Nachtsicht – Tatort 1014 / Crimetime 116 / #Tatort #Tatort1014 #TatortBremen #Bremen #Lürsen #Stedefreund #TatortNachtsicht #RB #RadioBremen

Crimetime 116 - Titelbild © Radio Bremen, Michael Ihle

Nachts unterwegs 

 Im 1014. Tatort hat das Bremer Ermittlertrio Lürsen / Stedefreund / Selb ein Problem. Alle wissen, wer der Mörder ist, nur die Cops nicht. Wie ist sowas möglich? Weil die Nachtsicht schlecht ist? Wir klären auf in der -> Rezension.

Handlung

Ein junger Mann wird nachts von einem Auto überfahren. Die Bremer Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) wissen schon bald, dass es kein Unfall war, aber ein Motiv für die Tat scheint es nicht zu geben. Als kurze Zeit später erneut ein junger Mann überfahren wird, ahnen die Kommissare, dass sie es mit einem Serientäter zu tun haben. Spuren am Tatort führen zum ehemaligen Drogenabhängigen Kristian Friedland (Moritz Führmann).

Doch der hat für den Zeitpunkt des Mordes ein Alibi. Zum Erstaunen der Kommissare versuchen seine Eltern (Angela Roy und Rainer Bock) mit allen Mitteln, die Ermittlungen von ihm fern zu halten. Was hat die Familie zu verbergen?

Hauptkommissarin Inga Lürsen Sabine Postel
Hauptkommissar Stedefreund Oliver Mommsen
Helen Reinders Camilla Renschke
Gerichtsmediziner Dr. Katzmann Matthias Brenner
Linda Selb Luise Wolfram
Kristian Friedland Moritz Führmann
Jost Friedland Rainer Bock
Leonie Friedland Angela Roy
Tajana Noack Natalia Belitski
Roger Wego Michael Klammer
Dennis Billy Buff
Melanie Annika Schrumpf
Kristian Friedland (als Kind) Jost Schlenker

Regie Florian Baxmeyer Musikalische Leitung Kat Kaufmann Kamera Hendrik A. Kley
Buch Matthias Tuchmann Stefanie Veith

Anni und Tom über „Nachtsicht“

Tom: Es ist schwierig, ein so furchtbares Familiendrama zu einem Tatort zu machen. Dieser Zwang führt dazu, dass die Ermittler zwangsläufig unterbelichtet wirken. Es gibt im Grunde nichts zu ermitteln, denn Kristian als Mörder zu identifizieren, dürfte in der Realität viel einfacher sei als im Film. Doch zu allem Überfluss ist Selb auch noch a. A. Obwohl nun wirklich kein vernünftiger Mensch, vor allem, wenn er wenigstens halb so viel Spürsinn hat, wie Selb es von sich glaubt, denken kann, es sei der Autotuner. Der wirkt so künstlich hineinplatziert, auch mit seiner Biografie, Totschlag, uff.

Anni: Lieber Himmel, mir ging es wie … C. F. Kane … oder war’s Scarlett O’Hara? Ich habe es gesucht, gesucht, und konnte es nicht finden. Das, was alles ausgelöst hat. Aber jetzt glaube ich, es war der Unfall. Der Unfall von Leonie Friedland. Schon dieser Familienname. Friedland. Also, der Unfall der Mutter hat ein Trauma in die Familie gebracht, vor 30 Jahren. Ihr endloses Leiden hat dazu geführt, dass alles um sie herum in Watte gepackt wurde oder sie – und vielleicht hat Kristian den Unfall miterlebt und das hat unglaubliche Spuren in seiner Seele hinterlassen und als er anfing, diese schrecklichen Sachen zu malen, hat niemand die Kraft gehabt, aktiv dagegen zu wirken.#

Tom: Ich bin auch heute kein Lürsen- und Stedefreund-Fan geworden, aber sie haben dieses Drama sich entwickeln lassen, sich zurückgenommen oder wurden zurückgenommen, das war angenehm. Wenn nur nicht diese überlauten Geräusche gewesen wären. Ich hasse es, wenn jemand so laut Gurken isst, dass man den Fernseher leiser stellen muss, damit die Nachbarn nicht denken, wir zerschlagen die Möbel.

Anni: OmG. Bremen macht halt immer was Ungewöhnliches, bei der Bild- und Tongestaltung. Aber man kann es manchen Leuten auch nicht recht tun. Lange Zeit galt das Ding, dass sie den Ton immer so vernuscheln, dass man Schwierigkeiten hat, die Leute zu verstehen, obwohl sie keinerlei Dialekt sprechen. Das ist dieses Mal nicht so gewesen. Alles war glasklar, und ich fand, das passte zu diesem extrem feinnervigen und überspannten Szenario. Und die Bilder waren auch wieder sehr eindringlich, ohne überstylt zu wirken. Nur die Wackelkamera beim Rennen von Nils durch den Garten hätte nicht sein müssen. Was mich entsetzt hat war, dass der Drehbuchautor Matthias Tuchmann bereits tot ist. Und da hat er so ein morbides Krimiteil hinterlassen. Vielleicht war er schon krank und die Krebsgeschichte von Leonie war ganz nah bei ihm selbst. Komisch, ich habe keine einzige Träne geweint, während dieses Films, aber trotzdem war das alles verdammt dicht.

Tom: Ja, und vielleicht stimmt deine Deutung des Familienhintergrundes. Aber manchmal ging es wieder ins allzu Symbolische – wie der kleine Kristian mit der rosaroten Brille dasitzt, aber ganz schräg, ein Auge guckt drüber, als ob die Welt schon verrutscht wäre und sich alles Unheil einer Sichtverfälschung ankündigen würde, noch vor dem Unfall der Mutter, wie ich annehme. Das ist mir alles etwas zu abgezirkelt.

Anni: Du bist doch der letzte, der gewollt amateurhaft schick findet. Und „Nachtsicht“ zitiert professionell alles Mögliche, von Steven Spielbergs „Christine“ bis zum „Frosch mit der Maske“.

Tom: Da hast du aber deinen Dell gut gelesen. Ehrlich, genau das finde ich eben inadäquat, einen Edgar-Wallace-Schocker in so ein Familiendrama zu implementieren, was soll so ein Zitat bitte aussagen? Wofür steht es, was will es?

Anni: Die Umsetzung ist vielleicht stellenweise eklektizistisch, aber die Idee des Dramas, das Buch, finde ich klasse. Schon wahr, die Ermittler stören eher, aus den Szenen mit dem Auto hätte man vielleicht mehr machen können, es dafür nicht ganz so spooky wirken lassen müssen, und der Film ist auf eine Weise schwer zu fassen. Deshalb oben – ich fand es nicht, ich bekam es nicht zu greifen, was doch ziemlich dick durch die Luft wabert, und daher die Deutung.

Tom: Ein fünffacher Mörder, den man einfach nur bemitleidet, das gibt es nicht alle Tage. Vielleicht war es auch Zweck der Übung, die Zuschauer*innen dahingehend zu manipulieren, dass sie nur noch diese morbide, in vieler Hinsicht todgeweihte Familie sehen, zu der natürlich auch noch eine junge Frau als Freundin des Mörders gehören muss, die ebenfalls einen Autounfall hatte, sodass der Vater-Sohn-Konflikt sich richtig austoben kann. Was der Vater der Mutter, will der Sohn der Freundin sein, hilfreich, alles tragen, vor allem die Verantwortung – aber er tickt dabei vollkommen aus, deswegen auch genau dieser Satz an seinen dominanten Vater, der die Familie eisern zusammenhält und dabei sogar vor dem Unterschieben falscher Beweise nicht zurückschreckt. Und der Vater ist Lebensmittelchemiker und der Sohn nur Maler und Lackierer. Ich sehe mich bestätigt: Etwas zu abgezirkelt.

Anni: Nein, find ich nicht. Wie willst du denn sonst solche Familien-Blackboxen so öffnen, dass die Tatort-Gucker sehen können, was drin ist? Und ich halte das alles nicht für unrealistisch, wenn man von dem reißerischeren Serienmörder-Ding absieht, das außerdem wieder in diese zugegeben blöde Falle mit der Zeit-Zieharmonika tappt. Der Mörder hat bisher nur alle Jubeljahre jemanden überfahren, aber da ein Tatort oder überhaupt ein Krimi sich innerhalb weniger Tage abspielen muss, weil ja im Film immer alles in wenigen Tagen ausermittelt sein muss, eschleunigt er seinen Rhythmus plötzlich und dann wird diese idiotische Erklärung „er hat gerade einen Lauf“ oder so ähnlich geliefert.

Tom: Das Auto, das sehr wohl von einem alten 5er-BMW abgeleitet ist, was man auch deutlich sieht, hatte was selbst etwas Kryptischess fährt sogar elektrisch. Mit künstlichem Sound, genau wie die echten Hybrid-Autos von Porsche. Na und? Und dann haben sie das letzte Opfer in die Windschutzscheibe gesteckt, damit endlich dieses Phantom von einem Kraftwagen mal in die Hände der Polizei gerät, nach dem offenbar bisher nicht einmal gefahndet wurde. Ich sag ja, zu …

Anni: Abgezirkelt. Ich hab’s verstanden. Aber ein deutscher Film muss eben auch unsere mechanische Art, an die Dinge heranzugehen, nachbilden, das Konstrukt darf man im Land der Konstrukteure ruhig merken. Ich meine sogar, ohne das sind viele von uns doch gar nicht glücklich. Ich verstehe auch nicht ganz, warum mich der Film mitgenommen, aber nicht wirklich berührt hat.

Tom: Ich fand ihn zwischenzeitlich sogar zäh. Daran ist Radio Bremen leider mit schuld. Ich erwarte vom kleinsten ARD-Sender mittlerweile, dass er die größten Räder dreht. Bandenkriege, Staatsverschwörungen, Terrorismus-Trichter, sowas alles. Auf ein Kammerspiel bin ich nicht eingestellt gewesen. Bisher war den Bremern nichts zu hoch und zu weit und dann sowas. Aber was dann doch gut kommt: Dass das Team, die drei Ermittler, nicht alles mit ihrer Gefühligkeit zukleistern, wie die Kölner es bei einem ähnlichen Drehbuch ganz sicher getan hätten. Aber war das nun ein guter Tatort? Du hast das Schlusswort.

Anni: Ja, ich finde schon. Ich meine sogar, er geht wieder zu den Ursprüngen zurück. Nicht als Whodunit, klar, aber gerade die frühen Filme aus der Reihe waren das eben nicht, da gab es häufig den Aufbau, dass der Täter früh bekannt war und die Spannung daraus entstand, wie sie ihn nun kriegen. Nun haben sie es in „Nachtsicht“ dahingehend abgewandelt, dass man zwar weiß, sie werden ihn krigen, aber was steckt in diesen Menschen mit ihren inneren Wunden, die sich in den äußeren spiegeln, was steckt dahinter, dass sich jemand, der so sanft und unscheinbar ist wie Kristian, zum Serienmörder entwickelt. Und sicher ist das überzogen, aber diese verzweifelte Wut und Aggression gegenüber jungen, gesunden Menschen – nein, Männern! – die ist doch bemerkenswert. Ich gebe doch noch mal zurück.

Tom: Und nur ihr Gender und ihre Altersklasse spielen eine Rolle, nicht die Situation, in der Kristian sie antrifft. Der Jogger und der Junge auf dem Motorrad nach dem Streit, ganz verschiedene Typen und Momente, es gibt ein Muster und doch keines, es gibt das, was du als Hintergrund vermutest, aber man weiß es nicht. Ich glaube, ich brauche auch psychotherapeutische Hilfe – um dieses Kunstwerk zu entschlüsseln. Ich hab den Verdacht, dass da wieder etwas zu viel reigepackt wurde, das man nicht konsequent ausspielen konnte. Aber das Feeling, alles ist irgendwie verschoben, das hat sich eingestellt und das war sicher auch so gedacht. Your turn.

Anni: So schwer finde ich die Interpretation nicht, man darf eben nicht auf Eindeutigkeit setzen. Sei nicht so deutsch. Konstrukt hin oder her. Ich gebe 8/10.

Tom: 6,5/10. Also kommen wir gemäß Aufwerttung bei ,75 auf

7,5/10. 

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Hauptkommissar Stedefreund – Oliver Mommsen
Helen Reinders – Camilla Renschke
Gerichtsmediziner Dr. Katzmann – Matthias Brenner
Linda Selb – Luise Wolfram
Kristian Friedland – Moritz Führmann
Jost Friedland – Rainer Bock
Leonie Friedland – Angela Roy
Tajana Noack – Natalia Belitski
Roger Wego – Michael Klammer
Dennis – Billy Buff
Melanie – Annika Schrumpf
Kristian Friedland (als Kind) Jost Schlenker

Regie – Florian Baxmeyer
Musikalische Leitung – Kat Kaufmann
Kamera – Hendrik A. Kley
Buch – Matthias Tuchmann, Stefanie Veith

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