Lu – Tatort 966 / Crimetime 114 // #Tatort #Ludwigshafen #SWR #Odenthal #Folkerts #Lu #Tatort966 #TatortLu

Crimetime 114 - Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Die Kommissarin, der Lu, das Werk

In der Stadt mit dem Autokennzeichen LU kommt ein Mann namens Lu an, der vor fünfzehn Jahren nach Thailand gegangen ist, und macht sich an die Kommissarin L. ran. Doch die Vergangenheit überschattet alles, und nur ihretwegen kommt der Kontat zwischen beiden zustande.

In ihrem 63. Fall wird der dienstältesten Kommissarin im Tatortland gesagt, die Jahre seien  nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Von einer achtzigjährigen Ex-Puffmutter, die für uns als Besetzung eine echte Überraschung war. Nicht überraschend war Jürgen Vogel, der wieder einmal eine Rolle spielt, die man nur wenigen Darstellern so abnehmen würde. Eines ist erkennbar und war schon im Vorgänger „Roomservice“ auffällig: Man gibt sich wieder mehr Mühe bei der optischen Gestaltung der LU-Tatorte. Ist die Nr. 966 aber auch ein guter Tatort? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Mitten in Ludwigshafen wird die Leiche von Sergej Radev Nikolov gefunden. Ein mutmaßlicher Auftragsmörder, der 15 Jahre zuvor schon einmal in der Stadt war und damals in den Mord an einem Chemiker verwickelt war.

Mark Moss, Freund des Ermordeten und heute auf dem Sprung in den Vorstand des Chemiewerks, gibt sich Lena Odenthal und ihren Kollegen Kopper und Johanna Stern gegenüber als unbedarfter Saubermann. Doch er überzeugt Lena nicht. Sie behält ihn im Auge und begegnet dabei einem Mann wieder, der ihr schon in der Nähe des Tatorts aufgefallen war. Lu war früher als Geldeintreiber tätig und tauchte dann plötzlich ab.

Lenas Instinkt sagt ihr, dass das Auftauchen von Lu und die Rückkehr des Auftragskillers miteinander zu tun haben müssen. Es fällt ihr nicht leicht, den Verdacht zu akzeptieren, dass Lu Wolff in ihren Fall verwickelt zu sein scheint. 

Rezension

Wenn man auf der Autobahn durch Ludwigshafen fährt, dann quert man die Rheinbrücke, die im Film sichtbar ist, und man sieht eines der größten Chemiewerke der Welt in seiner Pracht, was besonders nachts sehr eindrucksvoll wirkt, denn es ist wirklich so exzellent beleuchtet, wie es hier gefilmt wurde. Ob es heute noch so stinkt? Wir sind schon eine Zeitlang nicht mehr vorbeigekommen. Der Drehort „im Werk“ wirkt allerdings nicht so grandios, und das liegt daran, dass die echte Firma (BASF) den Dreh vor Ort nicht genehmigt hat. Aus Sicherheitsgründen, wie es im die Drehorte betreffenden Beitrag auf Tatort-Fundus heißt.

Wirklich deswegen? Oder vielleicht doch eher, weil wieder einmal ein Manager in dem Film ganz schlecht wegkommt, und der ist aus naheliegenden Gründen in der Chemiebranche angesiedelt und wird von einem Vorstandsmitglied protegiert, welches gerade von der Fähigkeit des Zöglings zu lügen beeindruckt ist. Das ist nur ein ganz kurzer Dialog, aber wären wir für die Pressearbeit eines Weltunternehmens zuständig, würden wir garantiert nicht die Pforten für den Dreh eines Films öffnen, der das Unternehmen so zeigt. Was nicht heißt, dass wir den Wahrheitsgehalt der Aussage bestreiten wollen.

Einige deutsche Unternehmen, die einmal Weltrang hatten (vermutlich hatten sie ihn, weil man damals noch nicht so genau hingeschaut hat, was sie treiben) haben in den letzten Jahren bewiesen, wie verkommen es in ihnen zugeht, und das war für uns mindestens in einem Fall schmerzlich, weil wir die Produkte dieses Unternehmens immer sehr geschätzt haben. Der Manager, kurzum, ist ein typisches Produkt unserer Zeit, seines Umfeldes, und wie er handelt, erscheint glaubwürdig, bis zu dem Punkt, an dem er sich einiger Auftragsmörder bedient. Genau da schwindet die Authentizität zugunsten der Pointierung, was uns aber nicht besonders gestört hat. Wer weiß denn auch, was manchmal tatsächlich läuft, mit Leuten, durch Leute, die für die Karriere schlicht alles tun?

Als Kontrast zur leider wegen Unmöglichkeit, den „Originalschauplatz“ zu verwenden nicht optimal ins Bild gesetzten Chemiewerkwelt gibt es viel Innenstadt, besonders die Bahnhofstraße, wo die Schilder über den Läden nur noch arabisch sind (Neuköllen, Karl Marx-Straße, Sonnenallee, Wedding, Turmstraße usw. sind die Pendants in Berlin) und Frauen nur noch mit Kopfbedeckung sichtbar sind, Kontrast zu Lena in der Lederjacke oder Johanna im hellen Trenchcoat. Man beachte die Abfolge der liebevoll-knapp ins Bild gesetzten Kopftuchfrauen: Die erste trägt noch eine bunte Variante, die auch in unserer Stadt häufig zu sehen ist, die zweite bereits eine einfarbige, konservative Variante mit passendem Tuch und dicken Klamotten und sie telefoniert mobil, die dritte eine echte, schwarze Burka. Und die erste Frau ist wie mit versteckter Kamera gefilmt, die zweite wie mit einem beiläufigen Schnappschuss, der dritten wird voll ins Gesicht gehalten, von dem man nur die Augen sieht. Und natürlich werden die Frauen isoliert gezeigt, nicht als Teil eines sicher vielgestaltigen Straßenszenarios, auf dem sie sich real bewegen. Wie Bilder doch manipulieren, sogar mit ihrer Abfolge, die eine immer stärkere Islamisierung und Parallelität anstatt dem Miteinander verschiedener Kulturen ausdrücken – obwohl der Islam dieses Mal nicht ansatzweise Thema des Films ist. Unkommentierte Kommentare, die kaum Spielzeit kosten, aber sehr suggestiv wirken.

Trotzdem müssen wir hervorheben, dass es mit den Odenthal-Filmen visuell bergauf geht,was natürlich auch die manipulative Wirkung der Bilder steigert. Die Perspektiven, der Wechsel zwischen Hochglanz und Grobkorn, alles ist jetzt viel subjektiver,  hinzu kommt eine Dramatisierung, die schauspielerisch mehr fordert und sich gut mit der Bildsprache alliiert. Keine Frage, dass „Lu“ wieder ein gestalterisches Konzept aufweist, das man bei der Rheinland Pfalz-Schiene des SWR lange vermisst hat. Dabei ist es doch nur Rheinland-Pfalz!

Na und? Die illegale Drogenproduktion im Chemiewerk ist ein weiterer Faktor, der wohl zu den wirklichen Gründen gehört, warum in der BASF nicht gedreht werden durfte, denn welches Unternehmen will sich schon mit der Behauptung oder Darstellung assoziieren lassen, dass die internen Kontrollen so lasch sind, dass ein führender Mitarbeiter ungehindert den Materialbestand an Chemikalien nutzen kann, um synthetische Drogen herzustellen und damit die gesamte Region zu versorgen? Aber „nur Rheinland-Pfalz“ ist trotzdem so angekommen, wie es gemeint war. Was spielt die Region für eine Rolle? Die Cosa Nostra gibt es ja auch nicht nur auf Sizilien und warum sollten die Menschen in Rheinland-Pfalz generell friedlicher gesinnt sein als anderswo? Weil sie gemütlicher wirken als etwa die Berliner?

Dabei wirken sie gar nicht so gemütlich. Zumindest dann nicht, wenn sie Frauen sind und in derselben Dienststelle angesiedelt. Kaum ist Johanna Stern aufgetaucht, wird sie mit ihrer nassforschen Art zum roten Tuch für Lena Odenthal, die mittlerweile vergessen hat, wie sie selbst auf die ältere Generation gewirt hat, als sie anfing. Sie war damals schon ein anderer, sehr ernsthaft wirkender Typ, doch allein ihre Stellung wurde hin und wieder als Provokation aufgefasst. Der Zickenkrieg, der im Grunde viel zu dick aufgetragen ist, war für uns aber kein wesentliches Abwertungskriteritum, weil auch er ins Konzept passt. Besonders eindrucksvoll hat sich das in einem Beklemmungsgefühl manifestiert, das wir hatten, als Odenthal und Stern bei der Leiche standen und im Stakkato Fakten rausgehauen haben, um sich gegenseitig zu übertrumpfen. Es gibt mehrere Szenen dieser Art, die eine Atemlosigkeit und einen teamdynamischen Druck evozieren, welche die Handlung selbst keineswegs verursachen kann, weil diese eher langsam abläuft. Einige Fakten werden auch wiederholt, damit der  Zuschauer nicht überfordert ist – man kümmert sich in „Lu“ also um ihn.

Dass die Handlung insgesamt höchstens durchschnittlich ist, wird also durch alles ausgeglichen, was wir beschrieben haben und dadurch, dass bei der psychologischen Seite ein Fehler vermieden wurde, den wir ebenfalls häufig zu beklagen haben: Dass Menschen, auch Polizisten, suboptimal handeln, wird ganz eindeutig aktuellen Stimmungen und Dispositionen zugeordnet, die für uns nachvollziehbar gemacht werden, wie etwa, dass Lena ganz allein zu Lu in die Tortenschachtel geht, mitten in der Nacht, oder dass Johanna überall herumgruddelt und dabei ganz in sich abgeschlossen wirkt, anstatt sich maximal teamorientiert zu verhalten, wie Mario Kopper es meistens tut. Die fehlgeschlagene verdeckte Observierung hat er allerdings schon vermasselt, nicht erst Johanna – das wird von Kopper später auf eine ebenfalls reizend auf subjektive Wahrnehmung abstellende Art verdreht, von deren Absichtlichkeit wir ausgehen. Der alte Hase will sich nicht eingestehen, dass er’s auch nicht besser kann als die Nicht-Feldmaus.

Fazit

Stellenweise hat „Lu“ eine eigenartige Sinnlichkeit, die rein optisch-dialogtechnisch zustande kommt. Lena Odenthals Verhältnis zu LU hat eine individuelle Chemie, die man sich bei diesen beiden Typen tatsächlich vorstellen kann, die schon sichtbar vom Leben gezeichnet sind und doch – gut definiert. Als Charaktere. Lena mit ihre Körper, der nur noch aus Sehnen und Muskeln unter dünner Haut besteht und der Ex-Auftragskiller mit der sozialen Ader und der speziellen Anmutung sind auf erfrischende Weise echt, ohne alltäglich zu wirken, und wenn man mal etwas zugunsten der deutschen Fernsehproduktion gegenüber der Schwemme von US-Serien sagen muss: Es wird viel zu wenig gewürdigt, dass hierzulande auch heute noch keine aseptisch und aus der Retorte designten wirkenden Stereotypen, sondern richtige Menschen gezeigt werden, die in Berlin übrigens kaum auffallen würden. Das gilt sogar für Mario Kopper, der sich für eine verdeckte Observierung relativ schlecht eignet. Und auch für Johanna Stern, die in einigen Einstellungen, wenn sie gierig und selbstvergessen und im Halbdunkel am Recherchieren ist, trotz ihrer nervigen Art sexy wirkt. Ob das auf die achtzigjährige Ingrid van Bergen noch zutrifft, die in Edgar Wallace-Filmen der frühen 1960er etwas erdigere Frauentypen spielte und dann sozusagen ihr eigenes Schicksal wurde, ist eine Frage, die jeder für sich entscheiden muss, aber ihre Figur wirkt in diesem menschlichen Panorama stimmig.

Wenn man den Tatort „Lu“ seiner optischen und menschlichen Zeigefreudigkeit beraubt, bleibt ein wenig komplexer und nicht sehr wahrscheinlicher Fall übrig, aber wir wollen nicht Odenthal-Bashing betreiben, indem wir gerade bei einem ihrer Tatorte besonders negativ bewerten, was mittlerweile Standard ist: Feeling, Dramatik, Machart dominieren über die kriminalistischen Aspekte. Insofern nur logisch, dass die Regisseure und Hauptdarsteller mehr Geld für einen Tatort bekommen als die Drehbuchautoren.

Die Recherchen von Johanna Stern über die Vorkommnisse vor 15 Jahren, als der Manager-Kollege zu Tode kam, erbringen zum Beispiel keinerlei Beitrag zur Lösung des Falles, ihre Funktion ist es, stylisch zu wirken und die Figur kenntlich machen. Deren intensive Inszenierung könnte bedeuten, dass sie in einer Post-Lena-Ära, die vielleicht doch irgendwann anbrechen wird, eine Rolle spielen könnte.

Als einzige Figur im aktuellen LU-Team bietet sie erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten. Vermutlich wird aber mit Lena auch der Standort aufgegeben werden und man könnte nach Mainz, Koblenz, Mannheim wechseln. Nein, Mannheim nicht, Baden-Württemberg hat schon zwei Standorte. Und warum nicht doch das Chemiewerk, auch wenn es nur als Außenkulisse gezeigt werden darf?

Unsere Wertung: 7,5/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

mit Ulrike Folkerts (Lena Odenthal), Andreas Hoppe (Mario Kopper), Lisa Bitter (Johanna Stern), Jürgen Vogel (Lu Wolff), Christoph Bach (Dr. Mark Moss), Ingrid van Bergen (Charlotte), Jürg Löw (Vorstand Köhler), Annalena Schmidt (Edith Keller), Peter Espeloer (Peter Becker), Daniel Arthur Fischer (Haol Schöller), Hendrik Heutmann (Michi)

Regie: Jobst Christian Oetzmann Drehbuch: Dagmar Gabler Musik: Dieter Schleip Kamera: Jürgen Carle / Schnitt: Tymnah Pyka / Produzent: Sabine Tettenborn, Nils Reinhardt

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