Blackout – Tatort 921 / Crimetime 111 // #Tatort #Odenthal #Stern #Ludwigshafen #TatortBlackout #Blackout #Tatort921

Crimetime 111 - Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

25 Jahre und Herbststimmung

Lena Odenthal ist die dienstälteste Kommissarin im weiten Tatortland und in „Blackout“ wird das ausgiebig thematisiert. Nebenbei gibt es einen Fall zu lösen, dessen Lösung höchst unbefriedigend für alle Beteiligten ist.

Handlung

Mario Kopper fährt in Urlaub und Lena Odenthal hat nicht nur einen neuen Fall, sondern auch eine Vertretungskollegin. Johanna Stern, normalerweise Spezialistin für operative Fallanalyse beim LKA, lässt sich in ihren speziellen Arbeitsmethoden auch im Fall des ermordeten Justus Wagner nicht beirren. Was wiederum Lena Odenthal, ohnehin gestresst und deshalb dünnhäutig, ausgesprochen irritiert. Fast noch mehr als der ebenfalls irritierende Fall.

Justus Wagner wurde betäubt, erstickt und danach am Tatort so arrangiert, als sei er einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen. Als die Kommissare die junge Betty finden, die in derselben Nacht ebenfalls mit K.o.-Tropfen betäubt wurde, ist klar, wen Wagner am Abend seines Todes aufgegabelt hatte. Doch war Betty, die sich bei ihrer Vernehmung an nichts mehr erinnern kann, auch die Täterin? Ehefrau Ella, Bruder Tobias und der befreundete Geschäftspartner Moritz Lohse sind widersprüchlich in ihren Aussagen:

War Justus Wagner treu oder ein Ehemann mit vielen Affären? Wollte er seinen Geschäftspartner ausbooten oder seinen Bruder? Während Johanna minutiös den Tathergang rekonstruiert, versucht Lena, das Motiv des Täters herauszufinden. Und obwohl ihr Johannas Vorgehen auf die strapazierten Nerven geht und sie erleichtert ist, als Kopper wieder auftaucht – ganz ignorieren kann sie die Ermittlungsergebnisse der jungen Kollegin nicht.

Zusatzinfo SWR Pressemappe

Im Alter von 28 Jahren begann Ulrike Folkerts als junge und neugierige Ludwigshafener Tatort- Kommissarin Lena Odenthal. Inzwischen gehört ihre Figur zu den erfahrenen und reifen Ermittlern in der Tatort-Runde, doch noch immer lässt ihr Job Lena Odenthal keinesfalls kalt. Seit 1996 steht Andreas Hoppe als Mario Kopper an ihrer Seite, zum Team gehören weiterhin Annalena Schmidt als Edith Keller und Peter Espeloer als Peter Becker. Ihren Einstand im Team gibt Lisa Bitter als Fallanalytikerin Johanna Stern. Patrick Winczewski inszenierte den Jubiläums-Tatort nach einem Drehbuch von Eva Zahn und Volker A. Zahn.

Rezension

Nach dem Knaller „Im Schmerz geboren“, dem vierten Tatort mit dem hessischen Sonderermittler Felix Murot, heute der 60. Fall mit Lena Odenthal. Wir haben gewiss nicht erwartet, dass es so weitergeht wie in dem Film, dem wir erstmalig und nach 316 veröffentlichten Rezensionen 9,5/10 gegeben haben (zuvor lag die Messlatte bei 9/10).

Aber dass wir der Tristesse ein so inniges Bonjour! zurufen würden, und das nicht erst nach 90 Minuten, das hätten wir nicht vermutet. Gibt’s doch immerhin eine junge, frische Assistentin. Blöd, dass Lena und sie erst einmal gar nichts miteinander anfangen können. Unterschiedliche Generationen, unterschiedliche Herangehensweisen an den Job, unterschiedliche emotionale Aggregatzustände. Wieso haben wir schon während dieses Tatorts so alt gefühlt? Weil man Ulrike Folkerts dermaßen konturiert abgelichtet hat, dass sie wirklich alt wirkt?

Dumm, dass heute für Sonntagsverhältnisse ein stressiger Tag war, das schlafft ab – und dann fühlt sich Lena noch ausgelaugter, was sollen wir dazu schreiben? Dass wir sie verstehen? Gewiss, gewiss. Vielleicht hätten wir für den abgefahrenen Tatort der letzten Woche auch nicht die perfekte Stimmung gehabt. Aber wir wären sicher nicht mittendrin eingenickt. Das passiert uns bei Erstausstrahlungen wirklich sehr selten.

Sehr ironisch, dass ein Tatort, in dem so viel von K.O.-Tropfen geredet wird, eine ganz ähnliche Wirkung auf uns ausgeübt hat. So ähnlich, dass es uns schwerfällt, viel über die Handlung zu schreiben. Es ist ungerecht, ungerecht zu sein, was letzte Woche über den Bildschirm kam und durch den Bildschirm über uns, war auch nicht logisch, als Rachefeldzug sogar wesentlich übertriebener als die heutige Handlung. Aber es hatte den Drive, den Style, den Mut zum Risiko.

Ob Ulrike Folkerts es so wollte, inklusive häufiger schräger Lichteinfälle auf ihr Gesicht dergestalt, dass sie maximal betagt wirkt? Dass sie passenderweise so viel übers älter werden reflektiert, dass man beinahe Tränen schießen lässt, als endlich Mario Kopper vorzeitig aus Italien von der Famiglia zurück ist, um dem Einsamkeitselend von Lena ein Ende zu machen. Die meisten Menschen haben keine Katze und einen super Freund, mit dem man sogar zusammenwohnen kann, das sollte sie sich vor Augen halten.

Viele haben hingegen Ehegatten wie diesen Baumensch Wagner, die fremd gehen, was das Zeug hält, und die zu lieben ein Opfergang ohne Ende ist. Als die Frau, deren Mann um die Ecke kam, zu Lena bei einer Befragung sagt, sie habe wohl keinen abgekriegt, hätten wir an Lenas Stelle geantwortet, immer noch besser, als ständig gedemütigt zu werden. Aber Lena wäre nicht Lena, wenn sie sich nicht auch diesen Schuh anziehen würde. Wer sich 25 Jahre lang jeden Schuh anzieht, muss ausgelatscht und ausgelaugt sein, daran führt nichts vorbei.

Das gilt für den persönlichen Zugang zu den Verdächtigen, den Schicksalen von Opfern und Tätern, das gilt aber auch für die Drehbücher, die seit längerem in Ludwigshafen landen, weil sie offenbar sonstwo keiner haben wollte. Die Handlung des heutigen Tatorts mit dem bezeichnenden Namen „Blackout“ ist ebenso unglaubwürdig wie banal, das zusammen muss man erst einmal hinbekommen.

Keine Frage, dass Ulrike Folkerts die todmüde Lena authentisch wirken lässt, vielleicht hat das unser eigenes Müdigkeitsgefühl noch verstärkt. Immerhin haben wir schon über mehr als fünfmal so viele Tatorte geschrieben, als Lena Odenthal gefilmt hat. In Wirklichkeit sind es noch mehr, ca. 80 Rezensionen sind noch archiviert. Um in der Fernsehsprache zu bleiben: noch nicht gesendet.

Da kann es passieren, dass man auch einmal zu generellen Betrachtungen übers Leben neigt, ebenso wie Lena Odenthal. Zum Beispiel über das Gefühl, langsam alle Handlungsvarianten zu kennen, die es in Tatorten geben kann. Es stimmt aber nicht. Das haben wir vor zwei Wochen bei Murot gesehen.

Was aber passiert, wenn man glaubt, alles zu kennen? Man ist doch nicht zufrieden. Weil man sich jetzt langweilt. Oder merkt, wie sehr diese Kenntniserlangung an den Nerven und Kräften zehrt. So nehmen wir Lena Odenthal heute wahr und vielleicht ist es letztlich nur eine Einfühlungssache, dass wir auch das Gefühl haben, früh ins Bett zu müssen. Immerhin können wir nach diesem Tatort besser schlafen als Lena Odenthal im Allgemeinen, dessen sind wir sicher.

In gewisser Weise ist das auch erschreckend. Dass wir zum Beispiel keinerlei Zugang zu den Figuren gefunden haben, außer zu Lena, wir schrieben schon, dass wir sie verstehen und dadurch auch mitfühlen. Aber die anderen? Die beiden Mädels, die in einer gigantischen WG leben, die Wagners, die in einem dieser typisch obercleanen Tatorthäuser leben und auf gesichtslosen Baustellen, aus denen Wohnungen für gesichtslose Menschen werden? Niemand tritt heraus und lebt wirklich, außer eben Lena – und Mario natürlich. An dritter Stelle kommt die Neue, von der man nicht weiß, ob sie nächstes Mal noch da ist. Auch diese ständigen Wechsel, die bei immer mehr Teams Programm sind, ermüden. Vielleicht begreift man irgendwann wieder die einfachen Dinge: Dass wir, wenn die Welt schon irre ist und sich dreht wie ein Brummkreisel, das nicht noch verschärfen darf, indem wir uns jeden Sonntag an Tatorpersonal gewöhnen müssen, das wir zuvor nie gesehen haben.

Fazit

Lena, schön, dass es dich gibt. Selbst wenn du umkippst, bist du uns doch vertraut und obwohl dein Sender ein echtes Problem damit hat, vernünftige Drehbücher für dich zu organisieren, und das nicht erst seit „Blackout“; obwohl du Mario nie wirklich näher kommst und überhaupt den Menschen nicht, obwohl man deinem Blick ansieht, wie sehr du Anteil an allem nimmst, was der Job mit sich bringt, und gerade deshalb meinen wir, 25 Jahre sind noch nicht genug.

Loslassen können, das ist nicht dein Ding, da kann’s dir noch so mies gehen.  Aber es kommt ein neuer Frühling, so viel ist sicher. Und mit ihm vielleicht ein mitreißender Fall, wie wir ihn aus Ludwigshafen lang nicht mehr gesehen haben. Und wenn du den dann vollständig gelöst hast und nicht am Ende ein blödes Internet-Spiel daraus gemacht wird, dann wirst du auch wieder schlafen können.

Unsere Wertung: 5,5/10 

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
LKA-Ermittlerin Johanna Stern – Lisa Bitter
Betty – Sinja Dieks
Charlotte – Luisa Wietzorek
Edith Keller – Annalena Schmidt
Ella Wagner – Marion Mitterhammer
Moritz Lohse – Matthias Ziesing
N.N. – Christopher Buchholz
Notärztin – Marjam Azemoun
Peter Becker [Kriminaltechniker] – Peter Espeloer
Tobias Wagner – Stefan Murr
u.a.

Drehbuch – Eva und Volker A. Zahn
Regie – Patrick Winczewski
Kamera – Andreas Schäfauer
Musik – Rainer Oleak

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