Lasst uns in den Herbstferien einen Blick auf den Berliner Bildungsnotstand werfen // #Berlin #BerlinFail #Bildung #Schule #Brennpunktschule #Lehrkräfte @Aktive_GIB #Schulbauprojekt #HoWoGe #ÖPP #ÖÖP

2018-06-24 MedienspiegelKommentar 111 / Medienspiegel 102-104

Zugegeben, die Beiträge, die wir hier ansprechen, stammen aus dem August 2018. Eigentlich geht es nicht, das Thema Bildung  vor sich herzuschieben, sodass man erst im Oktober dazu kommt, ein paar wichtige Fakten zu besprechen und sich über sie zu beschweren.

Es wirkt ein bisschen wie der Umgang der Politik: nachlässig. Tut uns sehr leid. Andererseits – der Bildungsnotstand in Berlin läuft uns nicht davon, anders als Gegenstände mit hoher Tagesaktualität.

Das Schulbauprojekt. Die Hilfslehrer. Die Brennpunktschulen.

Das alles wurde über Jahrzehnte verfehlter Politik zu dem, was es ist: Zu einem Menetekel für die Zukunft der Stadt und des Landes und zu einem Tatbestand, der zutiefst, der fundamental ungerecht und antisozial ist.

Denn diese Zustände, hervorgebracht durch zu geringe Investitionen allüberall im Bildungsbereich, die nagen unter anderem die ohnehin schwach ausgeprägte Chancengleichheit in Deutschland bis auf die bleichen Knochen ab.

Es sind die Benachteiligten, Kinder aus ärmeren und besonders aus migrantischen Milieus, die es sowieso bildungsseitig schwer haben, die davon besonders betroffen sind. Die anderen Milieus, vor allem die Milieus, die können ihre Kinder im Notfall oder auch ohne Notfall auf Privatschulen schicken, in denen die Ausstattung vernünftig und die Pädagogik professionell und lernorientiert ist und wo Lehren und Lernen nicht als permanenter Notbetrieb aufgefasst werden muss.

Berliner Schulen: „Nur ein Drittel der neuen Lehrer sind auch richtige Lehrer titelte der „Tagesspiegel“ am 15.08.2018, als sich abzeichnete, wie man den Herausforderungen des neuen Schuljahres begegnen wolle. Nur 1.000 von 2.700 neu eingestellten Lehrenden für 2018/2019 haben demnach eine „reguläre“ pädagogische Ausbildung, also ein Lehramtsstudium. Viele weitere sind nicht einmal „Quereinsteiger“ (das trifft auf weitere 750  zu, die zumindest ein schulnahes Fachs studiert haben, vielleicht Germanistik ohne Ziel Lehramt). 34 Prozent hingegen sind „LovLs“. Was mit diesem lieblich klingenden Begriff gemeint ist, steht im Tagesspiegel.

Wie aber kriegt man die „LovLs“ dazu, überhaupt vor eine Klasse treten und Kinder unterrichten zu können?

Zwei Wochen Crashkurs – und dann Lehrer“ beschrieb die „Tagesschau“ die Situation am 16.08.2018. In dieser Stadt, in Schulen, in denen eigentlich am liebsten gar niemand unterrichten würde, „Brennpunktschulenzulage“ oder „Schulleiter_innenzulage“ hin oder her. Klingt ja auch wieder nett, wie ein Informatiker, der keine Lust hatte, den ganzen Tag IT-Nerd zu spielen, seine Berufung als Lehrer entdeckte. Wozu überhaupt noch mühselig auf Lehramt studieren?

Vielleicht funktioniert das bei der IT ganz gut, als Neigungslehrer_in  zu arbeiten, weil viele Kinder dazu eine hohe Affinität haben und ein cooler Kenner der digitalen Welt bei ihnen Kultstatus erreichen kann, wenn sie erhebt in den Stand derer, die mehr darauf haben als das Daddeln mit dem Smartphone.

Aber was ist mit den Fächern, die schwierig sind und auf die kurze Distanz nicht besonders lohnend wirken? Deutsch zum Beispiel? Geschichtlich und politische Fakten, die man kennen sollte, um entscheidungs- und analysefähig, um politisch und zivilgesellschaftlich erwachsen zu werden und unabhängig vom familiären Hintergrund im 21. Jahrhundert anzukommen? Oh, oh. Bloß nicht darüber nachdenken. Denn gerade dazu gehört professionelles pädagogisches Geschick, IT-Trainer zu sein ist dagegen noch vergleichsweise einfach.

Nun aber zum Thema im Thema, einer der meistdiskutieren stadtpolitischen Angelegenheiten 2018.

 „Undurchsichtige Transparenzversprechen“ titelt „Unsere Zeit“ am 17.08.2018. 
„Der Streit um die Schulsanierungen in Berlin ist noch lange nicht vorbei
In Berlin mussten zu Beginn des neuen Schuljahres Tausende neue Schulplätze geschaffen werden, um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden. An vielen vorhandenen Schulen werden nun mehr Klassen unterrichtet, teilweise die Klassenfrequenzen erhöht auf bis zu 28 Kinder in einer Grundschulklasse.“ Das Weitere ist leider mittlerweile hinter einer Paywall und wir können es hier natürlich nicht einfach posten. Aber natürlich geht es um das Berliner Schulbauprojekt, das noch einmal über den Bildungsbereich hinausweist. Machen wir weiter mit unseligen, ineffizienten, überteuerten ÖPPen oder übernimmt der Staat endlich wieder Verantwortung? Und wenn nicht im Bildungsbereich, wenn nicht bei Wohnen und Mieten, bei den gewichtigsten aller Themen der Daseinsvorsorge, wo dann noch?

Dass man einer bislang überhaupt nicht mit dem Schulbau befassten landeseigenen Wohnungsgesellschaft namens HoWoGe den Bau oder die Sanierung von ca. 30 Schulen anvertraut und die Erbpachtverträge, die ihr den wirtschaftlichen Betrieb erlauben sollen, bis zu 30 Jahre lang laufen, also auf mehr als eine Generation hin nicht korrigiert werden können, das ist nur eine von vielen Fragwürdigkeiten des Schulbauprojekts. Mehr Fakten kann man in vielen Medien nachlesen. Ob, wie im Beitrag beschrieben, die privaten Partner in einer ÖPP ihre Aufgaben in regelwidriger Regelmäßigkeit nur zum Teil, mithin nicht vertragstreu erfüllen, lassen wir dahingestellt, denn natürlich kann man klagen, wenn derlei passiert und die HoWoGe wird wohl nicht einfach pleitemäßig verschwinden, sodass keine Beklagte mehr vorhanden wäre – aber was, wenn sie in der nächsten neoliberalen Wahnwelle doch privatisiert wird?

Dann ist auch der Streit, ob es sich gegenwärtig wirklich um eine ÖPP oder um eine ÖÖP handelt, obsolet. Für mich ist es ohnehin eher eine ÖPP, da die HoWoGe eine privatrechtlich organisierte GmbH darstellt und nicht etwa eine Genossenschaft – auch wenn diese GmbH sich in kommunalem Eigentum befindet. Die Befürworter von ÖPPen müssen, um die zusätzliche Abzweigung von Gewinn für die Betreiber rechtfertigen zu können, die bei öffentlichen Trägern nicht anfällt, argumentieren, dass das Private effizienter ist. Aber warum sollte es das im Bereich der Daseinsvorsorge sein? Dafür gibt es keinen einzigen stichhaltigen Grund – außer, man setzt Effizienz mit Kostenersparnis durch Qualitätsminderung gleich, was in Wahrheit eine böse Lüge darstellt, die schon viele privatisierte Unternehmen zu miserablen Dienstleistern und Arbeitnehmer_innenschindern gemacht hat. Und das nun auch im Schulbereich? Auf einem Feld, auf dem in Berlin die Qualität ohnehin schon äußerst bescheiden ist? Ernsthaft?

Was man hier sieht, ist eine weitere Vernachlässigung einer der größten und wichtigsten Aufgaben staatlicher Infrastrukturleistungen und es ist richtig, dass die SPD-Bildungssenatorin Sandra Scheers deswegen in der Kritik steht – man darf aber auch die Stellen und Dezernate, die auf finanzieller und projektierender Seite beteiligt sind, nicht außen vor lassen. Dass sich der Berliner Senat dabei von einem Ex-Manager von Hochtief beraten lässt, einer Baufirma, die schon in Westdeutschland dafür gesorgt hat, dass Kommunen nichts gespart, sondern wesentlich mehr gezahlt haben, nachdem sie ÖPPen eingingen, wirft ein grelles Licht auf die ganze Angelegenheit. Verantwortung für die Ausbildung, für die Zukunft der Menschen zu übernehmen, ist eine der herausragenden und auch eine der schönsten Aufgaben für eine Stadtregierung und an ihr beweist sich wie an kaum einer anderen ihr Können. Wieso habe ich bloß den Eindruck, dass hier wieder ein typischer Berlin-Fail produziert wird?

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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