an die oft seltsamen Relationen und Verhaltensweisen in Tatorten der frühen 1990er erinnert, als offenbar aufgrund der Wiedervereinigung nach einer neuen Identität gesucht wurde und Charaktere sich als so unstimmig zeigten wie die ganze Lage damals war. Knapp vor dem Millennium wirkt dieser Tatort aber mit seiner reißerischen und gleichzeitig unglaubwürdigen Charakterisierungstechnik schon ganz schön old School.

In all dem kommt auch Bienzle nicht so recht zur Geltung, mit Ausnahme er der erwähnten Szene mit Hannelore, die zwar, auch das haben wir schon gesagt, ein wenig simpel, aber doch auch sehr nett gemacht.

Wir mochten einige der Bienzle-Tatorte mehr, als wir’s erwartet hatten, bevor wir begannen, uns mit diesem Tatort-Kommissar zu beschäftigen, aber hier kommen leider nicht mehr als 5,5/10 heraus. Wir werden aber künftig genauer beobachten, was die Konditoren in unserer Umgebung nachts so machen und vor allem, ob sie in einen der vielen umliegenden Parks gehen, um ein Zigarettchen zu rauchen.

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Ernst Bienzle – Dietz Werner Steck
Günter Gächter – Rüdiger Wandel
Chris Stegmann – Angelika Bartsch
Schildknecht – Arnd Klawitter
Kurt Hasselt – Traugott Buhre
Schildknecht – Arnd Klawitter
Theo Hasselt – Alexander Radszun
Hannelore Schmiedinger – Rita Russek
Rapper – Julian Manuel

Buch: Felix Huby
Regie: Hans-Christoph Blumenberg

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