Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes – Tatort 964 / Crimetime 110 // #Tatort #Borowski #Kiel #Brandt #Jung #FriedaJung #SarahBrandt #Tatort964 #TatortBorowskiunddieRückkehrdesstillenGastes

Crimetime 110 - Titelfoto © NDR, Philip Peschlow

Die Liebe kommt, die Liebe geht, der Gast bleibt

Man schrieb das Jahr 2012, als in Kiel ein unscheinbarer Zusteller vom Paketdienst „Rapid“ sich als Frauenmörder entpuppte, der immer betonte, er sei kein schlechter Mensch. Aufgrund dieser Selbsteinschätzung nahm er sich das Recht heraus, nach seiner Festnahme zu entweichen und ins Nirgendwo zu entschwinden. Es kam zum Duell zwischen Borowski und dem stillen Gast.

Bereits vor drei Jahren hat also man etwas getan, was in der Reihe Tatort mittlerweile häufiger vorkommt: Eine Figur für so überzeugend gehalten, dass man ihr eine zweite Chance gibt. Und drei Jahre später ist es es weit. Der stille Gast, der sich auf unerklärliche Weise Zugang zu Wohnungen verschafft und am Leben von Menschen teilnimmt, ohne dass sie es merken, der ist wieder da. Wenn sie es dann doch merken, dass es ihn gibt, bleibt ihm keine Wahl, er muss die Objekte seines Interesses umbringen. Doch im zweiten Teil der Story von Kai Korthals ist etwas entscheidend anders als im ersten: Kommissar Klaus Borowski wird vom Ermittler zum Teilnhemer, indem Korthals seine neue alte Liebe entführt.

Handlung

An der Kieler Förde wird eine verwirrte Frau aufgefunden. Ihre Äußerungen lassen befürchten, dass der berüchtigte Frauenmörder Kai Korthals wieder aufgetaucht ist.

Kommissarin Brandt informiert ihren Kollegen Borowski über den Serienkiller, mit dem sie einst selbst Traumatisches erlebt hat.

Borowski kommt der neue Fall ungelegen. Er ist frisch verliebt und möchte heiraten. Doch als seine Braut spurlos verschwindet, muss er sich fragen, ob der Mörder seinetwegen zurückkehrt ist.

Rezension

Selbst in einer so überragend kurzen Handlungsangabe wie der obigen kann man schon Unstimmigkeiten unterbringen. Erstens ist Borowski nicht frisch verliebt, er war immer schon in die Ex-Polizeipsychologin Friede Jung verknallt und die beiden sind sich erstmalig in dem sehr poetischen Tatort mit dem poetischen Namen „Borowski und die Sterne“ so richtig nah gekommen. Zweitens hatte Sarah doch keine Traumabewältigung zu betreiben, denn Korthals hat ihr ein dringend benötigtes Medikament gegen ihre Epilepsie verabreicht (die sich in „Borowski und der stille Gast“ offenbart hat).

Wir haben uns die Zeit genommen und uns den ersten Teil der Stille-Gast-Saga noch einmal angeschaut. Am Freitag aufgezeichnet und gestern als Double Feature zusammen mit dem Nachfolge-Tatort drei Stunden am Stück Tatort geguckt. Ein Lob vorab: Bravo ARD, ihr hab’s endlich verstanden. Wenn man nach so langer Zeit eine Art Fortsetzung dreht, sollte man den Film, auf den sich die Fortsetzung bezieht, kurz vor dessen Premiere wiederholen. Für Zuschauer, die das Angebot der Gedächtnisauffrischung nicht wahrnehmen können, bleibt leider nur die holprige Anfangs-Einführung von Fakten, die jeden zweiten Teil per Se mit einem Problem befrachten. Anstatt, dass man stimmungsvoll ein Geheimnis aufbauen kann und einen interessanten, psychologisch abweichenden Charakter in einem der für die Kieler Tatorte typischen Howcatchems lebendig werden lassen kann, muss man erst diese Faktenhuberei betreiben, und wenn es einen Stimmungskiller gibt, dann ist es dieser Zwang.

Besonders gut kann man dieses Problem nach der wundervoll poetisch gestalteten frühen Szene wahrnehmen, in der eine Frau einer Kühltruhe entsteigt, die am Ostseestrand steht. Eine typische Garde-Komposition. Möglicherweise ist diese Szene auch ein Filmzitat, aber wir konnten die Herkunft nicht feststellen. Dann aber wird es faktenlastig und es wird viel diskutiert: Korthals oder nicht Korthals, das ist die Frage, und man hangelt sich beim Für und Wieder an allem entlang, was man über den Mann weiß.

Außerdem wird er auf diesem Weg etwas brutalisiert: Er hat nämlich keineswegs, wie behauptet wird, Frauen „zerhackt“, sondern seine Morde waren für ihn selbst mehr oder weniger Zwangsfolgen unglücklicher Entwicklungen, die stattfanden, wenn er von seinen Zielobjekten wahrgenommen wurden. Eine Frau schreit hysterisch rum, anstatt sich nett mit ihm zu unterhalten, und wird getötet. Eine zweite Frau, von welcher er sich das Kind geborgt hat, macht den gleichen Fehler, anstatt sich mit ihm und seinen Anliegen zu befassen. Dumm gelaufen, Korthals ist kein schlechter Mensch. Und wir als Zuschauer dürfen uns überlegen, was eigentlich ein schlechter Mensch ist.

Das Ergebnis des Anschauens beider Filme war, dass wir für den zweiten eine leicht niedrigere Bewertung im Kopf hatten als für den ersten. Als wir dann die Rezension von „Der stille Gast“ öffneten, sahen wir, dass wir diesen schon mit für Kieler Verhältnisse nicht überragenden 7,5/10 bewertet hatten. So kann man sich täuschen, denn manches, was uns damals gestört hat, war uns beim der zweiten Sichtung nicht mehr so wichtig und der Effekt, dass man bei einer Wiederholung weitere Details entdeckt, hat er zu einer leichten Verschiebung geführt: Nicht mehr, wie Korthals in die Wohnungen kommt, sondern, wie er es als Zusteller schafft, sich mitten am Tag immer so viel Zeit zu organisieren, empfanden wir als den Haupt-Knackpunkt. Und wir würden heute für „Borowski und der stille Gast“ wohl eine bessere Bewertung vornehmen. Damit ist aber klar, dass der Nachfolger ebenfalls mindestens auf 7,5 kommen wird. Drei Jahre Arbeit an der TatortAnthologie hinterlassen auch bei der verhältnismäßigen Betrachtung vieler Tatorte ihre Spuren und die Kieler sind fast immer eine Klasse höher als der Durchschnitt.

Wir hatten einige Erwartungen an die Fortsetzung, denn beim Lesen des Vorspanns tauchten die Namen Sascha Arango (Drehbuch) und Claudia Garde (Regie) auf, und beide einzeln rufen bereits unserer Interesse wach – die Kombination aber, die wir aus anderen Kieler Tatorten kennen, führt zwei der begabtesten Kräfte im großen Tatortland zusammen.

Gemessen an diesen Erwartungen war „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ in Ordnung, aber keine Offenbarung. Vor allem das stimmungsvolle Filmen, das wir von Garde kennen, hat hier wenig Platz, weil die Schockeffekte und die Anspielungen auf große Thriller der Vergangenheit es überlagern.

Vor allem „Psycho“ hat es den Machern erkennbar angetan. War es im ersten Korthals-Fall die Duschszene, die teilweise sogar unter Verwendung ähnlicher Kameraeinstellungen zitiert wird, mit glücklicherweise anderem Ausgang für Sarah Brandt, so ist es dieses Mal die Wohnung von Oma Korthals, die als Pendant zum unheimlichen Bates-Haus herhalten muss. Sicher ist es ein nettes Spiel mit ebenjenen Erwartungen und schön manipulativ, dass die Wohnung in einem Hochhaus liegt, ganz unauffällig zwischen vielen anderen, und dass hinter der berüchtigten Trennwand nicht das Skelett der alten Oma im Sessel sitzt. Da waren wir natürlich enttäuscht, obwohl es viel zu trashig gewesen wäre. Der ganze Film ist psychologisch gesehen etwas roh, hat nicht die subtile Ader, die der Vorgänger stellenweise zeigt.

Dass man dies so empfindet, liegt nicht nur an mehr Exploitation in Form eines knalligen, körperlichen Duells zwischen Borowski und Korthals, sondern auch an einer Verschiebung der Figurenzeichnungen: Borowski war nie so basic wie hier, Korthals wirkt mit seinem neuen Bart viel kerniger und als Typ dämonischer. Gerade die verstottert-auffällige Unauffälligkeit war es aber auch, die ihn im ersten Film so bedrückend hat wirken lassen. Drei Jahre später hat er sich erkennbar mehr in Richtung Hannibal Lecter entwickelt. Das Problem, die Figuren auf den Schirm zu bekommen, wie man sie kannte und deren unterschiedliche Akzentuierung man beim direkten Nacheinander-Anschauen der beiden Tatorte natürlich gut erkennt, ist aber auch ihre Stärke. Dieses Mal ist es ein richtiges Duell zwischen dem Kommissar, der aus den dienstlichen Fugen geht und dem Killer mit dem sanften Selbstbild.

Dabei kann sich die Regie voll auf die Schauspieler verlassen. Wenn zwei Tatortdarsteller ein solches Duell auf Augenhöhe ausführen können, dann gewiss Axel Milberg und Lars Eidinger, dessen Vielseitigkeit uns ein wenig – hoch gegriffen vielleicht, aber es ist eine Assoziation – an Alec Guiness erinnert. Wir haben ihn in ganz anderen Rollen in „Was bleibt“ oder „Alle anderen“ gesehen und er hat seine Korthals-Figur in „Die Rückkehr des stillen Gastes“ auf eine neue Höhe führen dürfen, was ihm scheinbar leicht gelingt. Dabei ist dies ein schauspielerischer Kraftakt, ebenso wie die Wandlung von Borowski von einem trockenen Nordlicht mit sachlicher Distanz bei erkennbarem Engagement in ein persönlich höchst involviertes Emotionsbündel. Auch Maren Eggert als Frieda Jung und Sibel Kekilli als wieder einmal EDV-versierte Jungkommissarin spielen ihre Parts sehr gut. Darstellerisch ist der 964. Tatort aus einem Guss.

Außerdem ist er brutal spannend, und wir können uns nicht erinnern, diese Wortkombination schon einmal in einer Tatortrezension verwendet zu haben. Gerade, weil der Beginn handlungsseitig ein wenig unharmonisch wirkt, steigt die Kurve in der Folge steil an, besonders natürlich, als Korthals sich Friedas bemächtigt hat. Wird er sie wirklich umbringen? Wir waren noch ein wenig davon beeinflusst, dass wir kurz zuvor den Tatort 611 „Atemlos“ rezensiert hatten, in dem eine Ermittlerin ihre Liebe durch gewaltsame Tötung verliert. Und dies nun auch bei Borowski? Das tatsächliche Ende ist allerdings auch alles andere als befriedigend. Und, Tötungsvariante inbegriffen, sehr vorhersehbar. Weil es einfach nicht sein darf, dass Ermittler es schaffen, eine Beziehung aufzubauen. Das ist mittlerweile ein so alter Hut, dass wir beim dran vor Ärger daran Knabbern regelmäßig Zahnschmerzen bekommen. Zudem weist der Ausgang der Sache auf eine mehr als zweifelhafte Aufstellung vor allem von Frieda Jung hin. Da war sie jahrelang bei der Polizei und kennt Borowski und den ganzen Laden in- und auswendig und optiert dann auf Exit, als es nach überstandener Gefahr hätte richtig schön werden können? Man versucht, das mit Borowskis Strategie zu begründen, die so abgezockt und dreckig sein soll – ist sie aber gar nicht, im Gegenteil, er setzt seinen Job aufs Spiel, um Korthals dazu zu bringen, dass er Friedas Versteck verrät.

Fazit

Die letzten Minuten wirken psychologisch sehr gequetscht, damit alles ins Einsamer-Wolf-Schema passt, und das ist schade. Der Anfang und die Einnordung sind also nicht unproblematisch, das Ende leider ebenso. In letzter Zeit ohnehin eine Schwäche vieler Tatorte, den passenden Schluss zu finden. Leise und eindringlich geht offenbar nicht mehr, dafür wird immer mehr auf Schemata abgehoben, die alles andere als innovativ oder kreativ wirken.

Wir sind versucht zu konstatieren, dass man ohne die Rückkehr von Frieda Jung den konsistenteren Krimi hätte machen können, und dass es gar nicht so schlau war, alles auf der persönlichen Einbindung von Borowski aufzubauen, obwohl es spannend ist – das Duell als solches. Für dessen Verlauf hätte es aber viele andere Varianten gegeben, die ebenfalls gut funktioniert hätten – beispielsweise, wenn es viel länger gedauert hätte, bis die Ermittler dahintersteigen, wer hinter den neuen Verbrechen steckt, der Zuschauer hätte es aber von Beginn an gewusst. Dabei hätte man sich die Feststellung zunutze machen können, dass Korthals „sein Schema verändert hat“, wie mehrfach erwähnt wird, um die Unterschiede zu seiner Darstellung im ersten Fall mit dem Gefühl des Zuschauers zu harmonisieren, der sich etwas darüber wundert, dass Korthals nun mit einer Frau, die sehr wohl in sein ursprüngliches Schema passt, nun ein Kind zeugt.

Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Auch dieses Mal wird Korthals wieder schwerverletzt abtransportiert, aber wir sind sicher, dieser unverwüstliche Mensch, der ja kein schlechter ist, der wird noch einmal wiederkommen. Wir würden einen weiteren Film mit ihm befürworten – denn am Ende hatten wir sogar Mitleid mit ihm, und was kann eine psychisch kranke Figur auch sonst evozieren, die gut rübergebracht wird, die eben nicht bestialisch mordet, sondern vor dem Äußersten immer wieder zurückzuckt und gerade dadurch die Angreifbarkeit, die in ihrer Seele begründet ist, weiter steigert. Aber beim nächsten Mal sollte die Handlung elaborierter sein, damit der Mann nicht deswegen ein ernstzunehmender und bedrohlicher Gegner für den Kommissar ist, weil er dessen Geliebte entführt, sondern, weil das intellektuelle Kräftemessen der beiden auf Augenhöhe stattfindet.

Unsere Wertung: 7,5/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Hauptkommissarin Sarah Brandt – Sibel Kekilli
Psychologin Dr. Frieda Jung – Maren Eggert
Constanze Jung – Gilla Cremer
Angestellte im Krankenhaus – Meike Schmidt
Arzt – Erich Krieg
Arzt im Präsidium – Tom Saß
Hausmeister – Michael Darlinger
Kai Korthals – Lars Eidinger
KTU’ler – Özgür Karadeniz
Maklerin – Ninon Bohm
Mandy Kiesel – Lea Draeger
Postzusteller – Lucas Thiem
Roland Schladitz – Thomas Kügel

Drehbuch – Sascha Arango
Regie – Claudia Garde
Kamera – Philip Peschlow
Schnitt – Thomas Stange
Musik – Colin Towns

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